Erinnerungen
Von Anton Hödl (*19.12.1881, †1.2.1972)

 

 

 

 

 

Mariann Elisabeth
und Anton Hödl

Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam!

Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Ende des zwanzigsten Buches. Egmont, II. Akt, Egmonts Wohnung

Erinnerungen
Eltern, Kindheit
Jägerndorf
Realschule in Jägerndorf
Nationales Bewußtsein und Weltanschauung
Die Frauen
Erste Hochschuljahre in Wien
Der Tod meines Vaters
Meine Familie in Graz
Mein Militärdienst
Fortsetzung und Beendigung des Studiums
Mährisch Ostrau
Mährisch Ostrau, die Geselligkeit
Noch Mährisch Ostrau, Bergmannwerke
Noch Mährisch Ostrau, aber Mariann Fillunger
Berlin, Lehrzeit bei Siemens-Schuckert, Verehelichung
Der Erste Weltkrieg
Mit dem Feldkanonenregiment № 8, später 28, im Krieg. Der Beginn
Regimentsadjutant an der russischen Front
Geburt des Heinz, italienische Karstfront
Italienische Südtirolfront
Einschaltung: Wieder ein Glücksfall, der Siebenfahrerhof
Abgang von der Front
Militär-Generalgouvernement Lublin, Tod meines Schwiegervaters
Abteilung Eisenwirtschaft des Kriegsministeriums in Wien
Maschinenfabrik des Eisenwerkes Witkowitz
Kriegsende in Witkowitz, Geburt von Mariandl
Geburt von Mariandl. Freunde und Berufskollegen in Witkowitz
Lapp-Finze AG, Graz
Erste Brünner Maschinenfabrik: Der Anfang
Die Situation der Ersten Brünner
Die Sanierung
Dr. Karl Reissig und Dr. Otto Feilchenfeld
Meine ersten Jahre in der EB
Tochtergesellschaften der EB

Gesellschaftliches Leben in Brünn
Die Weltwirtschaftskrise
Tschechoslowakisches Maschinenkartell, Abstoßung unserer ausländischen Beteiligungen
Der Nationalsozialismus
Die Judenfrage
Hitlers politische Erfolge
Das nationalsozialistische Regime wirkt sich aus
Die Ereignisse bei meinen Firmen
Dr. Guido Schmidt, Rumänien
Privatisierung der Ersten Brünner
Familiengeschehnisse
Pitín
Der Zusammenbruch
Kitzbühel
Übersiedlung nach Bozen
In Bozen
Der Wald
Schlußwort, ohne Pathos

Anmerkungen zu den Memoiren von Fritz Jörn
Wo der Name Hödl herkommt
Ein Artikel von Rudolf Molak, erschienen im »Brünner Heimatboten«
Nachruf nach seinem Tod von Oberingenieur Josef Bauer
Nachgedanken von Fritz Jörn
Technische Hinweise

Erinnerungen

Keineswegs will ich in Anspruch nehmen, interessante Memoiren oder tiefe Gedanken über Lebenslauf und Menschenschicksal niederzulegen. Ich folge, wenn ich hier Lebenserinnerungen niederschreibe, einer Anregung meiner Kinder und meines ältesten Enkels Fritz, die wiederholt baten, ich möge doch etwas über meinen Lebenslauf festhalten, zum Gedächtnis für die Familie.
   Ein Gebot stelle ich mir selbst: Nichts beschönigen und nichts verschweigen! Auch wenn ich manchmal bei der Einhaltung dieses Gebotes keine besondere Figur machen sollte!

Eltern, Kindheit

Geboren wurde ich am 19. Dezember 1881 in Innsbruck, Tirol. Innsbruck war sozusagen ein Zufall. Mein Vater war Beamter der Österreich-Ungarischen Bank und wurde, wie ich noch erzählen werde, öfters versetzt. Eine solche kurzfristige Dienstesstation war die Filiale Innsbruck der damaligen österreichisch-ungarischen Notenbank. [Ausschnitt aus einer frühen Farbfotografie von Wilten, wo Großvater getauft wurde, vom Bergisel her gesehen, um 1900. Im Vordergrund die Bahn auf den Brenner fj]
   Meine Eltern waren typische Österreich-Bajuvaren. Mein Vater Anton, geboren in Graz, hatte sich aus eigener Kraft aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet, erreichte die angesehene Stellung eines Beamten der Notenbank und diente als solcher Ende der 1870er Jahre in Linz. Hier verlobte er sich, scheinbar gegen allerlei Widerstände der Brautfamilie, mit Marie Held, einer Lehrerin. Meine Mutter stammte aus einer ausgesprochenen Schulmeister-Familie. Ihr Vater, wiederholt hat sie uns Kindern das erzählt, wollte Professor werden, Geldmangel hinderte ihn an der Vollendung seiner Studien und er wurde Staats- oder Oberösterreichischer Landesbeamter. Aber in seinen Freistunden erteilte er Nachhilfeunterricht »im Großen«; eine ganze Schulklasse mit Bänken und Tafel war in der Held-Wohnung zu Linz eingerichtet. Von seinen Kindern wurden beide Töchter, meine Mutter und deren ältere Schwester, die spätere »Tante Lotte«, Lehrerinnen, von seinen zwei Söhnen zwei, die Onkeln Franz und Hans, Professoren, der dritte, mein Onkel Max, beendete sein Universitätsstudium nicht. Sonst wäre auch er Professor geworden, und das hätte einen Rekord ergeben: fünf Kinder, fünf Schulmeister!
   Das Lehrertum hat sich aus der Familie Held in die Familie Hödl vererbt, wie ich noch erzählen werde. Vielleicht hab’ ich auch in etwas davon abbekommen.
   Mein Vater wurde von Linz ungefähr [p2] 1879 nach Debreczin in Ungarn versetzt; unmittelbar vor seiner Übersiedlung fand die Trauung der Eltern statt. Sie gingen, ich glaube im Anfang recht schweren Herzens, in die ungarische Puszta. In Debreczin wurde im Jahre 1880 im Herzen Ungarns meine Schwester Mitzi geboren.
   Interessant ist, daß ein Beamter der Österreich-Ungarischen Bank, des Noteninstituts der Gesamtstaates, also einer öffentlichen Institution, noch im Jahre 1880 im Herzen Ungarns Dienst tun konnte, ohne auch nur ein Wort der magyarischen Sprache zu beherrschen.
   Nur zwei Jahre lang dauerte der ungarische Aufenthalt meiner Eltern. 1881 ist die junge Familie in Innsbruck; hier kamen ich und meine jüngere Schwester Hilda zur Welt.
   Ich war ein sehr schwächliches Kind. Meine Mama erzählte mir später, wie ihr eine biedere Bürgersfrau in Innsbruck auf der Straße eine furchtbare Kränkung zufügte. Die gute Frau meinte, als sie mich nach Frauenart im Kinderwagen betrachtet hatte: »Na, den Buben werden’s kaum groß ziehen!« Gemütsathletin! Inzwischen ist der Bub bis zur Niederschrift [Korrekturen: 80, 82, 85] 86 Jahre alt geworden...
   Noch eine Erzählung meiner Mutter aus jener Zeit: Ich war mit dem Saugfläschchen aus dem Kinderwagen gekrochen und fiel, das Flascherl im Mund, zu Boden. Die Flasche zerbrach und zerschnitt mir die Nase so arg, daß sie genäht werden mußte. Die Narbe konnte noch viele Jahrzehnte später gesehen werden. Als mich dann junge Damen fragten, ob dieser Schmiß von einer Studentenmensur herrühre, mußte ich mich entweder um die Antwort drücken oder errötend die Saugflascherlgeschichte erzählen.
   Auch in Innsbruck war meines Vaters Bleiben nicht lange. Etwa 1883 wurde Papa nach Prag versetzt, was mit einem erheblichen Vorrücken verbunden war. Wie er mir später erzählte, war er in dieser großen Filiale der Dritte, der nächste nach dem Vorstand und dessen Stellvertreter. Auch hier ist typisch, wie sehr damals das Deutsche die ausschließliche Verständigungssprache der Bank- und Geschäftswelt war. Mein Vater verstand nicht ein Wort tschechisch. Ich und meine Kinder, die wir später Jahrzehnte in Böhmen und Mähren verbrachten, greifen uns an den Kopf: »Daß so etwas in Prag einmal möglich war...«
   An Prag knüpfen sich meine ersten Kindheitserinnerungen. Wir wohnten in dem Viertel Weinberge. Später hörte ich, daß unter den luxemburgischen und auch noch den späteren böhmischen Königen auf diesen Hügeln Wein gebaut wurde und daher der Name »Königliche Weinberge« eine berechtigte [p3] Kennzeichnung darstellte. Irgendwo in der Nähe gab’s den »Kanalischen Garten«, dorthin wurden wir oft spazieren geführt. Dann gab’s kleine Ausflüge mit drei Kindern in die nächste Umgebung, die in meiner Erinnerung als staubig und reizlos fortlebt. Zu dieser Umgebung gehörten die alten Prager Schanzen, Überbleibsel aus der Zeit, da Prag eine bedeutende Festung war. Ich habe das Bild von grasbewachsenen Wällen vor mir, am Weg steht ein Werkelmann und spielt – genau entsinne ich mich – den damals wahrscheinlich populärsten Schlager »Fischerin du Kleine...«
   Mit noch nicht vollen sechs Jahren, im Herbst 1887, kam ich in die deutsche Volksschule auf den Weinbergen. Geblieben ist mir, neben dem Namen meiner Lehrerin Bistricky, die wiederholte Kritik, mit der meine Mutter, Altlehrerin, die Unterrichtsmethoden dieses Fräuleins bedachte, wobei Mama, sicher nicht ganz pädagogisch, sich auch vor mir nicht zurückhalten konnte. Bei ihren wiederholten Vorsprachen in der Schule bat Mama, auch das ist mir geblieben, die Lehrerin möge mich doch weit vorne und immer in die linken Bankreihen setzen, da schon damals mein rechtes Ohr wesentlich besser war als das linke. So blieb’s bis heute, wo mein linkes Ohr praktisch ausgeschaltet ist... Und noch eine Erinnerung an Prag: nach der Schule rauften wir mit den Buben der tschechischen Volksschule, sozusagen die ersten nationalen Kämpfe meines Lebens. Leider zahlten schon damals wir deutschen Buben, in der erdrückenden Minderheit, gründlich drauf.
   Einmal gingen wir von Prag aus zu längerer Sommerfrische nach Neuern im Böhmerwald. Ich erinnere mich eines breiten, im Sommer wasserarmen Flusses – kann es die Moldau gewesen sein? – durch dessen Pfützen unser Jungenspiel tobte. In der Hitze der Gefechte ging mir etwas in die Hosen; beschämt kam ich zu Mama, die mich ärgerlich fragte, warum ich denn nicht rechtzeitig gekommen sei. Meine Antwort: »Weißt du, Mama, ich hab’ keine Zeit gehabt«, machte sie so böse, daß sie mir beinahe eine verabreicht hätte. Aber sie beherrschte sich, nach ihren liberalen Prinzipien haben meine Schwestern und ich niemals auch nur einen Schlag bekommen... Dort in Neuern besuchte uns der älteste Bruder meiner Mutter, der schon erwähnte Professor Franz Held. Er war schon damals offenbar politisch tätig [gestrichen: belastet], später wurde er sogar Reichstagsabgeordneter einer deutschnationalen und antisemitischen Partei. Mein Kindergedächtnis behielt ein Gedicht, das er auf eine Bank schrieb:

Oh Neuern, könnt ich dich erneuern,
Dann wär’ es wieder gut,
Dann gäbe es allhier
Nicht einen einz’gen Jud.

[p4] Ich hätte das Verslein sicher nicht behalten, wenn nicht mein Vater, ein Liberaler alter Schule, also judenfreundlich, sich über den Vers und seinen Verfasser recht abfällig geäußert hätte. Offenbar ahnte ich die Möglichkeit eines Familienzwistes – und das war interessanter als die Frage: pro- oder antisemitisch!

Jägerndorf

An meine Eltern trat eine wichtige Entscheidung heran: Mein Vater, vorwärtsstrebend, hatte von der Leitung seiner Bank in Wien die Zusage erhalten, daß er »Vorstand« – den anspruchsvolleren Titel »Direktor« verlieh man damals bei der Österreich-Ungarischen Bank nicht – einer neu zu gründenden Filiale werden könne. Man gab ihm zur Wahl: Feldkirch in Vorarlberg – oder Jägerndorf in Schlesien. Deutlich erinnere ich mich der Besprechungen zwischen Vater und Mutter, wie alles Für und Wider aufgezählt und gewogen wurde – eine Gepflogenheit, die über mich auf meine Kinder übergegangen ist. Für Feldkirch sprach vor allem die Lage in den den Eltern so überaus lieben Alpen – aber dagegen sprach, daß der einzige Sohn, ich, ein oder zwei Jahre später in die Mittelschule kommen sollte. In Feldkirch gab es nur das berühmte Jesuitengymnasium »Stella Matutina«. Ohne daß meine Eltern Gegner einer religiösen Einstellung gewesen wären – ich erinnere mich, daß Papa uns Kinder an hohen Festtagen oder vor wichtigen Entscheidungen selbst in die Kirche führte – so wollten sie eben doch, vor allem Mama, eine Erziehung durch die Jesuiten vermeiden. Es ist interessant, daß wir, meine Frau, meine Tochter und ich, ungefähr sechzig Jahre später vor dem gleichen Problem hinsichtlich der Erziehung unseres Fritz standen. Er war schon in der »Stella Matutina« vorgemerkt, bevor wir ihn nach Marquartstein schickten.
   So wurde also Jägerndorf gewählt. Wie groß das Opfer besonders für Mama war, sagt mir wieder eine Kindheitserinnerung. Meine Mutter pflegte bei der häuslichen Arbeit, insbesondere in der Küche, manchmal leise zu singen, öfter noch sprach sie Gedichte oder Zitate aus Klassikern. Da ist mir geblieben, wie Mama mit leiser Wehmut Schillers Verse der Maria Stuart vortrug:

Eilende Wolken! Segler der Lüfte!
Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!
Grüßt mir freundlich mein Jugendland!

Dann sagte sie uns Kindern, ihr Jugendland sei eben nicht hier sondern in Oberösterreich, in den Alpen, wohin es sie mit allen Fasern zog.
   [p5] Im Winter 1890-91 übersiedelten wir von Prag nach Jägerndorf. Zuerst fuhr Papa, der die Filiale aufbauen, gleichzeitig sich um die Wohnung für seine Familie bekümmern mußte. An einem besonders kalten Wintertag folgten wir nach. Die Reiseroute ging von Prag über Olmütz, dort wurde der Zug gewechselt, weiter über das sogenannte »Mährisch-Schlesische Gesenke« nach Jägerndorf. Das Schneetreiben wurde so arg, daß unser Zug nicht weiterfahren konnte. An Domstadtl, eine kleine Station im Gesenke, knüpft sich eine meiner lebhaftesten Kindheitserinnerungen. Der Bahnbeamte, mit roter Mütze, geht durch die Wagen und erklärt, daß der Zug infolge Schneeverwehung nicht weiter fahren könne. »Alles aussteigen!« In einem bescheidenen Dorfwirtshaus wurde genächtigt; einen großen Bernhardinerhund fütterten wir so lange mit Semmeln, bis Mama es uns verbot. Am nächsten Tag ging’s aber doch weiter bis Jägerndorf, wo Papa uns erwartete und wir zunächst im Hotel »Kaiserkrone« einquartiert wurden.
   So wie der Einzug nach Jägerndorf unter Kälte und Schneesturm vor sich ging, so bleibt das Bild dieses Städtchens, kaum einige Kilometer von der preußischen Grenze entfernt, in meiner Erinnerung haften. – Die Winter waren lange und rauh, auch im Sommer blies oft ein scharfer Nordwestwind über die offene norddeutsche Ebene. Schon in nächster Nähe gab es große Waldreviere, hinter dem Burgberg lag die Ruine Schellenburg und der Hegerwald, auf der anderen Seite, gegen Nordwesten, reihten sich Hansel-, Pfaffen- und Eichelberg aneinander, dahinter lag, im Walde eingebettet, das damals so stille Dörfchen Mösnig. Noch weiter, nur noch in starkem Tages- oder Mehrtagsausflug zu erreichen, dehnten sich die unendlich erscheinenden Wälder des Sudetenkammes mit der höchsten Erhebung im Altvater. Wie romantisch und geheimnisvoll-schön war’s am Oppa-Ursprung, in den Wäldern ober Karlsbrunn oder gar in Reihwiesen mit seinem Moosebach! Alle diese Namen erwecken bei mir liebste Jugenderinnerungen. In Jägerndorf verbrachte ich die maßgebenden Lebensjahre vom 10ten bis zum 20ten – so ist es meine Heimat geworden und geblieben. Ich war später in anderen Städten länger – Brünn, Bozen oder öfter und immer wieder – Wien, Graz – aber Heimatgefühl habe ich nur für Jägerndorf aufgebracht. Viel später, als ich meine Militärdienstzeit hinter mir hatte und ein flotter Junggeselle in Mährisch Ostrau war, pflegten mich manche Damen zu necken, indem sie den auf Homer gedachten Vers von den sieben Städten, die sich um seine Geburt stritten, auf mich anwenden wollten. Die sieben Städte sollten bei mir sein: Innsbruck, Prag, Jägerndorf, Graz, Wien, Görz und Mährisch Ostrau. Ich aber wehrte mit dem Brustton der Heimattreue ab, nur das bescheidene Städtchen, Jägerndorf, genieße die Auszeichnung. [p6]
   Nun aber weiter in der chronologischen Ordnung. Ich kam zunächst noch in die Volksschule, und zwar zu einem Lehrer mit dem typisch schlesischen Namen Peschke. Er hatte mit einer ungemein volkreichen Bubenklasse zu kämpfen, sodaß ein kräftiges Rohrstaberl zu seinen wichtigsten Lehrbehelfen gehörte. Das Schulhaus war alt, das Klassenzimmer niedrig und überfüllt, die Arbeiterkinder – Jägerndorf ist eine Tuchmacherstadt -, waren sicher mangelhaft gewaschen; SchuIverhältnisse, die heute wohl undenkbar wären.
   Hier sei mir eine kleine Einschaltung sozialer Natur gegönnt. Die Arbeiter, in Jägerndorf vor allem Textilarbeiter, waren damals arme Teufel, sozial rechtlos. Wir staken im sogenannten Manchester-Liberalismus, der den Wettbewerb aller wirtschaftlichen Kräfte auf seine Fahne geschrieben hatte. Freier Kampf von konkurrierenden Firmen gegeneinander ist sicher richtig – aber freier Kampf gegen die Arbeiter, besonders wenn deren Zahl größer ist als jene der vorhandenen Arbeitsplätze, ist eine Grausamkeit. Gesellschaft, Gesetzgebung, auch die Kirche haben diesen Tatbestand zu spät erkannt – es hätte manche Ausschreitung erspart werden können... Ich glaube, daß meine Eltern uns Kindern beizeiten die richtige Einstellung gewiesen haben. Zwei Erinnerungen:
   Einmal gingen wir mit Mama über die Bahnhofstraße, nach Arbeitsschluß in den Tuchfabriken. Mit uns oder in nächster Nähe, sodaß wir ihre Gespräche hören konnten, gingen einige Damen. Eine Menge von Arbeiterinnen strömte aus den Fabriken; eine von den Damen äußerte laut, sodaß die Weiber es hören mußten: ›Gott, wie die stinken!‹ Ich weiß, mit welchem Grimm meine Mama am Abend dem Papa über diese Taktlosigkeit berichtete: »Am liebsten hätte ich.« so meinte Mama, »den Damen gesagt ›Die stinken von der Arbeit – und ihr von der Faulheit!‹«
   Ein anderes Mal machten wir mit Papa einen Ausflug in die Gegend von Weißkirch. Am Heimweg überholte uns der Tuchfabrikant Franz Kurz, ein eleganter Bonvivant, der sich später den Adel kaufte und sich dann Franz Ferdinand von Kurz-Hartenberg (oder Hartenfels) nannte – und noch später eine Fabrik, eine der größten in Jägerndorf, an seinen Direktor, einen entfernten Vetter, Herrn Flemmich, verkaufte. Herr Kurz hielt einen Traberstall mit wunderschönen Rappen, zum Teil Russenimporten. Auf der Landstraße, auf der wir schön bescheiden mit Papa vom Ausflug heimwanderten, kam Herr Kurz mit seinem feurigen Gespann, in einer Wolke von Staub gehüllt, daher gerast (was man damals halt so rasen nannte!). Er hielt an, bat Papa, doch mit uns Kindern im Wagen Platz zu nehmen. Weiter ging’s; bei der Weißkirchener Maut – die Stadteingänge durften damals nur nach Entrichtung der Mautgebühr für eingeführte Lebensmittel passiert werden – mußte er anhalten. Er [p7] hatte gemerkt, daß sich zwei Dorfjungen hinten auf dem Wagen verborgen hatten, auf Federn und Achse kauernd. Während des Mautaufenthaltes ging Kurz mit der Peitsche nach rückwärts, hieb auf die beiden armen, bloßfüßigen Jungen ein, daß die fürchterlich schreiend davonliefen. Der scharfe Protest meines Vaters konnte die Roheit nicht ungeschehen machen. Mir stieg vor Empörung das Blut so zu Kopfe, daß sich ein Rest des Eindruckes bis heute gehalten hat.

Realschule in Jägerndorf

Meine Erinnerung an die Mittelschule – heute würde sie Oberschule heißen – ist eine ungetrübt gute, ich möchte sagen eine freudige. Hätte es in Jägerndorf ein Gymnasium gegeben, so hätten meine Eltern dieses bevorzugt. Auch ich habe es später bedauert, daß mir die »humanistische« Bildung, vor allem das Verstandestraining des Latein, fehlten. Zudem war damals die Realschule siebenklassig, bestimmt zu kurz für den zu bewältigenden Lehrstoff. Aber nach dieser Kritik, die den Schultyp und nicht die Schule betreffen, darf ich stolz feststellen, daß ich an einer sehr guten Schule von im allgemeinen ausgezeichneten Lehrern – Professoren nannte man sie damals – erzogen wurde.
   Zwei von diesen Professoren haben, jeder in seiner Art, auf mich dauernden Einfluß genommen: Dr. Karl Berger und Dr. Ferdinand Bronner, beide Deutschlehrer, der erste bis einschließlich der 5. Klasse, der andere in der 6. und 7. Dr. Berger stammte aus Nordmähren, einem Landstrich, dessen rührende Kargheit ich viel später, als ich von Brünn aus durchfuhr, bewundern und lieben lernte. Er war im kleinen Städtchen Bärn zuhause, von dem das Verslein ironisch sagt:

Bautsch, Benn’sch und Bärn,
Sind die drei schönsten Städte in Mähr’n.«

Wie alle Nordmähren war er ein rückgratsteifer Deutscher. Er hat vielleicht den größten Einfluß auf meine nationale Entwicklung genommen, von der ja noch zu reden sein wird. Er erwiderte meine Liebe und Verehrung mit herzlicher Zuneigung. Jahrzehnte nach meiner Schulzeit, in Bozen, erzählte seine heute noch in Graz lebende Witwe meiner Frau Mariann, daß sie nach dem Tod ihres Mannes unter alten Schriften ein Schulheft (oder gar mehrere) des Anton Hödl gefunden habe, das ihr Mann als Erinnerung an diesen »hervorragenden« Schüler durch Jahrzehnte aufbewahrt hatte. Dr. Berger machte übrigens, sicher nur zufolge seiner hervorragenden Tüchtigkeit, sogar in der tschechoslowakischen Republik weiter Karriere, ich sah ihn als Landesschulinspektor für Mähren und Schlesien in Brünn wieder, als ich dorthin als Generaldirektor der Ersten Brünner Maschinenfabrik kam. Lehrer und Schüler hatten es tüchtig vorwärts gebracht!
   Der Einfluß, den Dr. Ferdinand Brenner auf mich ausübte, liegt auf weltanschaulichem Gebiet. Brenner war – erst später festigte sich diese Meinung in mir – Jude, [und,] wie damals die meisten seiner intellektuellen Rassenangehörigen, auf unbedingte Assimilierung an das Deutschtum eingestellt. Er [p8] war mit einer blonden Norddeutschen, ich glaube von der Insel Rügen, verheiratet, seine Kinder waren von blondem germanischem Typus. Er war Schriftsteller, sein unter dem Namen Franz Adamus veröffentlichtes Schauspiel »Familie Wawroch« wurde am Wiener »Deutschen Volkstheater«, einer damals hochangesehenen Sprechbühne, aufgeführt – mit mäßigem Erfolg.
   Dr. Bronner wollte uns, vielleicht besonders mich, humanistisch erziehen. Ich danke ihm es, daß ich philosophische Schriften zu lesen begann; zuerst ein dünnes Bändchen »Geschichte der Philosophie«, dann einen Auszug aus Kant, etwas Schopenhauer, vor allem aber Nietzsche. Ich werde darüber noch zu berichten haben. Bronner wollte den Antisemitismus unter seinen Schülern nicht dulden, ich glaube nicht sosehr, weil er sich dadurch getroffen fühlte, sondern aus allgemein-weltanschaulichen Gründen. Ein Vorfall: Dr. Bronner hatte sich über unsere Bitte bereit erklärt, Dramen der Weltliteratur, vor allem Shakespeare, mit uns an freien Samstagnachmittagen mit verteilten Rollen zu lesen. (Rührend, wo würde heute ein Professor sich bereit finden, seinen Samstagnachmittag zu opfern). Er wünschte aber, daß diese Lektüre sich in frischer Luft abspielen möge – und nur der kleine, übrigens leise lispelnde Otto Markus, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kohlenhändlers, war in der Lage, einen Garten hiefür anzubieten. Die Vielzahl von uns Schülern opponierte lebhaft: »Wir gehen nicht zum Juden« – aber Bronner blieb hart: »Dann gibt’s eben keine Dramen-Lektüre!« Er hat seinen Willen durchgesetzt, unsere Vorliebe für Literatur war stärker als unsere Abneigung gegen Markus. Immerhin ein gutes Zeichen
   So waren also die zwei Hauptbildner des damals 15- bis 16jährigen Schülers: Dr. Berger in nationaler, Dr. Bronner in weltanschaulicher Hinsicht. Daneben haftet die Erinnerung an eine ganze Anzahl von Professoren in meinem Gedächtnis: Da ist Direktor Barger, der vielleicht allzu pedantische Schuldirektor, dann Pater Stöckl, der Religionslehrer, der mich sehr liebte und sich während der Religionsstunden gerne auf mein Bankpult setzte, dabei mehrmals die Geschichte meines Namensheiligen, Antonius des Einsiedlers, erzählte. Dann war Walleczek, unser Französischlehrer, Alscher, der in seinen Lehrerfolgen mäßige Engländer, Flögel, der Chemiker, der uns so zu fesseln verstand, daß alljährlich mehrere Absolventen der Jägerndorfer Schule das Chemiestudium wählten.
   Ein paar meiner Mitschüler seien aufgezählt, alle bis auf Otto Müller sind heute nicht mehr unter den Lebenden. Da war Herold, sehr begabt, mehrmals schwankte der Primus zwischen ihm und mir. Dann Lindner, ein radikal-deutschnationaler, Anhänger des berühmt-berüchtigten Georg Ritter von Schönerer; Freimann, Tenschert. Es existiert eine Amateurfotografie, die mir meine Schwester Fritzi aus dem Nachlaß [p9] meiner Mama übergab, auf der ich und die drei Letztgenannten uns zu einem Rütlischwur die Hände reichen. Schweigl, der später die Wiener Akademie der bildenden Künste besuchte, war durch sarkastischen Witz ausgezeichnet.
   Alle sieben Klassen, mit zusammen 14 Zeugnissen, absolvierte ich »Mit Auszeichnung«. Bei der Reifeprüfung, in Österreich noch heute Matura genannt, widerfuhr mir eine unverdiente Auszeichnung: Man gab mir ins Zeugnis lauter »vorzüglich«. Ich habe sie bestimmt nicht verdient, zum Beispiel im Turnen war ich nie unter den Besten. Wahrscheinlich haben meine schriftlichen Arbeiten (allein der deutsche Aufsatz »Jahrhundertwende«, wir schrieben Sommer 1899, gab die Möglichkeit zu intensivem Ausleben!) und mein sehr selbstbewußtes Auftreten dem Vorsitzenden der Prüfungskommission, ich glaube er hieß Dr. Langhans, so gefallen, daß er ein solches Zeugnis vorschlug. Es blieb leider später nicht immer bei den »Lauter vorzüglich«!

