Wilhelm Jörn   Fakten, Bücher

Ährenlese vom Acker meines Lebens

Mein Vater, Friedrich Wilhelm Jörn, mein Großvater Wilhelm Jörn — Autor dieser »Ährenlese« – und ich, Fritz Jörn, 1941 anlässlich meiner Taufe in Brünn, in der Wohnung meiner Großeltern Hödl. Im Hintergrund das Egger-Lienz-Bild. fj

Klappentext – Ist »Ährenlesen« nicht eine mühselige Arbeit für einen, der das neunte Lebensjahrzehnt nahezu vollendet hat, und muss nicht darum auch der Ertrag dürftig sein? Wer auch nur die ersten Seiten dieser Lebensbeschreibung liest, wird bald einen anderen Eindruck gewinnen. Hier erzählt einer, der innerlich jung geblieben ist, über dem Verlangen, auch noch als Neunzigjähriger im Dienst für Gottes Sache zu sein, Was er weiterzugeben hat, sind nicht nur Bilder des eigenen Lebens, so bunt und abwechslungsreich sie auch sein mögen. Es ist ein Stück Reichsgottesgeschichte, das sich hier spiegelt. Wilhelm Jörn hat weit über den Kreis seiner Kirche hinaus als Evangelist und Seelsorger wirken dürfen. So manche Namen gesegneter Reichsgottesarbeiter der Vergangenheit tauchen vor uns auf, denen er begegnet ist, und die auch heute noch einen guten Klang haben; etwa Dr. Baedeker, Adolf Schlatter, Gräfin von Waldersee, Hedwig von Redern, Otto Funcke, Reichskanzler Michaelis.
   Bekannt geworden aber ist Wilhelm Jörn vor allem als Schriftsteller, der ein Stück Evangelium in volkstümlicher Sprache, meist in erzählender Form, seinen Lesern nahebrachte. Manche seiner Bücher und Hefte haben zahlreiche Auflagen erreicht und vielen jungen und älteren Menschen den Weg zu Jesus gezeigt. Noch einmal hat nun der treue Zeuge Jesu zur Feder gegriffen. In seinem Lebensbericht wird etwas davon offenbar, was von Gott entfachte Liebe zu einer verlorenen Welt auszurichten vermag.
    Bevor der greise Autor dem Verlag sein Manuskript übersandte, schrieb er als Motto darüber:

           An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd’;
           was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.

                                                                     
Paul Gerhardt

Buchtitel Ährenlese
Wo meine Wiege stand
An der Werkbank
Die große Wende
Im bunten Rock
Hier bin ich, sende mich
In der Waffenschmiede
Von Vätern, die mich formten
Flügge!
Die Gehilfin
Allerlei Erlebnisse in Berlin
Die Königsberger Jahre
Der Jugendsekretär
Wieder im Gemeindedienst
Die »neue Zeit«
Die Schriftstellerei
Im goldenen Abendschein


Wo meine Wiege stand

Der sagenumwitterte Harz mit seinen erzreichen Bergen, weiten Wäldern und fruchtbaren Feldern ist meine Heimat.
   Wie dankbar bin ich Gott für sie, wenn sich auch im Alter mehr und mehr der Blick von vergehender Erdenschönheit löst und sich den ewigen Höhen der Berge Gottes zuwendet, wo bleibende Heimat und unverwelkliches Leben ist. Die Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, hat jemand schön gesagt. Aber in diesem Paradies versteckt sich manch Düsteres, das die Freude an dem, was wir Jugendleben nennen, trübt. Wie hat mir doch als dummer Junge der Kausalzusammenhang zu schaffen gemacht, ehe ich eine Ahnung hatte von all den Problemen, die gelehrte Menschen derhalben wälzen! Ich lag nachts im Bett und grübelte: Gott hat die Welt geschaffen – aber wer hat Gott geschaffen? Wer hat den geschaffen, der Gott geschaffen hat? Wer – zuletzt zog ich die dünne Leinendecke über das Gesicht, um mich von den schrecklichen Gedanken, die immer weiter rückwärts drängten, zu schützen! Wunderbar – als später der Herr Jesus in mein Leben trat, war es mit dieser peinigenden Fragerei völlig vorbei! Drum selig, wem das neue, ewige Leben geschenkt wird durch des Schöpfers und Erlösers unergründliche Barmherzigkeit!
   Gerne streifte ich als Knabe ganz allein durch die Wälder rings um mein Heimatdorf. Über mir wölbte sich das Laubdach herrlicher alter Buchenstämme – unter mir raschelten die dürren Blätter des letzten Herbstes. Kraftvolles Wachsen und schnelles Vergehen predigte mir der schweigende Wald. Aber ewiges Leben ahnte mein junges Gemüt über mir in der Unendlichkeit und ließ mich die Kinderknie in das verdorrte Laub beugen und anbetend durch das Grün der Baumkronen über mir in den blauen Himmel schauen. – Ja, so tat ich. Wie tief dankbar bin ich dem heiligen, gütigen Gott für das, was die Theologen »vorlaufende Gnade« nennen. Ich erlebte sie reichlich in meiner Kindheit. – Dann wanderte ich wohl weiter zu der angrenzenden Tannenschonung, oder bis zu jenem verlassenen Steinbruch, um dort nach reifen Walderdbeeren zu schauen. Mit einem Strauß dieser hochstängeligen, köstlich duftenden Früchte die Mutter grüßen zu können, war eine besondere, aber leider nur seltene Freude! Der halbstündige Weg zurück war voller Versuchung, selber zu essen, was doch der Mutter zu schenken so schön gewesen wäre!
   Ja, diese Mutter! Sie soll als junges Mädchen die Schönste im Dorf gewesen sein. Ihr edel -geformter Kopf mit dem blonden, natürlich gekrausten Haar saß auf einer schlanken Gestalt, die leichtfüßig einher schritt und wie spielend unendlich viel Arbeit bewältigte. Mit vierzehn Jahren trat sie auf einem größeren Bauernhof in den Dienst bei Verwandten, wo sie sieben Jahre fröhlich ihre Arbeit tat. Sie hatte eine glockenhelle Stimme und ein feines musikalisches Gehör. Kein Wunder, dass der stämmige Bauernsohn aus dem Nachbardorf, mein Vater, sie sich zur Frau nahm. Er stammte von einem größeren Hof, wo edle Pferde gezüchtet wurden; aber die fünf Söhne konnten nicht alle Bauern werden. So lernte der Heinrich das Tischlerhandwerk und wurde ein geschätzter Meister in seinem Fach. Er sang einen schönen, sicheren Tenor.
   Dem arbeitsamen Tischlerehepaar, das ein schmuckes Haus mit großem Garten besaß, wurden eine Reihe Kinder geboren, von denen einige früh starben. Drei Jungen und fünf Mädchen, darunter ein Zwillingspaar, zogen die Eltern groß – und wurden von ihnen klein gezogen, wie das Leben lehrt. Ich selbst wurde am 14. Januar 1873 als zweitältester Sohn geboren. Meine liebe Mutter hat mich später oft bedauert, weil bald nach mir die Zwillinge in der Familie erschienen, die mich nach ihrer Meinung in den Hintergrund drängten. Mir hat das jedenfalls nichts ausgemacht – ist mir doch immer ein bisschen Einzelgängerei lieb gewesen.
   Ein Musterknabe war ich nicht, der Widerspruchsgeist war kräftig entwickelt. Wenn Mutter mich etwas hieß, folgte prompt eine Einwendung meinerseits. Nachher tat’s mir leid und ich suchte es wieder gutzumachen, wenn ich mein Mütterlein betrübt hatte. Wie oft benötigte aber auch die vielbeschäftigte Mutter für das Haus und den Kleinviehbestand im Stall eine »Reise Wasser«! Man musste das ausgeschnitzte Tragholz, an dessen Enden die beiden Wassereimer baumelten, um die Schultern legen und über die Straße zum gegenüberliegenden Bauernhof wandern. Dort stand hinter dem großen Haus im Garten unter einem mächtigen Grafensteiner Apfelbaum die »Schucke«, aus der das herrliche Quellwasser vom tiefen Brunnen hochgepumpt wurde. Wer dachte damals schon an Wasserleitungen! Abends saßen wir beim Licht des schwelenden Dochtes, dessen trübe Flamme aus dem Rüböl in der Zinnlampe genährt wurde. Welch umwälzende Neuigkeit kam zu uns mit dem Petroleumlicht!
   Bei vielen Jungenstreichen im Dorf war ich hervorragend beteiligt. In Bedrängnis brachten uns immer wieder die Kirsch-, Apfel- und Birnbäume an den Landstraßen, wenn die Reifezeit nahte. Sobald während des Unterrichts in der Dorfschule an die Tür geklopft wurde, schreckte manches Jungenherz – auch meines – zusammen. Sicher kam der Wegewärter, um uns zu verklagen! Ach, schon die Kinder wissen um die »Angst in der Welt« – wenn ich sie auch nicht so stark empfand wie jenes Schwarzwaldmädle, das im Sommer die Kühe auf den Bergen zu hüten hatte und einmal geseufzt haben soll: »Im Sommer donnert’s und im Winter muss mer in d’ Schul, mer kommt aus der Angst net ’raus!« – In die Schule ging ich gern, hatte wohl auch eine gute Auffassungsgabe und behielt leicht, was vorgetragen wurde. Unser alter Kantor, der zum Singen mit einem Finger Klavier spielte, war ein gläubiger Mann. Ich danke ihm, dass er uns tief einprägte, den Herrn Jesus Christus nicht für einen Engel zu halten, sondern ihn als Sohn Gottes anzusehen.
   Eines Abends wurden mein älterer Bruder und ich beauftragt, Kohlen zu holen. Der leere, noch saubere Sack lag auf der Schiebekarre. Nahe beim Händler stülpte mir der Bruder den Sack über den Kopf, und ich lief davon. In der Nähe floss der Ahlerbach durchs Dorf unter einer Brücke hindurch, die kein Geländer hatte. Mein Bruder schrie, aber ich hörte nicht und tollte wie wild vorwärts. Plötzlich setzte ich meinen Fuß ins Leere und stürzte kopfüber in das Wasser, das gerade hier gestaut war. Das ist ein Gefühl, wenn man im Wasser untersinkt und hat die Arme nicht frei, sondern ist im Sack gefangen! Ich habe angstvolle Augenblicke ausgestanden. Nun, die starke Hand des älteren Bruders hatte mich bald gefasst und zog mich heraus. Im Sack wurden die Kohlen nach Hause gekarrt, und ich ging triefend nebenher. Daheim gelang es mir, ungesehen die Treppe hinaufzukommen ins Schlafzimmer. Der Bruder musste der Mutter ausrichten, ich möge kein Abendbrot. Aber gerade das machte die Mutter argwöhnisch. Der Wilhelm wollte nicht essen? Unglaubwürdig! Sie kam herauf. Da lag ihr Junge im Bett, und daneben auf dem Stuhl hingen die Hosen, von denen es langsam auf den Fußboden tropfte. Die Mutter hob sie hoch – sie waren schwer von der Nässe. Da schaute sie den Jungen an, dessen Augen jetzt aus Furcht vor Strafe nass wurden. Aber meine gute Mutter! Es jammerte sie des zitternden Übeltäters – und sie brachte ihm ein herrliches Abendessen ans Bett! – Rettende Bruderarme, gütiges Mutterherz, ich habe sie erlebt!
   Als ich erst lesen konnte, verschlang ich ein Buch nach dem andern aus der Schulbibliothek und weiß noch heute manches aus guten Erzählungen, die mir wegweisend fürs Leben wurden. Ja, das Lesen! Mein Vater hielt nicht viel von Büchern. Er kaufte jedes Jahr einen Buchkalender, dessen Kalendarium mit Schreibpapier durchschossen war, auf die er mit charakteristisch großer Schrift anzeichnete, was und für wen er dies und das angefertigt hatte und was dafür berechnet worden war. Nur einmal gelang es dem Buchhändler in Seesen, ihm einen Kalender vom Marienstift in Braunschweig zu verkaufen, ohne die weißen Blätter, was ihm viel Not machte, mir aber großen Gewinn gebracht hat. In diesem Kalender standen nämlich Berichte über Pastor Gustav Stutzers Arbeit in Brasilien und über die Gründung der Anstalten für Innere Mission in Neu-Erkerode, die er mit viel Liebe unternahm. Pastor Stutzer hatte sich eine Frau aus Seesen, dreiviertel Stunde von meinem Geburtsort entfernt, geholt. Er schrieb später ein Buch über sie: »Meine Therese«, das mir viel gegeben hat. Ich freue mich, dass man es heute noch kaufen kann.
   Einmal saßen wir zu Haus um den Kaffeetisch. Da kam ein Kolporteur und bot christliche Bücher an. »Brauchen wir nicht, haben kein Geld dafür«, erklärte mein Vater kurz. Aber der Mann musste wohl meine hungrigen Augen gesehen haben und reichte dem Vater ein kleines Heftchen mit den Worten: »Hier, Meister, das schenke ich Ihnen!« Gleich griff ich danach und habe es dann durchgelesen – und immer wieder gelesen. Irre ich nicht, führte es den Titel: »Sage es Jesu«. Dies Büchlein hat mir Engelsdienst getan. Dank dem lieben Mann, der es in unser Haus gebracht hat! Es wehte mich aus diesem Buch etwas an, das mein Jungengemüt tief bewegte. Oft sehnte ich mich nach jemand, der mir innerlich helfen möchte, aber ich fand diese Hilfe nicht. Und oft war ich verzagt über mein Herz, das immerdar den Irrweg wollte. Über die Straße uns schräg gegenüber lag eine Schmiede. Ich hörte oft die wuchtigen Schmiedehämmer dort das glühende Eisen bearbeiten. Dann dachte ich. »Wenn du doch dein böses Herz einmal auf den Amboss legen könntest! Dann sollte der stärkste Schmiedsgesell den schwersten Vorhammer nehmen und es ganz in Stücke schlagen!« Aber ach, das ging ja nicht!
   Oft habe ich nach aufgeregtem Spiel bei sinkender Sonne im offenen Fenster gelegen und – im Gesangbuch gelesen! Wie liebe ich das Braunschweigische Kirchengesangbuch heute noch! Da stehen vom all unsere herrlichen Choräle. Dann kommen nach der Liturgieordnung die Perikopen, die durchs ganze Kirchenjahr hindurchführen, drei verschiedene Jahrgänge. Die ausführliche Leidensgeschichte des Heilandes schließt sich an. Auch die Geschichte der Zerstörung Jerusalems enthielt das Gesangbuch, dazu viele Gebete zu allerlei Lebenslagen. Wenn ich dann die schönen, kurzen Abschnitte der sonntäglichen Bibellektionen aus dem Neuen Testament las, kam mir immer wieder der Gedanke: »Warum leben die Menschen nicht so, wie es so schön hier beschrieben ist? Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit – wo ist das?« Aber eine große Sehnsucht war in mir: Wenn es doch so herrlich in der Welt wäre, wie es in der Bibel steht!
   Einmal am Heiligabend wanderte ich mit dem Vater nach dem nahen Mechtshausen zur Christmette. Es sei die reichste Pfarrei im Hannoverschen, belehrte er mich. Die Christnachtfeier an diesem Heiligabend in der Dorfkirche zu Mechtshausen ist für mich ein entscheidendes Erlebnis gewesen. Ich weiß kaum noch etwas davon – eigentlich nur noch, dass wir damals gesungen haben:
   Dies ist die Nacht, da mir erschienen
   des großen Gottes Freundlichkeit;
   das Kind, dem alle Engel dienen,
   bringt Licht in meine Dunkelheit.
   Und dieses Welt- und Himmelslicht
   weicht hunderttausend Sonnen nicht.
Aber in dieser wundersamen Stunde wurde mir, dem suchenden Knaben, etwas geschenkt, was mit mir durch mein ganzes Leben gegangen ist. Immer wieder bete ich auch heute noch voller Dankbarkeit den Schlussvers dieses Liedes von Kaspar Friedrich Nachtenhöfer:
   Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
   bestrahle mich mit deiner Gunst!
   Dein Licht sei meine Weihnachtswonne
   und lehre mich die Weihnachtskunst,
   wie ich im Lichte wandeln soll
   und sei des Weihnachtsglanzes voll.

Im Dorf war Freischießen. Der Schützenplatz an der Nette war bedeckt mit allerlei Buden, wo es vielerlei zu sehen und zu kaufen gab. Ich schlenderte umher und machte den aufmerksamen Zuschauer. Zwei Kinder interessierten mich, die vor einer Glücksbude standen. Schöne Dinge hingen da an den Wänden und lagen umher, die man gewinnen konnte. Ein Mann stand hinter einem großen Glücksrad, das am Rande Löcher hatte, in die ein Bolzen fuhr und jemand auf den Knopf schlug. Im Glücksrad über den Löchern waren einige Zahlen, aber viele leere Felder Nieten. »Wer versucht’s? Jede Nummer gewinnt!« schrie der Glücksmann unaufhörlich. Hatte jemand für einen Groschen den Knopf wieder eingeschlagen und der Bolzen zeigte ein leeres Feld an, dann setzte er gleich wieder das Rad in Bewegung und rief. »Wer wagt’s? Jede Nummer gewinnt!« Ich sehe noch heute die beiden Kinder mit begehrlichen Augen die schönen Gewinne betrachten, die ausgestellt waren. Der Junge hatte zwei Groschen in der Hand. Entschlossen legte er einen davon auf die Zahlbank und durfte nun auf den Knopf schlagen. Er tat es siegessicher. Aber als das Rad knarrend still stand, schaute der Glücksmann nur flüchtig hin. Eine Niete! Schon drehte er das Rad aufs neue und rief in die Zuschauer, die seine Bude umdrängten, hinein: »Wer wagt’s – jede Nummer gewinnt!« Der Junge schaute erst erschreckt auf – der eine Groschen war verloren! Aber er hatte noch einen in der Hand. War es vielleicht der Groschen, für den die Schwester sich etwas kaufen durfte?
   Die Spielleidenschaft siegte und die Begehrlichkeit, etwas zu gewinnen. Der zweite, der letzte Groschen flog auf die Zahlbank, und der Junge schlug noch einmal auf den Knopf. Als das Rad stand, wiederholte sich nur, was vor dem herausgekommen war: Ein schneller Blick des Budenbesitzers, der sich vergewisserte, dass es abermals eine Niete war, und schon kreiste das Rad wieder. »Wer wagt’s? Jede Nummer gewinnt!« rief er, neues Publikum anlockend. Der Junge aber stand wie gelähmt da. Die Groschen hingegeben und nichts, gar nichts dafür bekommen? Das konnte sie nicht fassen.
   Ich sehe heute noch die beiden Kinder vor mir, wie sie langsam und traurig davongingen. Ein großes Mitleid war in meinem Herzen. Aber auch ein Vorsatz entstand: Lass deine Hand von allen Versuchen, durch Glücksspiel etwas zu gewinnen!
   In der kleinen Kirche, wo ich getauft bin, hatten wir jeden Sonntagnachmittag Kinderlehre. Da standen beim Beginn zwei Kinder sich gegenüber an den Säulen des Eingangs zum Chor und leiteten ein mit einem Abschnitt aus den fünf Hauptstücken des Glaubensbekenntnisses und der Erklärungen Dr. Martin Luthers, die sie wechselseitig herzusagen hatten. Dann wurde das Sonntagsevangelium besprochen. Einen großen Segen hat mir das alles gebracht. Ich lernte Gottes Wort kennen und bleibe Pastor und Lehrern innig dankbar dafür. Saß mein Christentum auch damals zwölf Zoll zu hoch, nämlich im Kopf statt im Herzen, so war das doch viel tausendmal besser, als wenn mein Gedächtnis nur mit anderem vollgepfropft worden wäre.
   Der Konfirmandenunterricht dagegen gab mir nicht mehr viel. Das mag darin mit seinen Grund haben, dass die lutherischen Pfarrer in meiner Heimat zu jener Zeit nicht gerade christozentrisch eingestellt waren und mehr auf das äußere Bekenntnis zur Kirche Wert legten.
   Ein Erlebnis aus dem Unterricht ist mir haften geblieben. Unter den Jungen waren zwei aus einem Tagelöhnerhaus, das dicht an der Kirche stand. Ihre Namen will ich nicht nennen. Einer war schmächtig und klein, aber aufgeweckt; der andere größer und stattlich – aber er kam in der Schule nicht mit. Er konnte die aufgegebenen Sprüche aus dem Katechismus nicht einmal lesen. Da beauftragte der Pfarrer den Kleinen damit, dem Großen die Sprüche zu Hause beizubringen. Der Kleine erhob sich empört über solchem Ansinnen, und ich höre noch heute seine hohe Stimme, mit der er triumphierend diese Aufgabe von sich wies: »Herr Pastor, wir sind uns böse!« Wir lachten natürlich, aber dieses Miteinanderbösesein ist ein düsteres Kapitel gerade in dörflichen Gemeinschaften. Durch Generationen hindurch vererbt sich oft dies Bösesein und öffnet den finsteren Geistern der Tiefe das Tor zum Menschenherzen.
   Ich sehe auch noch den Lumpensammler des Dorfes, wie er die Straße hinunterzog mit seinem Handwagen. Daneben übte er noch ein recht dunkles Gewerbe aus: Er »besprach« Mensch und Tier.
   Mit der Erinnerung an ihn überfällt mich all die Not, die das »Besprechen« und sonstiger Aberglaube über unser Volk gebracht hat – bis in die Gegenwart, wo gebildete Menschen dreimal an den Tisch klopfen und »toi – toi – toi« sagen, um Unheil abzuwehren, das aus ihren Worten kommen könnte. Oder wenn sie auf ihren »Talisman« starren, der in ihrem Auto baumelt, statt auf den Herrn Jesus, den ewigen Lebensfürsten, Herz und Auge zu richten. Eine Sportgemeinde glaubte ihres Sieges gewiss zu sein, wenn vor dem Spiel jeder feierlich mit den Fingerspitzen den Höcker des Platzordners berührt hatte. Als dieser starb, stellte sich heraus, dass er seinen hohen Buckel aus Watte künstlich hergestellt hatte, um als glückbringendes Objekt zu gelten. Wie viele glauben doch an solche Dinge!
   Bin ich abgeschweift? Ich musste durch manchen dicken Nebel einer gottfernen Welt hindurch in der Kindheit -und sehnte mich doch nach Wahrheit und Frieden.
   Der Tag, an dem ich mit etwa hundert Mitkonfirmanden vor dem Altar der Kirche stand und nach dem Bekenntnis das heilige Abendmahl zum ersten Mal empfing, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich gab mich wirklich mit ganzem Herzen meinem Gott hin und wollte ihm dienen. Aber dann kam an diesem Sonntagnachmittag nach alter Sitte der Umzug der Konfirmanden durchs Dorf zu jedem Elternhaus, und abends gab es Tanz, bei dem vieles wieder verloren ging.
   Und doch bleibe ich dankbar für allen guten Unterricht, den ich empfangen habe. Wie gut ist es, wenn wir in der Kindheit die Großtaten unseres Gottes kennen lernen!