Nationales Bewußtsein und Weltanschauung

Ich möchte über diese wichtigste Einstellung meines damals erst in der Festigungsperiode befindlichen Charakters hier zusammenfassend berichten. Denn einmal greifen wahrscheinlich bei jedem Menschen, bestimmt bei mir, nationales Bewußtsein und Weltanschauung untrennbar ineinander. Zum zweiten haben sie sich, wie ich schon schrieb, teilweise unter dem Einfluß meiner Deutschlehrer, teilweise unter dem von Umwelt und Lektüre, gebildet. Und endlich haben sich diese Grundanschauungen eines heranreifenden und eines fertigen Menschen bei mir im Laufe der späteren Jahre und Jahrzehnte nur in den Einzelheiten geändert, sie sind mit mir gewachsen – aber die Grundlagen blieben die gleichen und sind es heute noch.
   Ich bin nicht und war nie ein nationaler Chauvinist. Ich habe aber das Recht der Deutschen auf Erreichung ihres nationalen Zusammenlebens und auf Erhaltung ihrer Volkstumsgrenzen immer und mit tiefer Überzeugung vertreten. Ich glaubte damals und glaube noch heute, daß wir Deutsche, wie jede andere Nation, mit allen Kräften die Vereinigung aller Deutscher in einem Staate anzustreben haben. Das, was für Franzosen, Italiener, Russen eine Sebstverständlichkeit ist, ist auch für uns Deutsche gutes Recht. Adolf Hitler hat sich dieses Traums der deutschen Einheit bemächtigt, um damit uns alte »Großdeutsche« zu fangen. Er hat diesen berechtigten Wunsch durch seine Untaten so beschmutzt, daß heute seine Verwirklichung auf Jahrzehnte zurückgeworfen ist – an eine dauernde Verunmöglichung mag ich nicht glauben. In meiner Jugend glaubte [p10] die Mehrzahl von uns deutschen Studenten an das Ideal des geeinten Großdeutschen Reiches; noch 1919, nach dem Zusammenbruch Österreichs und Deutschlands, erklärten die frei gewählten Abgeordneten den Anschluß von »Deutsch-Österreich« an das Deutsche Reich. Und heute würde es schlechten politischen Geschmack beweisen, vielleicht sogar zu strafrechtlichen Konsequenzen führen, wenn man unter den »schwarzen« und »roten« Österreichern dieses Thema überhaupt berühren würde... Ich werde die Ideale meiner Jugend nicht aufgeben, auch wenn Hitler sie für seine Zwecke mißbraucht hat.
   Weltanschaulich hat nicht nur Dr. Bronner und die von ihm angeregte Lektüre, besonders Nietzsche, mich gebildet, sondern die damalige Umwelt war in vieler Hinsicht gegensätzlich zur heutigen. Niemand hatte damals von der Gleichberechtigung der Rassen gesprochen – und niemand wird mich heute von deren Gleichwertigkeit überzeugen. Die Kultur, welche die Menschheit in den letzten zwei bis drei Jahrtausenden entwickelt hat, ruht von den Griechen über die Römer bis zu den Franzosen, Deutschen, Engländern und Slawen auf den Schultern der indogermanischen Rasse, der Arier. Houston Stewart Chamberlain, Engländer und späterer Wahldeutscher, geht in seinen »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« viel weiter. Er erkennt die führende Rolle den Germanen und speziell den Deutschen zu. Er will dartun, daß die ungeheuren kulturellen Leistungen der Italiener in der Renaissance in der Tat hervorgebracht wurden von den Resten germanischen Blutes, die sich damals noch neben den römischen Volkstumsteilen unvermischt erhalten hatten. Schon dem Zwanzigjährigen schien die Beweisführung reichlich erkünstelt. Ich will damit sagen, daß ich nie, auch nicht in der überschäumenden Jugendzeit, meine eigene Nation als allein weltführend angesehen habe. Ich habe als Deutscher oft mit Sorge gesehen, wie Tschechen im täglichen Leben mitunter meinen Volksgenossen überlegen waren. Ich habe bei Betrachtung des Kinderreichtums der Slawen, ihres Vordringens in deutsche Siedlungsgebiete mich manchmal im stillen Kämmerlein gefragt, ob wir Deutsche schon auf dem Wege des Niedergangs begriffen sind, den jede Nation einmal gehen muß. Ich möchte also nochmals klarstellen, daß meine vorhin betonte Überzeugung von der Überlegenheit und daher Führungsbestimmung der Indogermanen sich auf die ganze ungeheure Völkerfamilie der Germanen, Romanen, Slawen bezieht, eine Rasse, die sich heute weitgehend deckt mit dem Begriff des »Weißen Mannes«.
   Heute ist die Lehre von der Gleichheit aller Rassen Mode geworden – allerdings nur eine zur Schau getragene, innerlich von den wenigsten für Wahrheit genommene Mode. Wo ich hinblicke sehe ich das Unwahre: Schwarze, die keine über Dialekte hinausreichende Sprache bildeten, keine Religion, kein Staatswesen hervorbrachten, wollen gleich[p11]rangig sein! Ihnen werden Staaten von abtretenden arischen Siedlern fertig übergeben, das Betriebskapital wird von den USA und anderen durch Indogermanen aufgebauten Staaten geschenkt – und in wenigen Jahren geht an Unfähigkeit und Mißwirtschaft alles zugrunde. Bei den arabischen Staaten, siehe Algerien, ist es nicht viel besser; bei den südamerikanischen Staaten mit einem Rassengemisch von Indios, eingewanderten Negern, Mestizen mit wenig spanischem oder portugiesischem Blut ist es fast ebenso schlecht, ungeachtet der ungeheuren Bodenschätze und Reichtümer, über welche diese Völker verfügen würden. Eine rühmliche Ausnahme ist das kleine Israel. Hier aber ist die herrschende Schicht beinahe zweitausend Jahre lang durch engstes Zusammenleben mit indogermanischer Umwelt herangebildet worden.
   Ich habe bei der Frage der Rassenungleichheit lange verweilt; ich möchte, daß meine Kinder und Enkel, sollten sie einmal in meinen »Erinnerungen« nachlesen, über ein Schlagwort der heutigen Tagespolitik nachdenken. Es ist das Schlagwort von der Gleichheit aller Menschen, propagiert von jenen, die daraus für sich und die Ihren Nutzen ziehen wollen.

Die Frauen

Nun zu einem leichteren Thema. Im Geiste beugt sich meine liebe Frau Mariann über meine Schulter und sagt, leise spöttisch: »Nun aber halte dich schön brav an dein in der Einleitung gegebenes Versprechen, daß du nichts verheimlichen und nichts beschönigen werdest!« Ich habe nichts zu verschweigen; ich habe Flirt und sogenannte Liebe genossen wie jeder andere junge Mann dies tut – vielleicht um ein paar Grade mehr.
   Begonnen hat die Sache recht bald. In der 6. (oder war’s erst in der 7.?) Realschulklasse »gingen« mein Freund Otto Müller und ich mit zwei Freundinnen. Er blieb seiner Liebe Ady treu und heiratete sie, meine Mimi hat sich, hoffentlich schmerzlos, nach anderer Seite orientieren müssen. Nach der Maturaprüfung wartete unten, in der Promenade-Allee des Stadtparks, meine »neue« Liebe, um mir zu gratulieren.
   Den beinahe kindlichen Spielereien folgten später, besonders in Wien, ernstere Bindungen, die mit wirklicher geistiger Beeinflussung verbunden waren. Da steht zu Anfang meines Wiener Studententums eine Polin, die, wohl etwas älter als ich, sich mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit meiner annahm. In Graz – ich werde später zu berichten haben, daß meine Mutter dorthin übersiedelt war, und ich meine Ferien in Graz verbrachte – war ich lange der großen, blonden I. verbunden, die nach Lösung unserer Beziehungen Gottlob auf ihren alten und ernsten Verehrer, einen Dr.jur., zurückgriff und heiratete. Mit besonderem Dank für wertvollste An[p12]regungen denke ich an P., eine Gesangsstudentin, die ich in meinen späteren Wiener Jahren im Haus eines Schriftstellers und späteren Burgtheaterdirektors kennen gelernt hatte. Erst durch sie wurde ich in die Musik eingeführt, wurde ein begeisterter Opernbesucher und Wagnerianer... Zwischen den ernsteren und länger dauernden Bindungen muß ich wiederholte Seitensprünge, kleine Liebschaften, gestehen.
   Als ich dann – siehe später – nach Mährisch Ostrau kam, wurde es Zeit, die »Verhältnisse« in konventionelle »Flirts« umzuwandeln. Auch da habe ich es zu einer beachtlichen Vielfalt gebracht. Bis dann im Jahre 1910 Mariann Fillunger in mein Leben trat. [Mariann Elisabeth Fillunger, geboren 19.11.1891 in Orlau, gestorben 19. 7. 1971 in Salzburg. fj]
   Geliebelt habe ich mit vielen, geliebt habe ich nur eine: Mariann!

Erste Hochschuljahre in Wien

Ich kehre nun wieder zur mehr chronologischen Berichterstattung zurück. Nach den Maturaferien, im Herbst 1899, brachte mich mein Vater nach Wien. Ich hatte mit intensivem Bitten durchgesetzt, daß ich nicht wie die meisten meiner Mitschüler an die näher gelegene Technische Hochschule nach Brünn kam, sondern in Wien studieren durfte. Die Großstadt lockte mich – erst viel später lernte ich die Wahrheit der Grillparzerschen Verse erkennen:

Schön bist du, doch gefährlich auch,
Dem Schüler wie dem Meister,
Entnervend weht dein Sonnenhauch,
Du Capua der Geister ...

Mein guter Vater wollte mich anständig untergebracht wissen; so lief er mit mir in den Stadtteilen nächst der Technik herum, um eine Wohnung zu suchen. Damals waren an den Haustoren Zettel angehängt, welche entweder besagten »Zimmer zu vermieten« oder »Kabinett zu vermieten«. Die Zimmer waren zweifenstrig und kosteten mehr als die einfenstrigen Kabinette. Die Möbel waren sehr bescheiden aber sauber, fließendes Wasser gab es damals wohl in keiner Studentenbude. Als Bad besuchte selbst ein wohlhabender Mieter einmal wöchentlich ein öffentliches Wannenbad der Gemeinde Wien. Wir fanden mein erster Wiener Quartier in der Fasangasse im III. Gemeindebezirk. Merkwürdigerweise ist mir an dieses erste Wiener möblierte Zimmer eine Erinnerung geblieben. Später wechselte ich dann häufig, einmal lebten wir auch zu Dritt oder gar zu Viert, Jägerndorfer Kameraden in drei großen Zimmern gemeinsam. Hat aber nicht lange gedauert.
   Der Anlauf an der Hochschule schien zunächst gut, ich besuchte brav alle Vorlesungen. Aber der Betrieb an der Technik war damals beinahe kläglich. Von Wissenschaft; bis auf Höhere Mathematik, wenig zu spüren. Ich hatte zunächst Bauingenieur[p13]wesen inskribiert, als mich dieses Fach allzusehr langweilte, sattelte ich auf Maschinenbau um. Hier sei gleich eingeschaltet, daß ich mich später, nach der ersten Staatsprüfung, zur neu aufkommenden Elektrotechnik hingezogen fühlte und meine Studien in dieser Richtung beendete. Da es aber zu jener Zeit noch keine »Fachschule« für Elektrotechnik gab, mußte ich die Zweite Staatsprüfung, heute würde sie Diplomprüfung heißen, mit genügendem, aber wenig befriedigendem Erfolg aus Maschinenbau ablegen.
   Ich habe wieder stark vorgegriffen. Schon nach wenigen Monaten konnte ich mich an der Technischen Hochschule nicht heimisch fühlen. Der Kontrast zu meinen Universitätsvorlesungen war allzu kraß. Ich hatte nämlich von Anfang an, ich glaube über Anregung des Dr. Bronner, eine Anzahl von Vorlesungen an der Wiener Universität als Außerordentlicher Hörer belegt. Ein großes Kolleg über Germanistik, eines über Geschichte der Philosophie (bei einem jüdischen Dozenten, Dr. Jerusalem). Was Wunder, daß mich die Vorlesungen an der Universität wesentlich mehr interessierten als die am »Kasten«, wie wir unsere auch im Gebäude, den Einrichtungen und Studienbehelfen altväterische Technik nannten. Ich fuhr – nach meiner Erinnerung kurz vor Weihnachten 1899 – nach Jägerndorf und erklärte meinen bestürzten Eltern, daß ich an der Technik nicht weiterstudieren werde; ich wollte, das war mein fester Plan und deshalb war ich nachhause gekommen, Latein und Griechisch in einem Jahr nachholen, die Ergänzungsmatura ablegen und dann Germanistik studieren.
   Nun war der Jammer groß, meine Eltern waren beinahe unglücklich. »Da wirst du eben ein kleiner Professor, und als Ingenieur steht dir die Welt offen«. Ich aber, in meiner beinahe überheblichen Selbstsicherheit, war überzeugt, daß in mir ein bedeutender Forscher und Universitätsprofessor stecke. Da wurde von meinen Eltern mein verehrter Professor Dr. Bronner zu Hilfe gerufen. Der erklärte mir, daß auch er einmal den gleichen Träumen nachgehangen habe. »Und Sie sehen, lieber junger Freund, daß am Schluß meiner Laufbahn der Realschulprofessor steht.«
   Eine weitere und sehr geschickt angewendete Beeinflussung durch meinen Vater war eine Fahrt nach Witkowitz. Mit Fahr- und Zehrgeld versehen schickten mich meine Eltern nach diesem nur etwa 30 km von Jägerndorf entfernten größten Hochofen- und Stahlwerk Österreichs. Bereitwillig wurden dort dem Studenten die Anlagen, beginnend von den Kokereien bis zu den Stahl- und Walzwerken gezeigt – und alles beeindruckte mich mächtig! Ich erkannte, daß nach langweiligen und manchmal geistlosen Hörsälen in Wien eine mächtige Zukunft folgen kann... So fuhr ich wieder nach Wien und kniete mich in mein Studium. [p14]
   Noch einmal gab es einen Rückschlag. Unter meiner intensiven Mitarbeit war es gelungen, eine Art Debattierklub zu gründen, dem Studenten der verschiedensten Fakultäten angehörten. Ein Mediziner, der da mittat, führte mich in sein Studium ein, nahm mich in den Seziersaal mit – und ich fühlte mich zutiefst von der Medizin angezogen, sodaß ich nun nach dieser Richtung hin ausspringen wollte. Die Idee war bald vorbei; wenn ich aber heute überlege, was ich bei ähnlicher Wankelmütigkeit meiner Kinder oder meines ältesten Enkels Fritz – die anderen sind noch nicht erprobt – gesagt hätte...

Der Tod meines Vaters

Am 27. Februar 1901 erhielt ich die traurigste Nachricht meines Lebens: Mein Vater hatte an diesem Tag durch einen Pistolenschuß seinem Leben ein Ende gemacht. Warum? Bis heute weiß ich es nicht mit Sicherheit. An diesem Ereignis, das über mein bis dahin so fröhliches und selbstsicheres Leben hereinbrach, habe ich lange und schwer getragen; und auch heute noch denke ich manchmal, in einer schlaflosen Morgenstunde, welche Tragik sich in Seele und Kopf meines so peinlich genauen, pflichtbewußten Vaters abgespielt haben muß, bevor er den Entschluß faßte, seine Frau und seine Kinder allein in der Welt zu lassen.
   Die Tat geschah in einem Wäldchen am Burgberg, in nächster Nähe der Stadt Jägerndorf. Beim Toten fand man ein kleines Notizbuch, enthaltend eine an meine Mutter gerichtete Niederschrift. Mama bat mich, diese letzten Worte meines Vaters nie lesen [zu] lassen.
   Die Erklärung meiner Mutter zum Tod ihres geliebten Mannes lautete etwa wie folgt: Bei der Filiale Jägerndorf der Österreich-Ungarischen Bank hatte eine offenbar routinemäßige Revision stattgefunden. Die Wiener Revisoren fanden irgend eine Einzelheit, die nicht nach Vorschrift durchgeführt war. Ich glaube, es handelte sieh um getrennte Verwahrung von Wertpapieren, die der Bank als Lombardpfand seitens eines Kreditnehmers übergeben worden waren. Die unterlaufene Vorschriftswidrigkeit wurde von der Zentrale Wien getadelt. Besonders aber nahm sich mein Vater zu Herzen, daß man ihn zur Dienstleistung nach Wien versetzte – ob im Zusammenhang mit der gefundenen Ungenauigkeit, ist mir unbekannt. Besonders diese Versetzung scheint meinen Vater, der durch zehn Jahre ein vollkommen freies Arbeiten als Vorstand einer geschäftlich prosperierenden Filiale gewöhnt war, sehr gekränkt zu haben. Er hatte, nach den Schilderungen meiner Mutter, geradezu Angst [p15] vor der Enge und den Intrigen der Zentrale. Nun war mein Vater stark nervös, seine vielen Kuren und Aufenthalte in Kaltwasser-Heilanstalten, über die ich hätte erzählen sollen, waren alle durch nervöse Erscheinungen bedingt. So hatte er sich – dies die Erklärung meiner Mutter – in einen solchen Erregungszustand hineingesteigert, daß er tatsächlich seiner Sinne nicht mehr mächtig war.
   Ich war telegrafisch nach Jägerndorf gerufen worden. Meine Mutter entschloß sich, die Stadt, mit der sie nichts verband als die furchtbare Erinnerung, zu verlassen und nach der Heimatstadt ihres Mannes, nach Graz, zu übersiedeln. So wurde mein Vater nach Graz überführt und am 5. März 1901 am Sankt-Peter-Friedhof beerdigt. Viele Jahrzehnte später nahm dasselbe Grab meine liebe Mama, noch Jahre später meine Schwester Hilda auf.

Meine Familie in Graz

Das Leben muß weitergehen. Ich setzte mein Studium in Wien fort und hatte bis zum Sommer 1902 alle Prüfungen abgelegt, welche in ihrer Gesamtheit die damalige »Erste Staatsprüfung«, heute »Vordiplom«, ausmachen.
   Seit der Übersiedlung meiner Mutter und meiner Schwestern nach Graz war nun auch für mich diese sympathische, beinahe südlich anmutende Stadt das Zuhause geworden. Alle Ferien verbrachte ich dort; die außerordentliche Vorliebe meiner Mama für Fußmärsche und kleine Reisen machte auch mich mit der Steiermark gründlich bekannt. Vielleicht wirkte bei dieser lebendig werdenden Sympathie auch ein in die Tiefe verdrängtes Gefühl alter Seßhaftigkeit mit: Alle Hödl stammen aus der Oststeiermark, aus der Gegend Hartberg, nahe der Grenze zum Burgenland. Wir Hödl aus dem Sudetenland wanderten zu unseren Ursprüngen zurück.
   Hier muß ich nun endlich auch über meine Schwestern berichten. Mitzi, etwa ein Jahr älter als ich, hatte an der Brünner Lehrerinnen-Bildungsanstalt studiert und wurde in der Steiermark, zum Kummer meiner Mama, an kleinen Landschulen Lehrerin.
   Sie galt in ihrer Mädchenzeit wohl mit Recht als der Typus des »hübschen blonden Mädchens«. Als Lehrerin an der kleinen Schule in Waldstein bei Peggau heiratete sie ihren Kollegen, späteren Schuldirektor Andreß, es wurde eine sicher glückliche Ehe. Um etwa ein Jahr jünger als ich war meine Schwester Hilda, schon seit ihrer Kindheit kränklich, später geplagt von allen möglichen verschrobenen Ideen. Verfeindet mit allen, führte sie ein trauriges Leben, schlief mit mehr als siebzig Jahren Gottlob sanft ein. Die jüngste meiner Schwestern, Fritzi, geboren in Jägerndorf als Nachzüglerin, als wir älteren bereits das zehnte Lebensjahr erreicht hatten, sollte auch Lehrerin werden und studierte an der Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Graz. Dann aber lockte sie eige[p16]ner Verdienst in einer sich bietenden Stellung bei der Österreich-Ungarischen Bank in Graz, und nach dem Ersten Weltkrieg heiratete sie den Mittelschulprofessor Dr. Lauffer. Sie wurde, da kinderlos, später die treue Pflegerin aller ihrer Anverwandten, zunächst ihrer Schwiegermutter, dann unserer lieben Mama, weiter unserer Schwester Mitzi und zum Schluß ihres Mannes. Mit ihrem stillen, bescheidenen Wesen hat sie viel Gutes geleistet, ohne Aufhebens zu machen... Zu beiden Schwestern, Mitzi und Fritzi, hatte ich immer ein rückhaltloses, oft inniges Verhältnis.

Mein Militärdienst

Ich erwähnte bereits, daß ich im Sommer 1902 die Erste Staatsprüfung abgelegt und damit einen gewissen Abschnitt meines Studiums erreicht hatte. Ich war im 21sten Lebensjahr, und es galt nun, an die Militärdienstleistung zu denken.
   In Deutschland und Österreich gab es damals die nach heutigen Begriffen höchst undemokratische Einrichtung des »Einjährig-Freiwilligen«. Während der gewöhnliche Rekrut in Österreich drei, in Deutschland zwei Jahre dienen mußte, hatte der Absolvent einer Mittelschule mit Matura zwei Vorrechte: Er diente nur ein Jahr – und er konnte als »Freiwilliger« den Truppenkörper und gewöhnlich auch das Regiment wählen, bei welchem er dienen wollte. Und zum Schluß hatte er Anspruch auf Beförderung zum Reserveoffizier.
   Ich hatte bei meiner »Assentierung«, die in einer Wiener Kaserne über die Bühne ging und mit dem Urteilsspruch »Tauglich ohne Gebrechen« endete, vorgesorgt, indem ich das Feldkanonenregiment in Görz als meinen Truppenkörper wählte. Feldkanonen: Beritten, also dem Fußvolk hoch überlegen, zur Kavallerie, die noch viel vornehmer gewesen wäre, hätten meinen bescheidenen Mittel nicht gelangt. Und Görz: Ich wollte etwas Neues kennenlernen, Görz, die südlichste Garnisonstadt, in der ein Feldkanonenregiment stand, war von der Romantik einer halbitalienischen Stadt umwittert. Noch etwas kam in Betracht: Der Bereich des k. und k. 3. Armeekorps, dessen Kommando in Graz saß, umfaßte auch Görz. Die Einjährig-Feiwilligen der vier Artillerieregimenter des Korps wurden während des ersten Halbjahrs ihrer Dienstleistung in Graz geschult – und ich hoffte, wie sich später zeigte, mit recht, daß ich während dieser Schulzeit bei Mama werde wohnen dürfen. So kam es zur Kombination Görz-Graz.
   Vielleicht bin ich im Begriffe, mich über Militär im allgemeinen und mein eigenes Soldatentum im besonderen weiter auszulassen, als einem Kind der heutigen Generation verständlich ist. [Hier noch eine schlecht lesbare Randnotiz mit Bleistift: »Die geordnete Welt ... Ehrbegriffen, Rangordnungen ... Spitzenleistungen«. Da Großvater Notizen sehr oft in seiner altmodischen Stenographie machte, kann ich sie nicht mehr lesen. Er erzählte ja auch immer, er habe sich sein Studium durch Mitstenographieren verdient. fj] Aber ich will ja über meinen Werdegang erzählen – und auf den hat [p17] das Militär einen größeren Einfluß ausgeübt als beispielsweise die Technische Hochschule. Es entwickelte sich bei mir geradezu eine Vorliebe für alles Militärische, was mir beim Durchstehen meiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg – für mich fast vier Jahre – sehr zustatten kam. Während meines Einjährigen-Jahres in Graz und Görz wurde ich oftmals zu Sonderaufgaben herangezogen – »kommandiert« -; an wieviel ernst gemeinte, meist aber fröhlich verlaufende Ausrückungen, Garnisonsmärsche, Manöver denke ich da zurück! Die Verbindung von Lebenslust, fröhlichem Genuß mit Grundsätzen und Gesetzen, die durch alte Tradition festgelegt sind, muß meiner naturgegebenen Veranlagung zutiefst zugesagt haben und bis weit in mein Alter hinein zusagen.
   Das Einjährigenjahr schloß mit einer Prüfung ab, die die Eignung zum Reserveoffizier dartun sollte. So kamen wir Kameraden im Herbst 1903 wieder nach Graz – und ich wurde Rangerster der vier Regimenter. Nach den damals geltenden Bestimmungen hatte das zur Folge, daß ich zum darauffolgenden 1. Januar 1904 ein Dekret erhielt, das ich heute noch getreu verwahre: »Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschließung von 23. Dezember 1903 Sie zum Leutnant in der Reserve mit dem Rang vom 1. Jänner 1904 ... allergnädigst zu ernennen geruht.« Diese allzu rasche Beförderung von Einjährigen zu Reserveoffizieren wurde übrigens wenige Jahre später abgeschafft.
   Es kamen, um wieder einmal vorzugreifen, drei flotte Waffenübungen, bei denen meine aktiven Kameraden mir zuredeten, das Studium an den Nagel zu hängen und mich aktivieren zu lassen; und dann kam die vierte und letzte Waffenübung im Sommer 1914, zu der mich, siehe später, meine junge Frau nach Görz begleitete. Danach wollte ich »Kaisers Rock« nur noch zu besonderen Anlässen wie etwa Kaisers-Geburtstags-Feiern, anziehen. Es kam anders – aber noch sind wir nicht soweit.

Fortsetzung und Beendigung des Studiums

Das Militärjahr hatte meine geringe Hinneigung zum Studium an der Technik eher noch verstärkt. Aber ich mußte eben die Vorlesungen und Konstruktionsübungen aus dem Maschinenbau durchstehen. Hätte es damals eine Fakultät für Elektrotechnik bereits gegeben, so wäre mein Studium erfolgreicher verlaufen. Besonders die Konstruktionsübungen ödeten mich an – ich war mein Leben lang nie ein Konstrukteur. Daneben hieß es, Geld zu verdienen. Meine Mama konnte mir begreiflicherweise nur einen bescheidenen Monatsbetrag zur Verfügung stellen – und ich wollte mir in dem schönen Wien keine unerfreulichen Beschränkungen auferlegen. Ich sah mich also nach Verdienstmöglichkeiten um. Da war vor allem die Herausgabe der [p18] Vorlesungsskripten des Professors Zahulka über »Allgemeine Elektrotechnik«. Professor Zahulka, als akademischer Lehrer eben neu bestellt, trug recht undeutlich vor; außerdem war dieses Pflichtkolleg für viele Studenten, die Maschinenbauer werden und bleiben wollten, stark abseitig. Über mein Ansuchen erteilte mir Zahulka, der mich auch während und nach den Vorlesungen öfter heranzog, die Bewilligung zur Herausgabe seiner Vorlesung – darüber hinaus, er korrigierte meine Entwürfe, sodaß diese Skripten den Wert der Authentizität hatten und glänzenden Absatz fanden. Den Vertrieb hatte übrigens ein findiger jüdischer Kommilitone übernommen. Eine andere Verdienstquelle war das Zeitungsschreiben. Hugo Greinz, durch Jahre Verlobter meiner Schwester Mitzi und während dieser Zeit mit mir sehr befreundet, war Redakteur der Wiener Tageszeitung »Die Zeit«. Er machte mich mit vielen Mitgliedern der Wiener Journalistik, überwiegend Juden, bekannt, und ich wurde ein gelegentlicher Mitarbeiter des »Neuen Wiener Tagblattes«, einer auf ausgedehntem Inseratenstock basierenden, besonders reichen Zeitung. Man zahlte mir gute Zeilenhonorare. So florierten Geselligkeit, Wiener Nachtleben – die Technik, besonders das Konstruieren im Zeichensaal, kam zu kurz.
   Im Jahre 1906 gab mir die Technik das »Absolutorium«, die Anerkennung, daß ich alle für die II. Staatsprüfung des Maschinenbaus erforderlichen Vorlesungen gehört hatte. Nun aber entschloß ich mich, meine liebe Mama finanziell ganz zu entlasten, und nahm eine Stelle als Assistent für Elektrotechnik am Technologischen Gewerbemuseum in Wien an. Dieses Institut war und ist noch heute eine höhere Gewerbeschule, welche Mittelschulingenieure des Maschinenbaus und der Elektrotechnik heranbildet. Obwohl mein Titel »Assistent« lautete, hatte ich dort zu unterrichten und wurde von den Schülern mit »Herr Professor« angesprochen. Heute noch besucht mich manchmal einer der Überlebenden meiner damaligen Schüler und will mich, obwohl ich ihn unter dem Lächeln meiner Frau Mariann streng anblase, mit »Herr Professor« titulieren.
   Im Sommer 1909 aber machte ich Schluß – das heißt, ich trat zur II. Staatsprüfung aus dem Maschinenbau an, nachdem es, wie schon erwähnt, keine Möglichkeit gab, diese Prüfung aus Elektrotechnik abzulegen. Mein Prüfungserfolg war unter mittel – von meinen vielen Zeugnissen dürfte das über die II. Staatsprüfung aus Maschinenbau wohl das schlechteste sein. Aber ich war nun den »Kasten« los und konnte unbelastet an meine Karriere denken.

Mährisch Ostrau

Es boten sich mir in diesem Sommer 1909 zwei Stellungen: eine im Eisenbahnministerium – und eine bei der Mährisch Ostrauer Niederlassung der AEG-Union, der österreichischen Tochtergesellschaft der großen Berliner AEG. Zu dieser letzteren Möglichkeit, für die ich mich entschied, war [p19] ich durch Vermittlung meiner älteren Kollegen vom Technologischen Gewerbemuseum gekommen. Oberingenieur Ludwig Hoor, der Leiter des Ingenieurbüros Mährisch Ostrau der AEG-Union war mein Vorgänger auf dem Assistentensessel gewesen, den nunmehr ich inne hatte. Er fragte nach einem Ingenieur für seine Projektabteilung, die Kollegen nannten mich. So kam ich nach einem kurzen Sommerurlaub, den ich mit Mama und Schwester Fritzi auf einer besonders schönen Alpenreise verbrachte, nach Mährisch Ostrau.
   Tante Lotte, Schwester meiner Mutter, die sich bei vielen Gelegenheiten als meine Förderin, auch als pekuniäre, eingestellt hatte, hatte von meiner Berufswahl erfahren. »Unglaublich, was der Toni da macht! In’s Ministerium hätte er kommen können, was andere, wenn überhaupt, erst nach schweren Dienstjahren in der Provinz erreichen – und er geht zu einer AEG und obendrein nach Mährisch Ostrau!« Ich erzähle diese Anekdote, die ich meiner Mama verdanke, um zu erinnern, aus welcher schwer belasteten Beamtenfamilie wir Hödl-Held stammen.
   Ich könnte Ostrau, dem wenige Jahre später Witkowitz einverleibt wurde, die Stadt meines Schicksals nennen. Jahre vorher hatte mich mein Vater durch eine Besichtigungsfahrt nach Witkowitz zur Technik zurückgeholt, jetzt trat ich meine erste Stellung in der Industrie hier an, in dieser Stadt fand ich meine Frau, hier wurden meine beiden Kinder geboren. Es ist merkwürdig, daß ich mich noch heute an ein geringfügiges Detail wie meine Ankunft am Ostrauer Bahnhof an einem heißen Spätsommertag des Jahres 1909 erinnere und an meine Fahrt mit einer Pferdedroschke durch die Ostrauer Bahnhofstraße, an den Schächten der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn vorbei zum Hotel Imperial, wo ich zunächst einmal wohnte.
   Da war ich also Ingenieur in der Projektierung. Hoor, mein Chef, vor allem aber ältere Kollegen führten mich in die Geheimnisse der AEG-Preisliste ein, mit deren Hilfe man alle einfachen Offerte verfassen konnte – und die größeren wurden von Wien, notfalls von der Weisheitszentrale in Berlin eingeholt. Bald schickte mich Hoor hinaus zur »Akquisition«, also zur Verfolgung der Geschäfte. Ich hatte Erfolg und war daher immer mehr auf Reisen, in Nordmähren, Schlesien und im westlichen Teil von Galizien. In den letzterwähnten Gebieten des alten Österreich habe ich mir meine Kenntnisse des jüdischen Lebens, des jiddischen Witzes erworben.
   Hoor war, selbst getaufter Jude, wie fast alle intellektuellen Juden jener Zeit für Assimilierung ihrer selbst und ihrer Rassengenossen. Ein Mann von großer geschäftlicher Begabung, dabei von persönlichem Charme; ich verdanke ihm viel, vor allem erinnerte ich mich Gottlob oft, als ihn seine Zuckerkrankheit schon weggeholt hatte, seiner wiederholten Mahnungen »Nicht nur kritisieren, nicht so viele sarkastische Bemerkungen in Ihre Briefe einflechten! Freunde erwerben!« [p20]
   Ein paar Worte über die technischen und persönlichen Voraussetzungen des Ostrauer Reviers. Das Ostrau-Karwiner Kohlenbecken, das sich von Mährisch Ostrau in südöstlicher Richtung über Orlau – Dombrau nach Karwin erstreckt, besitzt die beste Kokskohle der gewesenen österreich-ungarischen Monarchie. Während das angrenzende Oberschlesien eine hervorragende Feuerungs- und Hausbrandkohle liefert, ist die Ostrauer Kohle in ihren Eigenschaften als Koks-, also Hochofenkohle, nur vergleichbar mit der Ruhrkohle. Im Revier waren zwei große Konzerne herrschend: die Witkowitzer Bergbau und Eisenhüttengewerkschaft, Besitzer je zur Hälfte die Häuser Rothschild und Guttmann Wien – und die Österreichische Bergbau- und Eisenhüttengesellschaft, Wien, hervorgegangen aus dem Besitz des Erzherzogs Albrecht, des Siegers von Custozza im Teschner Schlesischen Herzogtum. Die erstgenannte, eine Gewerkschaft mit hundert Kuxen [der Kux, tschech.-mlat., börsenmäßig gehandelter Bergwerksanteil] nach uraltem Bergrecht, wurde geführt von zwei feindlichen Brüdern: das Eisenwerk Witkowitz stand unter der Leitung von Generaldirektor Schuster (übrigens ein Antisemit als Diener zweier jüdischer Herren), die Witkowitzer Steinkohlengruben unter der des Zentraldirektors und Oberbergrates Dr. August Fillunger. Die beiden leitenden Herren hatten keine einvernehmliche Plattform – und von Wien kamen zu »Gewerkschaftskonferenzen« die Prokuristen der beiden Häuser, für Rothschild Ing. Pollak, für Guttmann Dr. Blauhorn. Ich glaube, gelegentliche Unstimmigkeiten unter den beiden leitenden Herren waren ihnen gar nicht so unerwünscht, konnten sie doch derart ihre eigene Wichtigkeit verstärkt dokumentieren. Zweifellos hatte der Kohlenbergbau das schwerere Los, denn die Eisenproduktion genoß, dank des festgefügten österreich-ungarischen Eisenkartells, derart glänzende Preise, daß ihre Profite wesentlich höher waren als die des Kohlenbergbaus. Das erzeugte bei den Stahlproduzenten eine an Dünkel grenzende Einbildung, die mein späterer Schwiegervater mit dem treffenden Wort vom »metallurgischen Größenwahn« kennzeichnete.
   Dr. Fillunger, Leobner Bergingenieur und Dr. jur., war der anerkannte Führer des Ostrauer Kohlenbergbaues. Nach der Seite der Besitzer verschaffte ihm seine auf die Studentenzeit zurückgehende Freundschaft mit Max von Guttmann, dem Seniorchef des Hauses Gebrüder Guttmann, eine unangreifbare Position. Er war ausgezeichnet mit dem Orden der Eisernen Krone, mit dem preußischen Adlerorden, da zwei der ihm unterstehende Schächte jenseits der Oder in Deutschland lagen. Anläßlich der Verleihung des Titels eines Oberbergrates mußte er (in einer von ihm nur einmal getragenen Bergmannsuniform) bei Kaiser Franz Josef in Audienz erscheinen. Er war eine Persönlichkeit; einmal sagte ein Kritiker, lange bevor ich noch sein Schwiegersohn war: »Die Arbeit läßt er die anderen machen!« Das war vielleicht seine größte Kunst, das Abschütteln des Details.