An der Werkbank

Als meine Schulzeit mit vierzehn Jahren zu Ende ging, wurde Familienrat über mich gehalten vom Vater und dem um sechs Jahre älteren Bruder, einem begabten Lithographen. Mein Bruder war mit dem Vater einig, ich solle dem Vater im Winter in der Werkstatt als Tischler helfen und im Sommer das Zimmermannshandwerk lernen. Nach der Lehre solle ich mir Geld für den Besuch der Bauschule verdienen, um dann im Dorf später eine Baufirma gründen zu können. Als ich hereingerufen und gefragt wurde, ob ich damit einverstanden sei, habe ich »nein« gesagt. Aber was wollte ich eigentlich werden? Ich wusste es selbst nicht! Meine Lehrer hatten dem Vater nahegelegt, mich auf die Oberschule nach Gandersheim zu schicken, ich hätte die Gaben dazu. Des Vaters Meinung war: »Im Handwerk kann man auch einen gescheiten Kopf gebrauchen. Hab’ kein Geld bei den vielen Kindern, eins davon auf Schulen zu schicken!«
   So wurde ich dann doch Zimmermann. Ich kam in die Lehre zu einem Sägewerksbesitzer, dessen Bruder ein geschickter Zimmermeister der alten Zunft war, sich aber wirtschaftlich nicht hatte behaupten können. Der schöne, große Werkplatz lag an einem Fluss, dessen Wasser aus den Harzbergen kam. Ganz in der Nähe sah man das Dörfchen Mechtshausen, in dem damals der Humorist Wilhelm Busch im Pfarrhaus wohnte. Er starb auch dort, und mein Schwager stellte ihm ein Denkmal auf am Friedhofszaun, das ihm die »Münchner Jugend« gestiftet hatte. Ein Wilhelm-Busch-Verehrer besuchte einst Mechtshausen und stand an seinem Grab. Zu einem Bauern, der am Zaun gelehnt ihm zuschaute, sagte er: »Welch großen Mann Sie hier zum Dorfgenossen gehabt haben!«
   »Ja«, meinte der Bauer anerkennend, »er was iuse beste Tuiertaler!« Das heißt: »Er war unser bester Steuerzahler!« Auch ein Werturteil für einen berühmten Zeitgenossen!
   Ich lernte derweil, wie man aus dem duftenden Tannenholz Fachhäuser baute, die auf soliden Eichenholzschwellen standen. Es wurden auch ganze Außenwände aus dem eisenharten Eichenholz gefertigt. Sie vermögen Jahrhunderte zu überdauern. Dabei lernte ich mein Handwerk lieben. Um sechs Uhr früh fing der Tag an. Oft eilte ich durchs Dorf an der Kirche vorbei und betete unterwegs noch mein »Vaterunser« – weil die Mutter Mühe gehabt hatte, mich aus dem Bett zu bringen! Es ging jeden Tag bis abends sechs Uhr, und manchmal fing der Tag sogar schon um vier Uhr früh an. Ich habe auch manches Richtfest mitgefeiert und viel Unmäßiges erlebt, suchte aber selbst in der Gottesfurcht zu bleiben.
   Eine Begebenheit fällt mir noch ein. Es war Mittagszeit, und die Gesellen lagen im Gras an der Böschung der Nette unter dem Schatten hoher Pappeln. Ich selbst war ins Wasser gegangen, um ein Bad zu nehmen. Meine Lederschuhe hatte ich anbehalten, um nicht in Glasscherben zu treten. Schwimmen konnte ich nicht. Da sprang einer der Zimmergesellen, er war aus dem nahen Mechtshausen, auch in den Fluss. Er war ein bärenstarker Mann, der in Berlin bei der Garde gedient hatte. Schwerste Lasten trug er mit Leichtigkeit. Unruhig sah ich ihn auf mich zuschwimmen. Wir befanden uns nicht weit ab vom großen Wasserrad, das dem ganzen Sägwerk Triebkraft gab, und der Strom eilte drängend darauf zu. Eine Holzbrücke überspannte kurz zuvor den engen Flusslauf, auf dem ein anderer Mechtshäuser stand und uns zuschaute. »Ich muss dich unters Wasser tauchen, Kleiner«, sagte mit breitem Lachen im Gesicht der Schwimmer. Ich hielt Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit und suchte mich, rückwärts ausweichend, in Sicherheit zu bringen. Aber ich erreichte das Ufer nicht mehr rechtzeitig und sah mich unausweichlich meinem Verfolger preisgegeben.
   »Lassen Sie mich in Ruhe!« rief ich angstvoll. Aber schon hatten seine athletischen Fäuste an meinen Schultern zugegriffen. Da packte ich aber auch zu und umklammerte seine kraftstrotzenden Arme. Die Füße meines Gegners suchten Grund, aber ich schlang meine Beine um die seinen, was ihn zum Kippen brachte. »Lass los, Junge«, gurgelte er noch, dann sanken wir unter das Wasser. Der starke Mann hatte in der Angst des jungen Burschen seinen Meister gefunden. Er strengte sich an, dass ihm die Augen aus den Höhlen quollen, aber es gelang ihm nicht, sich frei zu machen. Mir selbst machte nur einer meiner Lederschuhe Sorge. Er war mir, als ich meinen Gegner in die Zange genommen hatte, vom Fuß geglitten. »Was wird die Mutter sagen, wenn ich heute Abend ohne den Schuh nach Hause komme!« Das bekümmerte mich, nicht die große Gefahr, in der wir uns befanden.
   Aber der Zuschauer auf der Brücke sah die Sache anders an. Er konnte deutlich beobachten, wie die beiden eng verschlungenen Gestalten langsam, aber stetig dem Mühlrad zutrieben. Nur der struppige Haarschopf des Starken schaute noch aus dem Wasser hervor. Es galt schnell zu handeln. Christian Uhde, so hieß der andere, warf sich längs auf der Holzbrücke nieder und schob sich so weit vor, dass er eben noch das Gleichgewicht hatte. Dann griff er mit seinem langen Arm nach unten und konnte gerade noch den Haarbüschel des Gesellen erreichen, ehe das aneinandergeklammerte Paar unter der Brücke verschwunden war. Er hielt fest und zog langsam, aber sicher die beiden hoch, die dann ans Ufer gerettet wurden, wo sie prustend das neugeschenkte Sonnenlicht begrüßten.
   Aber mein Schuh? Er war und blieb in der Tiefe. Der Sägemüller ließ meinetwegen das gestaute Wasser ab, aber der Schuh fand sich nicht. An seine Stelle musste ein notdürftig passender Ersatz aus den abgetragenen Sachen eines Sägers treten. Damit bin ich abends dem Elternhaus zugetrollt. Es gelang mir, die Geschichte zu verheimlichen, bis dann der Dorfbarbier sie meiner Mutter erzählte. Die erschrak nicht wenig über die Gefahr, in der ihr Zweitältester gesteckt hatte, und nahm ihn tüchtig vor, als er an diesem Tage heimkam. Freilich, der Gerettete dachte dabei immer an den Verlust des Schuhs, aber das Unwetter darüber ging dann glücklich in der Angst unter, die das Mütterlein noch nachträglich um das Leben des jungen durchmachte.
   Frühmorgens führte mich mein Weg am Kirchplatz vorbei, wo gerade die schöne neue Kirche erbaut wurde aus gelbem Sandstein, der aus dem nahen Lutter am Barenberge kam. Die alte Kirche war ein Raub des Feuers geworden, das 1834 fast das halbe Dorf in Schutt und Asche gelegt hatte. Aber die Glocken der alten Kirche waren noch da. Sie hingen in starken Eichengerüsten nahe dem Kirchplatz, und ihre schönen, mächtigen Klänge, die zum Gottesdienst in der kleinen Sankt-Georgs-Kapelle riefen, konnte man vier Stunden weit hören. Je näher der Erde, desto besser pflanzt sich der Schall fort. Die Sankt-Georgs-Kapelle, in der ich getauft und konfirmiert bin, im Volksmund »Zinkt Jürgen« genannt, ist heute leider abgebrochen, aber ihr Bild hängt über meinem Schreibtisch. Die neue, im rein gotischen Stil erbaute Martinskirche meiner Heimat hat etwa siebenhundert Sitzplätze. Damals zog sich die hannover-braunschweigische Grenze genau mitten durch die Kirche. Der Pastor stand im Braunschweigischen auf der Kanzel, und der Kantor als Organist saß im Hannoverschen oben auf der Empore an seiner Orgel. Wie gut, dass das Reich unseres ewigen Gottes, das in Christo Jesu offenbar geworden ist, keine Grenzen kennt! Und der Geist weht, wo er will. Es war so schön, dass sich diese Wahrheit in meinem Heimatdorf verwirklichte und sich nicht zwei Kirchengemeinden bildeten. –
   Im Winter stand ich an der Hobelbank in des Vaters Werkstatt und lernte Tischler. Vater hatte immer Bange, dass ich von der Hantierung mit der schweren Zimmermannsaxt her zu hart ans feine Möbelwerk ginge, das er doch so liebte und mit großer Sorgfalt anfertigte. Freilich geschah alles von Hand, ohne irgendeine maschinelle Einrichtung. Nun, er riskierte es und ließ mich ein Dutzend Stühle herstellen mit Rohrsitzen und einer nach Bildhauerart geschnitzten »Zunge« in der Rückenlehne. Ich schaffte es, selbst die Holzschnitzerei mit zum Teil eigenen Motiven. Rohrsitze zu flechten hatte ich schon als Junge gelernt. Es machte mir Freude, am duftenden Holz zu schaffen und kniffliche Aufgaben zu lösen.
   Stille, frohe Winter, mit dem Weihnachtsfest in der Mitte – welche Erinnerungen knüpfen sich daran!. Der Schnee lag mannshoch draußen und überdeckte die Gartenzäune. Das weite Harzgebirge hüllte sich in den weißen Wintermantel. Darüber stand nachts der sternenleuchtende Himmel mit seinen dunklen Geheimnissen. Am Herzen nagten unausdeutbare Sehnsüchte, und ich war umgetrieben von allerlei Wachstumsnot, so dass meiner Mutter oft bange um mich war. Einmal gab sie mir dreieinhalb Silbergroschen; ich solle am Sonntagabend auch zum Tanz gehen, wie die Jugend des Dorfes tat. Ich zog los und sah mir das Treiben an. Da walzten die Paare über den blanken Fußboden dahin. Stämmige Bauernsöhne, robuste Knechte, etwas graziöser angezogene Handwerker hatten ihr Mädchen im Arm, schauten stolz über die Menge und hielten die dicken Zigarren qualmend zwischen ihren festen Zähnen – das war damals das bedeutendste Symbol der Männlichkeit. Ich ging nach Haus, legte meiner Mutter die fünfunddreißig Pfennig wieder auf den Tisch – sie konnte das Geld nur zu gut in der knappen Wirtschaft brauchen – und erklärte: »Mutter, es liegt mir nicht!« Ich habe mir kein Urteil angemaßt über das, was andere trieben, ich konnte nur nicht mitmachen. Aber ein großes Verlangen nach Freude war in mir.
   Gern bin ich je und je mit Vater und Geschwistern über den Berg zum Geburtshaus meines Vaters in Gremsheim gegangen. Einige Male geschah das Kirmessonntag, dem Erntedankfest. Vaters Bruder, der den schönen Hof dort geerbt hatte, war ein stiller, treuer Mann. Wir mussten durch Mechtshausen am Pfarrhaus vorbei, wo Wilhelm Busch wohnte, und dann einen steilen, mit Buchen und Eschen bestandenen Hang hinauf an Steinbrüchen und Klüften vorbei. Wenn wir dann gegen Mittag oben waren, breitete sich ein eine wunderschöne Landschaft vor uns aus. Man sah fast zwanzig Dörfer im weiten Tal liegen. Dicht bei Vaters Geburtsort befand sich das alte Gandersheim, wo im »Stift« die Benediktinerin Roswitha von Gandersheim ums Jahr Tausend die ersten deutschen Dramen schrieb. Wenn wir in Gremsheirn anlangten, kam Onkel Ferdinand im blauleinenen Sonntagskittel aus der Kirche. Saßen wir dann an der überreich gedeckten Mittagstafel, so stand wohl Onkel Ferdinand auf und sagte etwas verlegen, aber doch mit dem Ausdruck der Entschlossenheit: »Willt doch erst bäen!« (Wollen doch erst beten!) Es war sonst leider nicht Mode. Auf mich hat das einen unvergesslichen Eindruck gemacht. Abends sind wir dann mit mächtigen Packen Kuchen beladen den dunklen Weg zurückgegangen, oft an gefährlichen Stellen vorbei!
   Als Zimmermann wurde ich nach drei Jahren in einer ordentlichen Zunftversammlung von den Meistern »losgesprochen« und erhielt den Gesellenbrief. So war ich mit siebzehn Jahren reif für den Wanderweg in die Welt, der damals dazu gehörte für jeden, der im Handwerk weiterkommen wollte. Von den guten Wünschen der Eltern begleitet, reiste ich nach Hannover und fand Arbeit bei einem führenden Zimmermeister der Stadt. Ich verdiente gutes Geld und brachte alles, was ich nur erübrigen konnte, zur Sparkasse. Es galt ja eine Rücklage zu schaffen für den Besuch der Bauschule. Später entschloss ich mich, nach Hamburg zu gehen, wo allerdings die Zimmerleute gerade im Streik standen. Schon nach einer Woche Aufenthalt in Hamburg merkte ich, dass dort keine gute Luft für mich sei, und ich kehrte nach Hannover zurück. Die Fahrten in der vierten Klasse der Eisenbahn durch die Lüneburger Heide in warmer Sommernacht, oft draußen auf dem Trittbrett sitzend, sind mir noch in guter Erinnerung!

Die große Wende

In Hannover fand ich gleich wieder Arbeit bei einem Meister, dessen Heimat die Schweiz war. Auf seinem ausgedehnten Zimmerplatz, wo vielseitige Aufgaben gelöst wurden und tüchtige Facharbeiter werkten, habe ich lange geschafft, viel Geld verdient und wertvolle Erfahrungen gemacht. Ich wohnte mit zwei anderen jungen Männern bei einer Frau aus meinem Heimatdorf, die in Hannover einen Mehl- und Getreidehändler geheiratet hatte.
   Nach der Wochenarbeit wanderte ich sonntagfrüh zum Arbeiter-Vereinshaus und brachte den Vormittag mit Lernen und Zeichnen zu. Auch donnerstagabends ging ich dorthin, um einen Kurs in der Holzschnitzkunst mitzumachen.
   In diesem Haus kam ich mit zwei älteren Kollegen zusammen, die mir treue Philippusdienste geleistet haben. Ich muss diese beiden nennen: Elias Marius Mathiessen, Zimmermann aus Odense, Dänemark, und Otto Jung, ein Tischler aus Ostfriesland. Als ich sie einmal aufforderte, doch auch am Donnerstagabend zum Holzschnitzen zu kommen, erklärten sie: »An diesem Abend besuchen wir einen Jünglingsverein.« Dies Wort drang zum ersten Mal an mein Ohr. Ich witterte dahinter etwas Besonderes und fragte, ob ich auch einmal mitkommen dürfe? Ich durfte und kam in einen Kreis junger Leute, von denen man fast den Eindruck bekam, dass ihre Eltern sie hierher geschickt hatten, um sie in einer Bewahranstalt aufgehoben zu wissen.
   Meine beiden neugewonnenen Freunde waren allerdings eine Ausnahme. Sie hatten etwas, was mir fehlte: Friede im Herzen! Eines Tages eröffneten sie mir, dass sie zuweilen auch in eine kleine Versammlung von Christen gingen, die am Engelbostelerdamm einen Saal hätten. Als ich den Wunsch äußerte, auch einmal mit ihnen dorthin zu gehen, schienen sie etwas verlegen zu sein, aber sie wollten mir meine Bitte nicht abschlagen. Unterwegs suchten sie mich vorzubereiten: ich möchte keinen Anstoß nehmen, dass man dort auf den Knien bete. Freimütig sagte ich ihnen, das hätte ich als Knabe unter den hohen Buchen meiner Heimatwälder selbst so gehalten. Zunächst wurde ich freilich enttäuscht, als ich durch einen engen Gang im Hintergebäude eine schmale Treppe hinaufsteigen musste. Dann ging’s durch eine Tür, auf der mit mageren Buchstaben das Wort »Saal« stand. Ich blickte in einen kleinen Raum, der gar nichts kirchlich Vertrautes bot für mein streng lutherisch geschultes Auge. Aber über dem Rednerpult auf dem kleinen Podest war ein Bild, das mich fesselte: Der Heiland als Hirte, mit einem gefundenen Schäflein auf dem Arm. Dann stand der damalige Vorstehende Älteste des Norddeutschlands-Distrikts der Evangelischen Gemeinschaft, Prediger Johannes Schempp aus Elberfeld, vor uns und hielt die Predigt. Die Schar schlichter Menschen, welche sich versammelt hatte, machte tiefen Eindruck auf mich – hier schien Friede, wahrer Friede zu wohnen!
   Fortan ging ich immer wieder hierher, wenn das auch meinen beiden Freunden nicht ganz recht war – sie hätten mich offenbar lieber im Jünglingsverein gehabt. Aber sonst nahmen sie sich meiner liebevoll an. Eines Sonntags lud ich sie zu mir ein. Als ich mit ihnen meiner Wohnung zuschritt, sagte ich: »Verzeiht, ich will schnell noch ein paar Zigarren für uns holen!« Ich vergesse den Blick nicht, mit dem sie mich ansahen. »Wir brauchen das nicht«, sagte der eine ganz einfach. Da fuhr es mir durch den Sinn: »Wenn diese jungen Männer nicht zu rauchen brauchen, dann brauchst du es erst recht nicht!« Und ich habe aufgehört mit dem Tabakgenuss, ehe ich recht damit angefangen habe, und bereue es bis heute nicht. Meine Freunde aber mühten sich, mich zu Jesu zu führen. Sie haben mit mir gebetet und den Heiland unter Tränen angerufen, mir Frieden zu schenken. Ich will mich nicht scheuen, dies hier mit tiefem Dank zu bezeugen.
   In der kleinen Gemeinschaft am Engelbostelerdamm war inzwischen Predigerwechsel eingetreten. Der damals schon bejahrte Bernhard Beck stand der Gemeinde jetzt vor und diente ihr mit dem Evangelium in großer Treue. Er machte es keinem leicht, durch »billige Gnade« ein Gotteskind zu werden. Welch heiße Kämpfe habe ich damals durchgestanden! Ich betete oft lange im Kämmerlein und besuchte fromme Väter, um von ihren Erfahrungen zu lernen. Bis lange nach Mitternacht horchte ich zu, was sie erlebt hatten, und wollte dann auch nach ihrem »Schema« bekehrt und wiedergeboren werden. Aber der große Gott ist doch nicht solch ein Schuster, wie es einer meiner Ratgeber in der Gemeinde war, der nur einen Leisten hat, über den er jegliches Schuhzeug macht! Gott schafft keine Kopien, er ist in Wahrheit der Schöpfer, der lauter Originale schafft, niemals Duplikate, wie wir es oft unverständig fordern. Nicht zwei Blätter an einem Baum sind sich genau gleich, geschweige denn die herrlichen Neuschöpfungen unseres Heilandes!
   Und doch lässt es Gott den Aufrichtigen gelingen. Damals half mir sonderlich die gütige Frau des strengen Predigers B. Beck. Sie stammte aus der Schweiz und war früher Lehrerin gewesen. Ihr sonniges Wesen spiegelte mir das Wesen Christi wider, und sie gab sich alle Mühe, mich zu lehren, wie man dem Heiland vertrauen müsse. Endlich war ich müde wie ein ermatteter Schwimmer geworden. Ich sagte zum Herrn Jesus: »Du bist die Wahrheit und hast gesagt: ›Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!‹ Ich hänge mich jetzt im Glauben an deinen Hals und da bleibe ich hängen. Wenn ich zum Abgrund fahren soll, musst du mit! Ich lasse dich nicht!« – Heute noch hänge ich da und will es bis in Ewigkeit. Ich weiß nicht mehr Jahr und Tag, als dies geschah, aber alle Zeit seitdem ist meines Gottes.
   In der kleinen, aber lebendigen Gemeinde beteten oft nach dem Gottesdienst noch einige. Auch ich folgte an jenem Abend dem Drang meines Herzens und schüttete es vor ihm aus. Am Schluss stand die liebe Predigersfrau am Ausgang, und als ich an der Reihe war, ihr die Hand zu geben, sah sie mich glücklich lächelnd an und sagte. »Nun, Wilhelm, jetzt darf man doch gratulieren!« Verwirrt wollte ich schon fragen: »Wozu?« Aber dann schämte ich mich, nicht zu verstehen, wo sie hinaus wollte – und wagte es zu glauben, dass ich nun bekehrt sei! ja, so ist’s damals mit mir gegangen. Es geht bei unserem Gott, der immer neue Wunder tut, jedes mal anders. Aber:

   Wie wird es sein, wie werden wir
   von ewger Gnade sagen,
   wie uns sein Wunderführen hier
   gesucht, erlöst, getragen –
   wenn jedes s e i n e Harfe bringt
   und sein besondres Loblied singt!

Mehr und mehr wurde mir die Gemeinschaft mit dem Volk Gottes jetzt die Hauptsache meines jungen Lebens. Es konnte mir kein größeres Glück werden, als wenn ich in der großen Stadt auf den Wegen zur Arbeit einmal jemand vom Engelbostelerdamm traf und einen frohen Gruß wechseln konnte. Auch einige Dinge der Vergangenheit galt es zu bereinigen. Einen Schulfreund wusste ich in Hannover, mit dem ich im Streit auseinandergeraten war. Es sollte Abendmahl in der Gemeinde gefeiert werden, und ich freute mich sehr darauf, mitfeiern zu können. Aber zuvor suchte ich diesen Freund auf, bekannte ihm meine neue Gesinnung und streckte ihm die Hand der Versöhnung entgegen. Verlegen nahm er sie an.
   Es wurde mir immer mehr klar, dass nun mein suchendes Herz hier die geistliche Heimat gefunden hatte. Ich schloss mich der Gemeinde an. Aber eines Tages war es mir, als ob der Herr Jesus mir die Hand auf die Schulter legte und ganz bestimmt sagte: »Werde mein Bote in der Verkündigung des Evangeliums. Häuser zu bauen verstehen viele, aber Menschen zur Erkenntnis des Heils bringen können nur solche, die das Heil erfahren haben.« Und ich sagte innerlich »ja« zum Befehl dessen, der mein Friede geworden war.
   Auf dem Zimmerplatz, wo ich weiterhin unverdrossen Axt, Säge und Hobel handhabte, blieb natürlich mein neuer Stand nicht verborgen. Es gab ein großes Hallo, als ich die Schnapsflasche an mir vorübergehen ließ, die ein Lehrling herumtrug als »Einstand« eines neuen Arbeitskameraden. Ich bekenne, dass ich oft sehr unbeholfen gewesen bin, meinen Kameraden, mit denen ich sonst froh zusammen schaffte, meine neue Stellung zu zeigen. Aber mir war es brennend darum zu tun, ein Bekenntnis abzulegen. Dass die Holzklötze nicht flogen bei unseren Diskussionen, ist mir heute noch ein Wunder. Ich rief ihnen zu, wenn sie mir die herrlichen Zukunftsbilder ihres Fortschrittsprogramms schilderten: »Ihr wollt einem herzkranken Menschen ein Pflaster auf den Magen legen. Eure Kur ist falsch! Der Mensch hat ein durch und durch verdorbenes Herz, das nur der Heiland Jesus Christus mit seinem Blut heilen kann!« Es ging mir immer darum, ihnen die Kernwahrheiten des Evangeliums in kürzesten Worten entgegenzurufen. Viel Zeit zu reden ließen sie mir ja nicht. »Überschreien könnt ihr mich, widerlegen kann mich keiner!« ist öfters mein Schlusswort gewesen. Dann stand unser Polier mit seinem Knebelbart auf und rief: »Wollen wieder!« Er selbst war der zurückhaltendste in der lärmenden Schar. Manchmal bin ich abends niedergeschlagen und traurig in mein Logis gegangen. Das zuchtlose Leben, auch der älteren meiner Mitarbeiter, dessen sie sich oft noch in schmutzigster Offenheit rühmten, stieg mich so ab, dass ich sie einmal bitter fragte: »Und von euch soll ich mir meine Weltanschauung holen?«
   Von zwei Begegnungen, die ich während meiner Hannoveraner Zeit hatte und die mir im Gedächtnis geblieben sind, möchte ich hier noch erzählen. An der einen freue ich mich jetzt noch – und der erschütternde Ernst der zweiten entlässt mich auch heute noch nicht.
   Es war ein stämmiger Bursch aus dem hohen Norden des Vaterlandes, aus Holstein, und sollte nach Familienbeschluss ein Baumeister werden. Jetzt war er noch junger Zimmermann. Er hatte gerade einen neuen Arbeitsplatz in Hannover gefunden und wartete auf die Zuweisung der Arbeit. »Hier, geh mit diesem Gesellen!« entschied der Polier und zeigte ihm den jungen Kameraden, der schon eine Weile auf dem Zimmerplatz tätig war. Die beiden musterten sich kritisch, packten ihr Geschirr zusammen und zogen ziemlich schweigsam durch die Stadt zum Neubau, wo Decken zu verschalen waren.
   Jetzt ist Mittagsruhe. Als sie nach dem Essen noch ein wenig Zeit haben, schaut unser Holsteiner plötzlich überrascht auf. Denn sein Kamerad zieht ein kleines Buch aus der Brusttasche und fängt an, darin zu lesen. Er sieht schärfer hin: »Der – der liest ja im Neuen Testament!«
   »Bist du so einer?« fragt er überrascht.
   Der Kamerad lässt sein Buch sinken und gibt zur Antwort: »Ja, so einer bin ich. Und wenn du klug bist, dann bekehrst du dich auch zum Herrn Jesus, dann hast du Frieden – ich habe es erfahren!«
   »Meine Eltern sind sehr fromme Leute«, wehrt sich der Holsteiner erregt.
   »Das genügt nicht – wir müssen den Heiland selbst haben!« behauptet der junge Kamerad bestimmt, und dann lädt er den Holsteiner sehr dringlich ein, mit ihm am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen, wo er viel lernen könne. »Ich will kommen!« verspricht der Holsteiner. Aber am Sonntag ist er dann doch nicht in dem kleinen Saal, in dem die Evangelische Gemeinschaft ihre Versammlungen damals hielt. Heute hat sie dort eine schöne Kirche!
   Der junge Holsteiner geht am Montag früh mit unruhigem Herzen zum Arbeitsplatz. Was wird sein Kamerad sagen, den er so enttäuscht hat? Wortbruch ist etwas Schlimmes für einen, der ein aufrechter Mensch sein will. Nun, der Kamerad war schon an der Arbeit im Innern des Hauses. Und er singt, während er die Nägel in die Bretter schlägt. Das stellt der Holsteiner beruhigt fest. Dann horcht er von draußen angestrengt: »Was singt er?«
   Der da drinnen schmettert ein Lied in den jungen Montagmorgen, das er gestern mit der Sängerschar in der Gemeinschaft gesungen hat:

   Ich weiß ein Wort so herrlich,
   so klein und doch so groß,
   das bringt uns allen nahe
   ein unaussprechlich Los.
   Es klingt so vielverheißend,
   ist voll von sel’ger Lust;
   Mein Jesus ruft’s, drum eil ich
   an seine Heilandsbrust!

   Wer wollte da nicht kommen
   zu einem solchen Freund
   und sich nicht ihm verbinden,
   der es so treulich meint ...

Als der Sänger den zweiten Vers anhebt, tut das Herz des Horchers draußen an der Wand ein paar Schläge mehr – er hat sich hier nämlich in seiner Exregung verhört und statt: »W e r wollte da nicht kommen ...« verstanden »E r wollte doch nicht kommen ...« Da kommt es über ihn wie Rührung. Er denkt: Was ist doch mein Kamerad für ein feinfühliger Mensch! Er mag mir den Bruch meines Versprechens nicht vorhalten und macht nun seinen Schmerz im Lied kund!
   Um die Wahrheit zu sagen: der frohe Sänger da drinnen hat nicht im geringsten solche Regungen gehabt. Er war ein handfester Niedersachse aus dem Harz und ein ziemlicher Draufgänger; zu oft hatte er schon vergeblich Menschen eingeladen, als dass ihn das gebrochene Versprechen seines Kollegen sonderlich hätte anfechten können.
   Wenn der Holsteiner dein Harzer nicht nach Jahrzehnten in einer stillen Stunde seinen Irrtum offenbart hätte, wäre es nicht bekannt geworden. So muss er’s sich gefallen lassen, dass diese Geschichte zu Nutz und Frommen des heutigen Geschlechtes erzählt wird zu dem Thema: »Er hat viel tausend Weisen ...« Nun, von jener denkwürdigen Morgenstunde an ist der Holsteiner mit in die liebe Evangelische Gemeinschaft gegangen. Er wurde ein mutiger, allzeit schlagfertiger Bekenner Christi. Als sein Freund von ihm Abschied nehmen musste, um auf die Bauschule und später zum Militär zu gehen, haben die Zimmerleute grimmig gesagt. »Der Heidenpastor« – damit meinten sie den Harzer – »war schlimm, aber nun der weg ist, hat er uns einen noch viel schlimmeren dagelassen!«
   Aus dem Wurzelstock dieses gesegneten Holsteiners aber erwuchsen der Evangelischen Gemeinschaft Prediger, Superintendenten, Diakonissen und Lehrerinnen, die auf der Kommandobrücke oder im stillen Kämmerlein den Herrn Jesus ehren im treuen Dienst der Kirche ihrer Wahl.

Eine der Sehenswürdigkeiten Hannovers ist die Herrenhäuser Allee. Wohl dreiviertel Stunden lang ziehen mehrere Reihen alter Bäume schnurgerade von der Stadt herab, um unten in die herrlichen Gärten des alten Welfensitzes zu münden. Es wandert sich prächtig unter den breitästigen Linden.
   So gingen an einem lauen Sommerabend spät auch zwei junge Männer hier des Wegs. Ein Sergeant vom Oldenburgischen Dragonerregiment führte das Wort. »Du willst dein Leben also in den Dienst Gottes stellen?« fragte er den jungen Mann neben ihm. Es lag ein tiefer Ernst auf den gebräunten Zügen des Sprechers, und seine Stimme hatte einen beinahe traurigen Klang. »Da lass mich dir eine Geschichte aus meinem Leben erzählen«, fuhr er fort.
   »Ich war jung wie du. Mein Herz glühte für den Heiland, den besten Freund der Menschen. Er hatte mich zu seinem Eigentum gemacht, mir einen Frieden geschenkt, wie die Welt ihn nicht geben kann, und ich wollte nun hinausgehen und die Botschaft von diesem Glück, das ich in ihm gefunden hatte, anderen, die noch ferne waren, bringen. Welche Freude erfüllte mein Herz in jener Zeit!
   Nachdem ich vom Seminar einer Freikirche gekommen war, erhielt ich eine Stelle als Hilfsprediger in einer ostfriesischen Gemeinde. Welch ein Vorrecht ist es, Seelen zu Jesus zu führen! Ich habe diesen seligen Dienst tun dürfen. Aber dann kam der Wendepunkt meines Lebens. Ich las und studierte gern. Das sollte freilich jeder junge Prediger. Aber wie wichtig ist es, dass er sich durch sein Studium zum Himmelreich gelehrt machen lässt und treulich darüber wacht, dass die Liebe zu seinem Meister keine Einbuße erleidet! Ich wachte nicht und wurde von Jesus weg in die weg- und baumlose Wüste des Unglaubens gelockt. Heines Werke kamen mir in die Hände, und ich trank mir aus diesem vergifteten Brunnen schöngeistiger Frivolität den Tod. Den Tod meiner Liebe zu Gott, meines Glaubens an Jesus, meines Friedens und meiner Freude an der Arbeit.
   Prediger konnte ich dann nicht mehr bleiben. Ich ging unter die Soldaten.
   Hier habe ich in vollen Zügen die vermeintliche Freiheit genossen. Alle Lust habe ich gekostet, jede Sünde habe ich getan. Und alles, alles wurde mir endlich zum Ekel. Der Unglaube betrügt, die Welt betrügt, und die Sünde betrügt! 0 wie bitter musste ich das erfahren!
   Schließlich blieb mir nur noch das Theater. Dorthin ging ich wie unter einem Zwang, so oft es meine Börse und meine Zeit erlaubten. Es schien mir der einzige Lichtblick in meinem öden Dasein. Es war nicht das Beste, was ich mir ansah. Ich fütterte meinen armen, hinsiechenden Geist mit der Kost aus der Küche moderner Hampelmänner, die ihre Oberzeugung täglich nach der Morgenzeitung regulierten und die Welt mit Fragezeichen retten wollten.
   Das ging so fort, bis wir eines Nachts alarmiert wurden. Es brannte in der Stadt, und ich wurde kommandiert mit einer Abteilung Soldaten, die Brandstätte abzusperren. Das Theater war’s, das in jener Nacht ein Raub des Feuers wurde!
   Ich stand wie gebannt. Das Feuer fraß mit unheimlicher Gier an dem prachtvollen Gebäude, bis endlich das hohe Dach mit einem furchtbaren Krach in die qualmende Tiefe stürzte, während eine Funkengarbe aufwärts schoss, als wollte das Feuer selbst den Himmel noch als Beute haben. Das stolze Theater, meine letzte Freude, war ein elender Trümmerhaufen geworden.
   Da kam ein Gefühl unendlichen Verlassenseins über mich. Es war mir, als sei jetzt der letzte Stern untergegangen, der mit flackerndem Licht meine Finsternis noch erleuchtet hatte. Nun war es Nacht. Wie ein zum Tode Verurteilter wankte ich heim, als mein Dienst an dem Platz getan war, wo ich sonst mein Vergnügen gesucht hatte. Wohin nun? Da habe ich mich in meinem Elend und meiner Armut dessen erinnert, der einst im Gleichnis vorn verlorenen Sohn uns Gottes Willigkeit geschildert hat, die Sünder anzunehmen. Ich bin mit meinem zerbrochenen Herzen in Jesu Namen wieder zum Vater im Himmel gegangen. Und er hat mir vergeben. Er machte auch mein Herz wieder still und hat mir Frieden geschenkt. Aber« – und hier zitterte die Stimme des Dragonersergeanten – »das Vorrecht, ein Zeuge des Herrn Jesu zu sein und sein Evangelium zu verkündigen, habe ich für immer verscherzt.«
   Der Erzähler schwieg, und sein junger Begleiter konnte auch nichts herausbringen aus seinem Herzen, das sehr bange geworden war. »Du bist jung«, nahm der Sprecher wieder das Wort, als er seine Bewegung niedergekämpft hatte, »bist ein glücklicher Jünger Jesu und willst sein Bote an eine verlorene Welt werden – hüte dich vor Büchern, zwischen deren Blättern der Tod lauert! Lies sie nicht! Lass mein elendes Geschick dir eine Warnung sein!« Lange sind die beiden noch unter den Bäumen der Herrenhäuser Allee hin und her gegangen. Der weichherzige Jungbursch suchte den Soldaten zu trösten und zu ermuntern, noch einmal recht anzufangen, um die alte Freudigkeit für den Dienst Gottes wieder zu gewinnen, aber der Sergeant hatte nichts mehr als ein müdes, verneinendes Lächeln und die bittere Bemerkung: »Es ist vorbei!«
   Um die Mitternachtsstunde trennten sie sich; aber der junge Mann hat jenen Abend nicht vergessen. Und jetzt noch, nach siebzig Jahren, denkt er, wenn er von Heinrich Heine etwas sieht und hört, mit bangem Weh an den unglücklichen Soldaten. Es gibt Bücher, die machen schlecht. Sie brennen Bilder in unser Gemüt ein, die wir nimmer vertilgen können, sie spritzen Gift in unser Herz, an dem wir elend zugrunde gehen müssen. Das Wort unseres Gottes soll unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege sein! Dann bleiben wir bewahrt und können allewege als Gesegnete ein Segen sein.
   Nach diesen beiden für mich so wesentlichen Begegnungen darf ich das Auge meiner Leser wieder auf meinen eigenen Weg lenken. Den Eltern hatte ich geschrieben, dass ich Jesu Eigentum geworden sei und er mich für den Dienst am Evangelium berufen habe; sie möchten mir doch die Freiheit dazu geben. Da ließ der Vater mich wissen, unter diesen Umständen brauche ich nicht wieder nach Hause zu kommen. Das tat weh. Aber ich wusste, dass er gerade einen größeren Arbeitsauftrag bei einem Schulhausneubau im Heimatdorf erhalten hatte. Da würde er meine Hilfe nicht ablehnen, dachte ich. Ich packte meinen Koffer und reiste nach Haus. »Ich möchte dir helfen, Vater«, erklärte ich einfach. Und der Vater ließ sich helfen! Fröhlich schaffte ich, was ich konnte. Als die Arbeit fertig war, nahm ich wieder Abschied. Nie werde ich vergessen, wie ich auf den Steinstufen vor der Haustür stand und die Mutter in der offenen Tür sich die Tränen trocknete und leise sagte: »Junge, nun du wieder fortgehst, ist es mir, als ob der Friede damit aus dem Haus geht!« Fast erschrocken hörte ich diese Klage, aber sie war mir doch die größte Belohnung für die Hilfe, die ich so gern dem Vater geleistet hatte.
   In Hannover arbeitete ich noch bis zum Herbst. Dann bat ich um meine Papiere, hob mein erspartes Geld von der Sparkasse ab und reiste nach Holzminden an der Weser, um dort die Herzogliche Baugewerkschule zu besuchen. Ich hauste mit sechs anderen Bauschülern in einem Zimmer des Wohnheims, wo wir auch, allerdings aufs einfachste, beköstigt wurden. Werktags war ich fest bei der Sache, lernte, zeichnete und konstruierte mit großer Anteilnahme. Abends las ich meine Bibel unter der einfachen Gasflamme in unserem engen Wohnraum, bis das Gas von der Zentrale ausgedreht wurde.
   »Was nützt dir all dieser Baukram für deinen künftigen Beruf?« meldete sich zuweilen eine Stimme.
   »Sei treu in dem, was dir gerade zu tun obliegt«, mahnte eine andere.
   Es war eine einsame Zeit für mich unter den fast tausend Bauschülern aus vieler Herren Länder jenen Winter lang. Sonntags, wenn meine Mitschüler in den Klassen zimmern saßen und zeichneten, ging ich in die Kirche und nahm auch an der Kinderlehre nachher teil. Die Nachmittage bin ich einsame Wege der Weser entlang gegangen. Ich hätte gerne Gemeinschaft mit Gleichgesinnten gehabt, aber ich fand keine.
   Meine Zimmergenossen hielten mich für einen seltsamen Sonderling. Aber ein ernster Katholik unter ihnen sagte mir doch, als er mit anderen einmal von einem Zechgelage erst gegen Morgen heimkehrte: »Du machst es doch am richtigsten!« Das freute mich.
   Ich verließ die Schule mit einem guten Abgangszeugnis der zweiten Klasse und hatte die zweitmeisten Zeichnungen und Entwürfe gefertigt in der Schulzeit. Dann stand ich wieder an des Vaters Hobelbank. Noch sehe ich, wie der Postbote meine Zeugnisrolle von der Holzrnindener Bauschule in das offene Fenster der Werkstatt reichte und der Vater die Zensuren musterte. Die Mutter stand hinter ihm und schaute über seine Schulter. Sie sah mich ernst an und sagte: »Und nun gehst du schon bald wieder!« Es klang betrübt und traf mein Herz.
   Mein ältester Bruder schrieb mir, er sei bereit, mir sofort das Geld vorzustrecken für die Fortsetzung des Studiums. Ich war stille und wartete ab. Dem lieben Prediger Bernhard Beck, dem ich von meiner inneren Berufung zum Predigtamt Mitteilung gemacht hatte, eilte es nicht so sehr mit meiner Einstellung. Er hatte schmerzliche Erfahrungen mit anderen jungen Männern gemacht. Und ich war auch ganz ruhig. Wie köstlich ist es, im Willen Gottes allzeit geborgen zu sein! Ich war militärpflichtig geworden und war’s zufrieden, erst unter die Soldaten zu gehen, ehe ich ins Heer Immanuels als Kämpfer eintrat.

Im bunten Rock

Zwanzig Jahre war ich alt, als ich 1893 Soldat wurde. Wir waren damals noch glückliche junge Leute, mit dem Problem Kriegsdienstverweigerung nicht beschwert. Es wurde vielmehr als eine Ehre angesehen, den bunten Rock zu tragen. Mein ältester Bruder, als Sprecher im Familienrat, hatte mir wenig zuvor einen achtseitigen Brief in Folioformat geschrieben, ich sei Schwärmern in die Hände gefallen und im Begriff, mir meine ganze Zukunft zu verderben. Da dachte ich: Will sehen, ob mich die Soldaten eines anderen belehren können.
   Frohgemut ging ich zur Frühjahrsmusterung. »Zu den Pionieren!« lautete der Entscheid. Ich war gern damit einverstanden, denn die Pioniere des zehnten hannoverschen Armeekorps lagen in Minden an der Weser – und da war die Evangelische Gemeinschaft. Ich würde also Heimat dort haben! Dann kam die ausschlaggebende Herbstmusterung. Der Offizier, in dessen Hand die Entscheidung lag, sah mich längere Zeit prüfend an, und ich merkte, dass er mir wohlwollend gesinnt war. Er wartete eine ganze Weile mit seinem Urteil und dachte wohl, ich würde einen Wunsch äußern, hei welchem Truppenteil zu dienen ich Freude hätte. Aber in meinem Herzen mahnte es: »Nimm dein Geschick nicht in die eigene Hand, lass Gott entscheiden.« Endlich ließ sich die Stimme des Offiziers hören: »Na, wollen ihn zu den Jägern tun!«
   Gleich fuhr es mir froh durchs Gemüt: »Das zehnte Jägerbataillon, die Goslarschen Jäger, liegt in Kolmar im Oberelsass – und dort ist wiederum die Evangelische Gemeinschaft!« Ich konnte mir nicht helfen: Die Gemeinschaft war mir das Wichtigste in meinem Leben geworden.
   Wir hatten eine schöne, neu erbaute Kaserne in Kolmar, nahe den Vogesen. Als wir neuen Rekruten einzogen, hatte unser Bataillon gerade eine Strafzeit. Übermütige, dazu angetrunkene Jäger hatten mit gezogenem Hirschfänger den Bürgersteig in der Stadt unsicher gemacht. Die Folge war radikales Ausgehverbot für längere Zeit. In unserer Stube lagen zwanzig Jäger, die von zwei Gefreiten beaufsichtigt wurden. Bei den Jägern mussten damals alle Forstbeamten ihren Militärdienst ableisten. Unsere »Oberjäger« lieferten die Förster für unsere deutschen Wälder. Das gab dieser Truppe eine besondere Note.
   Als die ersten Wochen des strengen Dienstes vorüber waren, meldete ich mich beim Kompanie-Feldwebel und bat ihn, einen Gottesdienst besuchen zu dürfen. Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass in der Sinngasse die Evangelische Gemeinschaft ihren Saal habe.
   Auf dem Schreibtisch meines Vizefeldwebels hatte ich unter seinen Büchern eine Bibel stehen sehen. Drum hatte ich Mut, um die Erlaubnis zum Besuch eines Gottesdienstes zu bitten. Und ich erhielt sie. Am nächsten Sonntag durfte ich in Begleitung eines Stubengefreiten zur Kirche gehen. Wir wanderten durch Kolmar, und als wir in der Sinngasse in das Tor einbogen, hinter dem der Saal der Gemeinde lag, hörte ich schon die Klänge des Harmoniums. Ich schäme mich nicht, zu bekennen, dass mir vor tiefer Bewegung die Augen feucht wurden! Ja, liebe Gemeinde in Kolmar, du gabst mir viel!
   Der alte Prediger Schäfer dort trug die Malzeichen des Herrn Jesu an seinem Leibe. Er war in der Schweiz von Feinden des Evangeliums in der Ausübung seines Amtes geschlagen worden und litt unter den Folgen dieser Misshandlung um Jesu willen. Mir wurde er ein treuer Freund. In seinem Hause suchte ich oft Stärkung und fand sie. Wie not war mir dies im Zusammenleben mit den Soldaten in der Kaserne! Der unruhigen Stube, wo zwei Betten übereinander standen, entwich ich immer vor dem »Zapfenstreich« abends um zehn Uhr und suchte am Ende eines langen Korridors, wo ein großes Wasserfass zu Löschzwecken aufgestellt war, ein stilles Gebetsplätzchen. Eines Abends höre ich von dort aus schwere Dienststiefel die Steintreppen heraufstapfen. Der Oberjäger vom Dienst kam zum »Abfragen« auf die Stuben! Ich eilte schnell auf die meine. Aber der Oberjäger, auch ein angehender Förster, folgte mir auf dem Fuße nach. Als er die Stube betrat, nahm alles Haltung an.
   »Wer ist hier zuletzt auf die Stube gekommen?« fragte er in den Kreis der Jäger.
   Einen Schritt vortretend kam meine Meldung. »Ich, Herr Oberjäger!«
   »Wo waren Sie?« erkundigte er sich, und es lag nicht eben Freundlichkeit in seiner Stimme.
   »Hinten auf dem Korridor«, gab ich Auskunft.
   Dann kam die fast drohende Frage: »Was haben Sie da gemacht?«
   Es wurde so still auf unserer Stube, dass man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Ich nahm mir nach einigen Sekunden des Zögerns ein Herz, wo ich keins hatte. »Ich habe gebetet, Herr Oberjäger«, sagte ich ruhig.
   Es wurde fast noch stiller auf der Stube als vorhin. Eine Weile sah mich der Vorgesetzte fassungslos an. Dann blickte er in die Angesichter der Männer um mich her und seine Augen rollten. »Das können Sie hier – und wehe dem, der mir den Mann stört!« rief er drohend, ehe er schnell verschwand.
   Ich hab’ mich an jenem Abend still auf mein Bett gelegt, im Herzen traurig, dass ich nicht besser verstanden hatte, meinem Heiland Ehre zu machen. Nun, das eine war wenigstens geschehen: Die ganze Kompanie wusste, wie sie mit mir dran war.
   Im zweiten Jahr wurde ich zum Gefreiten befördert, und ein Oberjäger, der eine »Inspektion« auszubilden hatte, forderte mich als Gehilfen an. Dieser Oberjäger, der schönste Mann im Bataillon, Fahnenträger, hatte eine jähzornige Art und auch sonst mit allerlei Not in seinem Wesen zu kämpfen. Er entschloss sich, an einem Sonntag mit mir in die neue Kirche zu gehen, die von der Evangelischen Gemeinschaft in der Oststraße gebaut worden war. Diese schöne Kirche wurde auch von den Soldaten als Garnisonkirche benützt. Das Wort Gottes, in schlichter Weise von Prediger Schäfer verkündigt, machte einen tiefen Eindruck auf meinen Oberjäger. Als wir an jenem Sonntagabend, es war mitten im Winter, unserer Kaserne zuwanderten, blieb er plötzlich stehen, ergriff meinen Arm und sagte: »Wenn ich nur auch Frieden hätte, Jörn!«
   Da sagte ich: »Wir wollen darum beten, Herr Oberjäger!«
   Ich kniete im Schnee nieder, und mein Begleiter kniete neben mir. Da habe ich mein Herz vor dem Heiland ausgeschüttet und ihn, den Fürsten unseres Friedens, angerufen, meinem Vorgesetzten zu helfen. »Beten Sie auch, Herr Oberjäger«, ermunterte ich ihn dann. Aber er brachte kein Wort heraus, und wir mussten auch in die Kaserne eilen, denn die Waldhomklänge des Zapfenstreichs waren längst verhallt in den dunklen Bergen. Aber mein Oberjäger, so glaube ich, war doch nicht vergeblich unter Gottes Wort gewesen. Er wurde nicht lange darnach zum Kompaniefeldwebel befördert und ist später in Stadtoldendorf an der Weser Stadtförster in den Wäldern des Solling geworden. Ich hoffe, wir werden uns grüßen vor dem großen, weißen Thron des Lammes.
   Als Jäger wurden wir ja besonders im Schießen ausgebildet. Aber hier haperte es bei mir. Ich verstand es, aber ich konnte es nicht – wie früher die Baupoliere ein wenig respektlos von der Tätigkeit der Architekten zu sagen pflegten. Die Theorie des Schießens war mir geläufig, aber wenn ich die Knarre in der Hand hielt, dann tummelte sich der Gewehrlauf in der Luft umher wie ein Lämmerschwanz, und die Kugel ging daneben. So musste ich öfters Strafdienst auf dem Scheibenstand tun. »Sie sind der schlechteste Schütze unter den Rekruten, Jörn«, rief mir der Hauptmann einmal zu. »Jawohl, Herr Hauptmann!« bestätigte ich ihm.
   Da kam das Armeeprüfungsschießen, dessen Resultate vor den obersten Kriegsherrn gelangten. »Den Jörn lassen wir gar nicht erst mitschießen, er verdirbt uns das ganze Resultat«, meinte der Hauptmann zum Schieß-Oberjäger. Dieser aber war mir gut und sagte: »Vielleicht geht’s doch, Herr Hauptmann!«
   »Meinetwegen, machen Sie, was Sie wollen«, knurrte der verdrossen, und ich durfte mitschießen.
   Es war ein regnerischer Tag, beruhigend für etwas zappelige Menschen. Ich betete bedrückt zum Heiland: »Lass mich dir doch Ehre machen, o Herr!«
   Es ging um fünf Schuss auf zweihundert Meter stehend freihändig. Als ich den fünften Schuss aus meinem Gewehr hatte, dachte ich: »Wenn der nicht an der Scheibe hoch links vorbeigegangen ist, dann ging’s gut!« Der Herr Hauptmann hatte die Aufsicht auf unserem Stand, mit ihm der Schieß-Oberjäger. Als der Anzeiger unten die Zahl der Ringe herausschob, kam der Hauptmann erregt aus dem Hintergrund hervor und rief: »Hat das der Jörn geschossen, Krause?«
   »Jawohl, Herr Hauptmann«, sagte mein Oberjäger triumphierend. Ich hatte je eine 8, 9, 10, 11 und 12 geschossen und blieb mit fünfzig Ringen der Beste aller Schützen. Ich wusste: Das hatte mir der Heiland geschenkt. Der Hauptmann griff in seine Tasche und gab mir einen harten Taler, damals viel Geld bei einer Löhnung von zweiundzwanzig Pfennig täglich.
   Am Sonntag darauf rief er mich beim Appell vor die Front, zusammen mit einem andern, der neunundvierzig Ringe hatte, und gab uns vierzehn Tage Urlaub! Es war kurz vor Pfingsten. Ich ging zu Prediger Schäfer und lieh mir ein Zehnmark-Goldstück, mit dem man damals quer durch das ganze, große Deutsche Reich fahren konnte als Soldat. Als ich nach zweitägiger Reise in die Tür meines geliebten Elternhauses trat, kam gerade meine Schwester Helene über den Flur. »Mutter, der Briefträger kommt!« rief sie die Treppe hinauf. Die Mutter kam – und lag mit einem Schrei in meinen Armen!
   Nun, die zwei Jahre Soldatenzeit sind zu Ende gegangen. Barmherzig und gnädig hat mich Gott hindurchgetragen. Er hat mir viel gegeben und wunderbar geholfen. Eine liebe Familie der Gemeinde Kolmar nahm mich wie ein eigenes Kind auf, und selbst bei unseren Schießübungen, oft tausend Meter hoch in den Vogesen, fand ich Familien, in denen der Heiland geliebt wurde und ich gleich wie zu Hause war. Auch durch Günsbach kam ich, wo Albert Schweitzers Vater ein gesegneter Pfarrer war. Einmal konnte ich auf einem Leiterwagen von Kolmar aus nach dem kleinen Dörfchen im Elsass mitfahren, wo Bischof J. J. Escher geboren ist. Dort war Missionsfest. Von der Tür des Geburtshauses unseres unvergessenen Bischofs aus durfte ich dann ein Zeugnis ablegen.
   Nein – die Soldatenzeit hat mich keines anderen und schon gar nicht eines Besseren belehren können, was meine innere Stellung betraf. Ich war meines Glaubens nur noch gewisser geworden und sicher, dass ich nicht etwa ein Schwärmer sei. So konnte ich meinem Herrn auch für diese beiden Jahre danken – sie waren nicht vergeblich gewesen.

Hier bin ich, sende mich!