Mährisch Ostrau, die Geselligkeit

Hoor sorgte dafür, daß ich bald nach meiner [p21] Ankunft in die Tafelrunde der »führenden« Junggesellen Mährisch Ostraus aufgenommen wurde. Diesem Stammtisch mit Sitz im Hotel Imperial gehörten an:

Hans von Höfer, Leobner Bergingenieur und Jurist, damals Oberkommissär des Revierbergamtes in Mährisch Ostrau, der für den Bergbau wichtigen und hochangesehenen Überwachungsbehörde; später wurde er Direktor der Graf Wilczek’schen Kohlengruben – und noch später von seinem Gräflichen Chef mit dem Titel Generaldirektor ausgezeichnet. Hans Höfers außerordentliche gesellschaftliche Begabung und sein schlagfertiger, manchmal beißender Humor machten ihn zum Capo unserer Tafelrunde.

Hans Mautner, Leobner Bergingenieur und Dr. jur., Kommissär beim gleichen Revierbergamt, auf der Beamtenleiter, siehe Titel, eine Stufe tiefer stehend als Höfer, eben so wie dieser doppelter Akademiker. Sehr scharfer Verstand; als getaufter Jude galt er nicht ganz soviel wie seine christlich-arischen Kollegen.

Friedrich Klein, Jurist, k.k. Bezirkskommissär der Bezirkshauptmannschaft Mährisch Ostrau – eine psychologisch interessante Persönlichkeit. Aus wohlhabender Familie stammend, hatte er nach Absolvierung seiner juridischen Studien eine Weltreise gemacht, um sich für den diplomatischen Dienst zu empfehlen. Trotz dieser kostspieligen Vorbereitung war er gegen die aristokratische Konkurrenz im auswärtigen Dienst nicht angekommen, ging daher zu der um einige Grade bescheideneren Innenverwaltung und war als Bezirkskommissär der Stellvertreter des Bezirkshauptmannes – jedenfalls eine hochangesehene Stellung. Für mich wurde er etwa eineinhalb Jahre später interessant, als ich merkte, daß er der von den beiden Müttern vorbestimmte Anwärter auf Mariann Fillunger war. Ausnahmsweise darf einmal meine Frau mir etwas verdanken: Daß aus diesem Plan nichts wurde, »Fridolin« wäre kein Mann für sie gewesen!

Hugo von Höfer, Leobner Bergingenieur, der Bruder des Erstgenannten, war Betriebsleiter auf einem der Graf Wilczek’schen Schächte. Er besaß nicht die Verstandesschärfe seines Bruders, dafür den etwas robusten Humor des Couleurstudenten von der Leobner Bergakademie.

Hawlik, der älteste des Kreises, ein erfolgreicher und wohlhabender Baumeister und einer der ersten Privatautobesitzer in Ostrau.

Hans Ellinger, auch Leobner Bergingenieur und Jurist, Betriebsingenieur auf einem der Schächte der Witkowitzer Gruben, Sohn eines jüdischen Brünner Advokaten und entfernt verwandt mit dem Haus Guttmann – für ihn galt in höherem Maße, was ich oben über Dr. Mautner erwähnte.

Fritz Röhle, Dipl.Ing. der Elektrotechnik, Leiter des Ostrauer Büros der Siemens-Schuckert-Werke, von Abstammung Reichsdeutscher, der nur als gelegentliches Mitglied am Stammtisch erschien und sich bald verheiratete. [p22]

Der Stammtisch im »Imperial« war die Einführungskarte für die »gute Gesellschaft« von Ostrau. Eine unserer gesellschaftlichen Taten, an die ich mich heute noch erinnere, war die Veranstaltung des »Flottenvereinsballes«. Die Propaganda für eine Verstärkung der österreich-ungarischen Kriegsflotte war damals patriotische Mode. Über Anregung des weltgereisten Friedrich Klein riefen wir einen Ostrauer Zweig des »Österreichischen Flottenvereines« ins Leben und entschlossen uns zur Veranstaltung eines Balles unserer neuen Vereinsgründung. Unter anderen erschien dort, mit wallenden Reiherfedern im Haar, Grete Kulka, (jüdische) Fabrikantensgattin aus meiner Heimatstadt Jägerndorf. Baumeister Hawlik verliebte sich in diese schöne und interessante Frau. Im darauffolgenden Sommer mußten wir als seine Schützer vor ärgeren Gefahren mit ihm eine Autofahrt nach Jägerndorf machen – die erste Überlandfahrt meines Lebens [wohl 1910]. Bei der Party, so würde man’s heute nennen, im Kulka-Garten las uns Grete Kulka in blendender Laune aus den heute leider verschollenen Epen des jüdischen Lebens, Dichter nach meiner Erinnerung Wengraf, vor. Die witzigste ist der »Löwy-Ball«, von dem mir bis heute Verse im Kopf geblieben sind.
   Noch eine kleine Anekdote. Hans von Höfer pflegte alle gesellschaftlichen Ereignisse am Stammtisch zu besprechen, gewöhnlich mit seinem Humor gepfeffert. Da gab es alljährlich das Kostümkränzchen des »Beskiden-Vereins« (Beskiden, ein Gebirgsstock im Zug der Karpathen). Alle Damen, auch die Mütter, erschienen im Dirndlkleid, so auch Mama Kletzl, die nette, kleine, rundliche Gattin des Direktors der Rattimauer Zellulosefabrik. Am nächsten Tag imitierte Hans Höfer am Stammtisch eine Pressereportage über das Kränzchen und erwähnte: »... Unter den erschienen Damen fiel besonders auf Frau Direktor Kletzl in ihrem entzückenden Dirnengewand...«
   Selbstverständlich machte ich in den Familien, wo Geselligkeit getrieben wurde – gewöhnlich bestimmt durch das Vorhandensein von Töchtern – Antrittsbesuche, wurde sofort eingeladen und »gehörte dazu«.
   Am Stammtisch wurde ich geneckt mit meinen vielen Geschäftsreisen in die jüdischen Gebiete von Galizien, besonders als einer, ich glaube wieder Hans Höfer, herausbekommen hatte, daß ich in Rzeszów, einer fast ganz jüdischen Stadt, dem Geschäftsabschluß einer kleinen elektrischen Zentrale nachging. Nach der Behauptung des Spaßmachers war ein jiddisches Bad dabei.
   Ohne auf ein gebührliche Maß von Arbeit zu verzichten, lief das Leben leicht, harmlos, unbeschwert dahin...

Noch Mährisch Ostrau, Bergmannwerke

Ich habe bei dieser Schilderung des Freundeskreises und der gesellschaftlichen Verhältnisse übergangen, daß ich nach kaum halbjähriger Dienstleistung bei der AEG-Union Elektrizitätsgesellschaft meinen Dienst kündigte. Das kam so: Eines Tages eröffnete mir Hoor, mein [p23] Chef, bei einem Ausflug zu dem auf preußischem Ufer der »Landecke« gelegenen netten Restaurant, daß er sich entschlossen habe, die Leitung einer Neugründung »Österreichische Bergmann-Elektrizitätswerke« in Wien zu übernehmen. Er möchte mir die Gründung und Leitung eines Ostrauer Büros dieses Unternehmens übertragen. Ich schalte hier ein, daß in Berlin, damals dem Weltzentrum der Elektrotechnik, neben Siemens und AEG ein zunächst unbedeutendes Unternehmen, Bergmann, hochgekommen war. Die von ihm eingeführten Isolierrohre werden noch heute »Bergmannrohre« genannt. Aus den bei den Rohren erzielten Gewinnen baute Bergmann, ein absoluter selfmademan, seine Berliner Fabriken immer weiter aus und hatte nun mit der Errichtung einer österreichischen Erzeugungsstätte in Bodenbach in Nordböhmen, hart an der sächsischen Grenze, begonnen. Hoor übernahm die technisch-kaufmännische Leitung in Wien und zog gleich, nach bewährtem Rezept, ihm bekannte Leute von Siemens und der AEG zu sich hinüber, so den kaufmännischen Leiter seines bisherigen AEG-Büros und wie gesagt mich. Als Gehalt bot er mir etwa das dreifache meines bisherigen Einkommens, außerdem Umsatzbeteiligung. Wieder eine kleine Anekdote: Ich hatte auf Grund meiner Vereinbarung mit Hoor bei der AEG-Union gekündigt. Telefonisch kam darauf von der Wiener Direktion der Auftrag, der Generaldirektor (der jüdische Name ist mir entfallen) wünsche mich sofort zu sprechen. Also auf nach Wien, zum gestrengen Generaldirektor, den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte – das Renommee der Unentbehrlichkeit hatte mir offenbar Hoors Nachfolger verschafft. Der Generaldirektor erklärte mir nach allen Gesetzen der geschäftlichen Logik, welchen unüberlegten, unsinnigen Schritt ich tun würde, wenn ich wirklich zu den Bergmannwerken wechseln wollte. »Zu diesem unbedeutenden, auf bloße Spekulation gegründetem Unternehmen.« Und bot mir den [sic!] gleichen Gehalt an, den ich bei Bergmann beziehen sollte – also etwa den dreifachen meines bisherigen. Ich lehnte dankend ab, nicht nur, weil ich gegenüber Hoor fest verpflichtet war, sonder auch, weil mir dieses Hinaufmultiplizieren meiner bisherigen Bezüge bei gleicher Leistung wie bisher mißfiel.
   Der Start meines »Ingenieurbüro der Österreichischen Bergmann-Elektrizitätswerke« ging gut vonstatten. In kürzester Zeit hatte ich einen schönen Auftragsstock aufgebaut. Meine gesellschaftlichen Verbindungen kamen mir zu gute; die Witkowitzer Werke, die Kohlengruben, die chemischen Fabriken in der Ostrauer Umgebung hatten großen Bedarf an elektrischen Einrichtungen – die Konjunktur lief auf hohen Touren, alles ging vorwärts. Nach kurzer Zeit mußte ich einen Assistenten aufnehmen, speziell für die nach den Lieferungen in großer Zahl anfallenden Montagen. Meine Wahl fiel auf Ing. Rudolf Schöfer. Er wurde später der Ehegatte von Hanka Lutonsky, einer Cousine meiner Frau. [p24]
   So wie er als Ingenieur mäßig war, so wohl auch als Gatte, denn Hanka ließ sich, Jahre später, von ihm scheiden.

Noch Mährisch Ostrau, aber Mariann Fillunger

Lange bevor ich Mariann Fillunger, meine spätere Frau, kennen lernte, »warf sie ihren Schatten voraus«. Einmal sprach Hans Höfer von Mariann, der Tochter des Zentraldirektors und Oberbergrates Dr. August Fillunger. Er schilderte die damals in England auf der Schule Weilende als ein besonders sympathisches Mädchen. Ein anderes Mal erwähnten zwei junge Damen der Gesellschaft, Mitzi Schmidhammer und Jata Dostal, »die Mariann«, welche in etwa einem halben Jahr aus England zurückkommen werde. »Mit der werden Sie keine Dummheiten machen, die ist Ihnen überlegen« – so ungefähr lautete das Urteil über die abwesende Freundin.
   Mariann kam in Sommer 1910 von ihrem einjährigen Schulaufenthalt in England zurück und ging mit ihrer Familie zur Sommerfrische nach Wildbad Innichen in Südtirol, ohne daß ich sie kennen lernte. Im Herbst waren wir alle wieder in Ostrau, es folgte ein Jahr des gesellschaftlichen Verkehrs. In Herbst 1911 kam’s zur Verlobung: Mama Fillunger hatte mich in ihre Loge im Ostrauer Stadttheater eingeladen und nach der Vorstellung auf ein Glas Wein mit nachhause genommen. Ich ging mir die Hände zu waschen, Mariann brachte mit ein Handtuch – in dieser wenig poetischen Situation explodierten die Gefühle... An einem darauffolgenden Samstagnachmittag durfte ich bei Papa Fillunger erscheinen, um um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Er war wahrscheinlich von dem Ingenieur in nicht sehr bedeutender Stellung nicht übermäßig entzückt, aber er stimmte eben zu, wie alle Väter in ähnlichen Lagen tun – oder tun müssen! Er gab mir die Belehrung mit auf den Weg: »Glauben Sie nur ja nicht, daß die Mariann so einfach zu behandeln ist.« ... Daß mein Verhältnis zu Papa Fillunger später – ich werde noch davon erzählen – ein besonders vertrauensvolles wurde, habe ich oft als eine persönliche Eroberung betrachtet.
   Nun sagte ich mir, daß ich von Ostrau wegzustreben habe. Sollte ich weiter als Leiter eines Ingenieurbüros elektrische Einrichtungen verkaufen, wenn möglich gestützt, wenn auch nicht unter Berufung, auf die Autorität meines künftigen Schwiegervaters? Ich entschloß mich zur weitaus größten elektrotechnischen Firma, den Siemens-Schuckertwerken in Berlin, überzugehen. Durch meinen Freund (und Konkurrenten) Roehle [oder Roelle], den in Berlin sehr angesehenen Leiter des Ostrauer Büros der SSW, ließ ich mich in Berlin einführen mit meinem Vorschlag: Ich möchte die Leitung einer der großen Niederlassungen von SSW-SH (Siemens Schuckert – Siemens Halske) übernehmen, am liebsten im spanisch sprechenden Ausland.
   Der Vorschlag wurde, vorbehaltlich einer gründlichen Erprobung, angenommen. Es kam ein Vertrag zustande, wonach ich eine längere Lehrzeit in den Fabriken und Büros von SSW und SH in Berlin durchmachen und gleichzeitig die spanische Sprache erlernen sollte, um dann in’s Ausland, voraussichtlich Südamerika, zu gehen. [p25] So nahm ich, nach meiner Erinnerung Ende 1911 oder Anfang 1912, von Ostrau schweren Herzens Abschied und ging nach Berlin.

Berlin, Lehrzeit bei Siemens-Schuckert, Verehelichung

Da war ich also, ein keines Würmchen, in der Hauptstadt des mächtigen, hoch angesehenen Deutschen Reiches. Einsam und allein hauste ich in meinem Junggesellenzimmer, aus war’s mit dem so angenehmen geselligen Leben in Ostrau. Heute bin ich überzeugt, daß die scharfe Abschreckungskur aus der österreichischen Gemütlichkeit in Ostrau in die preußische Zucht Berlins für mich eine heilsame war.
   In den Siemens-Schuckertwerken war ich dem Büro AZ 2, abgekürzte Bezeichnung für »Abteilung Zentralen, Projekten-Büro«, zugeteilt. Dort hatte meine Ausbildung zu beginnen. Der Abteilungsleiter, Oberingenieur und Bevollmächtigter, später Prokurist Julius Laufer (daß auch er ein Jude war, läßt meine ständige Begegnung mit Juden beinahe schicksalhaft erscheinen) hatte ein Gesamtprogramm aufzustellen, und ich danach meine Rundtour durch die technischen Abteilungen und Werke von SSW und SH zu absolvieren. Unter Laufer, zu dem ich rasch ein vertrautensvolles Freundschaftsverhältnis gewann, arbeiteten, auch mit dem Titel von Oberingenieuren, Friedländer (wieder Jude) und Türk, letzterer der Theoretiker der Abteilung. Die höheren Chefs, mit denen ich nur gelegentlich Kontakt hatte, waren Dr. Ing. Wallem und Werner, [»letzterer« gestrichen] dieser Direktor aller Zentralenbau-Abteilungen und Vorstandsmitglied der SSW.
   Wir hatten durchlaufende Arbeitsstunden, aßen daher mittags gemeinsam im »Kasino«. Laufer hatte mich liebenswürdiger Weise im Oberingenieurkasino eingeführt (es gab drei oder vier Rangstufen für’s Essen), ich lernte dort rasch den schlagfertigen preußisch-Berlinerischen Witz kennen und schätzen. Um fünf Uhr war Büroschluß, ich ging meistens in ein nahe gelegenes Café und dann nachhause, Briefe schreiben, in Theater usw.
   Während meiner Lehrzeit bei AZ 2, also noch bevor ich in die anderen Abteilungen geschickt worden war, beschäftigte ich mich mit dem sehr bedeutenden Projekt einer Überlandzentrale für »Gewerkschaft Zukunft« im Kölner Braunkohlenrevier. Laufer war, wie er mir später selbst sagte, überzeugt, daß aus dieser Sache doch nie etwas werden würde und übertrug mir unbesorgt auch die akquisitorische Verfolgung des Projektes. Oftmals fuhr ich nach Köln (Wohnung Domhotel), stellte die Bankverbindung unseres Interessenten sowohl in Köln als auch in Berlin fest – und zum Schluß brachte ich den Millionenauftrag heim. Dieses Geschäft »Zukunft«, man beachte das Omen, hat mein Ansehen bei SSW sehr gehoben und führte zum Antrag Laufers und seiner vorgenannten Chefs, ich möge auf meine Südamerika-Pläne verzichten, bei AZ in Berlin bleiben.
Alben Ostrau-Berlin 22.jpg    Die größte Freude über diese Entwicklung empfand, so glaube ich, meine künftige Schwiegermutter, [p26] Mama Irene Fillunger. Immer war es für sie ein drückender Gedanke gewesen, daß ihre Mariann irgendwohin nach Südamerika heiraten solle. Ob vor den Sommerferien 1912, die wir alle im schönen Wildbad Innichen verbrachten, die Entscheidung Berlin schon gefallen war, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls aber kam Mama Iren zusammen mit Mariann 1913 nach Berlin, um zu dritt unter den von mir zur Wahl gestellten Wohnungen zu entscheiden. Die Entscheidung fiel auf eine Neubauwohnung in einem der modernsten Viertel Berlins, Westend, Lindenallee № 13. (Würde ich an Glückszahlen glauben, so müßte ich 13 jedenfalls als die meine betrachten.) Durch einen Zufall verwahre ich noch heute den uns damals für Werbezwecke (Werbung für Wohnungen gab’s einmal!) übergebenen Plan dieser eleganten Fünfzimmerwohnung in nächster Nähe des Reichskanzlerplatzes. Wir bestellten die Möbel, die Teppiche, es wurde für eine »standesgemäße« Unterbringung von Mariann und ihrem Mann gesorgt... Als Mariann und ich im Jahre 1962 unseren in Berlin bei der AEG praktizierenden Enkel Fritz besuchten, wanderten wir zur Lindenallee 13; Haus, Vorgarten, Aufzug, alles war wie vor 49 Jahren – nur etwas grauer und älter geworden. Nicht einmal der Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges hat das Haus mitgenommen.
   Nur etwas machte ich meiner Schwiegermama Iren zum Vorwurf – sie schob den Zeitpunkt unserer Verehelichung immer weiter hinaus. Aber einmal war auch das überstanden: am 6. September 1913, unmittelbar nach den Sommerferien, war große Hochzeit in Mährisch Ostrau. Der von mir oft scherzweise im Zusammenhang mit der Gehorsamspflicht der Frau zitierte Pfarrer Spička [siehe Anmerkungen: die Unterstreichung bedeutet einen Hatschek] vollzog die Trauung. Beim glänzenden, von Köchin Toni bereiteten Hochzeitsschmaus meinte der Hochwürdige Herr, der keine Ahnung von einer Elektrotechnik hatte, gesprächsweise zu meinem Schwiegervater »Da wern’s dem Herrn Schwiegersohn wohl ein Kino kaufen, Herr Oberbergrat!«... Von meiner Familie waren meine Mama und meine Schwester Fritzi anwesend. Wir beide, die Hauptpersonen, verdrückten uns am Nachmittag und fuhren über Wien nach Molveno in der Brenta-Gruppe, das damals eine herrliche Einheit von Bergen und See darbot.
   Meine letzte, vierte Waffenübung, die ich im Jahre 1913 hätte ableisten sollen, hatte ich mit Rücksicht auf meine Eheschließung auf 1914 im freundschaftlichen Einvernehmen mit dem Regimentsadjutanten, Oberleutnant Winkler, verschoben. »Aber dann kommst du sicher, ohne daß du mir mit Gesuchen noch Schreibereien machst!« Als ich dann für Mai 1914 einberufen wurde, gab’s keine Ausrede – und obendrein ging ich ja sehr gern. Mariann kam bereitwillig mit; wir wohnten in Görz in einem angenehmen Hotel mit Parkfront, machten Besuch beim Regimentskommandanten Oberst Ritter von Ripper, einem eleganten Offizier alter Schule, es ging uns in jeder Hinsicht glänzend. Als ich dann mit dem Regiment auf den Artillerieschießplatz St. Peter im [p27] Karst marschierte, übersiedelte Mariann nach Abbazia. Nach Ablauf meiner vier Wochen holte ich sie dort ab, wir machten, soweit mir erinnerlich, einen Abstecher nach Venedig und fuhren dann über die damals »neuen« Alpenbahnen (Isonzotal-Villach-München) nach Berlin, um, wie ich schon früher erzählte, für Kaisers Rock einen Ruheplatz im Kasten zu suchen. Es kam aber anders.

Der Erste Weltkrieg

Wenige Wochen nach unserer Rückkehr nach Berlin, am 28. Juni 1914, wurden der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet. Die Hintergründe dieser von Serbien inspirierten Tat sind heute völlig klarliegend: Der Thronfolger plante weitreichende Änderungen im Gefüge der alten Monarchie. Er wollte den österreichisch-ungarischen dualistischen Staat in einen föderalistischen Mehrvölker-Bundesstaat umbauen, wobei die südslawischen Länder Ungarns, Kroatien und Slowenien mit dem österreichischen Dalmatien und Slowenien und vor allem mit den Reichslanden Bosnien und der Herzegowina zu einem südslawischen Staat im Rahmen der Gesamtmonarchie zusammengezogen werden sollten. Dadurch wäre Serbien ein wirtschaftlich notleidendes, kleines Balkankönigreich unter einer drittklassigen Dynastie geworden – und das mußte unter allen Umständen, selbst auf die Gefahr eines Krieges, verhindert werden. So kamen anläßlich des Besuches des Thronprinzenpaares die in Serbien geschulten Mörder nach Sarajevo, der Erste Weltkrieg nahm mit dem Fürstenmord seinen Anfang.
   Am 28. Juni 1914, einem Sonntag, waren Mariann und ich zum Rennen nach Grunewald gefahren. Wir saßen auf einer Tribüne, als Extrablätter verteilt wurden: »Der österreichische Thronfolger ermordet!« Dann rollte alles schnell ab: Ultimatum an Serbien, Teilmobilisierung in Österreich und Ungarn, da unsere Regierung damals glaubte, mit einer Strafexpedition gegen Serbien allein zum Ziele zu kommen. Zu den mobilisierten Korps gehörte das III. Graz, und zu diesem gehörte mein Feldkanonenregiment № 8, später № 28. An einem der letzten Julitage rief mich Mariann im SSW-Büro telefonisch an, ein eben eingetroffener Rekommando-Expreß-Brief enthalte meine Einberufung zum Regiment.
   Wie ein in die Schlacht ziehender Krieger fühlte ich mich, als ich nun von meinen Kollegen und Vorgesetzten bis hinauf zu Karl Friedrich von Siemens, dem Leiter des gesamten Konzerns, Abschied nahm mit der aufrüttelnden Mitteilung »Erste Einrückung im Hause Siemens«. Am Abend des gleichen Tages begleitete mich Mariann im Taxi zum Anhalter Bahnhof, von wo ein sehr guter Nachtzug über Prag nach Wien ging. Es gab einen kleinen Zwischenfall: Als wir durch den Tiergarten [p28] Richtung Anhalter Bahnhof fuhren, mußte das Taxi vor einem Demonstrationszug halten, der auf dem Weg zur Österreichischen Botschaft war. Die Berliner wollten scheinbar den Österreichern Courage und Rückgrat empfehlen. Als nun die Vorbeimarschierenden einen österreichischen Leutnant in Uniform und neben ihm die Gattin sahen und den Zweck unserer Fahrt erraten konnten, wurden wir Gegenstand lebhafter Beifallskundgebungen.
   Auf der Durchreise unterbrach ich meine Fahrt für ein paar Stunden in Graz, um meine Mutter und meine Schwestern zu sehen – und weiter ging’s nach Görz. Ich war in drückender Sorge, mein Regiment könnte schon an irgend eine Front abmarschiert sein. Aber ich kam noch reichlich zurecht...

Mit dem Feldkanonenregiment № 8, später 28, im Krieg. Der Beginn

So lange Österreich die Hoffnung hegte, daß der Krieg sich auf eine Strafexpedition gegen Serbien beschränken werde, wurden nur drei Armeekorps, das Grazer, ein weiteres österreichisches und ein ungarisches, mobilisiert, wohl auch in der Absicht, den übrigen Großmächten zu zeigen, daß Österreich keinen allgemeinen Krieg heraufbeschwören wolle. Nach dem Eintritt von Rußland, Frankreich, England als Gegner und Deutschland als Verbündeter wurde die allgemeine Mobilmachung ausgesprochen und unser Grazer III. Korps hatte – wahrscheinlich auf Grund der alten Aufmarschpläne – gegen Rußland zu kämpfen. Der Abtransport verzögerte sich; wir saßen noch viele Tage in Görz, führten »kriegsmäßige Übungen« im Gelände durch, saßen stundenlang im Café Corso und schwelgten in Phantasien über unseren bevorstehenden Einmarsch in Kiew. Die überzähligen Offiziere und die älteren Jahrgänge mußten bei der Ersatzbatterie in Görz zurückbleiben, mit Bitten gelang es mir, einem nicht mehr zu den Jüngsten Zählenden, meine Einteilung wenigstens als Kommandant des Regimentsgefechts- und Provianttrains zu erreichen. Zunächst kein Posten, auf dem große militärische Ehren in erreichbarer Nähe zu liegen schienen...
   Ich will der Versuchung widerstehen, die mir unvergeßlich bleibenden Einzelheiten der ersten Kriegswochen zu erzählen. Jedenfalls hat mein verehrter, fast allzu tapferer Oberst lobend hervorgehoben, ich hätte in dem Durcheinander, das nach wenigen Kampftagen und schweren Verlusten herrschte, Ruhe, Besonnenheit und Initiative bewiesen. Ich hielt, oftmals die Pistole in der Hand, eisern die Disziplin bei meinen Leuten aufrecht. Als der Regiments-Proviantoffizier ausfiel, übernahm ich einfach die Beschaffung der »Menage«, und [p29] es klappte bei FK8 [Feldkanonenregiment № 8] viel besser als bei den anderen Regimentern der gleichen Infanterie-Truppendivision. Nächtliche Ritte durch angeblich von Kosaken durchsetzte Gebiete – der Ruf »Kosaken kommen« löste damals überall Panik aus – von zwei Unteroffizieren begleitet, erreichten den Zweck, Munitions- oder Verpflegskolonnen zu finden, die bei der allgemein herrschenden Unordnung vergessen worden waren und gerne ihre Schätze abgaben.
   Als unser Regimentsadjutant Oblt. Winkler [?] erkrankte und in’s Hinterland abging, befragte Oberst Ritter von Ripper eine Versammlung seiner Batteriekommandanten, wen sie ihm als Nachfolger vorschlagen. Die Wahl fiel auf mich. Für damalige Verhältnisse, wir waren ja erst im Spätherbst 1914 [ins Feld gezogen,] und die Reserveoffiziere hatten sich noch nicht so durchgesetzt wie später, war die Kommandierung eines Leutnants in der Reserve zum Regimentsadjutanten eine ganz besondere Auszeichnung.