Als ich im Herbst 1895 meinen Zivilrock wieder anzog und den Militärpass in der Hand hatte, der die Bemerkung enthielt: »Eignet sich zum Oberjäger der Reserve« – da bin ich wieder zu meinem Handwerk zurückgekehrt. Prediger Beck war inzwischen von Hannover nach Leipzig versetzt worden. So ging ich auch nach Leipzig, um dort Arbeit zu suchen und wieder mit der Familie Beck zusammen zu sein. Ich habe damals an der »Lichtanstalt« mitgeschafft. Leipzig erhielt nämlich gerade seine erste elektrische Straßenbahn. Der Zimmerpolier meinte verdrossen, als die Drähte über die Straßen und den Marktplatz gezogen wurden: »Jetzt mochen se de Stadt gar noch zum Truckenplatz!« Der lieben Gemeinde half ich einen neuen Saal, nahe am Reichsgericht, auszustatten. In meinen Feierabendstunden baute ich die Kanzel und die kleine Kniebank, während ich am Sonntag nach Gohlis hinauspilgerte, um dort eine Sonntagsschule zu halten. Wohnen durfte ich bei Becks. Meiner Berufung zum Predigtamt war ich nach wie vor gewiss, wenn mich auch hie und da bei meiner Arbeit im Zimmerhandwerk eine hämische Stimme plagte, die raunte: »Du bist nur der Hände Arbeit müde und willst Prediger werden, um es leicht zu haben und ein bequemes Leben führen zu können!« Dann konnte ich nur hilflos zum heiligen Gott aufschauen und ihm sagen: »Du weißt es, Herr! Ich will es nicht gut haben, ich will nur deinen Willen tun!« Den Ausschlag gab immer wieder Jesaja 6,8: »Und ich hörte die Stimme des Herrn, dass er sprach: ›Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?‹ Ich aber sprach: ›Hier bin ich, sende mich!‹«
   In jener Zeit wurde der Vorsatz in mir geboren, mein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, das meint, es randvoll auszufüllen mit Heilandsdienst zu seiner Ehre. Ich hab’s versucht. Ehre sei Gott allein für alles, was davon gelungen ist!
   Der Gemeindeprediger machte nun Ernst mit meiner Meldung zum Predigtamt. Er stellte mich der Gemeinde als Bewerber vor, und ich bekam die Empfehlung an die Jahreskonferenz. Diese fand 1896 in Dresden statt. Ich hatte bis dahin noch allerlei zu schaffen mit der Einrichtung des neuen Saales in Leipzig und erinnere mich, wie ich mich noch in der Eisenbahn mühte, einiges für die Aufnahmeprüfung an der Jahreskonferenz zu lernen. Bischof J. J. Escher war in jenem Jahr aus USA gekommen, um die Konferenz zu leiten. Sie tagte in der schönen kleinen Kirche der Evangelischen Gemeinschaft in der Neuen Gasse. Wir waren vierzehn Bewerber für das Predigtamt in jenem Jahr. Manche von ihnen äußerten Besorgnis, ob sie angenommen würden. Meine Einstellung war: Wenn du nicht angenommen wirst, gehst du ganz einfach wieder an dein altes Handwerk!
   Die ernste Predigerschar, die hier beisammen war, machte einen tiefen Eindruck auf mich. »Seelen gewinnen – keine Allotria!« Dies Wort eines alten Missionspioniers war die Grundstimmung aller Versammlungen und des Ordinationsgottesdienstes, der im »Palmgarten« abgehalten wurde. Zum großen Segen wurde mir der geistesmächtige Bischof Escher mit seinen gewaltigen Predigten. Zu meiner großen Freude wurde ich als Predigergehilfe angenommen und Prediger Friedrich Becker zugeteilt, dem das Arbeitsfeld Mülheim-Speldorf zugewiesen wurde bei der Anstellung der Prediger, die damals noch alle drei Jahre ihren Platz wechseln mussten.
   Wie dankbar bin ich, dass der tiefinnerliche, ernste Gottesmann F. Becker mein Aufsichtsprediger wurde. Seine allzeit frohe Lebensgefährtin Lydia machte mir Mut in meinen vielen Nöten als Anfänger im Predigtamt. Wir bedienten damals zusammen vierzehn Plätze auf dem Arbeitsfeld, und ich hatte jeden Sonntag dreimal zu predigen, dazu in der Woche fast jeden Abend. In Winkhausen war auch noch an einem Wochentag nachmittags um zwei Uhr Bibelstunde für die Bergleute, die Abendschicht hatten.
   Damals, als man noch mit der Spitzhacke tief unten in der Erde die Kohle losschlug, war Bergmannsarbeit mit der wichtigste Beruf in unserem Volk. Und die Evangelische Gemeinschaft hatte hier an der Ruhr schon seit Jahrzehnten einen gesegneten Missionsdienst getan. Unsere beiden Kirchen in Mülheim und in Speldorf füllten sich sonntags oft mit mehr Männern als Frauen. Und welch ernste Christen waren diese besinnlichen Bergleute! Als ich eines Abends nach Oberhausen wanderte, um dort eine Abendversammlung zu halten, holte ich einen kleinen Trupp Bergmänner ein, die zur Nachtschicht gingen. Sie trugen ihren »Henkelmann« in der Hand der das Essen enthielt. An einen jungen Mann pirschte ich mich heran, um wenigstens einem ein Wort vom Heiland zu sagen. Ich fasste Schritt mit ihm und fragte nach freundlichem Gruß: »Haben Sie den Herrn Jesus lieb?« Nie werde ich vergessen, wie er sich mir zuwandte und gar nicht überrascht von meiner Frage ruhig antwortete: »Ich sollte ihn lieber haben!« Es klang etwas Wunderbares in seiner Stimme – beglückend kam es uns beiden zum Bewusstsein: Wir ankerten auf ewigem Grund.
   Gott schenkte uns gesegnete Erweckungen auf dem Arbeitsfeld in jenem Jahr. Besonders in Speldorf kam eine tiefe Bewegung in den großen Kreis der Unterrichtskinder, die den Heiland suchten. Früchte davon durfte ich 1947 bei einer Goldenen Kofirmandenfeier in Mülheim sehen!
   In Broich hatten wir eine »Stubenversammlung« bei dem Dirigenten des Männerchors. Einmal am Schluss betete dort eine Mutter so herzandringend zu Gott um die Bekehrung ihres Sohnes, dass ich dachte: Vater im Himmel, was willst du mit diesen Gebeten machen? Wenig später hatten wir Evangelisation in der Zionskirche in Mülheim. Am Schluss stellte ich freimütig die Frage: »Wer will sich für den Herrn Jesus entscheiden?« Als erster stand in der großen Versammlung ein Mann mit ganz dunklem Gesicht auf – es ist mir, als sehe ich ihn heute noch –, es war der Sohn jener lieben Mutter aus Broich!
   Aber mein gütiger Aufsichtsprediger fand auch Zeit, mir den Blick zu weiten für das Werk Jesu Christi in der weiten Welt. Dr. Baedeker, ein Evangelist von großem Format, der Bruder des Herausgebers der Baedeker-Reiseführer, war nach Mülheim gekommen, um im Vereinshaus zu sprechen. »Da gehen wir hin«, bestimmte Friedrich Becker.
   Vor Baedeker sprach ein Vertreter des niederrheinischen Pietismus. Er führte aus, der Christ habe sehr acht zu geben, dass sich der Geist nicht verflüchtige. Wenn man eine Flasche mit Spiritus habe, werde sie gut verkorkt, um zu verhindern, dass der Geist entweiche.
   Dann trat Dr. Baedeker auf. Ich sehe noch die hohe, gebietende Gestalt mit dem weißen Bart, wie er mit beiden Händen den Pultdeckel fasste, als wollte er ihn zerbrechen. »In der Schweiz«, begann er, »war zwischen hohen Bergen ein See, um den in kleinen Dörfern Menschen wohnten. Der See hatte keinen Abfluss. In den Dörfern wurden auffallend viele Kinder geboren, die Wasserköpfe hatten – Kretins. Das war eine Not. Da kam ein Ingenieur auf den Gedanken, dem See einen Abfluss zu verschaffen, und diese Idee wurde, wenn auch mit großen Kosten verbunden, verwirklicht. jetzt floss das Wasser ab, ehe es auf dem Sumpfboden verdunstete und üble Bakterien in die Luft sandte. Und nun wurden auch nicht mehr so viele Blöde geboren, die ihren Eltern Herzweh verursachten. – Es fließt ein Strom des Heils vom Thron des Lammes«, machte nun Baedeker die Nutzanwendung, und seine Augen blitzten, während er in tiefer Bewegung sprach, »und diesem Lebensstrom müssen wir Bahn machen. Das Wort hintragen in die Todeswelt der alten Schöpfung, es schafft Leben, es gibt Frieden, es schenkt Freude!«
   Dr. Baedekers »Gehet hin!«, ist mir Weisung geworden auf meinem Wallfahrtsweg. Ihn selbst durfte ich noch einmal grüßen kurz vor seinem Heimgang. Es mag jemand helfen, wenn ich von ihm berichte, wie er sich verzehrte im Dienst für seinen Meister. Er schreibt an seine Frau aus Russland: »England braucht mich nicht. Es sind schon zuviel Prediger und Lehrer dort. Das lebendige Wasser fliegt nicht weiter, und darum wird’s abständig. Hier sind weite Felder von Völkern, denen noch kein Evangelium erschienen ist. In geringer Entfernung von hier liegt auf der sibirischen Seite ein Bazar, der große Warenzufuhr hat. Da kommen Kaufleute aus Buchara, Tataren, Kalmücken, Kirgisen mit ihren Warenballen, die Kamele gepackt zum Abmarsch. – Die Zeit eilt reißend schnell. Möchten doch mehr Männer bereit und willig werden, Evangelistenarbeit an Orten wie diesem zu tun, anstatt in England bei religiösen Erörterungen Haare zu spalten, wodurch doch niemand gebessert wird.«
   Aus Berlin schreibt er: »Es sind hier viele, viele offene Türen für das herrliche Evangelium. Du wirst mich nicht falsch verstehen, wenn ich sage, man hat es anscheinend hier oft verschwendet, indem man es Leuten predigte, die es seit vielen Jahren kannten, und es den hungrigen, bedürftigen Seelen vorenthielt. Ist nicht die ganze Gemeinde Gottes gesandt in die Welt, ebenso wie der Herr selber gesandt war in die Welt? Was wird’s werden, wenn Gott einmal Rechnung hält über die unbezahlten Schulden der Christenheit!«
   In Berlin hatte er in der Garnisonkirche vor vielen vornehmen Zuhörern gesprochen. »Ihr ganzer Lebenszweck besteht wohl nur darin, meine Damen, dass Sie einen entsprechenden Geburtsschein besitzen«, sagte er freimütig. Das ging Fräulein von Blücher durchs Herz. Sie machte Ernst mit der Nachfolge Christi und lud Briefträgersfrauen zu sich ein, um ihnen vom Heiland zu sagen. Dann wollten deren Männer auch kommen. Da baute Fräulein von Blücher in der Hohenstaufenstraße in Berlin einen schönen Versammlungssaal in ihren Garten, der etwa vierhundert Menschen fasste und bald große Bedeutung gewann. Hier hat der edle Christuszeuge General von Viebahn vielen deutschen Offizieren das Heil des Kreuzes gebracht. Hier ist die Bibelschule »Wiedenest« geboren. Ich wohnte diesem Saal schräg gegenüber und durfte, von Fräulein von Blücher eingeladen, auch mit am Evangelium dienen.
   Dr. Baedeker blieb dieser Arbeit treu verbunden. Als Fräulein von Blücher gestorben war, stand ich neben ihm am offenen Grab dieser tapferen Streiterin im Heer Christi. Sprechen konnte er nicht mehr, aber welche Freude mag sein Herz durchbebt haben bei dem Gedanken: »Auch dieser Seele durfte ich den Weg zum Heiland zeigen!« Bald darauf holte der Meister seinen müden Knecht heim. Er starb 1906. Seine letzten Worte, in freudiger Gewissheit gesprochen, waren: »Ich werde den König sehen in seiner Schöne!« (Jesaja 33, 17).
   Als ich mein erstes Probejahr bei Friedrich Becker im Rheinland abgedient hatte, sandte mich die Jahreskonferenz 1897 nach dem Osten. In Bromberg wurde ich Nachfolger von Prediger Wilhelm Stolz, der dort bereits eine kleine Gemeinde gesammelt hatte. Nun sollte dort ein Gemeindesaal und später eine Kirche gebaut werden, und ich musste so etwas wie Bauherr nebenher sein! Ich hab versucht, mein Bestes zu tun, aber die Botschaft vom Kreuz blieb meine Passion. Eine Anzahl Soldaten kamen dort in unsere Gottesdienste. Einmal in einer Jugendstunde, als ich eine Geschichte erzählte, stand plötzlich ein großer Artillerist auf und sprach erregt in unseren Kreis hinein: »Brüder, betet für mich!'« Das haben wir gern getan, und unser Freund ward seines Heils in Christus gewiss. Nach Jahrzehnten predigte ich in Charlottenburg in der Gemeinde, und im Schlussgebet hörte ich die tiefe Stimme des früheren Artilleristen, der Gott lobte und den Heiland pries. Das klang mir wie ein frohes Erntelied!
   Ein treuer Jünger Jesu fuhr mich einmal auf seinem Wagen, mit dem er sonst selbstgestochenen Torf nach Bromberg brachte, über die lange Weichselbrücke nach Fordon zur Abendversammlung. Seine junge Schwester kam auch mit. Ich fragte sie unterwegs nach ihrer Stellung zum Heiland.
   »Ich gehöre zum Jungfrauenverein«, erklärte sie.
   »Wie viel sind denn da beisammen?« wollte ich wissen. »Siebzehn sind wir!« Ich glaube, ich habe die Zahl genau behalten.
   »Und wie viele davon gehören dem Heiland?« forschte ich unerbittlich weiter.
   »Gar keine!« erhielt ich fast zornig zur Antwort.
   Betroffen schwieg ich eine Weile. Dann gab ich der lieben Auguste den Rat: »Wenn Sie nach Hause gekommen sind, dann schlagen Sie in Ihrer Bibel einmal den Brief des Paulus an die Epheser auf und lesen darin das zweite Kapitel. Da steht geschrieben, wer wir sind und was uns fehlt.« So etwa sprach ich.
   In der nächsten Übungsstunde, die ich mit unserem kleinen gemischten Chor in Bromberg hielt, war auch die handfeste Auguste. »Ich möchte in Ihrem Chor mitsingen!« bat sie.
   »Aber ich denke, Sie gehen zum Jungfrauenverein?« wandte ich überrascht ein. Doch sie bat, bei uns sein zu dürfen. Ihre Kinder sind führende Glieder in der Evangelischen Gemeinschaft geworden, zwei ihrer Neffen haben gesegneten Predigtdienst bei uns getan, und einer tut ihn noch.
   Noch ein Erlebnis aus jener Zeit der ersten Liebe im Dienst des Heilandes. Längst ist diese Frau bei der triumphierenden Schar der Erlösten und rühmt des Lammes Wundertaten in der Herrlichkeit. Drum darf ich ihre Geschichte getrost erzählen. Sie kam in die kleine Versammlung, die ich in der Predigerwohnung in Bromberg hielt. Im Stockwerk unter uns trieb eine Freimaurerloge ihr dunkles Werk. Ich war jung und unerfahren, aber ich wollte ein Zeuge des Herrn Jesu sein und predigte Buße und Abkehr von Sünde und Hinkehr zu Gott durch den ewigen Versöhner. Irgend jemand hatte sie mitgebracht: ein zusammengesunkenes, verwittertes Weiblein mit einem stechenden Blick in den dunklen Augen. Sie kam wieder und wieder. Dann besuchte ich sie. Da musste ich in die Not einer verführten und zerstörten Jugend hineinschauen und finsterer Mächte Spuren kennen lernen, dass sich mir das Herz zusammenkrampfte. Zuletzt bückte sie sich und machte sich am Fuß des weißen Kachelofens zu schaffen, der in ihrem Stübchen stand. Mit spitzen Fingern holte sie ein kleines Knöchelchen hervor und zeigte es mir mit den Worten: »Das hab ich mir vom Friedhof geholt aus einem Grab. Damit habe ich böse Sachen getrieben.« Ganz zusammengeschlagen und hilflos schaute sie mich an.
   Ich weiß nicht mehr, was ich mit Ihr geredet habe. Ich wusste ja noch nicht viel, wusste nur von dem einen, der meinem ruhelosen jungen Herzen Frieden geschenkt und mir dann aufgetragen hatte, das einfach weiterzusagen. Und ich hab es auch jenem vergrämten Menschenkind gesagt, das dadurch still geworden ist und Mut gefasst hat, sich dem Heiland in die Arme zu werfen. Es gab heiße, harte Kämpfe, eine ganze Zeitlang. Wie wunderbar und mannigfaltig unsers herrlichen Meisters Wege sind, mit einem armen, verlorenen Kind zurechtzukommen, das habe ich damals erlebt. Unser treuer Superintendent C. Bader kam, hielt eine gesegnete Predigt und feierte mit uns das heilige Abendmahl. Daran nahm dieses Mal auch diese erweckte, müde Pilgerin teil. Nach Schluss des Gottesdienstes kam sie auf uns zu und schaute uns mit den dunklen Augen durchdringend an, wobei sie tief aufatmend sagte: »Nun bin ich durch!«
   Wir blieben still. Es durchbebte uns etwas von der Gegenwart des heiligen und doch so barmherzigen Gottes, der uns im Sohn sein Herzblut schenkt zu einem neuen Leben. Und solch neues Leben hat diese Mutter in wunderbarer Schöne offenbart. Als ein gesegnetes Gotteskind wandelte sie hinfort durch ihre Tage, deren der himmlische Vater noch viele werden ließ. Fröhlich zeugte sie ihrem Heiland, der ihrem Herzen viel Friede und Freude gab, und wurde allen zu einer Hilfe, mit denen sie zusammenkam. Ich war nur ein Jahr dort oben in der schönen Stadt an der Brahe, aber jeder, der später von dort kam und mit ihr bekannt geworden ist, wusste etwas Liebes und Schönes von ihr zu berichten. Sie hatte so etwas wundersam Bezwingendes in ihrem Wesen und entwaffnete wie selbstverständlich allen Widerstand, der sich ihrem Zeugnis von Jesu entgegenstellen wollte. Sie hatte ein Dachstübchen bezogen in dem Haus, das ich mit bauen helfen durfte, und behauptete sich auch darin, als durch den Krieg später das Haus andere Herren erhielt. Den jetzt so treu blickenden Augen, in denen das Licht ewiger Heimat strahlte, konnten die Männer nicht widerstehen, als sie demütig, aber bestimmt bat: »Ich muss doch hier bleiben!« So traf ich sie später, als ich als Evangelist durch die Länder zog.
   »Nun bin ich durch!« Der eine erlebt es so, der andere auf neue Weise. Ob Petrus, Paulus, Magdalena – alles Wunderwerke des ewigen Geistes einer Liebe, die alles neu macht. Gib dich getrost in seine Hand, er macht auch aus dir etwas »zum Lob seiner herrlichen Gnade« (Epheser 1,6).

In der Waffenschmiede

Das zweite Probejahr meines Evangeliumsdienstes ging zu Ende. Wie viele Erinnerungen knüpfen sich für mich an Bromberg! Dann sandte mich die Jahreskonferenz in unser Predigerseminar nach Reutlingen. Vorher leistete ich noch eine vierzehntägige Reserveübung beim Jäger-Bataillon in Ortelsburg ab. Darnach zog ich in den Süden, um mich auf die Schulbank zu setzen unter Obhut des gütigen Direktors Johannes Schempp. Von meinem zweijährigen Aufenthalt dort könnte ich viel berichten. Hier wurde ich bekannt mit vielen treuen Christusboten – und jeder war ein Original! Und wenn’s unser Senior im zweiten Jahr war, ein stämmiger Schweizer aus dem Berner Oberland, dessen Herrschaft von den Seminaristen mit dem Wort aus dem Buch der Richter 21, 25 gekennzeichnet wurde: »Zu der Zeit war kein König in Israel; ein jeglicher tat, was ihn recht deuchte.«
   Nun, unser Direktor und seine Mitarbeiter Prediger F. Schweingruber und Dr. Eugen Frick hielten uns schon in strammer Zucht. Die handfeste Seminarmutter und Gattin des Direktors sorgte für unser leibliches Wohl durch gute Küche und manche praktische Beratung. Das Seminar befand sich damals in den Stockwerken über unserer großen Ebenezer-Kapelle. Mein erstes Jahr brachte ich allein in einem Dachstübchen zu, in dein ich eine kleine Treppenleiter ersteigen musste, wenn ich aus dem lukenartigen Fenster etwas vom Himmel über mir sehen wollte. Im zweiten Jahr bestimmte mich der Direktor zum Stubengenossen seines Sohnes Hans, und wir bekamen den Raum neben seinem Arbeitszimmer zugewiesen, der ebenfalls eine große Schräge hatte, aber ein Fenster nach dem Garten. In dieser »Bude« haben wir beide so verschiedenen Menschen ein wichtiges Jahr miteinander verlebt. Der sieben Jahre jüngere Sohn Johannes Schempp war eben von der Schule gekommen und sollte nun erst ein Jahr Seminar genießen, ehe er in die Arbeit gestellt wurde. Nachts diskutierten wir oft lange, bis in die Morgenstunden des neuen Tages hinein, die tiefsten Dinge unseres Lebensdaseins. Tagsüber, nach dem gemeinsamen Unterricht, sah es in unserem Zimmer zuweilen aus wie in einer Dorfschmiede. Der eiserne Ofen war auf Weißglut gebracht, und auf dem Fußboden lagen Zangen, Hämmer, Lötkolben und anderes Schlossergerät. Mein lieber Studiengenosse baute eine richtige Azetylen-Anlage auf dem Hausboden. Die Leitung ging durch die Decke in unser Zimmer. Ich weiß noch, dass wir Glas zum Schmelzen brachten an diesem Azetylenlicht. Die Hausbewohner kam freilich Angst an, es möchte ihnen eines Tages dar, Dach über dem Kopf in die Luft fliegen!
   Neben uns arbeitete unverdrossen Vater Schempp an seiner Dogmatik, die er fleißig zusammenstellte aus den Formulierungen anerkannter Gelehrten. Mein lieber Freund Hans hatte die Aufgabe, diese Dogmatik fein säuberlich mit Kopiertinte abzuschreiben, und ich zog dann diese Blätter auf soviel Exemplare ab, wie die Seminaristen brauchten. Hans und ich griffen zuweilen einen Satz aus dieser Dogmatik heraus und eröffneten damit einen Disput, der einmal so lebhaft wurde, dass der Herr Direktor von nebenan plötzlich in unserer Stube erschien und besorgt fragte: »Habt ihr Streit miteinander?«
   »Ach bewahre, Vater, wir disputieren nur zu unserer Belehrung über deine Dogmatik!«
   Da zog sich Vater Schempp beruhigt in seine Klause der Gelehrsamkeit zurück, wo es ihm am wohlsten war.
   Mit Johannes Schempp dem jüngeren hat mich eine lebenslängliche Freundschaft verbunden. Was war das doch ein trefflicher, lieber Mensch, goldtreu, der nicht groß von sich selbst hielt! Aus seiner Schulzeit erzählt man, dass er in einer Mathematikarbeit die Lösung der schweren Aufgabe innerhalb weniger Augenblicke auf dem Papier hatte und dann anfing, seine Taschenuhr fachmännisch auseinander zu nehmen und sie auch wieder zusammen zu setzen, während sich seine Schulkameraden angestrengt mühten, die Mathematikaufgabe zu meistern. Und wie war ihm erst, wenn er an irgendeine Orgel herankam, die von den vielen Musikinstrumenten, die er beherrschte, lebenslang sein Lieblingsinstrument blieb! Erst durchkroch er fast das ganze Werk, säuberte und reparierte, dann sag er auf der Orgelbank und vergaß Zeit und Raum, wenn seine geschickten Hände und Füge dieser Königin der Musica die herrlichsten Fugen und Weisen entlockten, die alle Zuhörer in den Bann schlugen.
   Nun, als ich sein Freund wurde, war Johannes Schemmp noch jung. Als wir 1900 zusammen das Seminar verließen, wurde in Stuttgart die Deutschland-Konferenz der Evangelischen Gemeinschaft geteilt in eine Süd- und eine Norddeutsche Konferenz. Die Prediger wurden aufgerufen, sich zu entscheiden. Da blieb Johannes neben mir sitzen, während die »Süddeutschen« ihre Plätze einnahmen. Ich sehe noch heute das erschreckte Gesicht seines Vaters! Aber Johannes ging mit mir zu der Schar der Boten Christi, die im Norden unseres Vaterlandes das Evangelium verkündigen wollten. Und er hat in der Nordund später in der Ostdeutschen Konferenz der Evangelischen Gemeinschaft treu seinen Dienst getan. Sei es als Gemeindeprediger oder später im Lehramt im Seminar, sei es als treffsicherer Berater in den Verwaltungsbehörden kirchlicher Anstalten oder als Vorsitzender einer Jahreskonferenz – wenn Johannes Schempp den Mund auftat, dann hörte man Gottesweisheit, die aus dein Geist Christi strömte, dem dieser Doktor der Theologie sein Leben und Können geweiht hatte. Er ging seinen geraden Weg, bis ihn der plötzliche Tod auf der Straße auf dem Fahrrad ereilte, und der Herr Christus seinen treuen Knecht mit fünfundsiebzig Jahren zu sich rief in die Herrlichkeit. Ich schulde ihm tiefen Dank für seine echte Freundschaft, die in entscheidenden Abschnitten meines Lebens standhielt und mir oft wieder Mut gemacht hat, der Verkündigung des Evangeliums meine Kraft zu weihen.
   Unser allzeit freundlicher Lehrer Dr. Eugen Frick, mit dem ich schon vor der Seminarzeit in Braunschweig bekannt geworden war, unternahm es, unsere steifen Finger zierliche griechische Buchstaben schreiben zu lehren. Er hat es in großer Geduld fertiggebracht, uns etwas von der alten Sprache beizubringen, in der unser Neues Testament geschrieben ist, so dass wir den Grundtext verstehen konnten. Viel Not hat das freilich uns allen gemacht, die wir damals nur einfache Schulbildung mitbrachten. Selbst ins Hebräische suchten einige von uns vorzudringen. Aber bald trat jene Versuchung auch an uns heran, der einmal der große Seelengewinner Samuel Hebich erlegen ist, als er in Basel als Missionsschüler über die Rheinbrücke ging und die Hebräische Grammatik über das Geländer in den Strom schleuderte mit den Worten: »Dass du nicht sagest, du habest Abraham reich gemacht!« (l. Mose 14, 23).
   Der treue Lehrer F. Schweingruber, ein Sohn der Schweizer Alpenwelt, hat in seiner stillen Frömmigkeit und Schlichtheit mir viel gegeben. Ach, ich durfte ja nur zwei Jahre im Seminar sein und muss bekennen, dass ich einerseits erfasst war von dem Drang, viel, viel zu lernen, aber auf der anderen Seite die Zeit nicht abwarten konnte, bis ich hinaus ins Erntefeld zu froher Mitarbeit durfte.
   Gern meldete ich mich während meiner Seminarzeit am Sonnabend zum Predigtdienst auf der Rauhen Alb, wo wir in Erpfingen, Willmandingen und Undingen Stubenversammlungen hatten. Es war mir immer eine Freude, zu Fuß von Reutlingen aus die Alb zu ersteigen und dort oben unter den schlichten Leuten zu weilen und mit ihnen Kartoffeln und saure Milch zu genießen als einfaches Nachtmahl. Zur Weihnachtszeit hielt ich viele Sonntagsschulfeiern, besonders im Schönbuch, wo treue Christen in jahrzehntelanger Arbeit guten Dienst unter den Kindern getan haben.
   Einmal unternahmen einige von uns eine Urlaubsreise in die schöne Schweiz. Wir wanderten über den Klausenpass, fuhren über den Vierwaldstätter See und erstiegen die Wengem-Alp, wo wir in einem kleinen Bergdörfchen einer Gemeinde den Gottesdienst hielten, bei dem ich predigte. Zuvor hatten wir zu viert am Eingang des Dorfes auf einem Gemäuer sitzend das Männerchorlied: »Wo ist des Herzens Ruheort« eingeübt.
   Ein andermal machte das ganze Schulkollegium eine gemeinsame Fahrt nach verschiedenen Städten in der Schweiz, um in den größeren Gemeinden mit unserem Gesang und mehr oder weniger erbaulichen Ansprachen zu dienen. Auf der Rückreise überquerten wir den Bodensee. Der Schiffer wollte viel verdienen, nahm alle Seminaristen in ein Boot und ruderte los. Als wir mitten auf dem See waren, wurde sein Gesicht immer ernster. Wir hatten nur noch eine Handbreit Bootsrand. »Verhalten Sie sich bitte ganz ruhig, meine Herren, die Lage ist erst«, mahnte er besorgt. Das taten wir von selbst – und nicht nur weil wir die Hoffnung der Evangelischen Gemeinschaft für eine Reihe von Jahren waren. Dankbar setzten wir in Überlingen den Fuß wieder auf festes Land, um zu Fuß nach Reutlingen zurückzutraben. Einige machten allerdings unterwegs schlapp und benutzten die Bahn. Der Rest kam todmüde und mit wunden Füßen, aber doch wohlbehalten wieder im Seminarnest an.
   Noch eine Erinnerung aus meiner Seminarzeit möchte ich wiedergeben. Da schlenderte einmal ein junger Bursch durch die schöne Stadt an der Echaz und träumte in den Tag hinein. Nein, Pläne hatte er nicht, unbekümmert lebte er sein Leben. Gute Eltern sorgten für seinen Leib, lustige Freunde für seine Zerstreuung, und die lebhaften Geschwister befriedigten sein gelegentliches Streitbedürfnis. Heute allerdings lag eine Kummerfalte auf seiner Stirn, und in den sonst so munteren Augen stand etwas wie Hilflosigkeit. Gelegentlich sah er nach seiner Uhr. Wenn nur der Abend erst vorüber wäre! Er sollte mit in die Evangelisationsversammlung, die in der großen Kapelle in der Kaiserstraße abgehalten wurde. Von Amts wegen sozusagen, denn sein Vater gehörte zu den führenden Männern jener Gemeinde. Der junge Bursch fühlte offenbar etwas von der Tatsache, dass große Ereignisse ihre Schatten vorauswarfen! Aber er war gar nicht für große Ereignisse, und was den Schatten betraf, so tummelte er sich lieber in der heiteren Sonne.
   Nun, der Abend kam und ging auch vorüber. Unser Freund hatte eine klare, herzandringende Botschaft des Heils für sündige Menschen gehört und war in das helle Licht der Wahrheit Gottes gestellt. Nun spürte er den starken Zug des Vaters zum Sohn hin in seinem Herzen. Entweder – oder! hieß es jetzt bei ihm. Aber der Beharrungswille der alten, ungebrochenen Menschennatur schien den Sieg davonzutragen. Nein, er wollte nicht zur Nachversammlung bleiben! Warum sollte er nachsitzen? So ganz schlimm kam er sich gar nicht vor! Beinahe hatte er den Ausgang erreicht, und draußen winkte die Freiheit – da stand plötzlich ein ziemlich langer Seminarist vor ihm, einer jener hoffnungsvollen jungen Männer, die damals oben in der Kapelle im kleinen Dachstübchen hausten und mit mehr oder weniger Geschick und Freudigkeit dem Studium der Gottesgelahrtheit oblagen. Einem von diesen war unser freiheitsdurstiger Freund zu guter Letzt noch ins Netz gegangen.
   Der Seminarist schaute ihn an und nahm ihn dann »beim Knopf«. Es brauchte nicht lange, bis sie zusammen an einer Bank knieten, um miteinander zu beten. Aber jetzt merkte der Seminarist, als der Philippus unseres jungen Freundes, dass dieser nur wenig Willigkeit zeigte, sich im Gehorsam des Glaubens dem Herrn Christus hinzugeben. Sollte er ablassen von dem jungen Burschen, um ihn nicht zu vergewaltigen? Aber: »Nötige sie hereinzukommen!« stand es vor der Seele des Seminaristen, und er hat damals das Äußerste versucht, den Widerstand gegen das Heil im Herzen des Erweckten niederzuringen. Und nach heißem, schier Leib und Seele erschöpfendem Kampf hat endlich der junge Bursch »ja« gesagt zu der großen Liebe, die in jener Stunde in sein Leben einbrach und ihn erretten wollte von der Obrigkeit der Finsternis.
   Nein, der Seminarist kam sich nicht als Sieger vor nach diesem Kampf. Es war ihm, als hinke er auch, wie einst Jakob nach Pniel. Wenn in einem solchen Ringkampf Gottes Gnade über ein widerstrebendes Menschenherz siegt, dann bricht alle Eigenstärke zusammen, und es kommt eine große ehrfürchtige Stille in die Seele. –
   Der junge Bursch erfuhr liebevolle und weise Führung seines neuen Lebens mit Christus in der Familie und in der Gemeinde. Wie viel hängt doch davon ab! Und eines Tages stand er vor der Gemeinde und erbat sich die Empfehlung fürs Predigtamt. Er erhielt sie und wurde aufgenommen. Er hatte seine Schwächen – hat sie nicht jeder? Aber er brachte Menschenherzen zu Christus und baute Kapellen.
   Willig will ich mich beugen unter das Urteil: »Du blinder Draufgänger, du unbedachter Stürmer!« Doch ich bete mit Sören Kierkegaard: »0 Herr, du bist so groß, dass du aus dem, was ich verkehrt gemacht habe, noch etwas machen kannst, das besser ist, als wenn ich es recht gemacht hätte!« Ach, wie viel muss uns vergeben werden, wie oft haben wir daneben geliebt, gehofft und gearbeitet! Je mehr der Erfahrungen in der Kette der Jahre uns geschenkt werden, desto mehr verstehen wir, was der Heiland von den Knechten sagt, die alles getan haben, was sie zu tun schuldig waren: sie werden doch unnütze Knechte genannt. Aber wenn er uns zuletzt zu seiner Zeit in Gnaden erhören wird, dann werden wir das große Vergeben in seinem Frieden erleben! Und ob nicht auch denen dann viel vergeben werden muss, die aus lauter Furcht, Fehler zu machen, gar nichts mehr taten, oder immer nur sehr, sehr vorsichtig zu Werke gingen?
   Besondere Stunden waren es, wenn unser alter Seminardirektor Johannes Schempp uns Anleitung gab in der Seelenkunde. Allen Dingen suchte er auf den Grund zu kommen; dabei lag aber oft ein schalkhaftes Blinzeln in den klugen Augen, als ob er sagen wollte: »Ist ja doch alles nur Stückwerk!« Einmal sprach er über Schwermutserscheinungen, wie sie besonders bei besinnlichen Menschen beobachtet werden. »Da kam eine Frau zu mir«, erzählte er uns, »die behauptete einfach: ›I bin das Tier aus Offenbarung 13.‹ Dort heißt es bekanntlich am Schluss des Kapitels 13: ›Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.‹ Was hat dies 13. Kapitel der Offenbarung Johannes mit seinen Geheimnissen schon Theologen und Laien beschäftigt – ohne dass es jemand gelungen wäre, erschöpfende Erklärungen zu geben! Jetzt kommt diese Frau, schaut mich mit ihren dunklen Augen ruhig an und behauptet: ›I bin das Tier!‹ Ich erhole mich von meinem Erstaunen und frage: ›Wie kommen Sie zu dieser Meinung?‹ Da erklärt sie mit der Überzeugung eines Menschen, der lange nachgedacht, nun aber unwiderleglich die Wahrheit entdeckt hat: ›Sehet Se, i bin 63 geboren und itzt 36 Jahre alt. Ein Sechser vorn und ein Sechser am Schluss. Die zwei Dreier in der Mitte geben auch einen Sechser ab – das macht 666 – i bin das Tier!‹ Und davon ließ sich diese Frau nicht abbringen. – Ein Jahr später, und die Rechnung dieser Frau hätte schon nicht mehr gestimmt. Aber es schien ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, eine solch wichtige Person zu sein. Es kommt ja dem Mörder von Anfang nicht darauf an, welch einen Lügengeist er gebraucht, um einen Menschen vom Glauben an Jesus Christus abzuhalten, wenn er nur seinen Zweck erreicht.«
   Was für eine furchtbare Nacht kommt über den, der, in sich selbst verliebt, der Unbelehrbarkeit verfällt! Sigmund Freud nennt diese Haltung in der von ihm begründeten Psychoanalyse Narzissmus. Er geht von der griechischen Sage aus, nach der ein schöner Jüngling, Narziss, in heißer Liebe zu seinem Spiegelbild entbrannte. Dieser Irrgeist der völligen Ichbezogenheit macht für die Wahrheit, die in Jesus Christus erschienen ist, ganz unempfänglich. Wo sich alles um das eigene Ich dreht und in krankhafter Überheblichkeit nur noch Sorge um Geltung und Anerkennung herrscht, da schrumpft der andere zum Nichts zusammen. Gottes Weg ist, von sich los und für andere da zu sein. Dieser Weg ist Christus.
   Und schließlich mag noch etwas vom schwäbischen Pietismus, der uns im Seminar umwehte, hier seinen Platz finden. Da tollt sich ein kleines vierjähriges Schwabenmädle im frohen, kindlichen Spiel draußen am blumenreichen Berghang aus. Jetzt ist’s müde geworden. Mit hochroten Bäckle kommt es ins Haus, schlägt die kurzen Zöpfle noch einmal übermütig um die Ohren und sinkt dann ermattet in einen alten Lehnstuhl. Da faltet es die rundlichen Kinderhände über dem Bäuchlein, schaut ganz andächtig durchs Fenster in den blauen Himmel draußen und sagt mit einem tiefen, kindlichen Seufzer: »Itzt nur noch ä selig’s Abscheidstündle!« Das hatte sie mitbekommen aus den Sonntagnachmittagstunden der Pietisten im Dorf, wozu sie von der frommen Großmutter immer mitgenommen wurde. Man mag lächeln über diese Kindeseinfalt – aber kein Geringerer als Dr. Karl Heim, Professor der Theologie in Tübingen, schreibt einmal an einen Freund: »Wie herrlich ist die stille, altpietistische schwäbische Mystik, die aus Bengelschem Schrifttum erwuchs, kerngesund, frei von aller Nervosität, innig verwachsen mit klaren Gedanken und festen ethischen Grundsätzen. Wenn man sie von Vätern und Großvätern ererbt hat, kehrt man immer wieder zu ihr zurück, auch wenn man Sie lange unter exegetischen Einflüssen verachtet hat. Du und ich zehren von diesem wundervollen Erbe.« Und nicht wenig danken wir und unsere Väter diesem Pietismus! Immer wieder war ich tief bewegt, wenn ich im Alter in Tübingen an Karl Heims Haus in der Neckarhalde vorüberging – wie viel Segen ging von ihm aus auch auf viele unserer Prediger, die in Tübingen zu seinen Füßen saßen!
   Während meiner Seminarzeit nahm uns Vater Schempp einmal zusammen und wanderte mit uns nach Tübingen zur Universität, wo wir eine Stunde lang den berühmten Professor Adolf Schlatter zum Lehrer hatten. Dieser gelehrte Schweizer aus St. Gallen sagt von seinem Elternhaus: »Die Mutter stand mit ernstem Glauben in der reformierten Überlieferung. Der Vater hatte im Zusammenhang mit der Erweckungsbewegung das Bild der neutestamentlichen Gemeinde mit ihrer geschlossenen Gemeinschaft und ihrer Selbständigkeit ergriffen und hatte sich mit einigen Freunden zu einer ›Gemeinde Jesu in St. Gallen‹ zusammengeschlossen.« Schlatter hielt uns eine Vorlesung über den Pietismus. Ein Satz aus seinem lebendigen Vortrag hat sich mir besonders eingeprägt, ich setze ihn her, wie er ihn in seiner teils alemannischen Aussprache gab: »Ist viel Gutes ausgegangen von diesen Leuten, wenn auch ihre Theologie zuweilen recht chrumm (krumm) war!«    Adolf Schlatter sagt in seinen Lebenserinnerungen zum Schluss: »Dem Sterben meines Vaters gingen lange Wochen voran, in denen er nicht mehr aufstehen konnte und seine Kraft langsam verging. Als die Mutter in dieser Zeit einmal den Vers von ›den goldenen Gassen‹ sprach, antwortete er: ›Es verlangt mich nicht nach diesem Plunder, aber danach verlangt mich, am Hals des Vaters zu hängen.‹ Er sah den Sinn des Lebens und den Zweck des Sterbens in jener Begegnung des Vaters mit uns, durch die alles, was finster und sündlich ist in uns, vergeht. Meine Theologie hat mir nichts anderes verschafft, als was der Vater sterbend ausgesprochen hat, aber ich denke: das ist genug.«

Von Vätern, die mich formten

Als ein Büblein von zehn Jahren wanderte Johann Georg Wollpert 1833 mit seinen Eltern von Wannweil bei Reutlingen nach Amerika aus. Er blieb dort ein echter Sohn Schwabens. Als er sein Herz in der Jugend dem Herrn Jesus gegeben hatte, rief ihn Gott, in der alten Heimat das Evangelium zu verkündigen. So kam er 1857, 34 Jahre alt, von Amerika zurück. Wer ihn kennen lernte, wurde unwillkürlich gepackt von seinem originellen, heiteren Wesen. Ich werde ihn nie vergessen, wie er in seiner hohen Gestalt vor uns stand und in liebenswürdig gewinnender Weise den Heiland als guten Hirten anpries, dabei seine großen Hände ausstreckte und lockte: »Tschiep – tschiep – komm, komm!« Es brannte in ihm das heilige Feuer des Geistes Gottes, der dem Sohn Gottes Seelen gewinnen will um jeden Preis!
   Welch eine Freude war es auch, dem alten Vater Gottlieb Füßle zuzuhören, wenn er predigte! Er war der erste, der sich den Sendboten der Evangelischen Gemeinschaft, die aus Amerika kamen, zur Mitarbeit zur Verfügung stellte.
   Einmal sprach er über das »Auffahren wie die Adler« (Jesaja 40). Der große Gegenstand hatte den ergrauter Zeugen Christi ganz gepackt. Alles an ihm predigte. Seine lebendige Darstellungsweise machte tiefen Eindruck. Ein Satz seines zündenden Zeugnisses ist mir besonders haften geblieben: »Ja, die Kinder dieser Welt und ihre Großen fahren auch auf, aber wie der Hahn mit seinem Hühnervolk vom Hühnerstall direkt auf den Misthaufen, um dort zu kratzen nach Würmern und Maden!« rief er in die Versammlung hinein. Wie anschaulich war das doch in dem schwäbischen Ort, wo früher bekanntlich der Misthaufen oft den besten Platz vor dem Haus hatte!
   Johann B. Breusch, langjähriger Distrikts-Superintendent und Schrecken der Kirchenbauer der Evangelischen Gemeinschaft, weil er sich bei der Bauabnahme nicht scheute, das letzte Sparrenende im Dach zu untersuchen, sollte in Pfullingen predigen. Wir Seminaristen wanderten auch nach Pfullingen und kamen gerade bei unserer Kapelle an, als die Versammlung vor Beginn des Gottesdienstes eins unserer alten Heilslieder in lebendiger Weise sang. Vater Breusch sahen wir aus dem Vorderhaus kommen, überrascht nach dem Kirchlein hinhorchen und dann seinen Predigtentwurf aus der Brusttasche ziehen und ansehen. Es ging wie Verklärung über sein welkes Gesicht, als er seinen Entwurf wieder in die Tasche schob, zurück ins Predigerhaus ging und sich – einen anderen Entwurf holte! Wir haben dann eine Predigt von ihm gehört über die Herrlichkeit unserer ewigen Heimat, die uns tief bewegte und in uns das Verlangen stärkte, tüchtiger zu werden, dem Volke Gottes mit dem seligen Evangelium zu dienen. Wir erlebten in diesem Gottesdienst, wie die Gemeinde selbst mit zum Prediger wurde in ihrer freudigen Aufnahme des Gotteswortes und in der Anteilnahme am Eifer des Zeugen, den Herrn Jesus zu verherrlichen. Es lag wie ein Hauch des ersten Ostermorgens, den die Welt sah, über uns in dieser feierlichen Stunde.
   In Reutlingen saßen wir eines Sonntags unter der Predigt des ernsten Carl Rieker. Er wandte sich plötzlich uns Seminaristen zu, die wir in einer Bank vorn zusammen saßen und sagte: »Brüder, ich habe ein besonderes Wort an euch. Ein alter Mann ist zu mir gekommen und hat mir berichtet vom Tode seiner Frau. Er saß an ihrem Bett und sie hat immer wieder in dumpfer Angst gesagt: ›Nun muss ich ausziehen und weiß nicht, wohin!‹ Der Mann hat seine Frau nicht trösten können, und sie ist mit diesem Verzweiflungsruf auf den Lippen gestorben. Da ist er an der Leiche in die Knie gebrochen und hat zu Gott geschrieen, er möge ihn doch nicht auch einmal so schrecklich sterben lassen! Er ließ sich das Heil in Christus schenken und hat mich ausdrücklich gebeten, euch jungen Predigern seine Erfahrung zu sagen, damit ihr sie als Zeugnis an andere weitergeben könnt.« Treulich habe ich diese erschütternde Begebenheit immer wieder weitergegeben. Ach, wir sollten die Güter dieser Erde viel mehr gebrauchen, als hätten wir sie nicht, und Heimat in Gott suchen in der Hingabe an den Herrn Jesus Christus!
   Ja, diese herzandringende Weise, das Evangelium zu verkündigen, haben uns unsere Väter gelehrt. Sie »referierten« nicht, auch war es ihnen nicht die Hauptsache, rednerische Kabinettstücke auf der Kanzel zu geben, in strenger, orthodoxer Dreiteiligkeit, sondern es galt, Sünder zur Buße zu rufen und die Bekehrten in der Gemeinde zur Heiligung zu führen, ohne die niemand den Herrn sehen kann.

Flügge!