Regimentsadjutant an der russischen Front

Nur kurz arbeitete ich unter Oberst von Ripper, er übernahm das Kommando der Artilleriebrigade, welche die vier Artillerieregimenter des Korps umfaßte. Sein Nachfolger als Regimentskommandant wurde Oberstleutnant Rohrhofer, unter dem ich weit über ein Jahr diente. Er ließ mir freie Hand in einem Maße, das manchmal über die dem Adjutanten zustehende Befugnis hinausreichte.
   Einzelheiten sind heute vergessen oder uninteressant. Erhalten bleibt mir die Erinnerung an den Winter 1914 auf 1915 in Galizien und den Karpathen, an schwere, entmutigende Rückschläge in Ostgalizien, die auf den Verlust von Lemberg folgten, an einen Nachtmarsch über den Dukla-Paß und den Rückzug nach Ungarn. Weihnachten 1914 verbrachten wir in einem Karpathenwald; auf einem Fleck, den wir vom Schnee gesäubert hatten, mußten unsere Burschen ein Feuer unterhalten, das uns bei unserem Lager auf dem Waldboden wenigstens einseitig wärmte. Irgendeinmal zu Anfang 1915 kamen wir nach Komlospatak – alle slowakischen und ukrainischen Dorfnamen waren ins Ungarische übersetzt – wo wir durch die Flucht von Teilen des Triestiner Hausregimentes № 97 Geschütze und den Batteriekommandanten Hptm Scheuer verloren. Weiter zurück ging’s bis in den Raum von Krakau. Ich habe das Ertragen von Strapazen unter Bewahrung des Humors im Kriege erlernt.
   Die entscheidende Wendung zum Besseren brachte die Schlacht bei Gorlice, einem Städtchen östlich von Krakau, soviel mir heute erinnerlich am 1. Mai 1915. Unter deutscher [p30] Führung, von Mackensen, durchbrachen deutsche und österreichische Truppen die russischen Linien, die dort an ihrem Angelpunkt von der Nord-Süd-Aufstellung in die West-Ostlinie standen. Da unser Vormarsch im vollen Schwung des Erfolges weiter nach Osten vorstürmte, wurden die russischen Verbände in den Karpathen abgeschnitten. Die Zahl der Gefangenen wuchs von den Zehntausenden in die Hunderttausende, ein Jubel ohne gleichen herrschte in der Armee und im Hinterland. Unsere Truppendivision, die schon genannte 28. I.T.D. [Infanteriedivision], stand im Winkelpunkt und hatte strengen Befehl, keinesfalls anzugreifen. Je später der Gegner merkte, daß er vom Norden und Nordosten abgeschnitten war, desto vollständiger war seine Niederlage.
   Durch Verkürzung der Front fielen wir aus, wurden nach der Bukowina transportiert, wo der Russe einen Gegenstoß zur Entlastung seiner Westfront eingeleitet hatte. Es ging gut, die Fronten kamen zum Stehen, wir aber mußten nach Süden.

Geburt des Heinz, italienische Karstfront

In diese Zeit, also vor Gorlice, fällt ein erfreuliches Familienereignis: Die Geburt des Heinz. Am 4. 4. 1915, einem Ostersonntag, kam im Hause meiner Schwiegereltern in Mährisch Ostrau unser Ältester, Sohn Heinz, zur Welt. Mariann war nach meinem Einrücken von Berlin aus zu ihren Eltern nach Ostrau gegangen. Ich hatte mir meinen ersten Fronturlaub so eingeteilt, daß ich zur Geburt des Kindes daheim war. Stolz auf den angekommenen Sohn, aber auch auf den »Frontsoldaten«, der das damals noch seltene »Signum laudis mit Schwertern« auf der Offiziersbluse trug, so stolzierte ich zu den Ostertagen 1915 in Ostrau einher.
   Wieder zurück zum Regiment, Mai 1915: Italien erklärte Österreich den Krieg. In seinem Aufruf an die Völker Österreich-Ungarns sagte Kaiser Franz Josef I mit Recht: »Ein Treuebruch ohne gleichen...« Unsere 28. ITD wird aus der Front bei Horodenka in der Bukowina herausgezogen und auf den Karst gebracht, etwa halbwegs zwischen Triest und unserer Friedensgarnison Görz eingesetzt. Es war das Plateau von Doberdo, welcher Name später, nach monatelangen Kämpfen, einen berühmt-berüchtigten Klang bekommen sollte. Bevor noch den Batterien ihre FeuersteIlungen angewiesen worden waren, wollten Rohrhofer und ich uns über die allgemeine Lage orientieren. In einer der ersten Nächte ritten wir gegen Doberdo, ein armseliges, in Trümmer geschossenes Dorf, und besuchten Oberst Hossner, den Kom[p31]mandanten des zu unserer Division gehörenden Infanterieregiements № 47 in seiner Doline. Nach freudiger Begrüßung und dem obligaten Glas Wein beginnt Rohrhofer: »Wie sind die Italiener als Soldaten?« Hossner [oder Hoßner, Großvater hatte kein ß auf der tschechischen Maschine, keine Klammern, dafür Hatschek. fj]: »Ja weißt’, Rohrhofer, das kann ich dir ganz einfach erklären. An der russischen Front hab’ ich am Abend höchstens die Stiefel ausgezogen, Bluse oder Hose leichter geknöpfelt, man hat nie wissen können, ob diese verdammten Russen nicht in der Nacht irgendwo durchbrechen. Hier...? Ganz ausziehen tun wir uns, gelt Luis (zu seinem Offiziersdiener gewendet). Ein Nachtangriff der Italiener – vielleicht; aber mit Courage und Energie sicher nicht!« Diese Schilderung das bewährten Regimentskommandanten von IR 47 ist mir geblieben.
   Am Plateau von Doberdo, später zurückgenommen auf das Plateau von Costanjevizza, war der persönlich zu tragende Mangel nicht mehr so groß wie in den ersten Kriegsmonaten in Galizien und besonders in den Karpathen. Wir als Regimentskommando hatten fast immer eine verlassene Bauernhütte, wo wir uns mit unseren Telefonen unter Dach etablieren konnten.

Italienische Südtirolfront

Etwa April 1916 wurde unsere Division von der Karstfront abgezogen und nach Südtirol gebracht. So oft wir heute durch das Dorf Lavis, knapp nördlich von Trient, fahren, erinnere ich mich daran, daß wir vor [bei der ersten Niederschrift noch »knapp«] fünfzig Jahren in Lavis auswaggonierten, um über Trient, die Friccastraße und Carbonare auf die Hochfläche von Lavarone zu marschieren. Von Lavarone und der westlich benachbarten Hochfläche von Folgaria aus sollte der Stoß gegen die italienischen Linien im Raum Asiago-Arserio und der Durchbruch weiter nach Süden geführt und alle italienischen Heeresabteilungen, die weiter östlich standen, vor allem die starken Karst-Kräfte, abgeschnitten werden. Der strategisch glänzende Gedanke stammte vom österreichisch-ungarischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf, seine Durchführung scheiterte einerseits daran, daß die Deutschen gleichzeitig ihre gesamte Kraft zum Angriff auf Verdun einsetzten, andererseits an einer Entlastungsoffensive, welche die Russen gegen unsere Front in Russisch-Polen durchführten in der Absicht, uns zum Abziehen von Truppen aus Italien zu zwingen. Jedenfalls blieben wir armen Österreicher stehen, nachdem wir uns bis Asiago vorgekämpft hatten und in die italienische Ebene hinabsehen konnten. Es begann wieder der Stellungskrieg, unser Artilleriekommando wählte seinen Gefechtsstand auf dem Monte Erio, oberhalb der Sieben Gemeinden – und da blieben wir nun monatelang.
   Rohrhofer, für den Frontkrieg mit allen seinen Strapazen und Entbehrungen viel zu alt – wie die meisten höheren Offiziere des Ersten Weltkrieges – ging krank ins Hinterland ab, es [p32] folgte der viel Jüngere, elegante Major Kreisler; ohne die mindeste Fronterfahrung, ohne gründliches artilleristisches Können, aber ein glänzender Reiter. Mein Verhältnis zu diesem neuen Kommandanten blieb gut, er störte mich in meinen Agenden nicht.
   In diese Zeit fällt ein Ereignis von einschneidender Bedeutung: der Tod Kaiser Franz Josefs I. am 21. November 1916. Wir alle, Front und Hinterland, ahnten, daß dieses Ereignis folgenschwere Bedeutung haben werde. Der Alltag aber mischte, wie so oft, in das Leid ein paar Tropfen der Freud’. Diesmal war’s der Befehl, daß jedes Regiment einen Offizier und einen Unteroffizier nach Wien zur Beerdigung des Kaisers zu entsenden habe. Mein Regimentskommandant bestimmte mich. So stand ich am »Neuen Markt« in Wien, fast unmittelbar vor der Kapuzinerkirche, der Begräbnisstätte der Habsburger und sah den Leichenzug Franz Josef I. unmittelbar an mir vorbeiziehen, mit dem jungen Kaiser Karl (er wollte in der Geschichte Karl VII heißen), seiner Frau Zita und seinem Söhnchen Otto, dem heutigen Chef des Hauses Habsburg-Lothringen. Mein eingangs erwähntes freudiges Geschehnis aber ist, daß ich durch ein klug abgefaßtes, von der Front nach Ostrau gesendetes Telegramm erreichen konnte, daß Mariann nach Wien kam und wir zwei Tage außerhalb der nur alle Halbjahre eintretenden »Urlaubsgebühr« beisammen sein konnten.
   Wieder zurück auf den Monte Erio: Kreisler gab das Kommando bald an Oberstleutnant Salmann ab, mit dem ich mich wesentlich weniger gut verstand. Außerdem war das ständige Drängen meiner Frau, ich möge doch meine »Vernarrtheit« in den Kriegsdienst endlich zurückstellen; alle ihr bekannten Ingenieure hätten als Fachkräfte Hinterlandsstellungen erreicht, in denen sie angenehmer und gefahrloser dienen und sich noch um ihre Familien kümmern konnten.

Einschaltung: Wieder ein Glücksfall, der Siebenfahrerhof

Von den vielen Glücksfällen, die ich in meinem Leben zu verzeichnen habe, ist der Kauf des Siebenfahrerhofes, heute von meinem Altenteil aus betrachtet, wohl einer der glücklichsten. Ich glaube, daß ich ohne diesen Hof heute ein zweckloses und pekuniär gedrücktes Pensionistendasein führen müßte.
   Mit der Datierung der zeitlichen Zusammenhänge dieses Kaufes komme ich nicht ganz zurecht. Ich weiß, daß Mariann, wie bei vielen anderen Geschehnissen meines Lebens, Patin gestanden hat insofern, als sie meine »Verliebtheit in den Frontsoldatendienst« kritisierte und – siehe vorstehendes Kapitel – auf den erfolgreichen Egoismus anderer Ingenieure verwies. Diese Kritik hat, nach meiner Erinnerung, wesentlich dazu beigetragen, daß ich mich, wenn ich schon nicht im Hinter[p33]land war, wenigstens um eine wertbeständige Kapitalanlage durch Erwerb von Grund und Boden umsah. Mit Bestimmtheit erinnere ich mich, daß ich in einem Blättchen mit Namen etwa »Tiroler Grundstück- und Hypothekenmarkt« ein Inserat fand über »Waldbesitz im Sarntal« und daß ich dadurch mit Georg Kritzinger, Schweitzerwirt [mit t] in Sarnthein, dem Vorbesitzer, in Verbindung kam. Aber die Kalenderdaten stimmen mir nicht zusammen: Am 17. 1. 1917 ging ich von der Front am Monte Erio ab – vom 18. 11. 1917 ist die Wertschätzung über Hof und Wald durch einen Ingenieur des Bozener Forstamtes (Name mir entfallen und auf dem Gutachten unleserlich) und vom 22. 11. 1917, Geburtstag meiner Mutter, der Kaufvertrag mit Kritzinger datiert. Wenn ich wirklich, wie ich glaube, bei einer »Retablierung« in Bozen, Hotel Greif, die Zeitung las und das Inserat fand, wieso dauerte dann der Kauf die langen Monate meines Zwischenspiels in Lublin, meines Dienstanfanges im Kriegsministerium in Wien? Jedenfalls wurden mit Vertrag vom 22. 11. 1917 Mariann und ich zu je ein Viertel, Harry Fillunger zu ein Halb Eigentümer des Siebenfahrerhofes in den Gemeinden Sarntal und Ritten in Tirol. Der ganze Kauf war von mir als eine Art Familienband gedacht, deshalb ließ ich auch die beiden Geschwister von Mariann, Harry und Iren, teilnehmen, wobei der Anteil der damals noch minderjährigen Iren vorläufig auf den Namen des Harry geschrieben wurde. Geldlich hätten Mariann und ich den Hof, auch ein Mehrfaches davon, allein erwerben können. Laut Kaufvertrag betrug der Kaufpreis 60.000 österreich-ungarische Kronen, wovon 30.000 Kronen durch Übernahme einer Hypothek der Tiroler Landeshypothekenanstalt in Innsbruck, die andere Hälfte bar entrichtet wurden. Da ich die Hypothek nach Beendigung des I. Weltkrieges in entwerteten Kronen zu einem, auf Kaufkraft rückgerechneten nicht nennenswerten Betrag rückzahlte, mögen die tatsächlichen Gesamtkosten samt Spesen etwa 40.000 Kronen betragen haben – Kronen von 1917, die längst nicht mehr den Kaufwert von Goldkronen hatten – welcher Kaufschilling von den vier Erwerbern zu je einem Viertel eingezahlt wurde. Ich greife nun um 17 Jahre vor, wenn ich berichte, daß ich mit dem Vertrag vom 8. 10. 1934 von Harry und Iren, welche Geld benötigten, deren Anteile um zusammen 60.000 Lire nach meiner Erinnerung mit einem wesentlichen »schwarzen« Zuschlag, kaufte und auf die Namen der beiden damals minderjährigen Kinder Heinz und Marianne eintragen ließ. So sind wir seit meinem Kauf im Jahre 1917 seit mehr als 47 Jahren Besitzer des Hofes, der uns allen soviel Befriedigung und mir daneben freudige Betätigung gebracht hat.

Abgang von der Front

Ich muß nun, nach dieser zum Teil weit vorausgreifenden Abschweifung, wieder zur chronolo[p34]gischen Schilderung der Geschehnisse zurückkehren. Ich habe bereits erzählt, daß ich mich mit Salmann weniger gut verstand und daß Mariann drängte. So bat ich Obstlt. Salmann um meine Enthebung, die er mit schwungvoller Dankeskundgebung (Offiziersbefehl vom 17. 1. 1917) »im Namen des Allerhöchsten Dienstes« bewilligte. Ich ging zur Ersatzbatterie nach Steinamanger in Westungarn ab, wo mich nach kurzer Frist die Kommandierung zum Militär-General-Gouvernement in Lublin, vormals Russisch-Polen, erreichte.
   Ich kann das Kapitel über meine Frontdienstleistung im I. Weltkrieg nicht abschließen, ohne nochmals zu sagen, daß ich – schon seit meiner Einjährigenzeit – gerne Soldat gewesen bin. Mein Soldatentum hat mir viel persönliche Befriedigung, Hebung meines Selbstbewußtseins gegeben, daneben aber auch ein immer wieder bewährtes Vertrauen in meine Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit. Zunächst dem Kriegsdienst, an zweiter Stelle meinem vielen Skilaufen im späteren Zivilleben habe ich, neben Erbteil von meinen Eltern, meine bisher robuste Gesundheit zu danken.

Militär-Generalgouvernement Lublin, Tod meines Schwiegervaters

In meine ganz kurze, für des militärische Geschehen ganz unwichtige Dienstleistung als »Leiter der Eisenwirtschaftsgruppe« beim Militär-Generalgouvernement Lublin fällt ein trauriges Familienereignis, das unser weiteres Leben einschneidend beeinflußte: Der Tod meines Schwiegervaters Dr. August Fillunger. Nach ganz kurzer Krankheit (Embolie) verschied er am 27. 1. 1917. Die Familie entschloß sich, nach Wien zu übersiedeln.
   Ich war in den letzen Jahren zu meinem Schwiegervater in ein immer herzlicheres Verhältnis gekommen. Vielleicht waren da auch meine militärischen Erfolge schuld, ich kam ja fast zu jedem der halbjährlich fälligen Urlaube mit einer neuen Auszeichnung auf der Brust nachhause. Jedenfalls zog mich Papa Fillunger immer mehr ins Vertrauen, legte mir seine wunderbar geordneten Vermögensverhältnisse klar – die Fillunger-Erben wären heute noch wohlhabend, wenn das Goldkronenvermögen nicht durch die Inflation des I. Weltkrieges nahezu aufgezehrt worden wäre. Er hatte mich testamentarisch zum Vormund seiner beiden minderjährigen Kinder Harry und Iren bestimmt.
   Als nun Papa Fillunger so plötzlich starb, die Familie, ohne Führung durch die niemals »zur Witwe erzogenen« Mama Iren, nach Wien übersiedelte, war das Naheliegendste, daß ich eine Stellung als Fachmann im Kriegsministerium anstrebte. Wenn schon Hinderland, dann kann es gleich das Kriegsministerium in Wien sein!

Abteilung Eisenwirtschaft des Kriegsministeriums in Wien

Wenn ich heute über Sinn und Unsinn der Planwirtschaft lese, muß ich immer an meine damalige [p35] Tätigkeit denken. Wir hatten uns verschiedene Aufgaben zum TeiI selbst zurechtgeschnitten, zum Teil von ähnlichen deutschen Organisationen abgeguckt: einmal die Ausgabe von Eisenbezugs-Kontingenten, also von Bezugsscheinen für Eisen je nach der Kriegswichtigkeit der Anforderung; dann die Unterstützung der gesamten Eisenindustrie bei Beschaffung von Roh- und Hilfsstoffen; weiters die Heranziehung von Erzeugungsstätten im besetzten Feindgebiet; endlich die Abstimmung der Erzeugungsprogramme der Hüttenwerke, vor allem der Walzprogramme, derart, daß – unserer Meinung nach – jede Doppelspurigkeit vermieden werden sollte. Aber wie schaute das in Wirklichkeit aus...? Stümperhaft wie alle Planwirtschaften, die nicht von zwei Voraussetzungen ausgehen: souveräne Überlegenheit der Planenden – und gleichzeitig so lose Bindungen, daß den Ausführenden die Initiative nicht genommen wird.
   Für mich persönlich aber brachte meine Kommandierung zur »Eisenwirtschaftsgruppe des Kriegsministerium« einen ganz bedeutenden Erfolg, der die Grundlage zu meinem Aufstieg in der Industrie bildete. Ich kam in nahe Beziehungen zu Ingenieur Polak, dem Einzelprokuristen des Hauses Rothschild in Wien und Vertreter dieses Hauses in der obersten Leitung der »Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft«. Worauf sich die gute Meinung Polaks über meine Person gründete, weiß ich nicht – angeblich hat ihm mein Auftreten und eine Rede auf einer »Eisenwirtschaftstagung«, die unsere Abteilung des Kriegsministeriums in Wien veranstaltete, besonders gefallen. Sicher wird seine treue Erinnerung an meinen etwa ein Jahr vorher verstorbenen Schwiegervater, den Polak sehr schätzte, viel beigetragen haben. Jedenfalls wurde er mir ein beinahe väterlicher Freund.

Maschinenfabrik des Eisenwerkes Witkowitz

Polak brachte mich, gegen sicher nicht unbedeutende Widerstände, nach Witkowitz. Ich sollte hier ein paar Worte einflechten darüber, wie an fast allen Wendepunkten meines Lebens ein Jude gestanden ist. Und darüber, wie gut ich mich im Grunde immer mit Juden verstanden habe, bis zum Grade der herzlichen Freundschaft. Als aber der Antisemitismus nach dem zweiten Weltkrieg in der weiten Welt, wenigstens äußerlich, abgeflaut war, trat in mir ein gewisser Wandel ein. Ich begann nicht antisemitisch zu fühlen, sondern die Einstellung des Weltjudentums mit kritischen Augen zu betrachten. Schon immer war die Tendenz des Sich-Vordrängen-Wollens, der überheblichen Einschätzung der eigenen Person und der Wichtigkeit der eigenen Belange charakteristisch für den Juden – mein Freund Ernst Stiassni hat einmal in Brünn richtig gesagt: »Müssen denn wir Juden überall mitreden wollen?« – jetzt aber beginnt das Vordrängen unerträglich zu werden. Dazu ihre alttestamentarische Unfähigkeit, [p36] den Haß zu vergessen, sich zu einem ehrlichen Vergeben und Beendigen zu entschließen. Beinahe könnte ich, nach einem Leben der Freundschaft mit Juden, im Alter ein Antisemit werden...
   Nun aber zurück zu Ing. Polak des Hauses Rothschild und meinem Eintritt in Witkowitz. Das Eisenwerk war unterteilt in Betriebsabteilungen, an deren Spitze ein »Hütten-Oberinspektor« stand. Heute würde man diesen Männern wohl den Titel eines Abteilungsdirektors zuerkennen. Der größte Fertigbetrieb war die »Maschinenfabrik« unter Führung des Oberinspektors Leicht, ob seiner oft ungehörigen Gebarung sehr unbeliebt bei allen Konzernunternehmungen und vielen Kunden. Die Beschwerden waren zu den beiden »Gewerkschaftsräten«, den Herren Ing. Polak (Rothschild) und Dr. Blauhorn (Gutmann) gedrungen und hatten diese veranlaßt, beim Generaldirektor des Eisenwerkes, Sonnenschein, auf Abhilfe zu drängen. Offenbar hatte Polak mich präsentiert, Sonnenschein akzeptiert und Leicht war sofort schwer beleidigt zurückgetreten.
   Die Enthebung von meinem militärischen Dienst war bei der außerordentlichen Kriegswichtigkeit der Maschinenfabrik – sie hatte unter anderem die gesamte Munitionserzeugung dieses größten Eisenwerkes der Monarchie zu leiten – leicht zu erreichen. So trat ich am 15. Mai 1918 den Dienst in Witkowitz an, Mariann mit dem kleinen Heinz kamen aus Wien nach. Wir bezogen eine sehr geräumige Wohnung in einem Einfamilienhaus mit einem großen Garten ; der Bürodiener der Maschinenfabrik war mein Gärtner, er hielt eine Kuh, welche unseren Heinz versorgte.
   Ich fand eine an Umfang und Arbeiterzahl, etwa 4000 Mann, sehr bedeutende Fabrik vor. Der eigentliche Maschinenbau, besonders Bergbau- und Hütten-Einrichtungen, war nur die eine Sparte, eine besonders wichtige in jenen Kriegsmonaten war die Munitionserzeugung. Wir bekamen die Rohlinge vom Schmiede- und Preßwerk der sogenannten Gußstahlhütte und besorgten das Fertigdrehen. Eine andere eigentlich nicht in die Maschinenfabrik gehörende Fabrikation war die von Räderpaaren oder Radsätzen, wo wir wiederum nur den Fertigbetrieb darstellten, eine weitere der Bau von Eisenbahn-Weichen. Mein Stellvertreter war der Werkstättenchef, Hütteninspektor Ing. Wulkan, wiederum Jude, der sich durch mein Kommen, ich war jünger als er, begreiflicherweise gekränkt und zurückgesetzt fühlte. Mit der Zeit aber kam ich zu einem ganz guten Verhältnis zu Wulkan. Die einzelnen Sparten des Maschinenbaus wurden von Chefkonstrukteuren geleitet.

Kriegsende in Witkowitz, Geburt von Mariandl

Hier müßte ich, der chronologischen Ordnung halber, einschalten, daß ich noch vom Kriegsministerium aus, als k. und k. Hauptmann, die erste Aufforstung auf dem Siebenfahrerhof, und zwar auf der Lentsch, mit Lärchen in die Wege [p37] geleitet hatte. [Meine Mutter schreibt jetzt gern »Lends« für Lentsch, fj] Der Waldaufseher Haller von Lengmoos am Ritten leitete sie, als Arbeiter hatte ich russische Kriegsgefangene beschaffen können, die auf der Lentschhütte hausten und über den kärglichen, von mir beigestellten Polenta glücklich waren. Wieviele Baumpflanzungen ich wohl auf dem Siebenfahrerhof durchführte...?
   Mariann ging im Sommer mit Heinz nach Sarnthein; als sie mich einmal in Witkowitz besuchte, passierte das peinliche Abenteuer mit ihrem Steckenbleiben in Brixen, da sie die Beschaffung des Visums für die Rückreise in das »engere Kriegsgebiet« übersehen hatte. Aber auch das kam in Ordnung.
   Nur wir im Hinterland kamen immer mehr in Unordnung in dem Maße, als wir das traurige Kriegsende näher kommen sahen. Dann war der Zusammenbruch; ich erinnere mich einer Revolte unserer tschechischen Arbeiter der Munitionserzeugung, die Männer bedrohten den Abteilungsleiter, Wulkan kam ihm zu Hilfe und wurde von der randalierenden Masse tätlich bedroht. Auf Telefonruf eines Unbeteiligten renne ich hinunter in die Werkstätte – und meine Kriegserfahrung kommt mir zu gute. Wie ich ohne Tschechischkenntnisse die schreiende und tobende Menge zur Ruhe bringen konnte, weiß ich heute nicht mehr – sicher ist, daß in meiner Maschinenfabrik, zum Unterschied von zahllosen anderen Betrieben im tschechischen Land, keiner der Betriebsingenieure verprügelt wurde.
   Endlich hatten wir die nun entbehrliche Masse unserer Munitionsarbeiter draußen und konnten unser Haus auf Friedensfertigung umstellen: Maschinenbau für Bergwerke und Hütten, und dies im Verband der uns doch grundsätzlich feindlichen Tschechoslowakischen Republik. Fast alle Oberbeamten deutscher Volkszugehörigkeit des Eisenwerkes folgten dem wohlgemeinten Ratschlag unseres Generaldirektors Sonnenschein und nahmen die tschechische Staatsbürgerschaft an. So waren ich und meine Familie tschechoslowakische Staatsbürger und blieben es bis zum 15. März 1939.
   Die Umstellung auf Friedensproduktion war schwierig, es fehlten Aufträge umsomehr, als der »Großmaschinenbau« meiner Fabrik keine tragende Serienfertigung enthielt. Ich gestehe nicht ohne Eigentadel, daß, als ich nach insgesamt sechs Jahren Witkowitz verließ, eine solche Serienfertigung, trotz verschiedener Anläufe, noch immer nicht gefunden war. So war die Leitung der Maschinenfabrik ein ständiger Kampf um Aufträge, verbunden mit sehr vielen Reisen, die ja zum Großteil für mich jungen Mann Interessantes und Anregendes brachten.
   Die Maschinenfabrik des Eisenwerkes war hervorgegangen aus der Ausrüstungs- und Reparaturwerkstätte für die Hütten und Gruben des Konzerns und war allmählich weit über diesen Rahmen hinausgewachsen. Ich fühlte, daß ich frisches Blut durch neue Fabrikationszweige zuführen müßte; mein Generaldirektor Sonnenschein war nicht meiner Meinung – vielleicht hatte er vom Standpunkt des Hüttenwerkes aus gesehen recht. Meine Bemühungen führten zu einem Übereinkommen mit der kleinen [p38] Maschinenfabrik Fauck-Schenk in Messendorf bei Freudental (wo sich im wahrsten Sinn des Wortes die Füchse gute Nacht sagten), wir nahmen die Erzeugung von Tiefbohrgeräten nach den Konstruktionszeichnungen dieser Firma auf, die merkwürdigerweise ein ganz nettes Geschäft bis nach Argentinien aufgebaut hatte. Es waren Bohrapparate, die mit modernen amerikanischen nicht konkurrieren konnten. Für größere »Sprünge«, war Sonnenschein nicht zu haben, er fürchtete den Unwillen der böhmischen und mährischen Maschinenfabriken, die die Großabnehmer des Eisenwerkes waren.

Geburt von Mariandl. Freunde und Berufskollegen in Witkowitz

Am 13. 8. 1919 wurde in Witkowitz unsere Tochter Marianne geboren. Ich hatte im geheimen gewünscht, auch das zweite Kind möge ein Junge sein, erst für das dritte war das Mädchen vorgesehen. Später dankte ich Gott, daß wir ein Töchterlein hatten.
   Unser Freundeskreis in Ostrau-Witkowitz war bestimmt durch die alten Bindungen, die in die Zeit vor dem Weltkrieg zurückreichten. Da waren die beiden Ehepaare Hans und Hugo von Höfer, Bergdirektor beziehungsweise Betriebsleiter auf den Graf Wilczek’schen Gruben; das Ehepaar Jaroslaw Hawliček, er ein hervorragender Maschinen- und Elektroingenieur, Chef des Maschinenwesens der Witkowitzer Gruben, sie Dr. phil. und hochgebildeter Schöngeist; das Ehepaar Röhle, er Oberingenieur und Leiter des Büros der Siemens-Schuckertwerke in Ostrau. Wir machten allwöchentlich einmal »jour fixe«, abwechselnd im Hause je eines der fünf Ehepaare, es wurde geplant und gesprochen von Politik über Kapitalanlagen bis zum Tagestratsch.
   Dienstlich hatte ich die meisten Berührungspunkte mit Professor Korner und später mit Dr. Ing. Puppe. Korner war einer der tüchtigen – wie der Name sagt jüdischen – Brüder, die in Ostrau unter anderen einen führenden Advokaten gestellt hatten; sein Professorentitel leitete sich daher, daß er an irgendeiner Handelsschule gelehrt hatte. Er wurde berufen, um den finanztechnischen und buchhalterischen Apparat des Werkes zu modernisieren, was bestimmt in hohem Maße notwendig war. Durch sein Eingreifen zog er sich viele Feindschaften aus dem Kreis der Abteilungsvorstände, der »Oberinspektoren« zu, die meisten typische »Nur-Ingenieure«. Ich gehörte zu seinen wenigen Anhängern, da mir die Berechtigung seiner Reformen einleuchtete.
   Wesentlich später erschien als Direktor in Witkowitz Dr. Ing. Puppe, ein hervorragender Stahl- und Walzwerker, der ein grundlegendes Buch über Walzwerkstechnik geschrieben hat. Ihm wurde das sogenannte »Neue Werk« unterstellt, umfassend die kurz vor dem Weltkrieg auf dem grünen Rasen neu aufgebauten Stahl- und Walzwerksanlagen. Es war ein offenes Geheimnis, daß die Gewerken [der Gewerke: Mitglied einer Bergbaugenossenschaft. fj] Dr. Puppe gegen den Willen des Generaldirektors hereingesetzt hatten – und dementsprechend wurden sicher viele seiner geplanten Reformen durch Sonnenschein und den mit ihm eng liierten kaufmännischen Direktor Ing. Spitzer hinter[p39]trieben. Jedenfalls freundete ich mich mit Puppe an; vielleicht hat dabei auch eine Rolle gespielt meine Gegnerschaft zu Spitzer, der mir nicht wohlwollte und dessen Abneigung ich entsprechend erwiderte.