So nennt man wohl die Vögel, wenn sie, dem Nest entwachsen, ihre eigenen Kreise ziehen – der Sonne zu! Ein lieber Mitseminarist in Reutlingens Alma mater war der allezeit ernste und wissensdurstige Wilhelm Weischedel, von dem mich auf der ersten Bank im Unterrichtsraum nur unser beider Freund Johannes Schempp jr. trennte. Wir beide durften nur zwei Jahre zu Vater Schempps Füßen sitzen, dann wurden wir in die Arbeit gestellt, weil es an Predigern mangelte. Der charakterstarke, mit besonderem Verwaltungstalent begabte Wilhelm Weischedel stand nach einer durchgreifenden Erweckung, die ihm Gott in der Gemeinde Frankfurt am Main schenkte, bald an der Spitze unserer gesegneten Bethesda-Anstalt in Elberfeld und baute dort das große Diakonissen- und Krankenhaus der Evangelischen Gemeinschaft an der Hainstraße, eine Zierde des Wuppertals. Ihm zur Seite standen glaubensmutige Männer, die, von der Liebe Christi getrieben, den Kranken und Armen zu dienen suchten. Dass ich dabei sein durfte, macht mich immer noch froh!
   Meine Marschorder wies mich nach Düsseldorf, wo ich in der Kölner Straße in einem Portierhäuschen neben dem Saal, in dem die Gottesdienste abgehalten wurden, Wohnung nahm. Mein Stübchen hatte vier Wetterseiten, und durch ein Pappdach tropfte bei Regenwetter das Wasser oft auf mein Bett. Unter mir wohnte, auch als Junggeselle, der treue Klassführer der Gemeinde, von Beruf Hosenschneider bei einer guten Firma. Oft teilte ich mit ihm das Mittagessen, Haferflocken und Backpflaumen. Am Sonntag war am Vormittag und am Nachmittag Gottesdienst in Düsseldorf, und abends predigte ich in Köln, wohin ich dreimal in der Woche mit der Eisenbahn reiste.
   In Düsseldorf waren damals mehrere Gemeinden, in denen die Sache des Herrn Jesus Christus in der Welt freudig gefördert wurde. Im Haus der Freien evangelischen Gemeinde wohnte unser eigener Distriktsvorsteher, Carl Bader, in dessen Familie ich immer wieder einmal Unterschlupf suchte, wenn mir der kalte Wind der Einsamkeit zu scharf um die Nase wehte. In der großen »Freien Gemeinde« sprach oft Professor Stroeter aus der Methodistenkirche. Auch Inspektor Mandel aus Neukirchen lernte ich hier kennen. In der Ackerstraße versammelte sich eine große Gemeinde der Darbisten-Geschwister, zu denen führende Industrielle gehörten. Pastor Samuel Keller, der spätere Evangelist, predigte in der Johanneskirche. Zu den einflussreichen Gottesmännern der Stadt gehörte der Buchhändler C. Schaffnit, der u. a. ein Lebensbild von Charles Finney, dem Evangelisten, herausgab. Ich durfte ihn zu meinen väterlichen Freunden zählen. Er gehörte zu denen, die den Gedanken verwirklichten, dem weithin kirchenfremden Volk durch Evangelisationen in Zelten wieder nahe zu kommen. Eines Tages fragte er mich, ob ich bereit wäre, mit Jakob Vetter als Evangelist in einem Zelt zu dienen. Nach reiflicher Überlegung erklärte ich ihm, dass ich mich der Evangelischen Gemeinschaft verpflichtet fühle, C. Schaffnit würdigte die Gründe meiner Ablehnung und bemühte sich um einen andern Mitarbeiter für den Begründer der Zeltmissionsarbeit. Wie anders wäre wohl alles geworden, wenn ich mich damals entschlossen hätte, Zeltarbeit zu tun! Aber ich bin doch des Weges froh, den mich der treue Gott führte. Doch danke ich ihm von ganzem Herzen für die herrliche Arbeit der Evangelisation, die jetzt in etwa dreißig verschiedenen Zelten, groß und klein, getan wird!
   In Köln hielten wir zunächst unsere Versammlungen in der Probsteigasse. Wir verlegten unseren Gottesdienstraum aber bald in einen größeren Saal in der Nähe des Bahnhofs, der einer Bank gehörte. In diesem Saal, den wir etwas über ein Jahr benutzten, wuchs die Gemeinde und war tätig im Zeugnis für den Heiland. Ein junges Mädchen, das sich dem Herrn Jesus ausgeliefert hatte, sammelte für die Sonntagschule zu Weihnachten über tausend Mark. Ihre Freundin wurde Diakonisse und war viele Jahre eine fähige Operationsschwester im Bethesda-Krankenhaus in Stuttgart. Ein Bäckermeister in der Johannesstraße, der Bruder unserer eifrigen Sammlerin für die Sonntagschule, bekehrte sich mit seiner Frau und konnte seinen Gesellen auch zum Heiland führen. Dieser Hausvater kaufte sich eine Anzahl unserer Gesangbücher, und wenn ich einmal um die Mittagszeit an sein Haus kam, schallte mir Gottes Lob entgegen aus der offenen Haustür neben dem Laden. Die Familie hielt ihre Andacht nach dem Essen!
   Wir hatten freilich auch manchen Kampf zu bestehen in der Arbeit. Es erfüllte sich das Wort des Apostels Paulus: »Denn mir ist eine große Tür aufgetan, die viel Frucht wirkt, und sind viele Widersacher da« (1. Kor. 16,9).
   Als uns der Saal in der Nähe des Bahnhofs wieder genommen wurde, konnte ich am Heumarkt ein schönes, kapellenartiges Haus im Garten des früheren Erzbischöflichen Palais mieten. Wir richteten es ein. Brüder aus Düsseldorf halfen Nächte hindurch mit zu tapezieren. Aber leider war auch hier unseres Bleibens nur ein Jahr! Es wurde uns gekündigt, und ich suchte noch einmal einen Saal am Neumarkt und mietete ihn. Auch dieser wurde eingerichtet.
   Aber Gottes Wort lief! In einem Gottesdienst am Silvesterabend fand ein Familienvater Frieden. Am Neujahrstagmorgen kam er zu mir und klagte: »Wenn das doch meine Mutter noch erlebt hätte!« Die schlief schon lange in ihrem Grab im Odenwald. Eines ihrer letzten Worte war gewesen: »Der Heinrich kommt noch!« Und er war gekommen und wurde ein treuer Mann in der Gemeinde.
   Der Herr Jesus hat überall Dienststellen, wo seine Werke getan werden, nämlich suchen und erretten, was verloren ist. Solch eine Stelle war nicht weit von meinen Arbeitsfeld: eine Rettungsanstalt für gestrandete Mädchen. Dort sollte ein Geistlicher Anstellung finden, der einmal in unseren Reihen war. Man hatte sich um Auskunft an meinen Superintendenten gewendet, und dieser sandte mich zu einer der Vorstandsdamen der Anstalt, weil ich den Mann, um den es ging, kannte. Als ich meine Sache ausgerichtet hatte und mich verabschiedete, sah ich die vornehme, gütige Dame, eine unverheiratete Vierzigerin, an und dann fragte ich, obwohl mein Herz dabei einige Schläge schneller tat als sonst: »Sind Sie ein Kind Gottes, Fräulein?« Ach, ich war jung und stets angriffsbereit!
   Aber gar nicht überrascht heftete die Angeredete ihren Blick auf mich und sagte ruhig: »Nein, aber meine Schwester ist ein Kind Gottes!« Diese Schwester war die Gattin des damals größten Bierbrauereibesitzers Westfalens.
   »Glauben Sie denn an den Herrn Jesus Christus, Fräulein?« fragte ich weiter, meine Gelegenheit wahrnehmend.
   »Ja, ich glaube an ihn«, war ihre Antwort.
   »Dann glauben Sie wohl nur an eine Idee von Jesus Christus, Fräulein«, wandte ich ein und fuhr fort: »Wenn man wirklich an ihn glaubt, hat man Heilsgewissheit. Er ist der Lebendige und ist Ihnen näher, als ich es jetzt bin. Er war tot – für uns. Aber er lebt, lebt in Ewigkeit und schenkt uns das ewige Leben, wenn wir uns ihm ganz im Glauben hingeben, uns ihm anvertrauen ...«
   So ähnlich habe ich in jener Stunde zu dieser Vorstandsdame des Mädchenheims gesprochen. Unbewegt stand die vornehme Gestalt im Türrahmen und hörte mich an. Aber was kann ein Mensch dem andern geben, wenn Gott nicht handelt? Ich ging nicht leichten Herzens davon.
   Aber während wir uns über unsere Unzulänglichkeit zum Dienst betrüben, tut der treue Gott oft sein Werk und schenkt das Leben in Christus. So hat er es auch hier getan. Es ist der Vorstandsdame wie Schuppen von den Augen gefallen, und sie hat sich beherzt dem lebendigen Christus anvertraut und ist sein seliges Eigentum geworden! Ein resolutes Wesen, das ihre Eigenart war, ließ sie nichts Halbes tun. Sie schloss sich unserer kleinen Gemeinde dort in der großen Stadt an und hat als ein fröhliches Gotteskind manchem Hilfe sein können im Glauben an den Heiland. Vielen Boten Gottes tat sie ihre gastliche Tür auf wie weiland Lydia, die Kaufmannsfrau von Philippi.
   Dann wurde ihr Vater, ein bedeutender Kaufherr, schwer krank, und es ging mit ihm zum Sterben. Die Tochter bat mich, an sein Sterbelager zu kommen. Sie selbst wartete so sehnlich auf ein letztes gutes Wort vom Vater. Es ist mir unvergesslich, wie der Sterbende aber nur wie aus weiter, weiter Ferne langsam und ausdrucksvoll sagte: »Es ist etwas, vor das Forum zu müssen – es ist etwas, vor das Forum zu müssen!«
   Forum heißt bei den alten Römern ein für Marktverkehr, Gerichtsverhandlungen und Volksversammlungen bestimmter öffentlicher Platz. Im alten Athen war das Gerichtsforum der Areopag. Ohne eine Anklage abzuwarten, durfte der Areopag alle Bürger vorladen, vernehmen und strafen. Gerichtet wurde bei Nacht, am Ende jeden Monats drei Tage nacheinander. Dieses Forum stand wohl dem vor Augen, der jetzt an die Tore der Ewigkeit angelangt war.
   Ach, wie viele Menschen sind mehr in der Antike daheim als in dem lebensspendenden Wort Gottes mit seinen Ewigkeitskräften! Sie sind faustisch, statt evangelisch eingestellt. Aber um was für Schätze bringen sich dadurch gerade die oberen Schichten unseres Volkes! Ja, wir müssen vor das Forum. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Aber wir wissen, dass unser Herr vor dem Forum des Gerichts gestanden hat an unserer Statt, unsere Sünde trug und die Strafe litt, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden heil würden. Darum richtet sich bei unserem letzten Gang unser Blick auf ihn – und wir sind geborgen!
   Was ich am Sarg dieses Mannes gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Still wird das Herz nur, wenn es in der ewigen Liebe Ruhe gefunden hat. Und die Tochter schaute auf den, der trösten kann, wie einen seine Mutter tröstet. Sie war wirklich im Glauben an den Auferstandenen ganz froh geworden. – Jahrzehnte später durfte ich ihr Obdach geben, als die schöne Villa, in der sie mit ihrer Nichte wohnte, in furchtbarer Bombennacht ein Trümmerhaufen geworden war. Wir feierten ihren achtzigsten Geburtstag zusammen in der Kiefernhöhe der pommerschen Buchheide und freuten uns der Heilsgewissheit, die der Herr Jesus schenkt. Im Frieden Gottes ist sie nach einigen Jahren in einer großen Industriestadt des Westens heimgegangen, wo ihr Neffe als Oberbürgermeister ihr eine Wohnung besorgt hatte.
   Und noch eine Begegnung aus der Düsseldorfer Zeit. Bäckergeselle war er, aus dem fröhlichen Volk der Rheinpfälzer. Mit achtzehn Jahren kam das Fernweh der Jugend über ihn, und er zog den Rhein hinab in unsere Stadt, wo seine Tante wohnte. Diese Tante war ein frohes Glied unserer Gemeinde. Sie freute sich an dem jugendlichen Neffen und wünschte ihm dasselbe Glück, das sie im lebendigen Glauben an den Heiland hatte. Als sie ihn mit in die Gottesdienste brachte, lernte ich ihn kennen und suchte der Tante zu helfen, ihn für die Nachfolge Jesu zu gewinnen. Mein junger Freund hatte ein aufgeschlossenes Gemüt für die Wahrheit, die in Christo Jesu ist, und eines Tages blieb er nach der Versammlung zurück, um eine Aussprache zu haben. Jeder Stand und jeder Beruf hat seine besonderen Schwierigkeiten, die es nicht immer leicht machen, mit Gott in Ordnung zu kommen und in dieser Ordnung zu leben. Aber ist nicht der Herr Jesus ein Meister zu helfen? Er meisterte auch den jungen Bäcker in seinen besonderen Verhältnissen und wurde ihm zu mächtig.
   Ich glaube, ich werde in Ewigkeit nicht vergessen, wie ich zuletzt mit ihm in dem stillen Saal niederkniete und wir uns rückhaltlos in Jesu Hände legten mit allem, was Schuld und Sünde und Ohnmacht zum Guten war. Als wir gebetet hatten, schaute ich meinen jungen Freund an, der neben mir kniete. Er schien dieser Welt völlig entrückt zu sein. Ein wundersames Leuchten lag auf seinein schönen, jugendlichen Antlitz. Von Herzen freute ich mich mit der Tante über das Geständnis ihres glücklichen Neffen. Der hatte wohlgetan, dass er sich frühe in Jesu Hände gab!
   Es ging dann über Höhen und durch Tiefen mit dem jungen Mann in den nächsten zwei Jahren. Er musste durch das Weltgewirre wie jeder andere junge Bursch und trug im Kampf mit der Sünde auch wohl manche Schmarre davon. Aber »ruht das Herz in Gottes Gnade, dann, o Herr, erschreckt uns nichts!« hat einer einmal gesungen.
   Eines Tages wurde ich gebeten, schnell ins Sankt-Josephs-Krankenhaus zu kommen. Mein junger Freund war dort eingeliefert worden und hatte schnell operiert werden müssen, einer Darmgeschichte wegen. Als ich im Krankenhaus am Operationssaal vorbeikam, fragte ich einen Arzt, der eben über den Korridor ging, nach seinem Befinden. »Der ist zu spät ins Krankenhaus gekommen«, erfuhr ich. »Wir konnten ihm nicht mehr helfen –dort liegt er!« Ich ging in den bezeichneten Saal und fand den Zwanzigjährigen auf seinem Lager, den letzten Kampf kämpfend. Ein großes, weißes Laken war bis zur Schulter über ihn gebreitet, und eine Krankenschwester stand am Fußende und schaute in das bleiche, stille Gesicht. Sprechen konnte der Sterbende nicht mehr. Ich wusste, dass die geliebte Tante unterwegs war zu ihm. Was sollte ich ihm sagen? Ich hab ihm vom Heiland gesagt, zu dem er ging und von der Herrlichkeit des Vaterhauses, das uns bereitet ist durch den Gottes- und Menschensohn, der uns am Kreuz errettet hat durchs eigene Blut. Und den Auferstandenen habe ich bezeugt, der uns Eingang ist in das ewige Leben. Gebetet habe ich, wie man in solcher Stunde betet.
   Da sah ich auf dem Antlitz des vom Tod Gezeichneten jenen wundersamen Glanz wiederkehren, der die jugendlichen Züge so verklärt hatte, als ich damals im Gemeindesaal mit ihm beten durfte in der Stunde, da er sein Herz dein Heiland gab. Und er sah mich dabei an, als wenn seine leuchtenden Braunaugen mir sagen wollten: »Könntest du doch mit mir gehen in die Herrlichkeit die vor mir liegt – du musst in einer armen Welt zurückbleiben.« Nie werde ich diesen Blick vergessen!
   Nur noch wenige Minuten, und er war nicht mehr auf dieser Welt. Friedevoll lag er da, wie ein Schlummernder. »So habe ich noch niemand sterben sehen«, sagte tief ergriffen die katholische Schwester.
   »So sterben Gotteskinder«, habe ich geantwortet und konnte in meinem Herzen auch nur in tiefer Bewegung und Beugung die Gnade Gottes rühmen.
   Als wir den Leib auf dem Friedhof in die Gruft senkten, sang der gemischte Chor der Gemeinde: »Zur Heimat da droben zieht’s mich aus der Welt.« Voll Trost klang es über die Gräber hin, und unsere Herzen wurden stille. Wie wird es sein, wenn der Fürst des Lebens allem Tod ein Ende gemacht haben wird!
   In Düsseldorf hatte ich ein Mädchen im Unterricht aus dem Hererostamm in Afrika. Sie nannte sich »Horebkas«. Ein Missionsingenieur der Barmer Mission, der in der damals deutschen Kolonie in Afrika nach Wasser suchen sollte, hatte sie von dort mitgebracht. Die Hereros hatten sich gegen deutsche Kaufleute aufgelehnt, die ihnen für Elfenbein nur Schießwaffen und Branntwein in Zahlung geben wollten. Da war es zum »Hererokrieg« gekommen.
   Im Haus des Missionsingenieurs, der nach Düsseldorf zurückgekehrt war, lebte eine edle Christin, die ebenfalls in Afrika gewesen war, um dort für den Heiland zu wirken. Sie nahm sich der Horebkas besonders an. Manchmal kam das Kind, das wie eine Wildkatze den Baum hinaufkletterte, der vor meinem Fenster stand, und hatte ein Brieflein mit. Dann standen große Tränen in den ausdrucksvollen Augen, die aus ihrem schwarzen Gesicht leuchteten. Sie hatte Unrechtes getan, und ich musste sie ermahnen!
   Im schwäbischen Oberland traf ich nach vielen Jahren Horebkas treue christliche Freundin wieder. Sie berichtete mir, dass die liebe Horebkas nicht alt geworden ist. Die Sonne des Äquators hat ihr gefehlt bei uns im kalten Norden. Habe ich ihr recht den Heiland nahe gebracht, die Sonne der Gerechtigkeit und der ewigen Freude? Ach, wie viel treuer sollten wir sein!

Die Gehilfin

Carl Schaarschmidt(Bild: Carl Schaarschmidt, Grüder von Mühlenbeck, Vater von Martha, Wilhelms Frau. fj)
 
Im Jahre 1903 wurde ich nach Berlin versetzt. Vor der Jahreskonferenz hatte ich mir im stillen gewünscht, einmal in eine ländliche Gemeinde zu kommen, um der Unrast der Städte zu entfliehen. Und nun hieß es bei der Anstellung der Prediger: Gemeinde Berlin IV: W. Jörn.
   Als gehorsamer Sohn meiner Kirche habe ich mich aufgemacht und bin nach Berlin gepilgert. Man hatte dort von Charlottenburg den Predigtplatz Moabit abgetrennt, desgleichen von der Gemeinde im Norden den Wedding, und aus diesen beiden, ziemlich verschiedenen Arbeitsplätzen eine neue Missionsgemeinde gebildet. Prediger Max Richter, der in der Schröderstraße die Kirche baute, half mir eine Wohnung finden. Inzwischen war ich über dreißig Jahre alt geworden, und meine Schwester Helene, die mir den Haushalt führte, erklärte mir, sie würde mich einfach verlassen, damit ich gezwungen wäre, zu heiraten. Nun, ich hatte daran ja schon selbst gedacht, aber eine Ehe zu schließen, ist keine einfache Sache. Gleich zu Anfang meiner Predigerlaufbahn hatte ich mir das kleine Büchlein von Doktor Adam Clarke: »Handbuch für junge Prediger« gekauft. Da stand auch etwas drin vom Heiraten. Ich verlor dieses wertvolle Büchlein auf der Flucht, aber Wichtiges daraus habe ich behalten. Der kluge Doktor Clarke sagt: »Wenn’s ans Heiraten geht, dann fragen die Menschen ihren eigenen Verstand nicht, geschweige denn den anderer Leute.« Daran musste ich denken, als ich viele Ratschläge erhielt in dieser Sache. Die Leute meinten es alle gut, aber ich zog es doch vor, in meiner Entscheidung selbständig zu bleiben. Dr. Clarke sagt: »Wer um des Geldes willen heiratet, bricht sein ganzes Leben lang die Ehe.« Da wollte ich’s lieber mit Johann Friedrich Flattich halten, der meint: »Man muss nicht viel verbrauchen, dann braucht man nicht viel erwerben.« Im Seminar freilich wurde auch einmal die Warnung ausgesprochen, keine »Prieschterin« zur Frau zu haben. Die wollte ich auch nicht, aber ebenso keine, der des Heilands Sache nicht auch am Herzen läge. Fünf Jahre lang habe ich meinen treuen Gott und Heiland um eine rechte Gehilfin gebeten, und er hat mich erhört!
   Darf ich jetzt das Bild hierher setzen, das vor mir steht, wenn ich an meine Weggenossin denke, die mir Gott auf mein Gebet für fünfunddreißig Jahre Pilgerweg geschenkt hat?
   Dreizehn Jahre war das Mädchen alt, sprühend voll Jugendlust und doch besinnlich, geprägt vom echt christlichen Geist des Elternhauses. Da saß sie eines Tages unter dem Evangeliumswort eines treuen Christuszeugen, und Gottes Geist warb liebend um das junge Menschenkind für den Heiland der Welt. Das Mädchen erkannte: »Der Herr Jesus will mich haben. Und ich, ich muss ihn haben wegen meiner Sünden, wegen meiner Schuld – ja, ohne ihn kann ich nicht leben, kann ich nicht sein – und will ich nicht sein!« Sie sagte ja zur Werbung des Sohnes Gottes und gab ihm sein Herz.
   Wo der Heiland in einem Herzen regiert, da wird es lebendig. Unsere jugendliche Jüngerin Jesu hatte bei einer Enkelin des Altmeisters Edward Grieg gründlich Musik gelernt. Nun drängte es sie, ihren Herrn im Lied zu verherrlichen. So sammelte sich die Dreizehnjährige einen Kinderchor, um dreistimmig Gott zu loben. Wie viel Segen ist von diesem Kreis froher kindlicher Sänger ausgegangen! Einer der jungen unter ihnen wurde später ein gesegneter Sänger des Evangeliums in der Zeltmission.
   Die kleine Dirigentin wuchs heran zur Freude der Eltern und half treulich dem Vater, einem Prediger der Methodistenkirche, in seiner Arbeit, die er u. a. an den Obdachlosen in der Hauptstadt tat.
Wilhelm Jörn, Friedrich w. Jörn, Fritz Jörn    Wie es zuging, dass dieses Mädchen mein eigen ward? Sie sang mit ihrer älteren Schwester Maria zusammen auch oft in Gesang-Gottesdiensten, veranstaltet vom Christlichen Verein Junger Männer in Berlin, den der fröhliche Christuszeuge Eberhard von Rothkirch leitete. Dieser hatte im Krieg 1870 ein Bein verloren. In seiner Leidenszeit hatte er den Heiland gefunden und war ein Freund von Prediger C. H. Schaarschmidt geworden, dem die beiden Töchter Maria und Martha gehörten. Der musikfrohe von Rothkirch lud oft die Predigerstöchter ein, mit ihren guten Stimmen die Feste der jungen Männer zu verschönen. Nun äußerte meine liebe Schwester Helene eines Tages den Wunsch, Musikunterricht zu erhalten, und ich wandte mich für sie an Vater Schaarschmidt, der in unserer Nähe wohnte, ob seine Töchter das übernehmen könnten. So lernte ich das Sänger-Schwesternpaar kennen und glaubte bald, dass die jüngere, zurückhaltende Martha meine Gehilfin wäre.
   Eines Tages machte ich mich auf den Weg. Als ich Vater Schaarschmidt gegenübersaß, fasste ich mir ein Herz und sagte: »Ich möchte Sie um Ihre Tochter Martha bitten, lieber Vater Schaarschmidt!«
   Der sah mich freundlich lächelnd an und fragte: »Zu was denn, lieber Bruder Jörn?«
   Er meinte nichts anders, als dass ich bei einem Fest eine Sängerin brauche.
   Da sagte ich wohl etwas zaghaft, aber doch ganz unmissverständlich: »Zur Frau, Vater Schaarschmidt!«
   Es schien mir, als ob der alte Herr vom Stuhl fallen wollte, bis er endlich ganz erschrocken sagte: »Ich kann Ihnen meine Tochter nicht geben, Bruder Jörn. Gerade habe ich ihre ältere Schwester ausgestattet, die bereits verlobt ist. Ich bin ganz außerstande, unsere Jüngste fortzugeben, zumal sie mir auch unersetzliche Hilfe in meiner Arbeit ist. Geben Sie mir zumindest Bedenkzeit!« Ich versprach noch, so weit ich es könnte, an den Unkosten einer Hochzeit mitzutragen, dann war ich entlassen. Aber ich hatte die liebe Mutter und, was das wichtigste war, die Erkorene auf meiner Seite. So sind wir ein Paar geworden. (Im Bild Friedrich Wilhelm Jörn mit seiner Frau Martha geb. Schaarschmidt. fj)
   Die Hochzeit war in der neuerbauten Erlöserkirche in der Schröderstraße, die ganz gefüllt war, als wir mit einem Schimmelgespann zur Trauung vorfuhren. Superintendent C. Bader hielt die Traurede, und Vater Schaarschmidt legte unsere Hände ineinander und dann segnend seine Hand auf unser gebeugtes Haupt mit dem Wort aus 1. Mose 12, 2: »Ich will dich segnen, und sollst ein Segen sein.«
   Dann umjubelte uns ein Wettsingen gemischter Chöre von der Evangelischen Gemeinschaft, der Methodistenkirche und dem Chor des E.-C.-Bundes der Wärmehallen-Mission, den die Braut bisher geleitet hatte.
   So wurden wir Mann und Frau, um gemeinsam unseres Heilandes Werk zu tun, im Haus und in der Gemeinde. Wollte sich einmal etwas wie Spannung zeigen, so bewährte sich J. F. Flattichs treffliche Haltung, der zu seiner Gattin gelegentlich sagte: »Weil ich dich genommen habe, muss ich dich haben; aber weil ich dich haben muss, w i 11 ich dich gern haben!« Es ging durch manche vor allem finanzielle Schwierigkeiten, aber wir suchten im Glauben und im Gehorsam zu wandeln nach Jesu Wort: »Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: ›Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden?‹ Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen« (Matthäus 6, 31. 33). Wir haben aber auch des Heilands Wort in Lukas 12, Vers 29, nicht übersehen, wo er sagt: »Fahret nicht hoch her!« Wie den Lilien auf dem Feld die Kleider immer mitwachsen, so wuchsen unsere Kinder auch oft hinein in die Kleider der größeren Geschwister.
   Ja, Kinder wurden uns geboren, die wie Ölzweige den Tisch zierten, und das Lob Gottes war zu hören vom Morgen bis zum Abend in unserem Heim. Erste und zweite Geige, Flöte und Klavier klangen mit guten, geübten Stimmen zusammen und erfüllten das Haus mit dem Jubel des Gottesvolkes, das nach Zion zieht.
   Als dann der erste große Krieg kam und ich mit ins Feld musste, da setzte sich meine Frau nicht in die Ecke, um Trübsal zu blasen, sondern sie sammelte, wie im Anfang ihrer Heilandsnachfolge, wieder einen Kinderchor. Aus einer großen Sonntagsschule wählte sie sich etwa vierzig Kinder mit guten Stimmen, und mit diesen zog sie in der Stadt, die zwölf Lazarette beherbergte, von einem Lazarett zum andern, um den Verwundeten und Kranken Heimat- und Heilandslieder zu singen.
   Als dann der Krieg vorbei war, suchte die treue Mutter ihre sangesfrohe Kinderschar den Weg des Lebens zu führen, dieweil ich soviel von zu Haus fort sein musste. Wenn morgens die jüngsten sich zur Schule rüsteten, stand die Mutter da mit der Losung in der Hand und las ihnen das Gotteswort. Dann kniete die kleine Schar, und der Mutter Gebet flehte den Segen Gottes herab für ihre Kinder und den fernen Hausvater. Es folgte das gemeinsam gesprochene Unservater und dann ein frohes Morgenlied aus unserem kirchlichen Choralschatz – ohne das ging es nicht. Die Weise noch nachsummend, eilten die Kinder die Treppen hinunter, in den Schultag hinein.
   Ehe die heranwachsende Tochter, die nicht so früh fortmusste, das Haus verließ, fand das Mütterchen Zeit, auch mit ihr zu beten. Und wenn der Älteste zur Vorlesung in die Universität wollte, dann sagte Mutter: »Komm, Großer!« Und der angehende Doktor zweier Fakultäten hörte, was die Mutter aus Gottes Wort las und kniete mit ihr nieder, um sich unter Gott zu beugen und den Heiland zu bitten, den Tag zu segnen.
   Dann kam der zweite, noch viel schrecklichere Weltkrieg. Die Söhne standen unter den Waffen, das Mutterherz bangte, betete, sorgte unermüdlich für ihre Lieben und tat allen Gutes.
   In der schönen Adventszeit saß sie eines Morgens am Klavier und spielte zur Andacht drei Verse aus Georg Weissels Lied: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ...«
   Als Gottes Wort gelesen und gebetet war, sagte der Hausvater: »Wir singen noch den letzten Vers:

  ›Komm, o mein Heiland Jesus Christ,
   mein’s Herzens Tür dir offen ist –‹«

Da stand die Hausmutter langsam auf und sagte: »Ich kann nicht mehr spielen.«
   Mittags war sie beim Heiland, den sie so geliebt und für den sie so oft gesungen hatte. Ein Gehirnschlag raffte sie jählings aus der Zeit in die Ewigkeit. »Was mag ich wohl gespielt haben, ich konnte keine Noten mehr sehen!« flüsterte sie noch, ehe sie die müden Augen schloss. Aber sie hatte keinen falschen Ton gespielt.
   Am ersten Christtag trugen ihre Söhne den Sarg durch ein stilles Kiefernwäldchen auf den Dorffriedhof. Dort schlummert sie der Auferstehung entgegen.

Allerlei Erlebnisse in Berlin

Als ich von 1903 bis 1910 in Berlin das Wort des Heils verkündigen durfte, wurde von dieser Stadt aus noch die Welt mitregiert. Es pulsierte in ihr kraftvolles Leben wissenschaftlicher, geschäftlicher und politischer Art. Es hätte mich reizen können, Vorlesungen der Universität zu besuchen, um die vielen Lücken in meinem Wissen etwas auszuflicken. Aber wenn ich täglich die schier endlosen Menschenscharen, an mir vorüberfluten sah, brannte es in meinem Herzen, wenigstens einigen vom Heiland zu sagen, und so blieb mir nicht viel Zeit für anderes. Mögen einige Erfahrungen darüber an dieser Stelle folgen.
   Es war in der ersten Zeit, als mir meine Schwester noch den Haushalt führte. Wir bewohnten zwei kleine Zimmer und eine noch kleinere Küche, aber es war doch im Vorderhaus, durch das ein weiteres Tor zu den Hinterhäusern führte.
   Ein Mann läge in einer der düsteren Wohnungen hinten im Sterben, wurde von jemand berichtet. Ich forschte nach der Familie und besuchte sie. Ja, da lag in einer engen Küche ein Mann in seiner letzten Not, und die Frau saß auf einem Stuhl neben dem Bett.
   Als ich eintrat und sagte, wer ich sei, erhob sich die Frau, um mir Platz zu machen. Ich sehe noch heute den angstvollen Blick, mit dem der todkranke Mann seine Weggenossin anschaute, als sie vom Bett wegging. »Anna, du willst mich doch nicht allein lassen?« fragte er mit bebender Stimme. Es ging mir durch und durch, als ich diese bange Frage hörte. Wie lange würde es noch gehen, und er musste doch den Weg allein gehen, von dem Martin Luther sagt, dass uns auf diesem Weg niemand vertreten kann, dass jeder für sich allein Gott den Tod schuldig ist, und wir ihm dabei nur noch etwas in die Ohren schreien können.
   Ich las dem Sterbenden den 23. Psalm, das Lied vom großen Hirtenfürsten, vor und verweilte bei dem herrlichen Trost des Verses: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.«
   So suchte ich den Heiland der Welt meinem lieben Freund vor die Augen zu malen, der bei uns ist wenn alle uns verlassen, der uns in seiner unergründlichen Liebe die Kraft seiner Auferstehung schenkt und uns den Kindesgeist gibt, wenn wir uns ihm anvertrauen, damit wir den Himmel erben.
   Einige Tage später sah ich, wie sein Sarg durch den Torbogen getragen wurde. Er hatte diesen letzten Weg ohne seine Anna gehen müssen. Aber nicht ohne den Heiland, der in die Welt gekommen ist zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. –
   Wieder war ich unterwegs, um Hausbesuche zu machen. Ich musste fünf Treppen hoch steigen, um eine bekannte Familie aufzusuchen. Die den Weg zur himmlischen Heimat erwählen, sind vielfach solche, die teure und bequeme Wohnungen nicht bezahlen können und darum schon hier auf Erden dem Himmel am nächsten wohnen. Die Tür war verschlossen, meine Freunde waren nicht zu Hause.
   »Hast du mich vergeblich die vielen Treppen hinaufklettern lassen, o Herr?« stieg die Frage in meinem Herzen auf.
   Da sah ich auf der obersten Treppe eine Frau damit beschäftigt, die Stufen zu waschen. Als ich näher zusah, beobachtete ich, wie ihr die Tränen über das Gesicht flossen. »Was ist Ihnen, Mütterchen, was macht Sie traurig?« frage ich.
   »Meine Tochter ist gestorben«, sagt sie fast tonlos.
   »Nun, dann hat der Heiland sie noch lieber gehabt, als Sie Ihr Kind haben können, und hat sie zu sich genommen«, suche ich zu trösten.
   Da richtet sie sich auf und sieht mich verzweifelt an. »Das ist es ja, sie ist ins Wasser gegangen!« kommt es aus gequältem Herzen.
   Erschrocken frage ich: »Aber wie ist das gekommen?"
   Da fängt die Mutter an zu erzählen. Ich merke, wie ihr das wohl tut, und höre still zu. Ein schönes Mädchen ist die Tochter gewesen, und ein Brauereibuchhalter hat sein Auge auf sie geworfen. Er hat mit ihr angebunden und ihr alle Ersparnisse abgeschwindelt. Und als er alles von ihr hatte, da hat er sie verlassen und sich ein anderes Opfer seiner Lüste und seiner Lügen gesucht.
   Aber die betrogene Tochter ist an allem irre geworden und hat den Tod gesucht. Einmal hat die Polizei sie wieder zurückgebracht. Aber dann kam eines Tages, als das Kind wieder verschwunden war, die Nachricht aus Plötzensee, dass die Tochter dort als Ertrunkene eingeliefert worden sei ...
   »Und dann bin ich hingegangen. Da lag mein Kind, das nasse Haar ins schöne Gesicht geklebt« – es war vorbei mit der Fassung der unglücklichen Mutter. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte herzbrechend. Ich ließ sie sich ausweinen. Viel sagen konnte ich nicht, aber sie merkte wohl, wie ich ihr Leid mitzutragen versuchte.
   Ganz langsam bin ich die vielen Treppen hinuntergegangen, eine Last mehr auf meinem Herzen. –
   Plötzensee! Ich war einmal dort. Heute ist die Stätte weit über Berlin hinaus bekannt als der Ort, wo viele Widerstandskämpfer im Dritten Reich ihr Leben lassen mussten. Zu meiner Zeit waren dort die Gräber der Selbstmörder und der Hingerichteten. Der Wind spielte mit dem feinen Sand der einsamen Hügel, unter denen die Menschen ruhten, die durch den Mörder von Anfang hier ein unseliges Ende gefunden hatten. 0 große Not, o großes Leid!
   Ich musste der Armen gedenken, die keinen andern Ausweg mehr gewusst hatten, als freiwillig aus dieser argen Welt zu flüchten. Matthias Claudius schreibt einem Selbstmörder ins Stammbuch:

   Er glaubte sich und seine Not
   zu lösen durch den Tod –
   wie hat er sich betrogen!
   Hier stand er hinterm Busch versteckt,
   dort steht er bloß und aufgedeckt,
   und alles, was ihn hier geschreckt,
   ist mit ihm hingezogen –
   wie hat er sich betrogen!