Lapp-Finze AG, Graz

Puppe war es, der mich meinen nächsten Sprung tun ließ. »Im strengsten Vertrauen« machte er mich einmal im Frühling 1924 aufmerksam, daß sein Freund, [gestrichen: der Direktor der seit den dreißiger Jahren nicht mehr bestehenden Verkehrsbank,] der Wiener Bankdirektor Broch, für die Finze AG in Graz (erst später hat die Firma ihren Namen in Lapp-Finze AG gewechselt) einen leitenden Direktor suche. Er brachte mich mit Broch zusammen, und dieser setzte beim Präsidenten des Unternehmens, dem Grazer Dr. August Finze, meine Ernennung zum Zentraldirektor durch.
   Als ich meinen bisherigen Generaldirektor Sonnenschein um meine Verabschiedung bat, war er recht ungehalten: »Die Mitarbeiter, die man am meisten heranzieht, die danken’s einem am wenigsten« usw. Die mir von Sonnenschein gebotenen höheren Bezüge reizten mich nicht, ich verlangte die Schaffung einer Direktorstelle mit Eingliederung der drei Fertig[ungs]betriebe Maschinen-, Kessel- und Brückenbau. Die Opposition meines bisherigen Kollegen, des an Jahren älteren Oberinspektors Baumann, Chefs der Kesselfabrik, scheint unüberwindlich gewesen zu sein. Sonnenschein ließ mich ziehen – Gottlob, in Witkowitz wäre ich versauert.
   In Graz erwartete den noch nicht 43jährigen »Zentraldirektor« eine ganz andere Aufgabe: Aus dem Schwermaschinenbau kam ich in die Kleineisenfertigung. Die alte Fabrik Graz, früher Lapp, machte Tür- und Fensterbeschläge, Schlosserwaren aller Art, während die Finze-Fabrik in Kalsdorf südlich von Graz Draht und Drahtstifte, Schrauben, leichte Schmiedestücke und Grauguß erzeugte. Das Unternehmen war aus der Fusion der beiden Firmen Lapp und Finze hervorgegangen. Da diese Fusion vom Inhaber der Finze AG, Dr. Finze, geplant und durchgeführt worden war, so gab er der vereinigten Firma seinen Namen und wurde Präsident. Der Direktor der kreditgewährenden Bank war Vizepräsident, die Führung lag bis zu meinem Eintritt beim Delegierten des Verwaltungsrates, einem Dr. Winkler. Es klappte nicht, der Schuldsaldo bei der Verkehrsbank stieg von Monat zu Monat, Broch bestand auf Einsetzung einer neuen Leitung unter Androhung der Kreditsperre – und so [gestrichen: kam ich nach Graz] mußte Finze nachgeben und Winkler gehen.
   Während Broch mich aufmerksam machte, ich möge mir vom Präsidenten Dr. Finze, der täglich ins Büro kam, ja nichts dreinreden lassen, bemühte sich Finze zunächst, die oberste Leitung weiter in [p40] der Hand zu halten. Als er merkte, daß ich mich um seine Willensäußerungen nicht viel kümmerte, fügte er sich in die neue Lage, und unser persönliches Verhältnis wurde ein recht angenehmes.
   Organisatorisch habe ich in den zwei Jahren meiner Tätigkeit bei Lapp-Finze wahrscheinlich zu wenig durchgegriffen. Ich bemühte mich zunächst um Ankurbelung des Verkaufs, Verminderung der Lagerbestände, Abbau der Debetsalden bei der Bank. Durch für das Finzewerk günstige Vereinbarungen mit dem Draht- und Drahtstiftenkartell, mit Brevillier-Urban über den Schraubenabsatz, nicht zuletzt durch maschinelle Modernisierungen konnte ich die Rendite verbessern. Aber die einschneidende Zusammenlegung der beiden Betriebe zu einer einzigen Fabrikationsstätte in Kalsdorf, Stillegung des Grazer Lapp-Betriebes und Verkauf der Baugründe hat erst mein Nachfolger Malzacher durchgeführt. Als eine Entschuldigung für diese Unterlassung darf ich anführen, daß ich ja nur knappe zwei Jahre in Graz tätig war.
   Gesellschaftlich war der Sprung von Ostrau nach Graz ebenso einschneidend wie der oben geschilderte vom Schwermaschinenbau in die Kleineisenfertigung. Wir wurden überall offen und herzlich aufgenommen, hatten dabei das Glück, unter jüngere Leute zu kommen, als wir selber damals noch waren. Da war das Ehepaar Rieckh, er Mitinhaber einer angesehenen Lederfabrik, das Ehepaar Sorger-Domenigg, Bäckerei- und Mühlenbesitzer. Dr. Finze wollte uns in seinen mehr christlichsozialpolitischen Kreis ziehen, da taten wir nur wenig mit. Meine Mutter war hoch erfreut, uns und ihre beiden Enkelkinder in Graz zu haben, meine Schwester Fritzi Lauffer lebte in Graz, meine Schwester Mitzi Andreß im nahen Waldstein. Mein kurzes Gastspiel in Graz war ja eigentlich eine Rückkehr zu den Quellen des Stammes der Hödl.
   In einem vom Unternehmen für mich gekauften Einfamilienhaus, am Unteren Plattenweg № 13, hatten wir ein gemütliches Heim. Heinz begann in Graz die Realschule – leider war ihm das Gymnasium durch Redereien seines Vetters Hans Andreß verleidet worden. Mariandl trat in die Volksschule ein. Wir gingen viel skilaufen, besuchten Bälle, waren eingeladen und luden ein – in vieler Hinsicht war Graz, wo wir doch nur die zwei Jahre von 1924 bis 1926 verbrachten, ein Höhepunkt unseres gesellschaftlichen Lebens. Heute, nach 40 Jahren, denken Mariann und ich gerne an die fröhliche Grazer Zeit zurück.

Erste Brünner Maschinenfabrik: Der Anfang

Im Frühjahr 1926 brachten die Börsenteile der tschechoslowakischen, österreichischen und auch von ausländischen Blättern alarmierende Gerüchte über die Erste Brünner Maschinenfabriksgesellschaft (EB) [Siehe auch die Geschichte der Ersten Brünner, www.Joern.De/eb.htm#Geschichte]. Dieses Unternehmen, eine der ältesten [p41] und berühmtesten Maschinenbauanstalten der gewesenen Monarchie, stand unter Leitung des Herrn Pauker, der sein »Paukerwerk« in Wien an die EB verkauft und sich gleichzeitig die Leitung des gesamten Unternehmens als Generaldirektor und Vizepräsident mit fast unbegrenzten Vollmachten gesichert hatte. Beim kreditgewährenden Bankenkonsortium gingen die Schuldsalden ständig in die Höhe (seit meinen Erfahrungen bei Lapp-Finze und bei EB habe ich mir die lapidare Frage angewöhnt »Wieviel seid ihr schuldig?«), da Banken niemals dicht halten, sickerten Gerüchte durch, und der Kurs der »Ersten Brünner« an der Prager und Wiener Börse fiel. Dann hörten die Eingeweihten, daß die Banken nach schweren Widerständen des Pauker eine Revision durch ihren Beauftragten durchgesetzt hätten – der Kursverfall ging in einen Kurssturz über. Als die Banken, noch nicht die Öffentlichkeit, einen Einblick in die vorliegenden Bilanzfälschungen hatten, mußten sie sich um einen Nachfolger für Pauker umsehen. [Laut Marianne Spraiter, Tochter Anton Hödls, hatte die EB mit Tochtergesellschaften rund 10.000 Mitarbeiter, Ziegler, s.u., meint 6.000.]
   Eines schönen Tages rief mich Rothschild-Polak, den ich mit Recht früher als meinen väterlichen Freund bezeichnet habe, in Graz an und ersuchte mich, am nächsten Sonntag zu ihm nach Wien zu kommen. Ich ahnte, um was es ging, und beschloß, meine Forderungen hoch anzusetzen. In seinem Büro ließ mich Polak allein mit dem aus Prag gekommenen Dr. Otto Feilchenfeld (wiederum ein Jude!), dem Vorsitzenden des Vorstandes der Böhmischen Escomptebank und Creditanstalt in Prag. Nach eingehenden Verhandlungen einigten wir uns auf für mich sicher sehr günstige Bedingungen: Jahresgehalt 1 Mio. KČ, spätere Erhöhung abhängig vom Gewinn, Kauf einer Einfamilienvilla als Wohnhaus für mich, Eintritt in den Verwaltungsrat des Unternehmens, sobald das Gelingen der Sanierung durch Beschluß dieser Körperschaft festgestellt werden wird. Alle materiellen Leistungen unter schriftlicher Garantie der Bebca [Böhmische Escomptebank und Creditanstalt].
   Hier eine kleine Einschaltung, die mir charakteristisch zu sein scheint für die Überheblichkeit der Banken von damals (ob sie heute noch die gleichen sind, vermag ich nicht zu beurteilen). Die Verkehrsbank des Herrn Broch war inzwischen übernommen worden von der »Österreichischen Bodenkreditanstalt«, die seit den Zeiten der alten Monarchie als die vornehmste Bank Österreichs galt. Ihr leitender Mann hieß nicht Präsident, sondern Gouverneur und wurde vom Kaiser ernannt. Damals, Mitte der zwanziger Jahre, amtete noch der von Kaiser Franz Josef berufene Gouverneur Ritter von Taussig, meines Wissens der einzige ungetaufte Jude, der es im alten Österreich zum wirklichen Geheimen Rat, demnach zum Titel »Exzellenz« gebracht hatte. Die Industrie der Bodenkreditanstalt, demnach jetzt auch die Finze AG, hatte zu betreuen Herr Günther, seit vielen Jahren Generaldirektor einer der ersten Industrien der Tschechoslowakei, nämlich der von mir schon früher erwähnten Berg- und Hüttenwerksgesellschaft mit reichen Kohlenschächten im Karwiner Revier und einem Eisenwerk in Trzinietz bei Teschen. [p42] Günther wollte mich nicht ziehen lassen und verweigerte glatt die vorzeitige Auflösung meines Dienstvertrages. Mit Pathos erklärte er mir: »Man verläßt nicht den Konzern der Bodenkreditanstalt, lassen Sie sich das gesagt sein, lieber junger Freund!« Es bedurfte der Intervention von Bankdirektoren, die sich meines Wissens auf das Haus Rothschild beriefen, um mich loszueisen... Nur vier Jahre später aber bestand die berühmte Bodenkreditanstalt nicht mehr, sie war, auch ein Opfer der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, sang- und klanglos von der Österreichischen Creditanstalt fusioniert worden.

Die Situation der Ersten Brünner

Briefkopf Erste Brünner Maschinen-Fabriks-Gesellschaft

Ich muß bei den Banken beginnen. Ein Konsortium, bestehend aus der Böhmischen Escomptebank und Creditanstalt (Bebca) Prag, der Mährischen Escomptebank Brünn, der Böhmischen Unionbank (BUB) Prag und den beiden Länderbanken in Prag und Wien befriedigte die immer höher ansteigenden Kreditwünsche des Generaldirektors Pauker. Während früher die EB ein Unternehmen der Wiener Länderbank war, hatten sich nach dem Weltkrieg die tschechoslowakischen Banken, vor allem die Bebca Prag und die Mährische Escomptebank Brünn in immer stärkerem Maße bei diesem »glänzenden Geschäft« engagiert. Als nun etwa ein bis zwei Jahre vor den Vorfällen bei der EB die Bebca Prag die Mährische Escomptebank Brünn im Fusionsweg aufgenommen hatte, war der Gesamtkredit, den die fusionierte Bank zu tragen hatte, bedenklich angewachsen und wuchs, wie erwähnt, ständig weiter. Die Bank verlangte Durchführung einer Revision durch ihre Organe, Pauker lehnte diesen Mißtrauensbeweis entrüstet ab, mußte aber dann unter Androhung der Kreditsperre nachgeben; es erschien der Direktor-Stellvertreter Novotny von der Bebca Prag – und das Unheil nahm seinen Lauf. (Übrigens derselbe Novotny, der nach dem zweiten Weltkrieg der leitende Mann beim Bankhaus Breisach in Wien war, mit Spraiters eine Zeitlang in recht intensiver Geschäftsverbindung stand und bei einem Autounfall tragisch verunglückte. [Spraiter: Großvater Hödls Tochter Mariann Lore, meine Mutter, verheiratete sich mit Edgar Spraiter. fj])
   Pauker und sein kaufmännischer Direktor Weinerth hatten durch Jahre die Bilanzen gefälscht, indem sie fast wertlose Vorräte, dann von den Kunden bestrittene Forderungen unter die Aktiva einsetzten. Pauker hatte sich bei diesen Machenschaften offenbar darauf verlassen, daß die Lösel-Dampfturbine einen Siegeszug um die Welt antreten und er dann alle Löcher mit Leichtigkeit zustopfen werde. Lösel, bestimmt ein hervorragender Ingenieur und Konstrukteur, hatte eine Dampfturbine hohen Wirkungsgrades entwickelt, die von anderen erstklassigen Dampfturbinenfirmen wegen ihrer geringen Betriebssicherheit abgelehnt wurde. Tatsächlich gab es bei diesen Lösel-Turbinen immer wieder Schaufelsalat. Darüber hinaus wurden die von Lösel garantierten Dampfverbrauchszahlen nie erreicht – [p43] und Lösel half sich, indem er bei den Messungen des Dampfverbrauches genau so schwindelte wie sein Herr und Gebieter Pauker bei den Bilanzen. Lösel zapfte den verbrauchten Dampf, das heißt das zur Messung gelangende Kondensatwasser, vor der Messung ab, sodaß ein geringerer Dampfverbrauch aufschien. Mehrere seiner Prüfraumingenieure, die mit Lösel diesen Schwindel durchführen mußten, haben mir später, als sie als gewöhnlich recht fähige Ingenieure treu und redlich mit mir arbeiteten, die Manipulation, die sich normalerweise im Kondensationskeller abspielte, im Detail erklärt... Für seine »Epochemachende Konstruktion« hatte Lösel – und gleichzeitig Pauker – die Würde eines Dr. Ing. h.c. erhalten, soviel mir erinnerlich der erstere von der TH Prag, der zweite von Brünn.
   An die Aufdeckung der Bilanzfälschungen schloß sich für mich – aus Gründen der Erhaltung des technischen Ansehens der EB bei gleichzeitiger möglichster Verheimlichung vor der Öffentlichkeit – die Erkenntnis von der Einseitigkeit [gestrichen: Geringwertigkeit] der Lösel’schen Konstruktionen. Nun war aber der Dampfturbinenbau die tragende Säule unter den Erzeugnissen der EB. Kesselbau, Zuckerfabrikseinrichtungen, keramische Maschinen, ein klein wenig Motorenbau waren Fertigungszweige, die von anderen konkurrierenden Maschinenfabriken ebenso gut auf den Markt gebracht wurden. Ich stand im wahrsten Sinn des Wortes vor einem Alteisenhaufen: Alle Werkstätten mit vielleicht einziger Ausnahme der Kesselschmiede kläglich veraltet, der Werkzeugmaschinenpark unmodern, die Vorräte zu einem großen Teil ungangbar, Schulden bis übers Dach. Und das für den Aufbau der Zukunft Bedrückendste war, daß die Hoffnung auf die epochale Neukonstruktion bei mir und bei einer Gottlob nur kleinen Zahl von Eingeweihten zusammengebrochen war.
   Persönlich aber hatte ich einen entscheidenden Pluspunkt, den ich auch weidlich ausnutzte. Ich konnte bei jeder Gelegenheit mit kühler Sachlichkeit darauf verweisen, daß ich an allen diesen Vorkommnissen unschuldig sei wie ein neugeborenes Knäblein und daß ich lediglich die Pflicht übernommen hätte, zu retten, was zu retten ist. Alfred Stiassni, der Bruder unseres Freundes Ernst, erzählte mir Jahre später, er sei in die Generalversammlung gegangen, die über die Sanierung zu beschließen hatte, nur aus Neugierde, wie sich der neue Generaldirektor »herauswursteln« werde. Und er habe mit lächelnder Freude meine Taktik verfolgt, wie ich auf alle Angriffe der wütenden, um ihr Geld betrogenen Aktionäre mein Verslein vortrug: »Meine Herren, Sie haben recht, aber wir alle, die wir hier sitzen (man ließ das hinsichtlich der Bankdirektoren nicht gelten) sind unschuldig. Wir können nichts anderes tun, als den hohen technischen Ruf des Unternehmens zu retten [p44] und von heute an neu aufzubauen!«

Die Sanierung

Das Drückendste waren die Schulden. Außer den Verpflichtungen gegenüber den Banken war da noch eine im Jahr 1925 oder 1926 aufgenommene Obligationenschuld von vier Millionen US-Dollar, damals nach Kaufkraft eine Menge Geld. Diese Anleihe war auf Grund eines Revisionsgutachtens des angesehenen Buchprüfers Price Waterhouse von einer kleinen New Yorker Brokerfirma beschafft und von dieser in den USA, angeblich vorwiegend bei tschechischen Emigranten, untergebracht worden. Böse Zungen, denen ich mich heute anschließe, sagten nachher, daß das Bankenkonsortium Prag-Wien lediglich den Abschluß der Dollaranleihe, und damit eine starke Saldo-Erleichterung abgewartet, und einige Wochen später die Revision bei der EB erzwungen habe, wissend, daß es dann ein böses Erwachen geben werde. Von dieser Dollar-Schuld und den offenen Bankschulden ausgehend, mußte eine Abschüttelung der untragbaren Lasten erreicht werden. Ich zähle auf, zu welchen wichtigsten Ergebnissen wir kamen:
   Die vier Millionen Dollar grundbücherlich eingetragene Obligationenschuld. In zähen und langdauernden Verhandlungen, unterstützt von dem von den Gläubigern bestellten Sachverständigen, dem MP (membre of parliament, Mitglied des Unterhauses) Sir Philip Dawson, war es gelungen, zu einem gerichtlichen Vergleich zu kommen. Danach wurden die Obligationen zum Kurse von 45 Prozent des Nennwertes durch unser inländisches Bankenkonsortium rückgekauft, wobei die EB an die alten, amerikanischen Besitzer dieser Obligationen noch »Besserungsscheine« von fünf Prozent des Nominales ausgab, die bei Aufnahme der Dividendenzahlungen durch das Unternehmen in Jahresraten fällig werden sollten. Mein späterer Freund, der Bankdirektor Otto Feilchenfeld, nannte diese Scheine den »Regenbogen«, weil sie immer nur in unerreichbarer Ferne glänzen würden. Mit Recht kann man mich fragen, wieso denn Obligationäre in den Vereinigten Staaten auf mehr als die Hälfte des ihnen grundbücherlich zustehenden Betrages verzichten konnten? Nur durch die immer wieder ausgesprochene Drohung »Sonst gehen wir eben in Konkurs« und durch die von Sir Philip unterstützte Behauptung, daß dann noch weniger übrig bleiben würde.
   Nächster Punkt: das Bankenkonsortium mußte die Obligationen zum Kurs von 45 Prozent übernehmen, was wegen der Unstimmigkeiten unter den Banken geduldige Verhandlungen erforderte! Wenn die Geschäfte flau sind, gibt’s leicht Zwist.
   Weiter: Das Aktienkapital mußte radikal, soviel mir erinnerlich im Verhältnis zehn zu eins, zusammengelegt und dann wieder aufgefüllt werden. Da vorauszusehen war, daß nur sehr wenige Aktionäre von ihrem Bezugsrecht Gebrauch machen würden, mußten die Banken die Übernahme der Aktien garantieren. Von da an befand sich fast das gesamte Aktienkapital der EB beim [p45] Bankenkonsortium unter Führung der Bebca – bis die Reichswerke Hermann Göring alles mit Handkuß übernahmen, worüber noch viel später zu sprechen sein wird.
   Noch ein wichtiger Punkt unserer Sanierung und recht schwierig zu meistern: Auch der tschechoslowakische Fiskus mußte Opfer bringen. Wir beriefen uns auf die Tatsache, daß das Unternehmen durch Jahre Steuern gezahlt hatte von betrügerisch vorgespiegelten Gewinnen. Wir mußten durch Generalversammlungsbeschlüsse unsere Bilanzen auf Jahre zurückrevidieren, wiesen statt der Gewinne Verluste aus und unterbreiteten das ganze dem damaligen tschechoslowakischen Finanzminister Engliš persönlich. Engliš war Professor an der tschechischen Universität in Brünn, kannte also die Situation. Wir drei Bittsteller, unser inzwischen zum Präsidenten emporgestiegener Ehrentscheche Petr, unser Rechtsanwalt Dr. Carl Reissig [oder Reißig?] und ich hatten einen sehr ungnädigen Empfang beim Herrn Minister – aber wir erreichten die Gutschrift von erklecklichen Millionen.
   So ungefähr sah die Sanierung in finanzieller Hinsicht aus – selbst wichtige Einzelheiten mögen mir in den inzwischen dahingegangenen fast 40 Jahren entfallen sein. Ich war der Leiter eines völlig ausgebluteten Unternehmens, das nun erst technisch saniert werden sollte – in seinen Werkstätten, in seinen konstruktiven Leistungen, besonders was die Hauptabteilung, den Dampfturbinenbau, anbelangte.

Dr. Karl Reissig und Dr. Otto Feilchenfeld

Es sind zwei Männer, deren Andenken wahrhaftig ein eigenes Kapitel in meinen Erinnerungen gebührt.
   Bei der Sanierungsaktion hatte ich unendlich viel gelernt, und zwar vor allem von unserem hervorragenden Anwalt Dr. Carl Reissig [1863—1948], der die Materie juristisch und kommerziell souverän beherrschte und dementsprechend bei den Verhandlungen mit den Banken fast immer auch deren Zustimmung fand. Dr. Reissig wurde nach kurzer Zeit nicht nur mein Berater auch in laufenden Geschäftsangelegenheiten, sondern mein um zwanzig Jahre älterer Freund. Über Antrag des Dr. Feilchenfeld als dem Repräsentanten des Bankenkonsortiums übernahm Reissig später das Präsidium unseres Verwaltungsrates und blieb unser Präsident bis zur Machtübernahme durch den Nationalsozialismus. Da wurde er »untragbar«, und zwar wegen seiner damals schon verstorbenen halbjüdischen Gattin, daher wegen seiner vierteljüdischen Kinder. Unsere Freundschaft aber erfuhr deshalb nicht die mindeste Trübung, wir spielten – ich bin jetzt vorgaloppiert zum Ende des zweiten Weltkrieges – unsere Bridgepartie unter Zuziehung des Ehepaares Bittner (sie Jüdin), sonst abgekapselt gegen alle Umwelt. Zum Schluß des Krieges [p46] folgten Reissig und Ehepaar Bittner unserer Einladung nach Kiritein... doch halt, hierüber will ich noch in einem späteren Kapitel erzählen.
   Von den beiden Kindern des Dr. Reissig stand uns beiden, Mariann und mir, der Sohn Dr. Ernst [Reissig] nahe. Ein fröhlicher Bonvivant, der genau wußte, daß er die Anwaltskanzlei seines Vaters nie in dem Umfang und mit dem Erfolg führen könnte wie der alte Herr und daher gar keinen Anlauf nahm. Trotzdem landete Ernstl nach dem zweiten Weltkrieg als sicher gut bezahlter Direktor der Ennser Zuckerfabrik im Konzern von Creditanstalt-Bankverein. Übrigens hatte ich in der schweren Zeit der Sanierung besagten Ernstl auf mehrere Wochen nach New York geschickt, zur Überwachung der Verhandlungen mit dem Trustee der Obligationäre; trotz seiner Klugheit und seiner guten Sprachkenntnisse hat er damals nur wenig helfen können.[Wiener Zeitung Nr. 93 Seite 8 in der dort veröffentlichten Bilanz vom 31. März 1948 im Aufsichtsrat der »Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken«]
   Der zweite Mann, mit dem ich mich damals zu einer dauernden Freundschaft verband, war Dr. Otto Feilchenfeld, der schon mehrfach genannte führende Direktor der Bebca. Ein kluger Kopf, in mancher Hinsicht allzu forsch und rasch. Als Sohn des »Alten Feilchenfeld«, der im Bankleben der Monarchie eine bedeutende Rolle gespielt hatte, studierte er Jus in Österreich, zuletzt in Berlin, brachte es als Corpsstudent zu einem auffallenden Schmiß auf der linken Backe und stieg dann rasch die Stufenleiter des Bankapparates empor. Typischer Assimilationsjude, schon im Studium der vollen Anpassung; seine Frau eine besonders beliebte, blonde Arierin, bei seinen Flirts dürfte er den Ariernachweis gefordert haben. Von außerordentlicher Beweglichkeit des Geistes, witzig und voll Einfällen, war er meine unentbehrliche Stütze bei den oft recht schwierigen Verhandlungen mit dem Bankenkonsortium. Er hat mit Courage viel Verantwortung auf sich genommen, als er im Kreise seiner eigenen Bank und aller anderen Institute für die unbedingte Erhaltung der EB, gegen eine vorgeschlagene Angliederung an die Škodawerke, eintrat. Als ich kurz nach der finanziellen Sanierung massive Gelder für die Erneuerung der Werkstätten anforderte, hatte er wiederum das Vertrauen zu mir, die Bewilligung meiner Ansprüche bei den Banken durchzusetzen. Als dann mit der EB alles in Ordnung war, lud er mich zum Eintritt in den Verwaltungsrat seiner Bank, also meines Großaktionärs, ein, wo ich später, in der Nazizeit, sogar zum Vizepräsidenten äufrückte. In jenem Zeitpunkt aber war Feilchenfeld schon in Theresienstadt, dem Judenlager in Nordböhmen, schrieb von dort noch humorvolle Briefe, so einen anläßlich seiner Bestellung zum Vorsteher der jüdischen Lagergemeinde und wurde dann – der Berliner Corpsstudent, verheiratet mit einer Arierin! – nach Auschwitz verbracht.
   Manchen der humorvollen Aussprüche Feilchenfelds zitiere ich noch heute mit Vorliebe. So pflegte er, wenn uns beiden für die Lösung eines Problems gleichzeitig das Gleiche einfiel, zu sagen: »Alle Juden haben denselben Sechel« (Sechel, jiddisch [Unvernunft, Narretei] Verstand). Freundschaftlich warf er Feilchenfeld und Hödl in denselben jüdischen Topf!
   Ich schließe ein paar Worte über meinen Brünner Mentor, den Direktor Siegfried Blumenthal, an. [p47] Die »Mährische Escomptebank« bestand nur noch dem Namen nach, ihr Untertitel lautete »Niederlassung Brünn der böhmischen Escomptebank und Creditanstalt«. Ihr kluger Direktor, eben Siegfried Blumenthal, hatte sie rechtzeitig in Anbetracht der allzu hochgespannten Kredite bei der EB und bei mehreren Tuchfabriken dem Prager Institut angeschlossen. Blumenthal stammte aus Ostschlesien, dem Teschener Gebiet, also der Heimat von Mariann. Er nahm sich meiner vom ersten Augenblick meines Kommens freundschaftlich an. Ich erinnere mich eines kleinen Scherzes: Ein alter Ostrauer Bekannter war zu einem geschäftlichen Besuch in der EB, als ich mit Feilchenfeld und Blumenthal meine erste Besichtigung der Werkstätten durchführte. Brühwarm erzählte er in Ostrau: »Hödl wird der Nachfolger von Pauker, ich habe ihn in den Werkstätten der EB getroffen, auf der einen Seite Feilchenfeld, auf der anderen Blumenthal – es hat nur so geduftet.« Blumenthal, klein und dicklich, aber klug und beweglich, wurde mein Instruktor, der mich über die gesellschaftlichen Zusammenhänge aufklärte, mir sagte, bei wem Mariann und ich Antrittsbesuche machen sollten. Er wußte für mich eine schön im Schreibwald gelegene Villa, von einem parkartigen Garten umschlossen, die durch seine geschickte Vermittlung von der EB rasch gekauft wurde. [Die Schreibwaldstraße hieß dann in tschechischer Zeit Lehmstätte, Hausnummer 156 (laut Karl Walter Zeidler). Hier ein Auszug aus dem »Adreßbuch von Groß-Brünn 1943«, Seite 192 fj]



Meine ersten Jahre in der EB

Album 1931 Bild 07 Nach der gelungenen finanziellen Sanierung der EB begann für mich der harte Alltag mit seinen Sorgen, die ich allein, ohne Reissig und FeiIchenfeld, meistern mußte. Da war vor allem der Bestellstand, der durch die Krise schwer gelitten hatte. Wer bestellt Maschinen bei einer Fabrik, von der in der Zeitung steht, daß sie vielleicht in einem Monat ihre Tore wird schließen müssen? Die erste größere Bestellung kam von der Königshofer Zementfabrik, Drehöfen und Kugelmühlen, große Blecharbeiten für unsere Kesselschmiede; Zentraldirektor Blaschczik dieses sehr gut geführten Unternehmens blieb auch später unser wertvoller Geschäftsfreund.
   Ein mich geradezu persönlich bedrückendes Problem war die ungeklärte Lage im Dampfturbinenbau. Ich habe den technischen Direktor dieser Abteilung, Dr. Ing. h. c. Lösel, Fanatiker seiner Ideen, bereits früher genannt. Sein Widerpart war Ing. Karl Krischker, der Verkaufsdirektor der Dampfturbinenabteilung, der rund heraus erklärte, die Lösel-Turbinen seien ob ihrer Betriebsunsicherheit, ihrer Überschreitungen der Dampfverbrauchsgarantien usw. unverkäuflich, wir betrögen die Kunden. Ich wußte, daß Lösel nicht im Unternehmen bleiben könne, konnte mich aber zu einer brüsken Entlassung nicht entschließen. Wahrscheinlich äußerte sich hier die Tatsache, daß ich selbst zu wenig von Dampfturbinen verstand, um mir ein sicheres eigenes Urteil bilden zu können – und auf Urteile, die mir eingeredet wurden, verließ ich [p48] mich ungern. Da kam Lösel mir zuhilfe: Er hatte sich eine Berufung als Professor an die Technische Hochschule Wien »gerichtet« und erschien eines schönen Tages bei mir, um seine kurzfristige Entlassung zu erbitten. Sie wurde ihm mit allen äußeren Ehren bewilligt – und ich hatte wieder einmal einen meiner Glücksfälle zu verzeichnen.
   Ich war der Meinung, daß Krischker allein die Dampfturbinenabteilung nicht werde leiten können, und engagierte als technischen Direktor den Dr. Ing. Radovanovič, der von unserer schärfsten Konkurrenz, Brown Boveri Schweiz, kam. Radovanovič war der Sohn eines vor Jahrzehnten an der Prager Technischen Hochschule lehrenden, sehr angesehenen Professors. Der Sohn war leider [gestrichen: eine Niete] nicht der Vater; Er hatte keine eigenen Ideen, die unserem Dampfturbinenbau Fortschritte gebracht hätten. Als er nach Jahren ging, übertrug ich Krischker die gesamte Leitung der Dampfturbinenabteilung, Technik und Verkauf.
   Die anderen Abteilungen machten mir weniger Sorgen – oder die auch dort bestehenden Probleme waren leichter zu lösen. Im Kesselbau mußte der uralte Direktor Bock ersetzt werden, ich zog aus Witkowitz den Stellvertreter des Abteilungschefs herüber, Ing. Kulka; viele Jahre später, im dritten Reich, versteckte ihn Mariann einmal in unserer Wohnung vor der Gestapo, die den auch bei seinen Mitarbeitern unbeliebten Juden suchte – und ich schickte ihn »geschäftlich« nach Frankreich, sodaß er gerettet wurde. Gewisse persönliche Schwierigkeiten gab es auch in der Abteilung für Zuckerfabrikseinrichtungen dadurch, daß Pauker kurz vor seinem Abgang die auf Zuckerbau spezialisierte Maschinenfabrik Brand und L’Hullier fusioniert hatte und dadurch zuviel Direktoren da waren. Zwei wurden abgebaut, einer behalten!
   In der Werkstätte hatte Pauker nur Meister geduldet, von denen der eine oder andere zum »Betriebsleiter« aufgerückt war. Ich suchte einen Ingenieur als Werkstättenchef und wollte gleichzeitig dem berechtigten Verlangen der Tschechen entgegenkommen, daß ein Tscheche der Direktion angehören möge. So engagierte ich den tüchtigen, sehr rauhen, seine Leute oft hart anfassenden Ing. Pavel Šimek . Er kam von der Českomoravská-Kolben-Daněk (ČKD), früher Böhmisch-Mährische Maschinenfabriken, und blieb mein getreuer Mitarbeiter, bis die Nazi seinen Abgang forderten. Er verließ seine engere Heimat, das »Protektorat Böhmen und Mähren« und ging als Freiberufler nach Preßburg.
   Diese in eigentlich recht kurzer Frist vollzogene Sanierung wurde gekrönt durch ein Wagnis, durch den vollkommenen Neuaufbau der Maschinenfabrik. Unter Zuziehung eines Berliner Büros für industrielle Planungen, Ornstein und Rambuschek (?) entwarfen Šimek und ich auf einem großen Freigelände – das wertvoll[p49]ste, das Pauker uns hinterlassen hatte – einen Fabriksneubau mit zwei hohen, weitgespannten Montagehallen und den parallel angeordneten Bearbeitungswerkstätten in Shedbauweise. An der Stirnseite werden diese Hallen durch einen breiten Transportgang mit Normalgleisen verbunden, neben dem, also auch senkrecht zu den Werkstättenhallen, ein Stockwerksbau läuft, mit Zentralmagazin unten und den technischen und Konstruktionsbüros oben. Rambuschek stellte einen Ingenieur ganz zu uns ab, der später in unsere Dienst trat, Aberle. Šimek mochte ihn nicht, da Aberle ein Jude war, und die Tschechen, wenigstens damals, viel ärgere Antisemiten waren als die Deutschen.
   In die neuen Werkstätten kamen fast nur neue Maschinen – denn hier war und ist noch heute der Erfolg einer Rationalisierung zu suchen. Fast zu jeder Leipziger Messe fuhr ich damals mit Šimek, wir besichtigten, und vor allem er studierte alle Neuerscheinungen.
   Der Verwaltungsrat unseres Unternehmens stellte stimmeneinhellig fest, daß die Sanierung gelungen sei, und ich wurde, meinem Vertrag entsprechend, in diese Körperschaft kooptiert. Ich möchte hier einschalten, daß eine solche »Standeserhöhung« des leitenden Direktors nach den heutigen gesetzlichen Bestimmungen unmöglich wäre. Der Vorstand einer Aktiengesellschaft ist getrennt vom Aufsichtsrat, ein Übertritt in diese Körperschaft erfordert Ausscheiden aus dem Vorstand. [Nicht so in Amerika, fj]

Tochtergesellschaften der EB

Die EB besaß zwei Tochtergesellschaften, das Paukerwerk in Wien und die Stefan Röck AG in Budapest. Beide waren Aktiengesellschaften nach dem Rechte ihres Landes. Das Paukerwerk stand unter der Leitung eines Bruders des früheren Generaldirektors, eines wenig begabten, aber anständigen Mannes, der auch unter mir blieb, des Herrn Franz (?) Pauker. Röck wurde geleitet vom Direktor Farkas (früher Schwarz), einem begabten jüdischen Kaufmann. Während das Paukerwerk fast ständig auf der Verlustseite lag, wurde in Budapest trotz elender Werkstätteneinrichtungen gut verdient. Beide Unternehmungen besuchte und kontrollierte ich öfter, womit angenehme Besuche in Wien und Budapest verbunden waren.
   Eine Dummheit sei hier gebeichtet: die Gefia. In Wien bestand eine »Gesellschaft für industrielle Anlagen Gefia« mit Niederlassung in Prag, die Leitung hatte inne der, wie sich später herausstellte, allzu gerissene Ing. Flach (selbstverständlich, so muß ich beinahe sagen, ein Jude). Er galt als eine Verkaufskanone, ich wollte ihn als kommerziellen Direktor einstellen. Er aber brachte mich mit Unterstützung seiner Bank und des Dr. Feilchenfeld dazu, daß ich mit ihm auch seine Gefia übernahm. Es wurde ein sehr schlechtes Geschäft, das der EB [p50] eine hübsche Summe gekostet und auch durch die Person des Flach keine Vorteile gebracht hat. Der Personalabbau in der Weltwirtschaftskrise brachte mir dann die willkommene Gelegenheit, Flach ziehen zu lassen. Mein Fehler: Ich hatte die Gefia übernommen, ohne die verschiedenen Engagements, in denen sie steckte, von einem Kaufmann oder kaufmännisch geschulten Techniker prüfen zu lassen.