O Kind, du hast die falsche Tür aus dieser bösen Welt genommen! Jesus Christus ist die Tür aus aller Not, aus aller Sünde, aus allem Leid. Er führt aus der Dunkelheit zum Licht. Er führt aus der Fremde ins Vaterhaus, ans Vaterherz!
   Stand denn niemand am Wege, der die Betrogene gewarnt, ihr den Heiland gezeigt und sie zu ihm geführt hätte?
   Es war niemand da gewesen. Ach, dass wir treuer wären, Gottes Mitarbeiter zu sein, das Verlorene wieder zu suchen, und das Verirrte wieder zu bringen, und das Verwundete zu verbinden und des Schwachen zu warten! Und du, Brauereibuchhalter, die von dir Betrogenen werden dich finden! Es gibt auch eine Auferstehung der Sünden. Wehe dir, wenn du den Opfern deiner Lust gegenübergestellt wirst vor dem großen weißen Thron! –
   Nach zweijähriger Arbeit im Norden Berlins wurde ich zum Nachfolger Immanuel Erdles bestimmt, der aus der Gemeinde im Westen Berlins nach Dresden versetzt wurde. Das war keine leichte Aufgabe für mich. Immanuel Erdle, gottbegnadeter Sänger und herzenswarmer Verkündiger der Heilsbotschaft, hatte sich hier in kurzer Zeit alle Herzen erobert und die Gemeinde zur vollen Blüte gebracht. Dass wir zwei Jahre zusammen in Berlin sein durften, war für mich ein großer Segen. Viel, sehr viel verdanke ich diesem eifrigen, demütigen und dabei immer fröhlichen Zeugen Christi. Die Liebe Christi drängte ihn, alle Bequemlichkeit dahinten zu lassen und dem einen Gedanken nachzuleben: Bis zum Sterben Seelen für das Lamm zu werben! Er suchte allen alles zu werden. Wird doch berichtet, dass er einst eine ältere, kranke Frau besuchte, die ihn sehr unfreundlich empfing mit den Worten: »Es wäre besser, es käme jemand, mir eine Tasse Kaffee zu kochen.« Da hat sich der junge Prediger wohlgemut ans Kaffeekochen gemacht, und als dann die Kranke behaglich den herzstärkenden Trank schlürfte, da fand der Bote Christi auch ein geneigtes Ohr für seines Meisters Evangelium. Nur kurz war dann seine Arbeit in Dresden. Mit vierunddreißig Jahren rief ihn Gott von der Arbeit hier unten zur oberen Schar der Erlösten.
   Als sein Nachfolger in Berlin suchte ich in seinen Spuren zu gehen. Freilich, Singen und Spielen musste ich meiner darin fähigeren Frau überlassen. Gott segnete unsere Arbeit in dieser Gemeinde, die unter anderem einen Jungfrauen-Verein von über hundertfünfzig Mitgliedern zählte, meist Hausgehilfinnen, die im damals so reichen Westen Berlins in vornehmen Häusern dienten. Wir hatten unsere Wohnung im Seitenflügel eines Hauses der Kurfürstenstraße, wo im Quergebäude, dem sogenannten Gartenhaus, Gräfin Elisabeth von Waldersee wohnte. Sie kam mit Frau von Bethmann-Hollweg öfters in unsere Gottesdienste. Durch sie lernte ich auch Hedwig von Redern kennen. Es ist mir unvergesslich, wie ich einmal in ihrem schlichten Stübchen sag. Der Vater dieser gesegneten Dichterin inniger Heilandslieder war Polizeioberst in Berlin. Diese Freunde unserer Gemeinde sind auch unserer Jugend zum Segen geworden.
   Einmal hatte ich den Mitarbeiter der Berliner Mission, Dr. Merensky, gebeten, uns einen Vortrag zu halten. Er schilderte seine Arbeit im dunklen Afrika und sagte endlich in tiefer Bewegung, während seine Blicke über die große Schar jugendlicher ging: »Hier tretet ihr euch gegenseitig auf die Füße in eurer frommen Gemeinde, und wenn ich in Afrika einen Berg besteige und mein Auge in die Weite schweifen lasse, wo die vielen Menschen in der Nacht des Heidentums wohnen, dann muss ich mir sagen: ›Niemand ist da, der ihnen vom Heiland, dem Licht der Welt sagt!‹ Ist niemand von euch bereit, des Herrn Jesu Bote zu sein?« Ein junger Mann in der Schar – wir hatten ihn in der Familie in Pension, und ich darf seinen Namen sagen: Walter Bischoff aus Tabarz – der hat darauf leise gesagt: »Ich will!« Und ein junges Mädchen saß hinter ihm aus dem Waldenburger Land, die hörte dies und sagte in ihrem Herzen: »Ich will auch!« Walter Bischoff fiel als blutjunger Soldat im ersten Weltkrieg; aber die Waldenburgerin hat in unserer Missionsarbeit in China, wo wir zu jener Zeit wirken durften, Evangeliumsdienst getan.
   Im damaligen Vorort Friedenau diente ein junges Mädchen aus dem Verein im Haushalt zweier Schwestern, die ein Milchgeschäft unterhielten. Die Ahnentafel dieser Schwestern wies zurück auf die Herzöge von Bedfort in England. Jetzt war bei ihnen nur der Adel der Gesinnung übriggeblieben – was immer der höchste Adel ist. Eine dieser Schwestern gehörte dem Bethelschwesternverband Vater von Bodelschwinghs an. Als ich über ihr Mädchen bat, auch in Friedenau des Werk der Evangelischen Gemeinschaft tun zu dürfen, fand ich freundliches Entgegenkommen. Bald konnte ich die erste Bibelstunde im Stübchen hinter dem Milchladen in der Handjerystraße halten.
   So fanden wir Eingang in Friedenau. Ich musste dann, als das Stübchen zu klein wurde, von einem Platz zum andern ziehen, bis wir in der Bornstraße landeten. Meine Frau fing eine Jugendarbeit an in Friedenau. Mit den Freiherrn von Stark arbeitete ich zusammen im »Weißen Kreuz«. Wir organisierten in Friedenau eine Männerversammlung und erlebten, dass gegen hundert Männer und junge Männer kamen. Unser Thema war damals: »Um heiliges Gut.«
   Wie freue ich mich, dass heute in Friedenau in der Handjerystraße, gerade dem Milchladen gegenüber, in dem wir die ersten Gottesdienste der Evangelischen Gemeinschaft hielten, die schöne Friedenskirche steht und das große, segenstiftende Wohnheim der Alten als eine Stätte, die vom Glauben redet, der in der Liebe tätig ist!
   Meine Frau war als Fünfzehnjährige einige Monate in England gewesen, und zwar in einem Erholungsheim in Eastbourne, einer Stadt an der Kanalküste Englands, dem französischen Kriegshafen Cherbourg gegenüber. Nun wurde ich eingeladen, einige Wochen dort zu sein. Der Atlantische Ozean umspült hier die weißen Kalkfelsen der Küste Englands. Von dort aus kam ich auch nach London. Ich besuchte die Sternwarte in Greenwich, sah in der großen Bibliothek unter Glas einen Urtext des Neuen Testaments, den Codex sinaiticus, saß tiefbewegt in Spurgeons Tabernakel und stand in Westminster an den Grabstätten vieler Gotteszeugen.
   Als dann meine Dienstzeit in Berlin zu Ende ging – wir sollten damals nur fünf Jahre lang an einer Gemeinde sein – durfte ich ein zweites Mal nach England reisen. Es war noch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Äußerlich schien in Europa alles ruhig zu sein, aber es gärte unter der Oberfläche, und das Verhältnis der Staaten und Völker zueinander wurde immer gespannter – bis endlich jener verhängnisvolle Schuss in Sarajewo losging, der den Weltbrand entzündete.
   Die Zeitungsleute von England und Deutschland hatten sich besucht, um friedliche Stimmung zu schaffen. Ein Jahr darauf kam es bei den Kirchen zu Friedensdelegationen, die im Geist Christi der Zwietracht steuern wollten. In England hatte der damalige König Eduard VII. wenig Fühlung mit seinen Kirchenmännern. Aber sein persönlicher Freund, Allen Baker, der zur Gemeinschaft der Freunde, den Quäkern, gehörte, riet ihm, doch einmal deutsche Kirchenvertreter einzuladen, um mit ihnen reden zu können. So kam es zu einer Verbindung mit englischen Kreisen, deren Mittelsmann Eduard de Neuville aus Frankfurt am Main war.
   Mit drei anderen Predigern der Evangelischen Gemeinschaft hatte ich das Vorrecht, an dieser »Friedensparty« teilnehmen zu dürfen. Der damalige Oberhofprediger von Dryander führte uns. Es waren namhafte Mitglieder der evangelischen Landeskirchen, eine Anzahl katholischer Geistlicher und zwanzig Prediger aus den verschiedenen Freikirchen beieinander. Im Bremer Ratskeller sammelten wir uns zu einem Abend, den uns Bremens Geistlichkeit veranstaltete. Dort lernte ich auch D. Otto Funke kennen und konnte ihm danken für den Segen aus seinen Büchern. Von Bremen brachte uns dann die »Cäcilie«, ein großes, mit dem »Blauen Band des Ozeans« für schnellstes Fahren ausgezeichnetes Schiff nach zweitägiger Fahrt an Englands Gestade, wo wir zehn Tage lang Gäste des englischen Volkes waren. Die Bewirtung war fürstlich. Wir hörten viele inhaltsvolle Reden, in denen immer wieder vom Frieden gesprochen wurde und jeder der Redner sich bemühte, die Zusammengehörigkeit der beiden Völker herauszustellen. Wir wurden in jenen Tagen an die bedeutendsten Plätze der englischen Geschichte geführt und besuchten auch das königliche Schloss Windsor, in dem die Wände mit überlebensgroßen Gestalten der mit England nahe verwandten deutschen Fürsten geziert waren. Lange stand ich dort im herrlichen Festsaal vor der zerlesenen Bibel des General Gordon, die unter einer kostbaren Glasglocke aufbewahrt wird. Auch im finsteren Tower waren wir, im Staatsgefängnis an der Themse, wo uns der Richtblock und das breite Beil gezeigt wurden, mit dem Heinrich VIII. sich seiner ihm überdrüssig gewordenen Gemahlinnen entledigte. Schließlich erlebten wir noch einen eindrucksvollen Gottesdienst in der Westminster-Abtei.
   Im Londoner Buckingham-Palast hatten wir eine Audienz beim König, wo wir von seinem Freund Allen Baker vorgestellt wurden. Es ging ziemlich kühl her bei diesem Empfang, und wir spürten, dass der Monarch mit der Kirche nicht viel im Sinn hatte. Als aber Eduard VII. im Jahre 1910 gestorben war, kam in einer englischen Zeitung die Nachricht, dass er in seiner Sterbenacht den Musikzug der Heilsarmee gebeten habe, draußen, unter seinem Sterbezimmer, den Choral: “Rock of ages, cleft for me” zu spielen. Ich dachte an die damalige Audienz, an die Zurückhaltung des Königs uns gegenüber und dann an den ernsten Inhalt des Chorals, von dem ich zwei Verse in deutscher Übersetzung anführe:

   Da ich denn nichts bringen kann,
   schmieg ich an dein Kreuz mich an.
   Nackt und bloß – o kleid mich doch!
   Hilflos – ach erbarm dich noch!
   Unrein, Herr, flieh ich zu dir!
   Wasche mich, sonst sterb ich hier!

   Jetzt, da ich noch leb im Licht,
   wenn mein Aug im Tode bricht,
   wenn durchs finstre Tal ich geh,
   wenn ich vor dem Richter steh –
   Fels des Heils, geöffnet mir,
   birg mich, ewger Hort, in dir!

Ja, selbst wenn man ein König ist, und wenn man alles, was Kirche ist, ablehnt – wenn es zum Tode geht, dann muss man doch den haben, von dem Matthias Claudius sagt, dass er uns im Sterben allein die Hand unters Haupt legen kann, damit wir nicht versinken in der Gottesferne. Wehe, wer im Sterben keinen Heiland hat! Vom König Heinrich VIII. wird berichtet, dass er 1547 auf dem Sterbebett zuletzt noch ein Glas Wein forderte. Er trank es aus, schmetterte das leere Glas auf den Boden, wo es klirrend zerbrach und rief aus: »Nun, Freunde, ist alles dahin, das Reich, die Krone – und die Seele!«
   Wohl uns des guten Herrn, unseres Königs Jesus Christus, der sich mit Blut und Leben dem Leben seiner Völker weiht! Wir wollen ihm mit Freuden dienen!

Die Königsberger Jahre

Als meine Zeit in Berlin an der dritten Gemeinde im Jahre 1910 zu Ende ging, fragte mich Distrikts-Superintendent C. Bader an der Konferenz: »Wo willst du nun hin?« Nun, zu »wollen« haben wir ja nicht. In der Evangelischen Gemeinschaft wird man gesandt! Ich sah den gütigen Mann an und sagte ohne viel Besinnen: »Dahin, wo Menschen sind!« Als mich mein neuer Auftrag nach Königsberg dort zur zweiten Gemeinde führte, kam ich in der Tat irgendwo hin, wo Menschen waren – und noch viele Raum hatten.
   In einer früheren Radfahrhalle, in die nur Oberlicht hineinfiel, hielten wir die Gottesdienste. Der Saal war dreiundzwanzig Meter lang und siebzehn Meter breit. Rechts und links von der Kanzel waren große Podeste, auf denen die Sänger und Musiker ihren Platz hatten. Als im nahen Devau nach einer Kaiserparade die Zuschauertribünen wieder abgebrochen wurden, konnte ich zum halben Preis vollkantiges Bau holz erwerben und ließ damit eine Einpore hinten im Saal bauen, die Musikgruppe und Gesangchor aufnahm. Damit hatte ich Platz für weitere hundertfünfzig Besucher gewonnen. Als mein neuer Superintendent Max Richter kam, und die neue, von der kirchlichen Baubehörde ungenehmigte Empore in dem gemieteten Saal sah, drohte er mit dem Finger – aber er lächelte dabei! Es war alles bezahlt, und unser Kirchenraum hatte viel gewonnen. Später kauften wir die Halle und das große Vorderhaus mit seinen schönen Wohnungen.
   Gott schenkte uns in Königsberg, besonders unter der Jugend, gesegnete Erweckungszeiten. Wir hatten am Sonntag vormittags und nachmittags Gemeindegottesdienste, und abends kam die zahlreiche Jugend zusammen, die besonders gern das Singen pflegte. In der Umgebung von Königsberg suchte ich in den Dörfern Eingang zu gewinnen. Einzelne Familien stellten ihre Wohnungen gern für die Sonntagsschule zur Verfügung. Unsere Jugend in Königsberg wurde willig, für den Heiland an den Kindern zu arbeiten.
   Da ist’s geschehen, dass einer von ihnen, er hieß Ernst, in einem Dorf voller Freude seine Sonntagsschule hielt, bis er eines Tages betrübt zu mir kam und sagte: »Jetzt ist’s aus mit der Sonntagsschule dort, der Lehrer im Dorf hat den Kindern untersagt, zu uns zu kommen!«
   Ermunternd sagte ich zu meinem treuen Waffenträger: »Geh doch einmal persönlich zu dem Herrn Lehrer und bitte ihn, dir die Kinder zu lassen!« Mein Ernst ist zum Lehrer gegangen und teilte mir nachher hocherfreut mit, dass die Sonntagsschule dort weiterbestehen könne. Bis er nach geraumer Zeit wiederkam und ganz niedergeschlagen meldete: »Jetzt ist aber gewiss alles aus und vorbei! Der Pfarrer hat sich eingemischt und den Besuch unserer Sonntagsschule verboten!«
   Da habe ich meinem Ernst gesagt: »Dann gehst du jetzt einmal tapfer zum Pfarrer, versuch’s nur!« Ganz erschrocken schaute er mich an, aber er hat’s gewagt und – hat seine Sonntagsschule weiterhalten dürfen! Wundern wir uns, dass dieser Ernst heute noch mit seinen schönen Gaben in der Evangelischen Gemeinschaft eine führende Stellung hat, ohne Prediger zu sein?
   Tief dankbar bin ich der treuen Jugend, die sich damals so opferbereit zur Arbeit für den Heiland rufen ließ. Es kamen so viele junge Menschen in die Gemeinde, dass ich schon daran dachte, neben der Gemeindeschwester, die schon überlastet war, noch ein junges Mädchen als vollamtliche Jugendhelferin anzustellen, obgleich damals ein solches Amt noch nicht in unserer Kirche bestand.
   Da ging jener verhängnisvolle Schuss los in Sarajewo, der den österreichischen Thronfolger niederstreckte und den ersten Weltkrieg auslöste! Am Sonntag, dem 2. August 1914, stand ich nicht mehr auf der Kanzel, sondern auf dem weiten Kasernenhof Herzogsacker. »Die Jäger der Jahresklassen 90—96«, hieß es dort an einer auf uns wartenden Tafel.
   Ehe die Jungen damals auszogen, marschierten wir Alten, nur notdürftig ausgerüstet, dem großen, gewaltigen Russenheer entgegen, das gegen Deutschlands Ostgrenze heranzog. Wir sollten den Deimelauf schützen, der den Pregel mit dem Haff verbindet. Damit waren wir der äußerste linke Flügel der gewaltigen Zange, die Hindenburg in der Tannenbergschlacht formte, um den Feind abzuwehren und zu schlagen, was ihm auch voll gelungen ist.
   Ein Erlebnis aus jenen ersten Kriegstagen ist mir unvergesslich. Wir liegen im engen Graben, der Sanditter Forst gegenüber, in der es von Russen wimmelt. Eine feindliche Batterie feuert stundenlang auf uns. Wir hören die Abschüsse von drüben und können bis acht zählen, dann krachen in der Luft über uns die Sprengkörper und säen die todbringenden Eisensplitter auf uns herab. Eine Meldung geht von Mann zu Mann im Graben bis zu mir: »Kamerad Wartelski ist schwer verwundet und verlangt Hilfe!«
   »In diesem Feuer ist es unmöglich, den Graben zu verlassen«, gebe ich zurück.
   Nach einer Weile kommt die zweite Meldung: »Wartelski kann es nicht mehr aushalten!« Da nehme ich mir ein Herz, wo ich keins habe, krieche durch den Graben zu meinem Kameraden, dem eine Schrapnellladung die ganze rechte Körperseite durchlöchert hat, helfe dem Beleibten heraus und bringe ihn im heftigen Kugelregen auf den nahen Friedhof Tapiaus. Dort bette ich ihn zwischen zwei Gräber, damit er Seitendeckung hat, lege ihm eine Kindergrabplatte unter den Kopf und breite Decken über ihn, nachdem ihn der Stabsarzt im wilden Feuer der feindlichen Artillerie verbunden hat.
   »Holen Sie eine Droschke von Tapiau, ich gebe Gold!« bittet der Schwerverwundete in Todesangst. Es wird mir weh im Herzen – hier hilft kein Gold mehr!
   »Das ist unmöglich, Wartelski«, antworte ich ihm, »jetzt gilt es, dem Richter aller Welt zu begegnen, wir müssen beten!«
   Da tastet er umher mit den Händen, denn er ist Jude und betet nur mit bedecktem Haupt. Ich gebe ihm meine Feldmütze, und dann spricht er mir jedes Wort nach, das ich an Gott und den Herrn Jesus Christus richte in heißern Flehen. Als ich aufhöre zu beten, bittet er weiter, im jiddischen Dialekt – o wie betet er! Als er dann still wird, sagt er noch: »Lassen Sie mich nicht allein!« Ich sitze auf einem Grabhügel, schreibe mir die Adresse der Frau mit den drei Kindern in Königsberg auf und gebe dem Todwunden zu trinken. Die Geschosse prasseln durch die Friedhofsbäume, und auf den harten Kieswegen klirren Schrapnellhülsen. Mir ist’s, als ob ich in Abrahams Schoß sitze, ich fühle mich sicher und bin getrost.
   Plötzlich bäumt sich mein Kamerad jäh auf, schaut mich mit schreckensvollen Augen an und röchelt: »Ich bin noch einmal getroffen!« Ich sehe das schwarzumränderte Loch im Waffenrock hinten – ein Sprengstück muss ihm die Brust durchschlagen haben und hinten herausgetreten sein.
   Schnell laufe ich zu dem Schützenloch, in dem der Stabsarzt sich aufhält, und bitte ihn, nochmals zu kommen. »Dem ist nicht mehr zu helfen«, lehnt er ab. Als ich dann wieder zu Wartelski zurückkehre, steht ihm schon der blutige Schaum vor dem Mund – er ist in der Ewigkeit. Steht nicht geschrieben in Joel 3, Vers 5: »Wer des Herrn Namen anrufen wird, der soll errettet werden«? Wir hatten ihn angerufen in allergrößter Not. Und er hält gewiss, was er zusagt!
   Das war am Freitagabend. Am Sonntag darauf begruben wir sieben gefallene Landsturmmänner. Am Abend jenes Tages gab es noch einmal ein heftiges Gefecht in der dunklen Sanditter Forst. Endlich kam es zur Feuereinstellung auf beiden Seiten. Durchnässt von Schweiß lag ich neben einem Kameraden auf der dünnen Decke, die wir auf den Rasen der Schlucht gebreitet hatten. Es regnete leise auf uns herab. Ich faltete die Hände und betete.
   An diesem Sonntag ist mein jüngster, der Johannes, in Königsberg getauft worden. Prediger G. W. Bader stand meiner tapferen Frau zur Seite. Was haben unsere Frauen miterlebt in jener Zeit! Tagsüber hörten sie das unaufhörliche Donnern der Geschütze, und nachts sahen sie den glutroten Schein der brennenden Städte, Dörfer und Gehöfte, in die der Feind den Feuerbrand geschleudert hatte. Wehe, wenn dieser Feind kam!
   Die Russen sind damals nicht über die Deime gekommen, trotz ihrer gewaltigen übermacht. Das zweimal so große Heer wurde zurückgeschlagen und ein großer Teil gefangengenommen. Ich kam nach Königsberg zurück und wurde ausgebildet als Lazarettinspektor-Stellvertreter. Bis Kriegsende habe ich gedient an den Kranken und Verwundeten. Wir hatten etwa fünfzigtausend Lagerstätten in den zwölf Lazaretten in Königsberg. Meine große Freude war, dass ich so in meiner Gemeinde weiter das Evangelium verkündigen konnte. Was hatten wir in jener Zeit oft für lebendige Gottesdienste! Jeden Sonntagabend gab es ein Soldaten-Beisammensein, bei dem wir bis zum Kriegsschluss den Kriegern ein Abendbrot reichen konnten. Ich bettelte die Meiereibesitzer in der Umgebung Königsbergs immer wieder an, uns dabei zu helfen, und sie ließen uns nicht vergebens bitten!
   Zur Jahreskonferenz im Rheinland reiste ich Im Sommer 1917 durch die weiten Getreidefelder Ostpreußens gen Westen. Die Ernte konnte nicht eingebracht werden, da es immer wieder in die geschnittene Frucht hinein regnete. Auf den zusammengestellten Stiegen in den Stoppeln waren hellgrüne Krönchen entstanden – ausgewachsenes Korn! Voll Sorgen schauten wir in die Zukunft. Meine liebe Mutter hatte uns gelehrt: »Ein trockenes Jah ist selten ein Hungerjahr geworden – aber ein nasses Jahr«, und uns erzählt von der Hungersnot vor dem Revolutionsjahr 1848. Wir haben es dann 1918 ähnlich erlebt.
   Gelegentlich jener Konferenz im Rheinland predigte ich eines Sonntags in unserer schönen Kapelle in Essen in der Lazarettstraße. Als ich nach dem Gottesdienst am Ausgang die Besucher grüßte, wartete dort ein stattlicher Landwehrmann auf mich und sagte: »Wir kennen uns schon!« Er war 1896 in Mülheim-Speldorf im Jugendbund gewesen, wo ich damals öfters dienen durfte. Wir erneuerten unsere Bekanntschaft und hielten sie fest. Mein lieber Freund, der begütert war, erwarb in jener Zeit im Sauerland vier herrenlose Bauernhöfe, die zusammen einen großen Waldbestand alter Eichen hatten. Er ließ die Bäume schlagen, um Ackerland zu gewinnen, und veräußerte das wertvolle Holz an Fabriken. Nach Schluss des Krieges schlossen sich unter dem gesegneten Evangelisten General von Owen christliche Männer zu einem »Kriegerdankbund« zusammen, zu dem auch der Sauerländer gehörte. Man rief mich auch in diesen Kreis, und ich habe mitgeholfen, damals empfänglichen Herzen ehemaliger Kriegsteilnehmer den Herrn Jesus Christus zu verkündigen. Eines der vier Bauernhäuser, die der einstige Jugendbündler von Speldorf erworben hatte, erhielt Mutter Eva von Tiele-Winkler und errichtete dort die Waisenheimat »Eichengrund«. Einen andern Bauernhof am Muhlekopf verkaufte er der Evangelischen Gemeinschaft, und nun grüßt uns dort oben in der herrlichen Bergwelt des Sauerlandes unser Jugendheim »Muhle« mit der schönen Bergkapelle, die unser unvergesslicher Superintendent Otto Hänisch gebaut hat. –
   Dann erlebten wir, auch in Königsberg, den schrecklichen Zusammenbruch unseres Volkes. Die Gewehrkugeln der Revolutionäre pfiffen durch die Straßen vom Königstor zum Schloss hin und durchschlugen die gusseisernen Laternenpfähle. Unsere Erika kniete am Stuhl nieder, faltete die Kinderhände und betete zum Heiland um Schutz. Und er hat uns beschützt in jenen Tagen. Ich tat weiter meinen Dienst im Lazarett und in der Gemeinde.
   Die damals herrschende U.S.P.D. (Unabhängige Soziale Partei Deutschlands) beschlagnahmte unseren großen Kirchensaal in Königsberg, um ihre Volksversammlungen darin zu halten. Wir entfernten alles, was den eigentlichen Zweck unseres lieben Gotteshauses andeuten konnte, nur das »Halleluja!« auf einer großen Holzplatte war an der Vorderseite der Empore hängen geblieben. An diesem Wort hakte dann bei der ersten politischen Versammlung auch bald ein Redner ein und suchte seine gottfeindliche Gesinnung an den Mann zu bringen. Der Saal war dicht besetzt mit allerlei Volk, das um uns herum wohnte, Arbeiter und Arbeiterinnen. Ich meldete mich in der Aussprache zum Wort, das mir auch erteilt wurde. Da stand ich nun mitten unter der erregten Masse und sagte ungefähr Folgendes: »Ich bin der Verwalter dieses Hauses, das euch heute Gastrecht gibt. Darf ich hier sagen, dass wir in unserer Gemeinde gar nicht so viel abgehen von euren Zielen, die ihr für das Volk habt? Ihr sagt, die Macht des Kapitals gelte es zu brechen. Nun, ich nenne euch eine Kapitalmacht, gegen die wir leidenschaftlich ankämpfen. Ihr kennt alle jene aufreizenden roten Gaslichter vor manchen sogenannten »Gaststätten« hier. Wir wissen, dass sich in diesen Lokalen, an denen wir immer mit ein wenig Grauen vorübergehen, hinter den Lichtern gewissenlose Halbweltdamen bemühen, den Gast zu einem größtmöglichen Konsum von Alkohol festzuhalten. Ihr Hausfrauen müsst im immer zermürbender werdenden Existenzkampf den Sechser wer weiß wie oft umdrehen, um die Familie satt zu machen – die Damen hinter den roten Lichtern kassieren lächelnd von euren Männern wer weiß welche Summen. Wie gern gehen wir mit euch diesem Kapitalismus zu Leibe, der im Alkoholgewerbe so viel Glück in Ehe und Familie zerstört und aus freien Menschen elende Sklaven des Trunkes macht, die an Seele und Leib zuletzt jämmerlich zugrunde gehen!« Als ich schloss, erntete ich genau denselben Beifall wie mein Vorredner. Diese Versammlung war die erste – und die letzte dieser Art in unserem Kircheneigentum!
   Eine prächtige Kirchendienerfamilie hatte ich in Königsberg, der es nicht nur um den Kirchendienst, sondern auch um die eigene Seele zu tun war. Die Frau hatte ich einmal untröstlich gemacht, als ich Frommels Wort anführte: »Pastoren werden wenige selig, Küster gar keine!« jetzt wollte sie nicht mehr Küster sein, sondern viel lieber selig werden. Nun, es gelang mir, sie zu überzeugen, dass Emil Frommel dieses Wort »relativ« gemeint habe, es lasse reichlich Ausnahmen zu.
   Mit dem Mann, einem Recken von Gestalt, war ich wegen des erwachsenen Sohnes in Unstimmigkeiten geraten. Ich hatte Forderungen erhoben, die, so musste ich mir nachher eingestehen, nicht ganz berechtigt waren. Nun taste einmal jemand ein Kind an, ohne nicht auch den Vater in Harnisch zu bringen! Und mein Kirchendiener kam in Harnisch! Er wurde bleich wie die fahle Wand des großen Saales, in dem wir standen. Die Augenbrauen zogen sich finster zusammen, und jetzt zeigte er mir nicht nur eine kalte Schulter, sondern machte eine Wendung von hundertachtzig Grad, wandte mir den Rücken und stampfte zornig aus der Tür, um in seiner Wohnung unterzutauchen.
   Einige Tage vor Weihnachten! Ich stand im großen Kirchensaal, und wie ein Film jagten die Bilder all der schönen Feiern, die wir für Sonntagsschule, Jugend und Gemeinde geplant hatten, an meinem Auge vorbei, und es war mir, als töne mir mit gewaltiger Musik das große Weihnachtsthema »Liebe« durch die ganz erschrockene Seele, die sich gerade bitterer Unversöhnlichkeit hingeben wollte. »Nein«, entschied ich, entschlossen den Blick auf den Heiland gewandt, und ging stracks meinem erzürnten Kirchendiener nach, in sein Wohnzimmer, in dessen Mitte er wie eine Säule stand. Ich habe ihm die Hände auf die breiten Schultern gelegt, habe ihm ins düstere Gesicht geschaut und dann gesagt: »Nein, mein Lieber! So dürfen wir nicht ins Weihnachtsfest hineingehen.« Was ich weiter sagte, weiß ich nicht mehr, aber das Eis schmolz, das Gesicht wurde wieder freundlich, wir stiegen zusammen aus der Unterwelt herauf, feierten selig Weihnachten miteinander, und ich hatte fortan einen Kirchendiener – ich glaube, er wäre für mich durchs Feuer gegangen!