Gesellschaftliches Leben in Brünn

Wie schon gesagt, war Blumenthal unser Mentor. Er schlug mir vor, wo wir Besuche zu machen hätten – natürlich waren das nur »die feinsten Häuser«: zwei oder drei Familien Löw-Beer, zwei Stiassni, zwei Gottlieb, die Redlich, Bittner, Selb, Mühlinghaus, von Rohrer und andere, die ich vergessen habe. Nur die vier Letzgenannten waren Arier (nach späterer Begriffsbestimmung), und auch da nicht immer beide Eheteile, die Erstgenannten, wirklich Reichen, waren jüdische Fabrikanten. Wir wurden viel eingeladen und luden dementsprechend wieder viele Gäste zu uns; die meisten Gesellschaften mündeten in recht intensive Bridgepartien. Mariann hatte eine Köchin und zwei Stubenmädchen, mein Chauffeur, der später so oft genannte Otto Jelinek, war von der Firma bestellt.
   Schon von Graz aus waren wir viel skilaufen gegangen – das verstärkte sich jetzt, schon auf Grund der höheren Einkünfte. Gerne besuchten wir das reizvolle Kitzbühel, dann aber wurde es uns zu niedrig, zu schneeunsicher, wir bevorzugten die Schweiz, Arosa, Davos, dann den Arlberg, St. Anton, Zürs. Das Ehepaar Ernst und Grete Stiassni animierten wir zum Skisport, und bald wurde fast jede unserer Skireisen gemeinsam mit ihnen und ihren drei Kindern unternommen, sodaß wir gewöhnlich als eine recht zahlreiche Gesellschaft auftauchten. Eine der schönsten Skifahrten, an die ich mich erinnere, war ein Vorfrühlingsausflug ins Paznauntal, wobei wir Männer mit den älteren Kindern eine zwei- oder dreitägige Fahrt in die Gletscher der Silvretta machten.
   Bald setzten Sommerausflüge in die Sudeten, ins Altvatergebirge, ein, wir kamen auch nach Jägerndorf, und ich nahm dadurch den persönlichen Verkehr mit meinem Jugendfreund Glatter wieder auf, der brieflich nie ganz abgerissen war. Glatter hatte ein interessantes Schicksal: von einem armen Bauernhof in Weißkirch bei Jägerndorf stammend, besuchte er mit mir die Realschule bis zur 5. Klasse. Als der Vater starb, konnte die Mutter die Fortsetzung des Schulbesuches nicht erschwingen und beriet sich mit meiner Mutter, wie doch ein billiges Studium für den begabten Jungen möglich wäre. Frau Glatter schlug die Lehrerbildungsanstalt vor, meine Mutter die Offizierslaufbahn, bei der Studium und Lebensunterhalt an der Kadettenschule für unbemittelte Zöglinge umsonst waren, die erreichte Lebensstellung zudem besonders angesehen. So kam Pepi [Josef, Vater von ebenfalls Josef, letzterer wohl zur Unterscheidung »Pips« genannt, fj] Glatter [p51] an die Habsburger Pionier-Kadettenschule und wurde ein ausgezeichneter Offizier, Absolvent der Kriegsschule, Generalstäbler, heiratete ein Fräulein von Götz und nahm, da diese Familie ausstarb, über Wunsch des Schwiegervaters und »mit Allerhöchster Genehmigung« den Namen von Glatter-Götz an. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kehrte der Oberstleutnant im Generalstab nach seiner Jägerndorfer Heimat zurück, konnte durch glückliche Fügung die alte, angesehene Orgelfabrik Gebr. Rieger zunächst pachten, dann erwerben, und war nun ein wohlbestallter, wenn auch mit knappen liquiden Mitteln ausgestatteter Orgelfabrikant. Seine sehr angenehme Familie umfaßte außer seiner liebenswürdigen Frau zwei Buben und ein Mädchen. Unser Verkehr wurde allmählich intensiver, wir gingen miteinander auf Skireisen, so einmal mit Auto bis auf den Radstätter Tauernpaß, zu welcher Tour ich ein paar junge Freunde des Heinz eingeladen hatte. Die vielen Skireisen in die Alpen, zwei oder drei im Jahr, waren der genußreichste Teil unseres Brünner Aufenthaltes.

Die Weltwirtschaftskrise

Ich habe mit meiner Schilderung des gesellschaftlichen Lebens die chronologische Folge verlassen und bin weit in die dreißiger Jahre hineingeraten. Vorher aber gingen über uns vier besonders harte Jahre hinweg, die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933, bei uns bis Ende 1933 – Anfang 1934 dauernd. Ich kann und will weder eine [gestrichen: historisch einwandfreie] Schilderung von Ursache und Verlauf geben, noch erinnere ich mich der Einzelheiten des Ablaufes dieser größten Wirtschaftskrise unseres Jahrhunderts. Sie nahm meines Wissens in den Vereinigten Staaten ihren Anfang und trat dort, wo sie zur vollkommenen Verarmung von vorherigen Millionären führte, wohl auch am heftigsten auf. In die mitteleuropäischen Staaten kam der Bazillus von Wien. Die Wiener Banken, deren es vor der Krise ein Mehrfaches des Bedarfes gab, waren derartig illiquid, daß unter dem Ansturm der Einleger einmal diese, dann die nächste ihre Schalter schließen und ihre Fusion mit einer dritten Bank bekanntgeben mußte. Die österreichische Regierung intervenierte so, daß zum Schluß, wenigstens meines Wissens, die Einleger kein Geld verloren, das Vertrauen in die Bankeninstitution nicht allzu tief erschüttert wurde. Es blieben von den Handelsbanken in Wien, städtische, Landesinstitute, Sparkassen usw. unberücksichtigt, zum Schluß nur Creditanstalt-Bankverein und die Österreichische Länderbank übrig. Die tschechoslowakischen Banken hatten nicht wie die Wiener ihre Kundeneinlagen in Industrien, Hotels, Geschäftshäuser usw. gesteckt, waren also viel liquider. Damals hat, soviel ich weiß, die führende Prager Bank, die Živnostenska Banka , das Majoritätspaket der Bebca, das bis dahin bei den Wiener [p52] Banken lag, übernommen – und die Bebca, die wieder die Mehrheit der EB-Aktien besaß, wurde in ihrer Gestion vom Willen der sehr starken, gut geleiteten tschechischen Großbank abhängig. Wäre damals die Sache Pauker passiert, so hätte die Živno wohl die Angliederung der EB an eine der großen tschechischen Maschinenfabriken, Škodawerke oder Českomoravská-Kolben-Daněk (ČKD) verlangt.
   Im Geschäftsgang einer Maschinenfabrik, die wie die EB ganz auf Großmaschinenbau, Investitionsgüter, abgestellt war, äußerte sich die Wirtschaftskrise katastrophal. Wer hatte noch den Mut zu rationalisieren oder gar zu erweitern? Wenn aber irgendwo eine ernste Anfrage auftauchte, so stürzte sich die gesamte Konkurrenz auf das Objekt, und die Preise wurden tief unter Selbstkosten heruntergerissen. Oft blieben nur fünfzig Prozent der tatsächlichen Unkosten. Ich mußte dauernd Arbeiter und Angestellte entlassen. Was die letzteren anlangt, ging ich so vor, daß ich den Abteilungsvorständen eine bestimmte monatliche Gehaltssumme vorschrieb, die durch Entlassungen eingespart werden müsse – daneben gingen dann Abstriche an den Gehalten der verbleibenden Angestellten, die ich mit dem in jener Zeit sehr vernünftigen Betriebsrat absprach. Solche Aktionen wurden im Laufe der vier Jahre zwei- oder dreimal durchgeführt. »Wie werden wir diese Personalverluste je wieder wettmachen?« war die stereotype Frage besonders der technischen Leiter. Aber ich mußte zuerst an das Überleben und dann erst an den Wiederaufbau denken.
   Ich ging voran, indem ich meine Bezüge auf fünfzig oder, nach meiner Erinnerung, sogar nur vierzig Prozent des mir vertraglich Zustehenden kürzte. Wenn auch die Bezüge des Generaldirektors »Geheimsache« sind, so sickert doch immer etwas durch und macht in diesem Falle guten Eindruck auf die Gefolgschaft. Besonders aber haben mir, wie ich später hörte, die Banken diesen Akt hoch angerechnet. Jedenfalls wurde die EB während der Krise von den Kreditgebern nicht hart bedrängt – die Banken hatten wohl viel schwerere Fälle innerhalb ihrer Industriekonzerne.
   Der Aufstieg begann mit dem irischen Zuckergeschäft. Ein Brünner Ingenieur, [Theodor] Hayek, hatte in den zwanziger Jahren durch seine Tätigkeit in mährischen Zuckerfabriken den Ruf eines hervorragenden Fachmannes erworben und war nach dem Irischen Freistaat gerufen worden, um dort eine Zuckerindustrie ins Leben zu rufen und dieses Agrarland wenigstens auf diesem Sektor von der englischen Einfuhr unabhängig zu machen. Er baute gleichzeitig vier Fabriken – ein Auftrag, um den sich deutsche, belgische, vor allem aber die drei tschechoslowakischen Fachfabriken Škoda, ČKD (Böhmisch-Mährische Maschinenfabriken vormals Kolben-Daněk) und EB rissen. Nach unerhört hartem Kampf und zu schlechten Preisen erstanden wir den Auftrag, soviel mir erinnerlich Anfang 1934, ich war zu den Verhandlungen selbstverständlich selbst in Dublin. Die hohe Politik hatte sich eingemischt, [p53] der tschechoslowakische Gesandte hatte bei seinem Staatsbürger Hayek interveniert, er möge doch ČKD und nicht EB wählen, aber da hat der alte Burschenschafter uns nicht im Stich gelassen... Wir hatten mit einem Schlag tüchtig Arbeit; Arbeiter und sogar Angestellte konnten zögernd wieder eingestellt werden. Der Konjunkturaufschwung in Deutschland in den ersten Hitler-Jahren wirkte dann auch auf die benachbarte ČSR ein – wir aber datierten unser Krisenende mit dem Auftrag für die vier irischen Zuckerfabriken.

Tschechoslowakisches Maschinenkartell, Abstoßung unserer ausländischen Beteiligungen

Etwa 1936 verkaufte ich zu gutem Preis unser Budapester Röckwerk an die Ungarische Maschinenfabrik Lang. Der ungarische Markt wurde beherrscht durch die Maschinenfabrik Ganz, mit Abstand folgte Lang unter Führung des gleichnamigen Großaktionärs und Generaldirektors. Herr Lang trat mit mir über unseren Herrn Farkas in Verbindung, er möchte sein Unternehmen durch Erwerb von Röck verstärken. Ich glaube, er wollte sich auch den sehr tüchtigen Kaufmann Farkas sichern. Wir wurden in sehr angenehmen Verhandlungen, teils in Brünn, teils in Budapest, einig und die EB ward um einige Millionen liquider.
   Kurz nach diesem Verkauf gelang ein Haupttreffer erster Ordnung: der Tausch des Paukerwerkes gegen die Brünn-Königsfelder Maschinen- und Waggonfabriks AG. Die »Königsfelder«, wie sie allgemein hieß, gehörte der Simmeringer Maschinenfabrik in Wien, ihre Werkstätten lagen in einem Vorort von Brünn. Der Wiener Hausbank der Simmeringer, ich glaube die Creditanstalt, mochte die Finanzierung der Königsfelder in der ČSR wenig passen – jedenfalls wendete sich der Wiener Bankdirektor an seinen Prager Kollegen Dr. Feilchenfeld mit der Anregung, die Simmeringer in Wien und die EB in Brünn sollten ihre respektiven Auslandsbeteiligungen tauschen. Von meiner Begeisterung über diesen Vorschlag durfte ich mir nichts anmerken lassen! Die Direktion der Simmeringer in Wien und der sehr selbständige Direktor der Königsfelder in Brünn, Herr Pilný, widersetzten sich mit allen Mitteln diesem Tauschgeschäft, vergeblich. Ich glaube, daß beim Clearen der Bankschulden die EB etwas zulegen mußte – aber wir wurden die ständige Verlustquelle Paukerwerk los und erhielten ein Unternehmen, das unter einem neuen Direktor in kurzer Zeit aktiv arbeitete. Der neue Mann war der tschechische Ing. KakaČ unseres Dampfturbinenbüros, der sich in der ihm zunächst fremden Materie sehr gut bewährte. Ich glaube, der Arme hatte nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 große Schwierigkeiten mit seinen Landsleuten, weil man ihm Kollaboration vorwarf. Die Kartellquote im Maschinenkartell, über das ich gleich berichten will, wurde für EB und BKM, wie wir die Königsfelder nannten, gemeinsam ausge[p54]handelt, sodaß es mir überlassen blieb, wie ich die Erzeugungszweige auf die beiden Fabriken verteilen wollte. Im Waggonbau der BKM gab’s nur eine, allerdings mächtige Konkurrenz, die Ringhoffer-Tatra-Werke in Prag-Smichow und Nesselsdorf. Mit ihrem Chef, dem Baron Ringhoffer, war die Verständigung nicht immer leicht, aber sie gelang zum Schluß doch.
   In diese Zeit fallen die Kartellvereinbarungen mit unseren beiden großen tschechischen Konkurrenten, Škoda und ČKD, die eigentlich ausschlaggebend für die durch die Weltwirtschaftskrise noch immer hart angeschlagene böhmisch-mährische Maschinenindustrie wurden. Die einmal heruntergerissenen Preise blieben schlecht, da die Kapazität der drei Werke zu groß war – und der Markt zu klein. Über Bebca und Živno nahm ich die Besprechungen mit Škoda (Gen. Dir. Dr. Löwenstein) und ČKD (Gen. Dir. Ružička) auf. Löwenstein, ein tschechischer Jude, stimmte meinem Plan eines Quotenkartells zu – aber wie aufbauen, wie die Quoten festlegen? Ich machte folgenden Vorschlag: Wir legen Maschinengruppen fest, zum Beispiel Dampfturbinen, Zuckermaschinen, Dieselmotoren usw. Jede der drei Firmen, wobei EB und BKM als eine Firma galten, hat ihren Umsatz in jeder dieser Gruppen der letzten x Jahre (ich glaube, wir wählten zehn) zu melden. Die Meldung wird dann von den beiden anderen nach den Originaldokumenten kontrolliert. Nach dem Verhältnis der Umsätze in den Gruppen werden Gruppenquoten festgelegt. So hatte beispielsweise die EB eine sehr hohe Quote in Dampfturbinen, ich glaube an die siebzig Prozent, eine sehr kleine in Dieselmotoren. Ein in Prag etabliertes Kartellbüro teilt jedes auftauchende Geschäft einer der drei Firmen so zu, daß jede im Laufe des Jahres auf ihre Gruppenquote kommt. Die beiden anderen Firmen haben zu schützen, beziehungsweise sich nach den Wünschen der im betreffenden Geschäftsfall führenden Firma zu verhalten. Die Vereinbarung hat zur vollen Zufriedenheit funktioniert, die Preisschleuderei im Inland hörte auf; und da der Kontakt bestand, einigten sich die Männer im Kartellbüro gelegentlich auch über Auslandsgeschäfte.
   So war nach harter Arbeit Ordnung auf dem böhmisch-mährischen Maschinenmarkt eingekehrt. Die EB war über die finanzielle, dann die technische und Werkstätten-Sanierung, über die Weltwirtschaftskrise, über ein Absatzkartell in die Phase echter Gewinne eingetreten.

Der Nationalsozialismus

In früheren Kapiteln habe ich wiederholt meine großdeutsche Einstellung betont, die mir eine tiefstinnere Überzeugung war und blieb. Da war nun in Deutschland ein Mann hoch gekommen, der die [p55] Einigung aller Deutschen auf sein Banner geschrieben hatte; der zudem die Wirtschaftskrise in Deutschland überwunden, die Arbeitslosen zu Hunderttausenden wieder in die Fabriken, zum Autobahnbau usw. zurückgeführt hatte; der, ob seiner Machtergreifung im Jahre 1933, in steigendem Maß die Achtung des Auslands für deutsche Gespräche [?] und deutschen Einfluß zurückgewann.
   Es kann nicht in Frage kommen, daß ich mich mit der Geschichte von Hitlers Aufstieg und Untergang befasse. Ich will in den folgenden Kapiteln mein und meiner Familie Einfügen in den Machtbereich, der auch uns erfaßte, schildern, so gut ich das heute noch kann.
   Am Beginn steht eine spannende, aber im Grunde fröhliche Erinnerung. Die Welt zitterte, ob Hitler den Einmarsch in die durch Verträge demilitarisierte Zone Rheinland-Ruhr wagen und wie in diesem Fall die Entente reagieren würde. Wir wollten einmal von Brünn aus einen besonders billigen Skiausflug machen und gingen in die Tuxer Ferner, die westliche Gruppe der Zillertaler. Am Abend wurde fröhlich getanzt, damals war das Schlagerlied beliebt »Regentropfen, die an die Scheiben klopfen...«. Da brachte, mitten während ich mit Frau Mimi Bittner – ich erzähle später noch von ihr, sie war Jüdin – tanzte, das Radio die Meldung, daß deutsche Truppen die Rhein-Ruhr-Zone besetzt hätten. Die nächsten Tage und Stunden stand ich unter Hochspannung: Wie wird Frankreich reagieren? Kommt es zum Krieg? Und als Frankreich nicht reagierte, wußte ich, daß Deutschland weiter nehmen kann und wird, was ihm gebührt.
   Was uns Deutschen gebührt – sicher war das Österreich, und das wurde auch im Frühjahr 1938 unter dem Jubel der Bevölkerung – noch höre ich ihn beim Einmarsch der Deutschen in Wien – besetzt. Dann kam die Sudetenkrise, die mich und meine Familie schon ganz direkt betraf. Im Sommer 1938 näherte sie sich ihrem Höhepunkt. Ich wollte von Brünn nicht weit weg sein, so wählten wir für unseren Sommerurlaub Karlsbad, machten ein wenig Kur und hatten täglich alle ausländischen, vor allem die englischen Zeitungen, zur Verfügung. Da war die Sondierung des Lord Runciman, sein für die Sudetendeutschen günstiges Gutachten, es folgten die Verhandlungen Hitlers mit dem englischen Premier Chamberlain. Eines Morgens kam mein Freund Otto Feilchenfeld, der sich auch Karlsbad für seinen Urlaub ausgewählt hatte, aufgeregt zu mir ins Hotel, er müsse mir etwas erzählen, aber unter dem Siegel unbedingter Verschwiegenheit. Vor dieser Erzählung eine Einschaltung, zum Verständnis des Nachfolgenden. In Nordböhmen gibt es mächtige Braunkohlenflöze, von denen ein Teil von der Gruppe Petschek (Prager Juden), der andere von den Weinmann (Aussiger Juden) abgebaut wurden. Die Petscheks waren die noch Reicheren, ihre industrielle Organisation galt als die bessere. Es erzählte also Feilchenfeld, wegen des Geheimnisses mit beinahe flüsternder Stimme: »Dr. Otto Petschek hat seine Kohlenbergbaue und seine [p56] sonstigen Industrien an die Živnostenska Banka verkauft gegen englische Pfunde, zahlbar in London, und zwar tief unter ihrem Wert, und die tschechische Regierung hat der Živno die Bewilligung zum Devisentransfer gegeben. Petschek ist mit seiner gesamten Familie im Sonderflugzeug nach England verreist...«. Und Feilchenfeld fährt fort: »Ich habe das soeben dem Hans Weinmann erzählt, und wissen Sie, was er antwortete: ›Total meschugge!‹« Wie wenig meschugge Dr. Petschek war, hat wohl Hans Weinmann eingesehen, als er im Frühjahr 1939 irgendwo im Teschener Land über die grüne Grenze fliehen mußte und von dort aus seinem Kollegen und Konkurrenten nach England und Amerika folgte. Allerdings: Einen erheblichen Teil seines Vermögens hatte auch Weinmann vorsorglich in Dollar umgewandelt...

Die Judenfrage

Da bin ich bei diesem traurigen Kapitel angelangt. Mein Lebenslauf, meine persönlichen Bindungen zeugen davon, daß ich nie ein Antisemit war. Der Nationalsozialismus stellte auch im Anfang den Antisemitismus nicht kraß in den Vordergrund. Es handelte sich, so schien es uns Außenstehenden, mehr um ein Zurückdrängen des tatsächlich übermächtigen jüdischen Einflusses. Erst nach den großen politischen Erfolgen, nach dem Anschluß Österreichs und des Sudetengaus, begann der Antisemitismus radikaler zu werden. Die »Kristallnacht« war das erste Ereignis, das mich erschreckte und beschämte. Wir machten einen Autoausflug nach Jägerndorf, das, im Sudetengau gelegen, schon dem Reich angeschlossen war. Dort verbrachten wir den Tag mit meinem Jugendfreund Glatter und seiner Familie. Sein älterer Sohn Egon – er verunglückte später bei einer Panzerübung – war SS-Mann geworden und erzählte mit tiefem Unwillen, wie der gesamte Ablauf dieser Kristallnacht, das Zerstören der Tempel, der jüdischen Geschäfte, das »Kochen der Volksseele« bis ins Detail anbefohlen, von oben organisiert waren. Ich fühlte mich angewidert.

Hitlers politische Erfolge

Ich habe vorgegriffen. Nach »München« folgte im Herbst 1938 der Anschluß des Sudetengaus, dreieinhalb Millionen bisheriger Tschechoslowaken kamen ins Reich, wir Streudeutschen im Inneren des Staates fühlten uns national verlassen. In diesen Wochen wechselte ich auf einer Autofahrt vom Sudetengau, also aus dem Großdeutschen Reich, nach der Tschechoslowakei über. Es gab strenge Paßkontrolle. Böse schaute mich der wachhabende tschechische Polizist an: »Warum Ihr Deutsche nun nicht alle die Tschechoslowakei verlasset und nach Deutschland übersiedelt, damit wir Tschechen unter uns wären!«
   Nach dem Anschluß des Sudetengaus hatte Hitler im Reichstag erklärt, man werde ihm doch nicht die Dummheit zumuten, daß er fremdes Volkstum [p57] dem Deutschen Reich angliedern wolle. Ein paar Monate später tat er’s, am 15. März 1939 errichtete er zufolge eines Vertrages mit dem Staatspräsidenten Hácha das »Protektorat Böhmen und Mähren« und setze einen Reichspräsidenten ein [korrekt: »Reichsprotektor«. fj]. Hier konnte ich nicht mehr mittun, von hier an versagte mein Vertrauen zum »Führer«.

Das nationalsozialistische Regime wirkt sich aus

Eine gewaltige Umstellung vollzog sich in unser aller Leben. Zunächst wurden alle bisherigen tschechoslowakischen Staatsbürger, soweit sie sich zur deutschen Nationalität bekannt hatten, deutsche Reichsbürger. Schlagartig waren alle Juden verschwunden: die reichen und klugen, fast alle Brünner Fabrikanten, waren rechtzeitig ins Ausland gegangen, die wenigen, die geblieben waren, suchten ein Mauseloch, um sich zu verstecken. Von meinen jüdischen Mitarbeitern waren die beiden in gehobener Stellung, Direktor Kulka und Dr. Wechsberg, mit meiner aktiven Unterstützung – nach der deutschen Besetzung! – geflohen. Beide, heute leben sie leider nicht mehr, wußten, wem sie ihre gelungene Flucht zu danken haben. Übrigens hatte Kulka, der wegen seiner Unbeliebtheit bei seinen Mitarbeitern besonders hart verfolgt wurde, sich in meine Wohnung in der Schreibwaldstraße geflüchtet und meine Frau um Unterschlupf gebeten. Er wurde von Mariann irgendwo, ich glaube am Dachboden, versteckt, als die Gestapo kam, tapfer verleugnet, Hausdurchsuchungen machten sie damals Gottlob nicht, wie es heute im analogen Fall die Kommunisten machen würden... Eine ganz neue Schicht war zu Macht und Einfluß gelangt – das Wort »zu Ansehen« möchte ich hier vermeiden. Da wurde ein Herr Folta Kreisleiter, seines Zeichens Bauingenieur. Mariandl erzählte, als sie an der Brünner Technischen Hochschule Architektur studierte, daß der Kreisleiter der getreueste Student dieser Hochschule gewesen sei: Er habe etwa 15 Jahre gleich 30 Semester gebraucht, bis ihm die zweite Staatsprüfung, heute Diplomprüfung, gelungen sei. Es dauerte lange, bis ich, der »Judenfreund«, ein halbwegs tragbares Verhältnis zum Kreisleiter hergestellt hatte. Im Anfang seiner Machtergreifung hatte Folta von meinem neuen Präsidenten Dr. Voß [oder Voss?] – siehe später – meine Absetzung als Generaldirektor und Vicepräsident des Verwaltungsrates gefordert. Durch das Vertrauensverhältnis, das ich zum Gauleiter von Niederdonau, dem ganz Süd- und Mittelmähren unterstand, hergestellt hatte, wurde auch meine persönliche Stellung unangreifbar. Dieser Gauleiter (Name leider entfallen) [Dr. Hugo Jury lt. Ziegler] war ein von Idealen erfüllter Arzt, der sich beim Zusammenbruch im Jahre 1945 das Leben nahm... Unser Freund Dr. Reissig war mit einer seit mehreren Jahren verstorbenen Halbjüdin verheiratet gewesen, seine beiden Kinder waren demnach Vierteljuden. Er war als Rechtsanwalt wegen dieser »Versippung« nicht tragbar. So mußte er seine hochangesehene Kanzlei teilen mit zwei Parteigenossen [p58] und wurde nur [oder nun] eben geduldet. Von unserer alten Gesellschaft blieb nur die Familie Rohrer übrig, die schon als Zeitungsherausgeber stark Anlehnung an die Machthaber suchten, dann das Ehepaar Bittner, er Arier, sie Jüdin, endlich der oft genannte Dr. Reissig. Wir kapselten uns möglichst ab, hatten unser Bridge und ließen die weltgeschichtlichen Ereignisse an uns vorbeiziehen. [»Die Geschichte der Wiener Juden bis 1914« aus »Judaica« bringt viele hier genannte Namen, fj]

Die Ereignisse bei meinen Firmen

Seit der Sanierung der Ersten Brünner in den Jahren 1926/27 war die große Mehrheit des Aktienkapitals bei der Bebca gelandet, die beiden anderen Unternehmungen, BKM (Brünn-Königsfelder Maschinen- und Waggonfabrik) und Gefia gehörten hundertprozentig der EB, fielen daher in den gleichen Topf. Nun wurden, nach Errichtung des Protektorates, Banken und Industrie nach deutschen Grundsätzen neu geordnet. Zunächst kamen die deutschen Banken in der ČSR in die Konzerne der deutschen Großbanken; das Aktienkapital der Böhmischen Eskomptebank (»und Kreditanstalt« blieb von nun an weg, da die Wiener Kreditanstalt andere Wege gegangen war) kam von der Živno an die Dresdner Bank. Dr. Rasche, leitendes Vorstandsmitglied der Dresdner, setzte sich mit boxenden Ellenbogen hinein, amovierte zunächst Dr. Feilchenfeld und die übrigen jüdischen Direktoren, beförderte übrigens Dr. Ing. Hummelberger, Generaldirektor der Poldihütte, zum Präsidenten, mich zum Vicepräsidenten der umgekrempelten Bank. Gleichzeitig aber mußte die Beb[ka], wieder nach deutschen Normen, ihre industriellen Beteiligungen abgeben – so kamen die Aktienpakete von Poldihütte, EB und viele andere an die »Reichswerke Hermann Göring«. Diese Reichswerke hatten eine kurze, aber in die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands einschneidende Geschichte hinter sich: Sie waren in der friedlichen Aufbauperiode des Nationalsozialismus gegründet worden zur Ausnützung der an Fe-Gehalt armen Erze von Salzgitter in Norddeutschland, hatten nach dem Anschluß Österreichs in Linz, an einem neu gebauten Donauhafen, ein modernes Hochofen-, Stahl- und Walzwerk errichtet, das noch heute unter dem Namen Vöest die mit Stolz gezeigte Paradeanlage des kleinen Österreich darstellt. Eine Unmenge von mittleren und kleinen Stahlwerken, Maschinenfabriken und dergleichen waren den »Reichswerken«, besonders nach dem Anschluß des Sudetengaus und von Österreich, in den Schoß gefallen. Nun also folgte die EB.
   Die Reichswerke hatten ein dreiköpfiges Direktorium: Pleiger, Dr. Voß, Dr. Guido Schmidt [hier ohne t geschrieben, später aber immer mit t]. Pleiger war der energische Selfmademan, ihm unterstand das große Gebiet der Urproduktion, der Metallurgie. Voß, aus der Buchprüferei hervorgegangen, hatte die Fertigbetriebe unter sich, vielleicht auch Einfluß auf die finanzielle Führung. Schmidt war als letzter gekommen, soviel ich beobachtete, sollte er sich um [p59] die Auslandsinteressen der Reichswerke kümmern. Mit den beiden Letztgenannten hatte die EB und dadurch ich es zu tun.
   Zunächst wurde Dr. Voß zum Präsidenten meines Verwaltungsrates bestellt. Ich erwähnte früher, daß Kreisleiter Folta sofort meine Abberufung verlangte, Voß ihn, scheinbar unter Hinweis auf meine Unentbehrlichkeit, hinhielt, und Folta bald, durch Berufung in den Verwaltungsrat versöhnt, sich mit meiner Existenz abfand [gestrichen: durchaus positiv einstellte]. Voß hatte zu mir bald Vertrauen gefaßt, vor allem aber verstand er von Maschinen und Maschinenbau wirklich gar nichts. So übertrug er mir das Ordnungmachen bei der Simmeringer Maschinen- und Waggonfabrik. Durch Fusion schufen wir die noch heute bestehende »Simmering-Graz-Paukerwerke AG«, deren Präsident er, Vizepräsident ich wurde. Er delegierte mich auch in den Vorstand der Škodawerke, der mit Abstand größten tschechischen Maschinenfabrik und übertrug mir noch andere ehrenvolle Posten. Er verkehrte auch in unserem Haus, brachte ein oder mehrmals seine junge Frau – aber warm bin ich mit ihm nie richtig geworden.

Dr. Guido Schmidt, Rumänien

Dr. Guido Schmidt war unter Bundeskanzler Dr. Schuschnigg der letzte Außenminister des unabhängigen Österreich. Er hatte im Auftrag seines Ministerpräsidenten die Verhandlungen mit Göring geführt, die zum Anschluß führten; seine Feinde behaupteten nach dem Zusammenbruch, hierbei habe er Österreich verraten. Obwohl Guido Schmidt als Zögling des Jesuitengymnasiums Stella matutina und als katholischer CV-Akademiker alles andere als ein Nationalsozialist war, hatte ihn der Reichsmarschall als einen der drei Generaldirektoren der Hermann-Göring-Werke bestellt. Wie ich schon erwähnte, sollte er die im Ausland gelegenen Eisenwerke, Maschinenfabriken etc., soweit sie der Einflußnahme des Reiches zugänglich waren, »bewirtschaften«. Solche Werke von immerhin nennenswerter Kapazität gab es in Rumänien, welches Land sich unter die Fittiche des Reiches begeben hatte. Nun verstand aber auch Dr. Guido Schmidt nichts von Stahlwerken oder Maschinenfabriken und lieh sich von seinen beiden Kollegen je einen Helfer aus: von Herrn Pleiger, metallurgische Branche, Dr. Ing. Augst und Chef des Röhrenwalzwerkes von Witkowitz – und von Herrn Voß [lieh er sich] mich. So wurden wir beide, Augst und ich, Rumänienexperten des Herrn Guido Schmidt, flogen recht häufig hinunter, kamen immer mit nützlichen Dingen zurück, die es in Rumänien vor allem auf dem Lebensmittelsektor noch immer gab. Da existiert eine kleine Anekdote: Für Mariandls neugeborenen Sohn Fritz [den Transkribenten fj, geboren 30. November 1941], unseren ältesten Enkel, bekamen Mutter und Großmutter nur die durch die sozialistische Norm für alle Kleinkinder vorgeschriebene Zahl von Windeln und dergleichen. Die wurde von meinen Damen als unzureichend angesehen. [p60] So kaufte ich also in Bukarest tüchtig ein. Aber durch irgend einen Zufall blieb das Paket im Flugzeug zurück. Das Flugzeug wurde ins Führer-Hauptquartier beordert, und Fritzens Windeln landeten dort. Ich fürchtete einen Riesenkrach mit Untersuchung. Nichts dergleichen, die Windeln kamen ohne weitere Erklärung zurück und in meinen Besitz. »Auf die Preußen kann man sich verlassen!«

Privatisierung der Ersten Brünner

Durch meine Tätigkeit in Rumänien kam ich in nahe Beziehungen zu Guido Schmidt. Im Gegensatz zu Voß entwickelte sich zwischen dem Vorarlberger Schmidt und mir ein beinahe vertrauensvolles Verhältnis. Wann wir unseren Plan der »Privatisierung der EB« ausheckten und wie wir’s dem Dr. Voß beibrachten, ist mir nicht mehr in Erinnerung. [Randbemerkung: Es muß aber...] Jedenfalls bildeten Schmidt und ich uns ein, es werde nach dem Kriegsende möglich sein, als Deutscher in der ČSR zu arbeiten – wir müßten nur das Odium der »Reichswerke Hermann Göring« abschütteln. Aber wie? Meine Idee drang durch: Gründung eines Konsortiums, dem Sudetendeutsche und (in der Minderzahl) österreichische Industrielle angehören durften. Jedes Konsortialmitglied konnte tausend Aktien der EB erwerben oder ein Mehrfaches davon zu einem im Vergleich zum Sachwert und zur Ertragskraft des Unternehmens sehr günstigen Kurs. Als Führer des Konsortiums bestellten wir die BEB. Die Hauptsache aber war: Loseisen der EB-Aktien aus dem Besitz der Reichswerke. Dem diplomatischen Geschick des gelernten Jesuiten Guido Schmidt gelang auch dieses. Ich war ja bei seinen Gesprächen mit dem Reichsmarschall nicht zugegen, aber er scheint Göring mit zwei Argumenten überzeugt zu haben: einmal, daß die Streuung der Aktien dieser immer deutsch geführten Maschinenfabrik unter die Industriellen von Böhmen, Mähren, Österreich dem Brünner Unternehmen auch in Zukunft den Markt sichern werde – zum anderen, daß der Arbeitsbereich der EB doch weit seitab von der Haupttätigkeit der Reichswerke liege, sodaß diese kein vitales Interesse an dieser Beteiligung hätten.
   Die Privatisierung gelang, auch ich, auch eine Gruppe meiner Mitarbeiter und viele ähnlich optimistische Männer erwarben je tausend EB-Aktien, um auch diesen Vermögensteil restlos zu verlieren; bei den ungeheueren Erfolgen unserer Wehrmacht, die uns alle, mich vielleicht noch mehr als die meisten Volksgenossen, restlos begeisterten, war damals der Glaube an den Sieg naheliegend.
   Dr. Voß trat als Präsident zurück, an seine Stelle kam Dr. Schmidt. Ich legte die Mandate in verschiedenen Verwaltungsräten, in die mich die Reichswerke berufen hatten, nieder.
[Rechts ein Auszug aus dem »Adreßbuch von Groß-Brünn 1943«, Seite 2.]

Familiengeschehnisse

Ich muß jetzt wieder weit zurückblenden. Unser Sohn Heinz hatte, es dürfte 1935 gewesen sein, von der deutschen Technik Brünn überge[p61]wechselt zur Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dort legte er sein Diplomexamen kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges ab; im Sommer 1939 machten wir, ich glaube im Zusammenhang mit unserem alljährigen Besuch auf dem Siebenfahrerhof, eine Urlaubsreise nach Lugano oder Locarno. Von dort aus benützte Heinz mein Auto, um über den Gotthart nach Zürich zu fahren und sich dort sein Diplomzeugnis zu holen. Dann trat er, nach kurzer Konstrukteur-Tätigkeit in einer reichsdeutschen Firma, in Potsdam beim Traditionsregiment eines früheren Garde-Artillerieregimentes an; aber das Soldatenleben machte ihm wenig Spaß. Es war wohl auch ganz anders als zur Einjährigenzeit seines Vaters! So war es verständlich und für uns Eltern eine große Beruhigung, daß er bald nach Abschluß des Frankreich-Feldzuges, in dem sein Regiment hinter den Franzosen herlief, ohne einen zu sehen, zum Ingenieurwesen der Luftwaffe überwechselte und dann praktisch bis zum Ende des Krieges als Flieger-Hauptingenieur in Paris an der Koordinierung französischer Firmen mitarbeitete.
   Das Geschick unser Mariandl wurde auch mit den Soldaten verbunden. Der Kommandeur der im März 1939 nach Brünn eingerückten Truppen, Oberst ... hatte einen besonders sympathischen Adjutanten, den Leutnant Jörn. Der machte bei den »prominenten« Familien Antrittsbesuche, kam zu uns und eroberte Mariandl. Das einzige Kind dieser Ehe ist unser Fritz.
Kiritein   Unser Schwiegersohn Fritz hatte als Infanterieoffizier ein Leben in steter Gefahr. Ein- oder zweimal kam er verwundet nachhause, ging immer wieder hinaus und fiel bei der verunglückten Ardennen-Gegenoffensive im Dezember 1944. Ein kleines Zwischenspiel, das mit seinem Namen verknüpft ist: Als die Lage auf dem russischen Kriegsschauplatz brenzlig wurde, suchte ich einen Fluchtort, wo sich die ganze Familie bei einem schlimmen Ausgang treffen könnte. Der intensiven und sehr herzlichen Aufforderung von Irene, Marianns Schwester, verdanke ich, daß ich mich auf Kitzbühel, »Haus Michael«, festlegte. Und nun mußten möglichst viele Möbel, Hausrat und dergleichen dorthin abtransportiert werden. Durch »Führerbefehl« war aber allen prominenten Deutschen im Protektorat Böhmen und Mähren, vor allem Industriellen, strengstens verboten, ihr Hab und Gut nach Gebieten außerhalb des Protektorates zu verlegen. Ich tat’s aber doch, packte zwei große Möbelwagen und sandte sie nach Kitzbühel, wo Iren deren mit Mühe ausgepackten Inhalt im verwunschenen Schloß Münichau beim Schwarzsee unterbrachte. Was kommen mußte, kam: Ich wurde zur Geheimen Staatspolizei, zur berühmten Gestapo, vorgeladen. Ein SS-Funktionär, der natürlich in diesem Moment unsere persönliche Bekanntschaft vergessen hatte, lud mich mit eisiger Miene ein, Platz zu nehmen. Er: »Haben Sie zwei Möbelwagen nach Kitzbühel gesendet?« Ich: »Ja.« Er: »Ist Ihnen der Führerbefehl bekannt, wonach solche Sendungen verboten sind?« Ich: »Ja«. Er: »Und wie konnten Sie es doch wagen?«, Ich: »Sie gehen von einer falschen Voraussetzung aus. Nicht ich, sondern mein Schwiegersohn, Hauptmann Friedrich Wilhelm Jörn, hat das Heiratsgut seiner Frau verschickt, was sein gutes Recht ist!« Er steht auf, sichtlich erleichtert, hat unsere private Bekanntschaft wieder entdeckt, reicht mir über den Schreibtisch lächelnd [p62] die Hand: »Großartig!«... Heute wohnen Mariandl und wir zu einem guten Teil in den damals nach Schloß Münichau geretteten Möbeln.
   Noch eine andere Erinnerung, verbunden mit dem Andenken an »Vater Fritz«, wie wir ihn heute zum Unterschied zu seinem Sohn nennen. Kiritein war ein Dorf nahe von Brünn [knapp 20 km nördlich, siehe Landkarte oben, heute Křitiny, östlich Adamsthal gleich Adamov. fj], in wunderschönen Wäldern gelegen, Familie Bittner hatte dort viele Jahre lang eine Sommerwohnung, sodaß wir schon im Frieden bei Sonntagsausflügen, zu Bridgepartien usw. oft nach Kiritein gekommen waren. Nun sollte dort eine der schönsten Villen, einem Juden gehörend, zur »Arisierung« kommen. Ich erwarb sie auf den Namen meines Schwiegersohnes, wissend, daß er nach Kriegsende ein Besitzrecht niemals geltend machen würde. Und dorthin verlegten wir den Wohnsitz des kleinen Fritz, als der Aufenthalt im bombardierten Brünn immer ungemütlicher wurde. Da hatte er seine Juliška, ein tschechisches Mädchen, das ihn herzlich betreute – und noch heute behauptet Mariann, meine Frau, daß er darum zuerst tschechische Worte plapperte.

Pitín

DetailLange vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus hatte ich, immer Waldnarr, einen Waldbesitz vor allem in Österreich, später auch in der Tschechoslowakei, gesucht. Einmal war das Gebotene zu klein, dann zu teuer, dann zu stark ausgeschlagen... wär’ ich damals nur weniger wählerisch gewesen! Da kam das berüchtigte Abkommen Hitler-Mussolini über die Abwanderung der Deutschen aus Südtirol. Danach hätte ich den Siebenfahrerhof an einen Italiener abgeben müssen. Das war ein Grund mehr, um nun von den deutschen Behörden einen Wald als Ersatz für den Südtiroler zu verlangen. Endlich, im Jahre 1941, bot sich die Möglichkeit des Erwerbes von Pitín. Der Besitzer, ein Professor Zbořil, hatte einen Kaufvertrag mit dem tschechischen Baumeister Dvořák abgeschlossen. Zbořil hatte vor Jahren zuviel Waldbesitz zusammengekauft, seine Schulden drückten ihn. Nach seiner Erzählung wollte er aus dem Zinsenzahlen herauskommen, indem er einen Teil seiner Wälder abstieß. Das vollkommen arrondierte Waldgut Pitín und Šanov lag an der Grenze zwischen Mähren und der Slowakei, auf mährischer Seite sind die Städtchen Ungarisch Hradiš, Ungarisch Brod und Bojkowitz, auf slowakischer [Seite] sind das Waagtal und der berühmte Badeort Pyštian Orientierungspunkte [siehe Landkarte, auf Klick Details. fj]. Die deutsche Protektoratsbehörde genehmigte den Vertrag Zbořil-Dvorák nicht, ich wurde angewiesen, als Ersatz für Dvorák mit dem Verkäufer in Verbindung zu treten. Wir waren bald einig, und ich besaß einen herrlichen Wald von über 900 Hektar, den ich, genau wie den Siebenfahrer, zu je einem Viertel auf den Namen meiner Frau, meiner beiden Kinder und meinen eigenen eintragen ließ. Der Kaufpreis bestand nach meiner Erinnerung außer der Übernahme einer ansehnlichen Hypothek in einer Barzahlung von einer Million KČ gleich 100.000 Reichsmark (fester Umrechnungskurs 10 KČ gleich 1 RM). Ich war bei der damaligen Lage vorsichtig genug, einen befreundeten [p63] Direktor der Dresdner Bank um ein entsprechendes Darlehen zu ersuchen, das mir die Filiale Reichenberg dieser Bank in der Höhe von 100.000 RM gewährte. Nach dem Zusammenbruch entfiel die Zahlung dieses Betrages, sodaß ich in Pitín nur mit jenen Beträgen hängen blieb, die ich für Verbesserungen, insbesondere für Aufforstungen, hineingesteckt habe. Aber wieviel Freude haben mir diese herrlichen Wälder in düsterer Kriegszeit gegeben! Sooft ich nur konnte fuhr ich mit meinem auf Holzgasbetrieb umgebauten Achtzylinder-Buick über Ungarisch Hradisch-Ungarisch Brod nach Pitín. Dort nächtigte ich gewöhnlich im Hegerhaus, bewohnt von der Familie des Hegers Strapina, der mir, obwohl nur tschechisch sprechend, sympathischer war als der gebildetere Forstverwalter Vaněček. Mit Strapina machte ich stundenlange Märsche in »meinem Wald«, auch als Jäger begann ich mich zu betätigen, ohne große Leidenschaft und dementsprechend ohne imposante Erfolge... Das Rückdenken an diesen wunderschönen Besitz ist mir eine wehmütige Erinnerung.

Der Zusammenbruch

Das gesamte Großdeutsche Reich schaffte und mühte sich, die Delegierten der verschiedenen Ministerien, Wehrmachtsteile, Stäbe reisten hin und her, trieben an, kritisierten oft hart, wenn ein Soll nicht erfüllt worden war. Betriebsamkeit sollte den realen Glauben an den Endsieg vortäuschen. Der Zusammenbruch nahte unaufhaltsam.
   Zu Weihnachten 1944 waren wir noch alle in Kitzbühel vereint. [Obwohl mein Vater, Friedrich Wilhelm Jörn, am 16. Dezember 1944 bei Monschau in der Eifel gefallen war. fj] Bei einem schweren Sturz bei der Skiabfahrt von der Ehrenbachhöhe holte ich mir eine Verrenkung des rechten Schultergelenkes, deren Folgen ich heute noch ein wenig spüre. Tochter Mariandl fuhr mit mir nach Brünn zurück, Mariann blieb mit dem kleinen Fritz in Kitzbühel. In der Folge wechselten dann die beiden, Mariann kam nach abenteuerlicher Fahrt, Wien war schon in Sowjet-Händen, nach Brünn und harrte bis zum Ende bei mir aus. Vom Nordosten, aus dem Raum Mährisch Ostrau, und aus Südosten, von der niederösterreichischen Grenze, näherten sich die Russen. General Schörner, Befehlshaber der deutschen Truppen in Böhmen und Mähren, hatte einen Verbindungsoffizier zum Verband Mährischer Industrieller, dessen Präsident ich war, abgestellt. Dieser Major hatte uns erklärt, daß er Befehl seines General habe, keine führenden Industriellen in die Hände der Sowjets fallen zu lassen. (Warum nur Industrielle? Warum nur »führende«?...) Jedenfalls konnten wir alle mit einer gewissen Ruhe dem Kommenden entgegen sehen.
   Am 17. April 1945, abends etwa einhalb zehn Uhr, ging das Telefon in meiner Wohnung, Schreibwaldstraße 156. »Es ist so weit! Wir alle treffen uns in Iglau, in der (arisierten) Fabrik vormals Löw in Helenental. Aber Achtung, die normale Verbindung Wienerstraße-Iglauerstraße über Zentralfriedhof darf nicht gewählt werden, es sind dort ein paar russische Panzer durchgebrochen.« So fuhren wir drei, meine Frau, mein Chauffeur Otto Jelinek und ich im vorbereiteten kleinen Tatra-Wagen, Eigentum von Mariandl, ausgerüstet mit zwei [p64] kleinen Koffern und zwei vollgepackten Rucksäcken in tiefer Nacht gegen Iglau. Immer wird mir in Erinnerung bleiben, wie ich mein Schlafzimmer verließ – mit einem Blick auf das zum Schlafen vorbereitete Bett, vor ihm die Hausschuhe, daneben der Kleiderschrank, aus dem ich noch irgend einen Mantel oder Rock genommen hatte. »Das alles wirst du nie mehr wiedersehen!«
   Nun sollte ich über die Abenteuer unserer Flucht berichten – es gab keine! Ich hatte etwas couragiert eine Fahrtroute ab Schreibwald-Brünn gewählt, die durch Fichtenhochwald hinauf zur Iglauer Staatsstraße führt. Wenn die Partisanen, deren sich die später so tapferen Tschechen rühmen, nur eine dieser Fichten quer über die Straße umgelegt hätten, so konnten sie uns abschießen wie die Hasen. Wir aber kamen im fahlen Nachtlicht, mit abgeschalteten Autolampen, auf die Höhe der Iglauer Straße, zu unserer Linken lag Südmähren – und die Dörfer brannten lichterloh, genau wie ich das dreißig Jahre früher auf den russischen Kriegsschauplätzen erlebt hatte. Mariann und Otto rauchten zur Beruhigung ihrer Nerven je eine Zigarette; dann fuhren wir weiter und waren, wegen der von uns eingeschlagenen kurzen Linie, die Ersten in Helenental-Iglau. So bot uns der sehr höfliche Fabriksinhaber sein eigenes Schlafzimmer an, wir schliefen herrlich und wurden am nächsten Morgen durch den Lärm im Fabrikshof geweckt: Unsere übernächtigen und daher übel gelaunten Kollegen waren eingetroffen!
Flucht    Ich habe diese erste Fluchtnacht ausführlich erzählt, um am Beispiel vorweg zu erklären, daß es uns eigentlich immer recht erträglich gegangen ist. Wir fuhren noch am gleichen Tag weiter bis Budweis, wo uns unser Ostrauer Jugendfreund, Heni Cech, Generaldirektor der Bleistiftwerke Hardtmuth, durch seinen Einfluß ein angenehmes Hotelzimmer verschaffte – in einem Städtchen, das von flüchtenden Deutschen, Ungarn mit Herden von Vieh, von Truppen und Trains zum Bersten überfüllt war. Am 18. April, nach Tisch, besuchen wir einen alten, wenn auch nicht intimen Bekannten, Herrn Westen aus der Familie der Emailfabrikanten, selbst Inhaber einer kleinen Emailfabrik in Budweis. Bei einem gemütlichen schwarzen Café – im Nebenraum steckten Offiziere und Zivilisten die Köpfe zusammen ob der bedrohlichen Lage – erkundigte ich mich bei Herrn Westen, ob ich die Route nach Süden, direkt nach Oberösterreich, oder die über den Böhmerwald nach Passau und dann, immer in Bayern bleibend, nach Kitzbühel wählen solle. »Nur die letztere!«, war die Antwort, »In Oberösterreich, bei dem verrückten Gauleiter Eigruber, würden Sie von der an den Straßen postierten SS abgefangen, Ihr Auto würde Ihnen genommen und Sie selbst (ich hatte zwar die Altersgrenze überschritten) zum Volkssturm gesteckt!« Wir folgten, hatten eine wunderschöne Frühlingsfahrt durch blühende Bäume, mußten allerdings vor Passau länger warten, da gerade ein Bombenangriff auf die Stadt niederging. Dann [p65] aber wurden wir von unserem Freund Guido Schmidt, den schon früher genannten, untergebracht – nur einige Kisten, die ich via Donaudampfschiffsfahrtgesellschaft [sic!] hierher geschickt hatte, blieben unauffindbar, waren wohl versenkt oder verbrannt worden. Am nächsten Tag ging’s weiter zu einem Ort nächst Freilassing in Bayern [westlich Salzburg, siehe roten Punkt. fj], wo der im Augenblick allerdings nicht anwesende Heinz als Fliegerhauptingenieur an der Ausrüstung eines Flugplatzes arbeitete, wir also mit Berufung auf ihn bestens aufgenommen wurden. Am letzten Tag unserer Autoreise, am 21. April 1945, trafen wir in Kitzbühel ein, die Begrüßung durch Mariandl und den kleinen Fritz war rührend. Und wenige Tage später war auch Heinz da, nur [der gefallene] Vater Fritz fehlte unter denen, die im Haus Michael ankommen sollten.

Kitzbühel

Kriegsende Kitzbühel

Ein schweres Kapitel begann – aber mit Stolz darf ich sagen, daß wir alle die auf uns zukommenden Entbehrungen, Widerlichkeiten aller Art tapfer und mit Haltung getragen haben. Vor allem hielten wir eisern zusammen!
   Kitzbühel war überfüllt: Flüchtlinge aus ganz Deutschland drängten sich – so zum Beispiel behandelte meine noch immer nicht ganz geheilte rechte Schulter eine Bundesdeutsche aus Hamburg, die als seinerzeitige Krankenpflegerin vom Kitzbüheler Kriegsspital zurückgeblieben war, ein sehr sympathisches und tüchtiges Fräulein von... (?). Daneben aber füllten die Straßen jugoslawische, ungarische Fremdarbeiter, zuerst amerikanische, später französische Besatzungstruppen – die ersteren beinahe unsympathischer als die letzteren, die offenbar nie Pulver gerochen hatten.
   Die Brotbeschaffung war besonders schwierig, manchmal stellten wir uns schon bei Morgengrauen, jeder bei einer anderen Bäckerei, an, um unsere Portion Brot wirklich zu bekommen. Daneben der widerliche Tauschhandel – ein Goldkettlein für ein paar Eier oder etwas Butter. Mariandl war sehr tüchtig, mit dem Fahrrad besuchte sie die entlegensten Bauernhöfe.
   Ich fand mir zwei Tätigkeiten, heute würde man sie »Jobs« nennen, die unsere Lage in mancher Hinsicht erleichterten. Einmal wurde ich »Öffentlicher Verwalter« von zwei kleinen Fabriken reichsdeutschen Besitzes, beide in Kufstein gelegen. Die häufigen Fahrten, die ich dorthin machen mußte, gaben mir das Recht, mein kleines Auto zu behalten und sogar manchmal etwas Benzin zu beziehen. Weiters aber wurde ich, da der Siebenfahrerbesitz meine Zugehörigkeit zu Südtirol begründete, Beauftragter für die Betreuung der in den Bezirken Kitzbühel und Kufstein lebenden Südtiroler Abwanderer, Abwanderer nach dem Mussolini-Hitler-Abkommen, Leute, die wir schon aus Gründen der Verstärkung der Südtiroler deutschen Bevölkerung gerne wieder drüben haben wollten. Diese letztere Funktion ermöglichte es mir, beim franzö[p66]sischen Kommando in Kitzbühel um ein »Laissez-passer« für Reisen nach Italien, Provinz Bozen, anzusuchen, sodaß ich schon im August 1945 und dann oft wiederkehrend Bozen und den geliebten Siebenfahrerhof besuchen konnte. Es war jedesmal ein Hochgefühl, auf eigenem Grund zu stehen, im Hotel Greif gut zu leben, beim damaligen Verwalter des Hofes, Dr. Viktor Perathoner, sogar ein kleines Guthaben zu besitzen, um in dem mit allen Glücksgütern gesegneten Bozen bißchen etwas einzukaufen.
   [Im Bild: Marodierende deutsche Soldaten haben nachts im Vorgarten Quartier gemacht. Ich, der kleine Fritz, sehe mir das vom Balkon aus an. Allerdings war es zuvor zu einer gefährlichen Eskalation gekommen, als »Onkel Heinz« versucht hatte, sie zu vertreiben. fj]

Übersiedlung nach Bozen

In dem Schlagerlied heißt es »Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei...« So auch der böse Winter 1945 auf 46, der viel zu langsame Aufstieg im Jahre 1946, die Trennung von den Kindern, die verdienen gehen mußten: Heinz in die Schweiz, Mariandl als Architekt [sic!] nach Bozen, gleichzeitig zur Vorbereitung unserer aller Übersiedlung dorthin. Mit vielen Mühen und Reisen hatte ich endlich, auf Grund des Besitzes des Siebenfahrerhofes, die Bewilligung von italienischer Seite erhalten, mit Frau, Tochter Mariann (die ohnedies schon in Bozen lebte) nach der Gemeinde Sarntal zu übersiedeln, unter zollfreier Mitnahme des Übersiedlungsgutes. Die dauernde Aufenthaltsgenehmigung, der »soggiorno indeterminato«, wurde uns etwas später zuerkannt. Danach war noch, mit wesentlich geringerer Mühe, die Ausreisegenehmigung der österreichischen Behörden, besonders für unser Umsiedlungsgut, zu beschaffen. Der Möbelwagen mit Anhänger kam von der Spedition Zuffo aus Bozen, sehnsüchtig warteten wir auf ihn. Endlich ging am 17. Dezember [1946] die Fahrt los, bei viel Schnee und scharfer Kälte. In Innsbruck Mittagspause, nachmittags hinauf auf den Brenner. Vorne der Möbelwagen, ich mit Mariann und dem kleinen Fritz im Tatra-Kleinwagen, im Volksmund Hadimřka genannt, hinterdrein. Unzählige Male steckte der Möbelwagen an steilen Stellen den Brenner aufwärts, Fritz bewunderte, wie dann immer ein Arbeiter flink absprang und einen bereit gehaltenen Holzkeil unter die hinteren Räder schob. Bald zog der schwere Lastwagen wieder an, bei tiefer Dunkelheit waren wir oben am Brenner.
   Nun aber ließ uns der italienische Zollbeamte nicht durch – seine Amtszeit wäre abgelaufen und für den kleinen Jungen gäb’s überhaupt keine Einreisebewilligung!
   So mußten wir zurück. Mariann wickelt den Buben in ihren Gottlob langen und warmen Pelzmantel – es war der alte schwarze Persianer. Der Schnee fiel in dicken Flocken, in jeder Ortschaft, Gries, Steinach, Matrei bat ich um Unterkunft. Endlich ließ man uns in einem alten Gasthof in Matrei eintreten, gab dem Büblein heiße Milch, uns allen ein recht bescheidenes Quartier. Am nächsten Morgen schien eine strahlende Wintersonne, der Zollbeamte [p67] war wohl besser aufgelegt – oder hatte der Vertreter der Speditionsfirma Zuffo am Brenner für bessere Laune gesorgt? Wir fuhren anstandslos über die Grenze, der Möbelwagen war bereits vorausgerollt. Allerdings hatte man auch diesmal meinen Kleinwagen nicht hereingelassen – es sei nicht klar, ob dieser zum Übersiedlungsgut gehöre. Wir kamen also mit einem Bummelzug in Bozen an, am Bahnhof erwartet von Mariandl, die seit einigen Monaten bei Architekt Patis [meiner Meinung nach Pattis, fj] arbeitete. So war der größere Teil der Familie wieder vereinigt.
Tatra 57 Hadimřka    [Am Tag nach unserer Ankunft in Bozen wurde Großvater 65; ich war fünf, ging dann dort ab 1947 zur Schule. Großvater lebte noch 25 sehr rege Jahre in Südtirol. Unser kleiner Tatra 57, 750 ccm, Hadimřka (»schlängelt sich so durch«) – hier ein altes Bild mit Onkel Heinz (rechts, wie für vormaligen Linksverkehr üblich) am Steuer und noch mit mährischer Nummer – verbrannte kurze Zeit später spektakulär am Bozner Rathausplatz, etwa dort, wo lange Zeit der Electronia war. Es muß ein Kabelbrand gewesen sein und ein großer Verlust für die Großeltern. Der Tatra hatte keine Kühlrippen, weil wegen dem luftgekühlten Vierylinder-Boxermotor, übrigens einem tragenden Teil des Fahrgestells, eh kein Kühler dahinter lag. (Hier mehr zur Hadimřka und zu seinem genialen Konstrukteuer Hans Ledwinka.) Die Großeletern kauften dann einen gebrauchten Mercedes 170 V. fj]

In Bozen

Unser Ankunftstag fiel auf den 18. 12.1946 [einen Mittwoch], auf den Vorabend meines 65. Geburtstages. Wir hatten zu Feiern wenig Zeit; so kurz als möglich blieben wir im Hotel Greif, bald war die von Mariandl aufgenommene Wohnung soweit in Ordnung, daß wir einziehen konnten. Damals hieß die Straße nach dem benachbarten, alten und interessanten Kirchlein, »Sankt Johann«, heute ist sie auf »Cavour« umbenannt. Geblieben aber sind wir im gleichen Haus № 7 – und werden hier wohl bleiben über die Jahre, die uns noch bevorstehen. Bozen. Cavourstr. 7
   Ich muß hier eine traurige Einschaltung machen: Am 21. 12. 1946, also wenige Tage nach unserem Eintreffen in Bozen, starb meine Mutter in Graz, 92 Jahre alt. Ihr habe ich Leben und Gesundheit, ihrer unendlichen Liebe meinen Aufstieg zu danken. Ich wurde durch eine – begreiflicher Weise arg verspätete – Depesche verständigt; meine erste Reise von Bozen aus ging an ihr Grab in Graz.
   Heute, als ich dieses Kapitel niederschreibe, sind wir im Dezember 1967 angelangt – es sind also fast 21 Jahre verflossen, seit wir unseren Wohnsitz in Bozen aufgeschlagen haben; von den verschiedenen Domizilen, die ich in meinem Leben durchwanderte, hat keines einen so langen Aufenthalt zu verzeichnen. Diese 21 Jahre sind in ruhigem, stetem Ablauf vorübergerollt. Überlegte Handlungen wurden Gewohnheit, Gewohnheit wurde Routine.
   Zunächst waren wir vier: Mariann und ich, Mariandl und ihr Bub. Mariandl arbeitete als Architekt, brachte jugendliche Bewegung ins Haus – Fritz ging bald in die Schule, wir lernten mit ihm, holten ihn aus der Schule ab – es gab Abwechslung. Aber dann war Mariandl dahin, in Deutschland und Österreich; Fritz wollten wir in Österreich oder Deutschland die Oberschule absolvieren lassen, wir entschlossen uns nach gründlichem Überlegen und Besichtigen für Marquartstein. So blieben Mariann und ich allein – aber nicht einsam. Wir haben lebhaften Kontakt mit unseren Kindern und mit Fritz, mit alten Freunden, haben ein wenig Verkehr – dessen könnte mehr sein, wenn ich mich bei unserer Ansiedlung in Bozen mehr umgesehen hätte. (Bild aus einem Fotoalbum der Großeltern, Foto und Schrift Großmutter)

Der Wald

Großvater an der BremsseilbahnGroßvater, am Weizacker am Weg zum Hundskragen, an den Bock der Bremsseilbahn gelehnt. Foto Großmutter

Mir verschafft Freude und Befriedigung die mir selbst gestellte Aufgabe am Siebenfahrerhof: Ich entwickle dort einen gut, meine Freunde sagen mustergültig, geführten Wald, »Wald« war für mich seit meiner Kindheit der Inbegriff des Schönen und Erquickenden. Noch heute kann ich mir keinen Urlaub [Seite 68] ohne Wald vorstellen; mein Zögern, einen Urlaub am Meer zu verbringen, geht wohl darauf zurück, daß ich dort höchstens einen Streifen schlechten Föhrenwaldes finde. Wenige Tage vor dem Einlangen bei dieser Stelle meiner Niederschrift, nämlich am 22. November 1967, waren fünfzig, volle 50 Jahre vergangen, seit ich den Notariatsakt über den Kauf des Siebenfahrer – damals ein k. und k. Hauptmann – gefertigt hatte.
   Schon im Jahre 1946, als ich nur manchmal mit einem Laissez-passer noch Südtirol einreisen konnte, hat mein damaliger Hofpächter, Luis Kofler, mit Arbeitern, deren es zu jener Zeit in Südtirol mehr als genug gab, nach meinen Angaben mit dem Aufforsten begonnen. Zunächst kamen die durch Zwangsschlägerungen der Kriegsjahre kahl gewordenen Flächen dran, später wurden die Aufforstungen auf alle bedürftigen Flächen des Waldes ausgedehnt. Seit 1946 führe ich über diese Arbeiten genau Buch, danach habe ich in den 22 bis Frühling 1967 verflossenen Jahren 229.000 Fichten, Lärchen, Zirben einschließlich einiger Laubhölzer in den Boden gebracht. Der alte Forstwart Haller von Lengmoos am Ritten, der in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg die Aufforstungen leitete, erzählte mit bei einem Begegnen vor mehreren Jahren, er besitze noch die Aufschreibungen über die damaligen Pflanzarbeiten, und danach waren es über 150.000 Bäumchen. Da noch jetzt alljährlich mehre tausend gesetzt werden, nähern wir uns den 400.000! Ich frage mich selbst, wohin kamen und kommen heute alle diese Pflanzen? Einmal wird jeder Schlag – Kahlschlag kommt bei der heutigen Waldwirtschaft nicht in Frage – möglichst bald aufgeforstet oder die vorhandene natürliche Verjüngung wird ergänzt; vor allem aber gehe ich immer mehr zur Aufforstung von »Grenzertragsböden« über, also bisher landwirtschaftlich kümmerlich oder gar nicht genutzten Flächen. Hierfür soll’s sogar Zuwendungen der öffentlichen Hand geben! Nun müßte ich noch über die recht kostspieligen Arbeiten zur »Verjüngungspflege« berichten, das sind vor allem Unkrautbekämpfung, Aushacken von Hasel- und anderen Stauden usw. – und dann wird mir der, welcher diese Zeilen vielleicht einmal nach Jahr und Tag lesen sollte, gerne glauben, daß in meinen Ausgabeposten Waldpflege im Lauf der Jahre viele Millionen Lire hineingesteckt wurden.
   Bei den Schlägerungen, also beim Herausnehmen der Substanz, bin ich weniger großzügig. Ich bremse, um mehr Altholz mit günstigen Zuwächsen und höheren Verkaufspreisen zu erzielen und diese Bestände meinen Kindern und Enkeln zu [p69] hinterlassen. Das sollte, so glaube ich, das bessere Erbe sein als ein mobiles Vermögen, das bald in alle Winde zerflattert. Das bessere Erbe dann, wenn nicht, wie in der Tschechoslowakei, siehe Pitín, der Kommunismus kommt...
   Aber die verstandesmäßige Überlegung über Wert und Erbe ist bestimmt nicht die Triebfeder bei der Führung meines Waldes. Hier entscheidet nur meine Vorliebe, fast möchte ich sagen Leidenschaft, für den schönsten Besitz, den ich mir vorstellen kann.

Schlußwort, ohne Pathos

Mariann und ich leben im 55. Jahr unserer Ehe glücklich und zufrieden im schönen Südtirol. Mariann sagt oft, unsere Generation habe an Wechselfällen, Kriegen und Umstürzen mehr mitgemacht als die unserer Vorväter. Sicher hat sie recht, wenn wir nur auf die Zeitspanne der letzten 100 oder 150 Jahre zurückblicken. Zu den Napoleonischen Kriegen, zum siebenjährigen Krieg oder gar noch weiter zurück bis zum dreißigjährigen möchte ich der Frage nicht nachgehen; vor allem fehlt mir die Kenntnis, wie wirkungsvoll und ob überhaupt sich damals eine einzelne Familie gegen das traurige Schicksal des ganzen Volkes abschirmen konnte.
   Das Fazit aus meinem Leben: Ich hätte vielleicht die Begabung gehabt, es in der industriellen Karriere weiter zu bringen, als mir das als Deutscher in der Tschechoslowakei gelungen ist. Aber ich habe mich und die Meinen aus bescheidenem Anfang zu einem angenehmen Lebensstil geführt und ich konnte das erreichte Niveau trotz aller Wechselfälle und Widrigkeiten im großen Ganzen halten. Manchmal war’s nicht ganz leicht.

Anmerkungen zu den Memoiren von Fritz Jörn

Anton Hödl * 19. Dezember 1881, + 1. Februar 1972

Seine »Erinnerungen« schrieb Anton Hödl, mein Großvater, in den Jahren 1963 bis 1967 nieder, am Hof auf seiner alten Schreibmaschine mit tschechischer Tastatur.
   Seine Frau, Mariann Elisabeth Hödl, am 19. November 1891 in Orlau geborene Fillunger, starb am Montag, den 19. Juli 1971, 79jährig, nach kurzer, schwerer Krankheit in Salzburg im Krankenhaus. Großvater hatte stets erwartet, sie zu überleben. In seinen Notizen findet sich bei wichtigen Punkten immer wieder die halb scherzhafte Anmerkung: »Zur Erziehung meiner Witwe.«
   Anton Hödl selbst (geboren 19. Dezember 1881) starb neunzigjährig am Sonntag, dem 1. Februar 1972, in Bozen. Begraben sind beide in Sarnthein: Das schmiedeeiserne Kreuz hatte Großvater noch selbst entworfen. Der Stein aus rotem Marmor, in dem das Kreuz fußt, kommt vom Siebenfahrerhof. Erde aus Pitín ist auch dabei... Ich aber war nicht gekommen, da damals in Kalifornien... was mir heute noch leid tut! Fritz Jörn
   Das Testament der Großeltern habe ich in Zusammenhang mit der Geschichte des Siebenfahrerhofes gebracht, siehe www.Joern.De/siebenfh.htm#testament.

Der Name Hödl ist süddeutsch. Linnartz schreibt in »Unseren Familiennamen«, Band 1, 1958: Hodler, Hödler, Hodel, Hödel alemannisch 1. Händler, der aus einem mit einem Hodel, einer Plane überdeckten Wagen Waren zum Verkauf anbietet, 2. Korn-, Getreideankäufer und Händler mit dem Hodelwagen. Gottschald und Schützeichel meinen in ihrer »Deutschen Namenskunde: Unsere Familiennamen« (1982): Hodel: südd. Fuhrmann, Lumpensammler, Händler.

Hier noch ein Artikel von Rudolf Molak, erschienen im »Brünner Heimatboten« im Dezember 1971, zum 90. Geburtstag Anton Hödls:

Dipl. Ing. Anton Hödl

Am 19. Dezember 1971 feiert Dipl. Ing. Anton Hödl seinen 90. Geburtstag. Er war der letzte deutsche Generaldirektor der Ersten Brünner Maschinenfabriks-Gesellschaft, die er von 1926 bis in die Apriltage des Jahres 1945 leitete.
   Hödl ist in Innsbruck geboren, wuchs in Prag und Jägerndorf auf, studierte an der Technischen Hochschule in Wien und war vor dem Ersten Weltkrieg als Ingenieur in Wien, Mährisch-Ostrau und Berlin tätig.
   Den ersten Weltkrieg machte er an verschiedenen Kriegsschauplätzen bis zum Hauptmann mit, wurde nach dem Kriege Direktor der Witkowitzer Eisenwerke, dann Zentraldirektor der Lapp-Finze AG in Graz und ab 1926 Generaldirektor der Ersten Brünner Maschinenfabriks-Gesellschaft; und hier beginnt eine Tätigkeit, die für unsere Vaterstadt von Bedeutung war, so daß ein Rückblick auf diesen Abschnitt seines Lebens für uns von Interesse ist.
   Die Erste Brünner, gegründet 1821, ist eine der ältesten Maschinenfabriken des europäischen Kontinents und überlebte die Österreichisch-Ungarische Monarchie, die ČSR, das Protektorat Böhmen und Mähren und ist jetzt in der ČSSR.
   Als Hödl 1926 antrat, war die Erste Brünner unter Führung des Generaldirektors Franz Pauker und des Präsidenten der Wiener Länderbank und Aufsichtsratvorsitzenden Rotter dem finanziellen Zusammenbruch nahe. Es ist einmalig, daß es Hödl durch Jahre zäher Verhandlungen gelang, die aufgenommene Dollaranleihe des Bankhauses Lissmann, New York, und die vielen anderen Verpflichtungen gegenüber ausländischen Banken, Steuerämtern und anderen zu liquidieren und den Bestand der Ersten Brünner zu retten. Das Unternehmen war aber in seiner Einrichtung, namentlich in den Fertigungshallen und im gesamten Maschinenpark veraltert und große Investitionen und organisatorische Änderungen mußten gleichzeitig durchgeführt werden, wenn das Unternehmen saniert und sein Bestand gesichert sein sollte. So manch unpopuläre Maßnahme, wie Abbau der überhöhten Gehälter und Löhne, Einführung von neuen Akkorden, Entlassungen und vorzeitige Versetzungen in den Ruhestand bei gleichzeitiger Aufnahme neuer Spitzenkräfte, wirkten auf das Betriebsklima verschlechternd und wurden von nicht Eingeweihten nicht verstanden, waren aber notwendig und Voraussetzung für die Rettung des Unternehmens.
   Einige wichtige Ereignisse seien kurz angeführt:

1928/29 wurden alte Hallen Opfer der Spitzhacke und eine neue Maschinenfabrik mit Montagehallen und Prüfständen errichtet. Neue Werkzeugmaschinen und sonstige Einrichtungen wurden angeschafft.

1935/36 wurde unter dem Devisendruck zwischen ČSR und Österreich das Abtreten des Paukerwerkes, Wien-Leopoldau, an die Simmeringer Maschinenfabrik und die Übernahme der Brünn-Königsfelder Maschinenfabrik [BKM] in den Verband der Ersten Brünner durchgeführt.

1937 wurde das aus Rationalisierungsgründen inzwischen stillgelegte Wannieckwerk, Brünn, Glockengasse, an die Waffenwerke, Brünn, verkauft.

1938 wurde in der BKM die Graugießerei stillgelegt und eine Stahlgießerei und ein großes Modellhaus errichtet, sowie neue Maschinen angeschafft.
   Besonders erwähnenswert sind Änderungen des Fabrikationsprogrammes, die an die Ingenieure als auch an die Arbeiterschaft große Anforderungen stellten. Fortschritt und Tradition wurden in gleicher Weise berücksichtigt. In diese Zeit nach dem ersten Weltkrieg fiel die Entwicklung des Hochdruckdampfes im Kessel-, Turbinen- und Pumpenbau.
   Auf sozialem Gebiet ist die Schaffung der Pensionszuschußkassa der Angestellten der Ersten Brünner aus dem zu sanierenden ehemaligen Paukerfond, Schaffung von Wohnungen für die Belegschaft, Schaffung einer Kantine für Angestellte, Schaffung eines Belegschaftshauses mit großer Kantine zu nennen.
   Trotz seiner neunzig Jahre ist der in seiner Jugend durch Sport gestählte Mann heute noch Pkw-Fahrer, hat eine sichere Handschrift. Seine ehemaligen, noch lebenden Mitarbeiter erinnern sich gerne an ihren früheren Chef. Er war ein gerechter, willensstarker, aber umsichtiger Vorgesetzter, der für jeden zu sprechen war, der den Dienst am Kunden hoch hielt und unermüdlich verhandelte, reiste und sich für die Firma opferte. Seine Mitarbeiter haben viel von ihm gelernt und konnten sich nach der Vertreibung aus der Heimat in die neuen Verhältnisse gut einfinden und bewähren.
   Am 24 7. 1971 starb ihm seine Gattin Mariann E. Hödl, geborene Fillunger, und ist begraben in Sarnthein bei Bozen, wo Herr Hödl seit langem ein Waldgut hat. Sein Wohnsitz ist in Bozen, Via Cavour 7. Wir wünschen dem Jubilar Gesundheit, Glück und Segen. Mögen ihm noch schöne Jahre vergönnt sein. Mol.

[Ende des Heimatboten-Artikels zu seinem Neunzigsten.]

Eine längere Festschrift zum Treffen der Ersten Brünner in München am 25. und 26. Mai 1973 mit der ausführlichen Geschichte der Ersten Brünner, besonders aller technischen Errungenschaften und dem Ende 1945, habe ich samt Namensliste auch in den Computer übernommen, siehe www.Joern.De/eb.htm. Dort die Geschichte der Ersten Brünner.

   Aus einer Laudatio im Jahr 1961 bei einem Brünner-Treffen in Neumarkt, Oberpfalz
Aus den individuell abgefassten Glückwunschschreiben ersieht man, wie Herr Hödl heute nach mehr als 16 Jahren nach dem Zusammenbruch [also 1945 + 16 = 1961] und der Austreibung mit seinen ehemaligen Mitarbeitern Kontakt hält und beliebt ist. Hochachtung, Verehrung und Dank sprechen aus den Zeilen, die aus allen teilen Deutschlands, Österreichs, Schweiz, England und sogar aus Übersee kamen. Unter den Gratulanten sind viele, die in hohen, verantwortlichen Stellungen ihren Mann stellen und das Rüstzeug zu ihrer heutigen Tätigkeit in der »Ersten Brünner« oder den Schwestergesellschaften erhielten. Immer wieder klingt neben der Berufserinnerung, die einmalige Führung unter Generaldirektor Hödl und darüber hinaus die wunderbare Zusammenarbeit unter den Berufskollegen in der früheren Heimatstadt an.
   Generaldirektor Hödl war als Industrieführer überall geachtet und seine Worte wurden stets gerne gehört. Er gehörte zu jenen frei entscheidenden Industrieführern, die trotz der Ungunst der staatlichen Verhältnisse es verstanden, seine Gesellschaften um alle Klippen und Gefahren gut zu führen.
   Es ist tief bedauerlich, dass unter den vielen Gratulanten ein Großteil ehemaliger Belegschaft fehlt. Dies trifft sowohl für die »Erste Brünner Maschinen-Fabriks-Gesellschaft«, als auch die »Brünn-Königsfelder Maschinen- und Waggonfabrik«, die »Bruna GmbH« und die »Gefia« zu. Zum Teil sind sie in den letzten Tagen des Krieges 1945 im Volkssturm gefallen, zum Teil in Kriegsgefangenschaft geraten und in den Wirren des Zusammenbruchs in Internierungslager geschleppt worden und an den Folgen der erlittenen Misshandlungen gestorben.

Ein Nachruf nach seinem Tod [von Oberingenieur Josef Bauer:]
   In memoriam Hödl, gest. 1. 2. 72
Am 19. Dezember 1971, an seinem neunzigsten Geburtstag, weilte Hödl im Kreise seiner Kinder und Enkel in Oberalm bei Hallein. Eine kleine Abordnung seiner ehemaligen Mitarbeiter, die sich zur Beglückwünschung eingefunden hatten, fanden ihren Generaldirektor in sehr guter Verfassung, wohl ein wenig vom Alter gezeichnet, doch in gewohnter Frische.
   Am Kaminfeuer in der Bauernstube nahm die Geburtstagsfeier in herzlicher Verbundenheit und Aufgeschlossenheit einen schönen Verlauf. Gegen Ende der Feier erhob sich Hödl, um in seiner gewohnten aufrechten und vornehmen Haltung eine weitumfassende Ansprache zu halten. Mit wohlausgewogenen Worten und einem erstaunlichen Gedächtnis gab er einen letzten, großen Rechenschaftsbericht über Anfang und Ende seines Wirkens in der Ersten Brünner Maschinenfabrik, und es schien, als ob ihm seine Worte von oben zufließen würden.
   Niemand hätte auch nur im Leisesten geahnt, daß seine Tage gezählt waren; und so mußte uns die Nachricht von Hödls Tod um so unerwarteter treffen.
   Seit dem Tode seiner innigstgeliebten Gattin im Juli vorigen Jahres war es um Hödls Ausgeglichenheit geschehen. Ruhelos wechselte er zwischen Hallein und Bozen. Er fühlte sich in der Leere und Stille seines geräumigen Bürgerhauses in Bozen verwaist, und es mag wohl dadurch eine seelische Überforderung eingetreten sein.
   Am Morgen des Tages vor seinem Tode fuhr Hödl wie gewöhnlich mit seinem Wagen durch das wildromantische und kurvenreiche Sarntal zu seinem Waldwirtschaftsgut, um nach dem Rechten zu sehen.
   Der Morgen des nächsten Tages begann mit einem Unwohlsein, dem Hödl aber keine besondere Bedeutung beimaß. Er machte in Bozen einige Besorgungen und suchte auch seinen Hausarzt auf. Nach einem appetitlosen Mittagessen legte sich Hödl zu seinem gewohnten Mittagsschlaf nieder. Er fröstelte, verlangte eine Decke und schlief länger, als es seine Gewohnheit war. Nach seinem Erwachen stellte sich wieder ein Unwohlsein ein, und der inzwischen herbeigerufene Arzt veranlaßte vorsorglich eine Überführung ins Krankenhaus. Dort angekommen wurde Hödl ärztlich versorgt und gebettet.
   Wieder verlangte er eine warme Decke; die Krankenschwester schüttelte noch seine Kopfkissen zurecht, Hödl legte sich zurück und schlief für immer ein.
   Einem gottbegnadeten hohen Alter folgte ein ebenso gottbegnadeter Tod.
   In Sarnthein, im Sarntal, unweit von seinem Waldgut, wurde Hödl im Familiengrab neben seiner Gattin zur ewigen Ruhe gebettet.
   Das gesamte Sarntal, die Männer und Frauen in ihren südtiroler Trachten und die freigestellte Schuljugend, wohl an die tausend Menschen, waren erschienen, um ihrem hochgeehrten und überaus beliebten Waldbauer Hödl, wie er sich selbst immer nannte, die letzte Ehre zu erweisen, der wie einst in der Ersten Brünner so auch hier im Sarntal mit der gleichen produktiven Willenskraft und Umsicht nicht nur sein Waldgut durch Transportseilbahnen und Zufuhrstraßen ertragreich gemacht hat, sondern auch für das gesamte Sarntal in gemeinnütziger Weise tätig war.
   Die noch lebenden ehemaligen Mitarbeiter ihres unvergeßlichen Generaldirektors werden dem Verstorbenen stets ein ehrendes Gedenken bewahren. Der Verstorbene war allen ein Vorbild, zu dem seine Mitarbeiter aufgesehen haben, und wohl für so Manchen von ihnen wird er in den wesentlichen Stunden des Lebens richtunggebend gewesen sein.
   Josef Bauer, 8032 Gräfelfing, Otilostraße 12
[Übertragen vom handgeschriebenen Original, Facsimile-Datei Mem1 und Mem2.]

   Nachgedanken von Fritz Jörn
Ein paar eigene Erinnerungen an meinen seligen Großvater will ich, Fritz Jörn, sein geliebter (aber oft ungetreuer) Enkel, noch zufügen. Großvaters Erinnerungen sind ja eher geschäftlich-sachlich, vor allem beleuchten sie die jüngste Zeit, die Südtiroler Zeit, nur allzu kurz, die ich als Kind erlebte. Leider sind auch Großvaters Gedanken zur Familie, da zu persönlich, nicht festgehalten.
   Nachdem meine Großeltern sich nach dem Krieg in Bozen auf ihre zunächst vermeintlich ärmliche Lage eingestellt hatten, führten sie dort ein bürgerliches Leben mit zahlreichen Reisen nach »Altitalien«, bis nach Sizilien. Wir besuchten mit dem Auto – damals schon einem Fiat – ihren Sohn, meinen Onkel, Heinz Hödl, in Spanien. In meinem Internat, Marquartstein, wie überall, blieb Großvater mit seinen weißen Haaren, seiner energischen, aufrechten Gestalt in unvergeßbarer Erinnerung.
   Zusammen mit dem Ehepaar Riedl machten die Großeltern viele Ausflüge in Südtirol. Dr. Franz Hieronymus Riedl und seine Frau Ottilie – einen kleinen Hund hatten sie auch immer – stammten ebenfalls aus dem Osten. Riedl war Feuilletonredakteur der Dolomiten und nach Sprengstoffattentaten jahrelang unschuldig aus Südtirol ausgewiesen. Er kannte wie kein anderer Geschichte und Wirtshäuser Tirols.
   Ihre Bridge-Runde hatten die Großeltern mit Familie Mumeleter, den Weinhändlern, die ihre Wohnung über der unseren hatten, und meinem Kinderarzt und Junggesellen Dr. Flederbacher. Ich weiß noch, wie unwillig Großmutter Karten spielte, weil Großvater sie stets korrigierte. Ich selbst habe Bridge deshalb schon als Kleiner aufgegeben, leider...
   Gelegentlich trafen sich die Großeltern auch mit Ing. Hermann Larisch und seiner Frau Trude. Larisch war der Leiter der Schafwollwarenfabrik Moeßmer in Bruneck. Sie kannten sich wohl aus Jägerndorf, wo die Larischs geheiratet hatten und ein großes Textilwerk besaßen.
   Die Stiassnis besuchten uns ein paar Mal aus Amerika. Sie lebten bei New York. Eine Reise nach Amerika haben die Großeltern immer geplant, dann aber doch nicht verwirklicht.
   Pips Glatter, auch aus Jägerndorf, hatte zuletzt eine Orgelfabrik in Vorarlberg.
   Den Bauern im Tal ist Großvater gesellschaftlich nicht nahegekommen, das hätte sich auch bei allem Respekt nicht gehört, in einem Ort, wo der Dialektausdruck für Pkw damals noch »Luxuswagen« war: respektvoller Abstand bei gegenseitiger größter Hochachtung, eine Tugend der Vergangenheit.
   Mich haben die Großeltern stets verwöhnt, dann sogar ihre Hälfte des Siebenfahrerhofes über eine nach österreichischem Recht mögliche »fideikommissarische Substitution« an mich vererbt, und zwar so, daß zunächst die beiden direkten Erben Heinz und Mariann den später mir zugedachten Anteil erbten – was dann beim Ausscheiden von Mami sogar zu einem Prozeß zwischen uns dreien führte und zu einem jahrelangen Zerwürfnis. Heute, zu Beginn des Jahres 1997, vertragen wir uns wieder gut. Heinz lebt mit seiner Frau Gisela in Madrid; Mami mit ihrem Mann Edgar und ihrer unverheirateten Tochter Marianne in Oberalm bei Hallein, umgeben von ihren anderen Kindern und Enkeln; ich selbst bin in Frankfurt am Main – jetzt, 1999, seit September 1997 wiederverheiratet in Bonn. Am Siebenfahrerhof lebt die Familie Kofler, Holzarbeiter und Bauer. Heinz und ich sind jedes Jahr ein paar Wochen dort, Mami oben auf ihrem abgetrennten Stück, der Lentsch.

Eine »biographische Skizze« über den Bergrat und Betriebsdirektor Ing. Eduard Hořovský (22. 10. 1831 Pribrans [Příbram] – 25. 2. 1898 Wien), meinen Ururgroßvater, habe ich ebenfalls eingelesen, siehe www.Joern.De/horovsky.htm.

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Das Testament der Großeltern

Kommentare und Korrekturen sind stets willkommen! Erreichbar bin ich elektronisch unter Fritz@Joern.De, sichtbar in http://www.Joern.De.

Fritz H. Jörn, Friedrichstraße 29, D-53111 Bonn, Telefon und Fax +49-228-211035, Mobiltelefon +49-171-3322017

Für weitere Recherchen ist eine gute Adresse der Bundesvorsitzende der »Bruna«, www.Bruenn.osc.de, dem Heimatverband der Brünner e.V. in Deutschland, Karl Walter Ziegler, Krokusweg 3, D-73655 Plüderhausen, Telefon 07181-81645, Fax 88120. Ziegler hatte bis 1940 in der Villa Löw-Beer in der Schreibwaldstraße № 104 gewohnt. Dann: Der Leiter des Heimatmuseums in Schwäbisch Gmünd ist Ing. Thedor Ballak, Im Ehrlich 6, 73730 Esslingen, Tel. 0711-366220. Der Leiter des Brünner Archivs ist Rudolf Stenzel, Hardtstraße 47/3, 73525 Schwäbisch Gmünd, Tel. 07171-66896. Im Internet erreicht man die KDSTV Nibelungia Brünn zu Darmstadt unter www.cartellverband.de/NbB. Die tschechische Handelskammer Brünn hat www.ohkbrno.cz/ohk/de/default.htm.

Einige Internet-technische Hinweise:
Die Memoiren meines Großvaters habe ich der Einfachheit halber ohne Querverweise (Links) ins Internet gestellt. Jeder bediene sich selbst seiner bevorzugten Suchmaschine.
Der Text ist in einem Stück gesetzt. Das erhöht zwar die Ladezeit, läßt aber Suchen innerhalb des Textes zu und erlaubt leichteres Kopieren. Das Urheberrecht liegt, bittesehr, bei mir!
Meine Anmerkungen stehen in [eckigen Klammern]. Die Seitenzahlen, etwa [p2], beziehen sich auf die Seiten des schreibmaschinengeschriebenen Originals des Großvaters.
Der Text ist natürlich in »alter« Rechtschreibung.
© Fritz Jörn, 1997, 1999, 2000.
Diese Version der Erinnerungen meines Großvaters habe ich im Dezember 1996 in den Computer eingelesen und handkorrigiert (Datei Hoedl). Der Text und die eingescannten Originalseiten sind bei mir erhältlich. Der Text, rund 200 kByte, steht in Word für Windows 6.0, die Seiten im Fax-Format von Winfax Pro 4.0, wobei allein eine Faxseite rund 140 kByte groß ist. Umwandlung in PCX (Painbrush for CAS), Bit-Map (BMP) oder Tif(G3) sind möglich (Tif wird etwas kleiner, PCX doppelt und BMP viermal so groß). Der beigefügte, handgeschriebene Stammbaum wurde nicht in den Text übernommen – das wäre ein weiteres Projekt (einen alten Stammbaum am Computer hab’ ich, Datei Familie.zip).

© Fritz Jörn MMXIV
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Zur Geschichte der Ersten Brünner Maschinenfabriks-Gesellschaft www.Joern.De/eb.htm
Hintergrundinformationen über das Sudetenland, Gedanken zur Vertreibung
Eine Beschreibung der Leiden der Sudetendeutschen (»Brünner Todesmarsch«)
   unter http://www.Bruenn.Org/de/fsindex.html oder www.Suedmaehren.De/geschichte/body_geschichte.html
Zur Geschichte des Siebenfahrerhofes www.Joern.De/siebenfh.htm
Zur biographischen Skizze Eduard Hořovský www.Joern.De/horovsky.htm
Zu den Lebenserinnerungen meines anderen Großvaters (Friedrich) Wilhelm Jörn
Hintergrundinformationen über das Sudetenland
Zum Jörnschen Stammbaum
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E-Mail an Fritz Jörn Fritz@Joern.De

... und hier noch ein paar Andenken ...

Hier noch eine alte Unterschrift der Großmutter, die sie allerdings lieber mit breiter Feder und violetter Tinte zu tätigen pflegte, und die kräftige des Großvaters (unter mein zweites Schulzeugnis 1948-49):