Der Jugendsekretär

Als sich die Stürme des ersten Weltkriegs legten, hielten die Väter der Evangelischen Gemeinschaft Rat, wie die Jugendarbeit weitergehen solle. Sie wählten Jugendsekretäre und übertrugen mir für die Norddeutsche Konferenz diesen Dienst. Die Sache war neu und wohl nicht nach aller Beteiligten Meinung nötig. Ich war in keiner angenehmen Lage und wurde irgendwie an Emil Frommels Geburt erinnert. Dieser berichtet, dass seine Mutter ihn, als er klein war, immer in seinem Liegekorb unter den Tisch geschoben habe, wenn Besuch kam, weil er ein so hässliches Kind gewesen sei. Nun, ich bin heute noch nicht schön, aber ich habe damals versucht, der Jugend zu dienen mit der Botschaft des Heils, und tastete mich ohne viel Unterweisung und Anweisung von andern in die Arbeit hinein. Es ging mir in den zehn Jahren meines besonderen Dienstes unter der Jugend immer wieder in Evangelisationen, Jugendführer-Tagungen, Bibelwochen, Freizeiten darum und nur darum, junge Menschen zu Christus zu führen. Für Norddeutschland angestellt nahm ich auch Einladungen anderswohin an. Es hatte sich zu jener Zeit ein »Reichsausschuß deutscher Jugendverbände« gebildet, in dem zuletzt gegen drei Millionen Jugendliche vereinigt waren. Er gliederte sich in die Gruppen: evangelische Jugend, katholische Jugend, berufsständige Jugend, sportliche Jugend und Arbeiterjugend. Wir hatten jedes Jahr einige große Jugendparlamente, von denen mancherlei Anregungen ausgingen für die Arbeit, und wo wir gemeinsamen Anliegen dem Staat gegenüber Nachdruck gaben. Ermäßigte Fahrpreise auf der Eisenbahn gehörten dazu, Beihilfen für Jugendarbeit, Bereitstellung von Jugendräumen und Spielplätzen u. a. Das Kennenlernen schon war ein Gewinn und beseitigte manche Vorurteile.
   Einige Jahre hatte ich als Mitglied des Y.M.C.A.-Weltbundvorstandes die männliche freikirchliche Jugend Deutschlands zu vertreten. Im Sommer 1927 waren wir zur Weltkonferenz des Y.M.C.A. in Finnland unter der Leitung von Dr. John Mott beisammen. In schöner Fahrt bei strahlendem Sonnenschein brachte das Schiff »Ariadne« die zweihundert Abgeordneten Deutschlands von Stettin durch die schimmernde Ostsee nach dem herrlich gelegenen Helsingfors. Wir standen vorn im Schiff und konnten kein Auge abwenden von der Schönheit der Landschaft, als das Schiff nach zweitägiger Fahrt an den Schären vorbei in den Hafen der Stadt einfuhr, die sich am Gestade des Finnischen Meerbusens erhebt und sich durch zahlreiche Kirchen auszeichnet, zu denen breite Treppen in vielen Stufen hinaufführen.
   Hier waren junge Christen mit ihren Führern aus allen fünf Erdteilen versammelt, wohl gegen tausendfünfhundert. Aus siebenunddreißig verschiedenen Ländern waren sie gekommen, um sich hier im Namen Jesu Christi zu grüßen. Ein buntes Bild eigenartigster Nationaltrachten bot sich dem Auge, und das Stimmengewirr von allerlei Sprachen schlug an das Ohr. Es wurde hart gearbeitet in den etwa fünfzig Ausschüssen, in die sich die Konferenz gegliedert hatte. Verpflegung und Unterbringung waren vorbildlich organisiert von unseren finnischen Freunden. Mathilde Wrede, der »Engel der Gefangenen«, sandte uns einen herzlichen Gruß aus ihrem kleinen Stübchen, das sie in Helsingfors bewohnte.
   Wir machten mit einem Extrazug einen Ausflug, um die berühmten Wasserfälle vom Imatra in diesem »Land der tausend Seen« in Augenschein zu nehmen. Dort stürzt sich die tosende Flut durch eine enge Felsenschlucht von einem See in den anderen. Unaufhörlich tanzten in dem weißen Gischt des Wassers gewaltige Baumstämme, die noch weiter nördlich in dem wälderreichen Land in die See gerollt wurden und nun südwärts trieben.
   Als wir abends von dem Bahnhof eines kleinen Städtchens wieder zurückfahren wollten, mussten wir über zwei Stunden warten, bis unser Extra-Zug kam. Am Nachmittag dieses Tages hatten wir einen Besuch in einer finnischen Kirche gemacht. Nun sollten die Wartestunden ausgenützt werden. Die Einwohner des Ortes waren fast alle auf dem Bahnhof. Bald erklangen unter dem wunderbar hellen Nachthimmel hier im hohen Norden unsere Lieder. Wir sangen von der schönen Welt, die unser Gott mit so viel Lieblichkeit geziert hat, aber mehr noch kündete unser Lied den Herrn Jesus Christus, der uns Herr und Heiland und Freund geworden ist.
   Als wir eine Pause machten, schaltete sich der Kirchenchor ein, den wir nachmittags gehört hatten, und lobte Gott mit Singen. Nachdem er sein Lied geendet, schwang der baumlange Dirigent eines Heilsarmee-Chores den Stab über seiner Schar, die sich auch hier zusammengefunden hatte. Sie lud zum Heiland ein mit einer schönen Weise. Es wurde ein Wettsingen auf dem weiten Bahnhofsvorplatz unter Finnlands Sternenhimmel, über das sich sicher die Engel Gottes freuten und bei dem die Menschen froh wurden.
   Zuletzt stimmte der Kirchenchor auf Finnisch Grells herrliche Weise an: »Herr, deine Güte reicht so weit, so weit der Himmel ist ...« Wie packte uns die Melodie, ob wir auch die Worte nicht verstehen konnten! Als aber am Schluss das immer wiederkehrende »Halleluja« in wunderbarer Schönheit erklang, das Wort der himmlischen Heerscharen, in allen Sprachen gleich, da hielt es uns nicht mehr. Unsere hellen Tenöre und die tiefen Bässe fielen mit ein, und die Heilsarmeeleute sangen mit – im gewaltigen Chor stieg es zum Thronsitz des ewigen Gottes empor:
      Halleluja, Halleluja, Halleluja!
   Tief ergriffen hörte die dichtgedrängte Menschenmenge zu, gepackt von der Macht des Gesanges, der Gott preist. Wir konnten den Leiter der Heilsarmee bewegen, eine finnische Ansprache zu halten, und beteten noch zusammen das Unservater, ein jeder in seiner Sprache. Dann mussten wir unseren Zug besteigen, der uns durch die traumschöne Nacht nach Helsingfors zurückbrachte.
   Am letzten Abend der Konferenz sammelten sich alle um ein großes Feuer auf einem weiten Platz mitten in Helsingfors. Nacheinander trat je ein Vertreter eines Erdteils an den lodernden Holzstoß und brachte eine symbolische Gabe seines Kontinents zur Nahrung und Kleidung aller Erdbewohner dar. Es sollte der großen Versammlung durch diese sinnbildliche Handlung gezeigt werden, wie die Menschen, durch Christus geeinigt, sich gegenseitig dienen in allen Zonen der Erde und niemand Mangel zu leiden braucht.
   Ein Amerikaner hatte feinstes Weizenmehl auf seinem silbernen Tablett, ein Asiate brachte Reis, der dunkle Vertreter Afrikas Kaffee, der Australier Schafwolle, und der junge Bursch aus Europa Salz! Jeder schüttete seine Opfergabe ins Feuer, um anzudeuten: Nicht nur für uns selbst wollen wir Gottes Gaben empfangen. In Liebe möchten wir leben für andere, wie Jesus Christus sich für uns gegeben hat!
   Als die große Schar christlicher Mannesjugend gegen Mitternacht nach dem feierlich gebeteten Unservater, das in vielen Sprachen laut wurde, auseinander ging, zog ein wundersames Ahnen durch alle Herzen: Wie wird es sein, wenn der König kommt! –
   In Dresden war’s, der schönen Stadt an der Elbe, die Johann Gottfried von Herder das »deutsche Florenz« genannt hat. Einige Jugendgruppen dort, besonders der C.V.J.M. unter Carl von Proschs Leitung, hatten mich gerufen, eine Jugendevangelisation in der Stadt zu halten. So kam die Jugend der verschiedensten Kreise eine Woche lang im großen Saal des Evangelischen Vereinshauses in der Zinzendorfstraße zusammen. Es sang kein Chor, es spielte keine Musik, man war argwöhnisch gegen jede »Mache«. Und auch ich wollte der Jugend nichts vormachen.
   Aus dem Alten Testament stellte ich die markanten Gestalten der Urzeit vor die jugendlichen Hörer und ließ mein Brot, wie der Prediger Salomo sagt, über das Wasser fahren trotz mancher Kritik. Schließlich kam die Arbeiterjugend gruppenweise in die Versammlungen, die wir am Ende der Woche in gesonderten Veranstaltungen für Jungen und Mädchen ausklingen ließen.
   Der Schlussgottesdienst fand am Sonntagabend in der ehrwürdigen Frauenkirche am Markt statt. Der große Rundbau mit den drei übereinanderliegenden Emporen war von etwa zweieinhalbtausend meist jugendlicher Menschen gefüllt. Im Altarraum saß die landes- und freikirchliche Geistlichkeit friedlich beisammen.
   In ernstem Wollen, der Jugend mit dem Besten zu dienen, stand ich auf der hohen Kanzel und sprach über Psalm 90,14, jenes Wort aus dem Gebet Moses’, des Mannes Gottes: »Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.« Ich suchte zu zeigen, wie Mose fast vierzig Jahre lang nur noch die schmerzvolle Aufgabe hatte, Männer zu begraben, die sich zuchtlos geweigert hatten, in der Kraft Gottes das Land der Verheißung einzunehmen, und die nun in der Wüste sterben und verderben mussten. Jetzt fleht Mose im Namen der Jugend, die aufs neue eine Plattform inne hat: »Fülle uns frühe mit deiner Gnade!« Denn Gnade ist die Morgengabe der ewigen Liebe, des Lebens Sinn zu erfüllen und Gottes Werk zu tun. Christus ist diese Morgengabe. Nimm sie, o Jugend, dann kann Gott sein Werk durch dich tun, und dein Leben wird voll Freude und Dank!
   Ich weiß nicht, was Gott gewirkt hat in jener Woche und an jenem Sonntagabend. Er hat mich immer sehr kurz gehalten mit dem Wissen um Erfolg und Frucht in meinem Leben. Aber eine traurige Episode ist mir im Gedächtnis geblieben, mit der für mich jene Dresdner Tage schlossen.
   Am Montagfrüh erhielt ich einen Brief ohne Unterschrift, mit dem Gekritzel einer jugendlichen Hand: »Während Sie jetzt in der Frauenkirche vor den vielen jungen Menschen sprechen, sitze ich hier draußen auf den Steinstufen der Kirche und schreibe diesen Brief. Mir ist nicht mehr zu helfen – ich habe die Möglichkeit, gerettet zu werden, verscherzt. Ich bin ein durch die Sünde zu Grunde gerichteter Mensch ... Ich verderbe in meinen Lüsten ...« Mit wehem Herzen habe ich diesen Brief gelesen und ihn weitergegeben an die Leiter der Jugendgruppen mit der Bitte, zu forschen, ob sie nicht doch noch dem jungen Burschen helfen könnten.
   Ach, dieser junge Mensch hat so viele Gesellen, die wie er an der Schwindsucht des Charakters zu Grunde gehen! Sie suchen das Leben auf den Gefilden des Todes – wie Augustinus als junger Mensch von sich bekannte. Und sie meiden den Helfer. Sie setzen sich draußen auf die Steintreppe, statt drinnen ihr Ohr dem Heiland zu öffnen, der ein Meister ist zu helfen, auch da, wo alle eigenen Anstrengungen, ein guter Mensch zu werden, versagen. Lauf auf den Herrn Christus zu! Auch du, Jugend von heute! Er hat Macht, Sünden zu vergeben und dich auf die Beine zu stellen, wie einst den Gichtbrüchigen (Matthäus 9,1—8).
   Die schöne Frauenkirche in Dresden ist durch den Krieg ein Schutthaufen geworden, auch unsere kleine Kapelle in der Neuen Gasse dort. Aber der Thron des Lammes, von dem die Ströme unendlichen Lebens in die Welt fließen, steht fest in alle Ewigkeiten! –
   Wir hatten in der Schwebebahnstadt an der Wupper Evangelisation. Gott schenkte eine gesegnete Zeit. Eines Abends waren eine Anzahl Heilsuchende zurückgeblieben, und ich kniete mit ihnen nieder zum Gebet. Vor mir sah ich eine Frau, die den Heiland suchte, neben ihr einen Mann, der sich vor Gott gebeugt hatte. Ich wandte mich zu den beiden und fragte leise: »Seid ihr Eheleute?«
   »Ja«, schluchzte die Frau und rückte noch näher an den Mann, indem sie die Hand auf seine gefalteten Hände legte. Ich konnte nicht anders, legte meine Hand auf die des Ehepaars und brachte die gemeinsame Not vor den Vater im Himmel mit der Bitte, Vergebung und Frieden zu schenken um Jesu willen. Und nichts tut Gott lieber, als bußfertige Sünder zu seinen seligen Kindern zu machen und ihnen Frieden zu geben! Wie die Träumenden sind sie mit den andern, die den Heiland gefunden hatten, davongegangen. Anschließend sagte mir ein Mann in tiefer Bewegung: »Über dreißig Jahre habe ich für die Leute gebetet, nun sind sie heimgekommen.«
   Als ich sie am nächsten Abend grüßte, lag ein Schatten auf dem Antlitz der Frau. »Unsere Tochter war verreist. Nun ist sie heute mit dabei, aber – sie will nicht zur Nachversammlung hier bleiben«, kam es bangend von ihren Lippen, während sie auf das hochgewachsene junge Mädchen schaute, das neben ihr stand. In diesem Augenblick wollte mich ein Zorn über die Mutter ankommen. Ich dachte: »So lange habt ihr Eheleute mit der Heimkehr gewartet, aber nun, da euer Kind nicht auf den ersten Ruf kommt, der an es ergeht, packt euch die Ungeduld!« Dann schämte ich mich meines Zorns und besann mich auf meine Aufgabe. Ich richtete ein paar liebe Worte der Einladung an die Tochter, und sie blieb in der Nachversammlung und gab ihr Herz dem Heiland.
   Später fragte ich gelegentlich nach dieser Familie. Was ich hörte, machte mein Herz sehr froh.
   Eine Erfahrung mit einem jungen Burschen setze ich noch hierher. Er ging ins Netz, als ich ihn grüßte nach Schluss einer Versammlung in einem schönen Vorort Berlins. Ich hielt seine Adresse fest und suchte ihn später auf. Er gehörte zu denen, die sich durch schmutzige Dinge um viel Lebensfreude bringen. Seine Mutter musste ihn von der höheren Schule nehmen, weil er sich durch seine heimlichen Sünden so geschwächt hatte, dass sein Gedächtnis versagte. Nun suchte er auf niederer Ebene durch das Leben zu kommen. Dabei las er seine Bibel! Dazu hatte ihn die treue Mutter im Rheinland angehalten.
   »Jjunge«, sagte ich zu ihm, »ich fürchte, du versäumst die Hauptsache, nämlich loszukommen von deiner elenden Gebundenheit!« Er schaute mich ängstlich und hilflos an, wie ein armer Vogel in der hänfenen Schlinge. »Du glaubst an den Heiland, der für uns starb«, fuhr ich fort, »das ist recht. Aber du darfst nicht auf der karfreitäglichen Seite der Bibel bleiben. Bezieh einmal Position auf der österlichen Seite! Jesus lebt! Blick immer auf ihn, den Lebendigen, der ein Meister ist, zu helfen! Er macht dich los!«
   Unsere Wege trennten sich. Geraume Zeit später sah ich ihn als Soldat im Osten, feldmarschmäßig ausgerüstet. Er schaute froher drein. Aber als ich nach Jahren im Ruhrgebiet in einer Gemeinde Evangelisation hielt, grüßte mich am Schluss einer Versammlung ein Mann, dem Gottes Friede aus den Augen strahlte – mein junger Freund von damals! »Sie müssen zu uns zum Essen kommen, meine Frau und Kinder werden sich freuen!« lud er mich ein.
   Ich bin dort gewesen und genoss dankbar einige köstliche Stunden der Gemeinschaft in der Freudensonne eines glücklichen Familienlebens.

In einem Kapitel über meine Arbeit als Jugendsekretär darf die Erinnerung an Saarow nicht fehlen. Saarow am Scharmützelsee, inmitten der stillen Kiefernwälder der Mark Brandenburg, war uns Jahre hindurch ein gesegneter Freizeitort für die Jugend. Hier hatte Reichskanzler Michaelis nach dem ersten Weltkrieg für die Deutsche Christliche Studenten-Vereinigung ein großes Waldstück direkt am See erworben und es zu einem wunderschönen Jugendlager gestaltet. Fünf große Zelte aus ehemaligen Heeresbeständen standen um eine Versammlungshalle, die der Christliche Verein junger Männer in USA einmal den Kriegsgefangenen geschenkt hatte. Bei den großen Leinenzelten, die später durch feste Bauten ersetzt wurden, floss zuweilen der Regen durch die Einschusslöcher auf die friedlich im Stroh ruhenden Schläfer!
   Meiner Bitte an Michaelis, den ich in seinem schönen Landhaus dicht am See besuchte, uns diesen Zeltgrund für eine Woche zu überlassen, konnte ich Nachdruck geben, indem ich sagte: »Exzellenz, die Evangelische Gemeinschaft hat Ihnen auch einmal einen Minister für Ihr Kabinett gestellt!«
   »So?« meinte er verwundert.
   »Ja, Dr. Schwander, Ihren Wohlfahrtsminister!«
   »Kam der von Ihnen?«
   Ich erzählte, dass seine Mutter Glied unserer Gemeinde in Mühlhausen im Elsass gewesen war. Sie hatte ihren aufgeweckten Jungen in die Gemeindeverwaltung geschickt, wo er sich emporarbeitete, noch Abitur und Doktor machte und dann nach Straßburg kam. Hier ging es von der Wohlfahrtsabteilung bis zum Oberbürgermeister.
   »Richtig!« bestätigte Michaelis, »von dort holte ich ihn mir!«
   Später wurde Dr. Schwander Oberpräsident von Hessen. In Kassel besuchte ich ihn, um auch die alte Mutter noch einmal zu grüßen. –
   Ja, wir hatten schöne Wochen in Saarow! Gegen vierhundert junge Männer waren es zuletzt, die dort zusammenkamen, in den Zelten übernachteten, unter den Bäumen aßen und tranken, im herrlichen See badeten, fröhliche Wanderungen machten und in der Versammlungshalle stille wurden unter Gottes heiligem Wort. Einmal hing neben dem Rednerpult eine große Karte, auf der die Missionsreisen des Apostels Paulus dargestellt waren, um die Vorträge zu erläutern, die wir darüber hörten. Wie kraftvoll diente uns dabei unter andern auch unser Vater Richard Steckel, der dann so früh vom Heiland in sein Reich gerufen wurde! Frühmorgens hatten wir in einer stillen Schlucht Gebetsvereinigungen, wo uns Gott oft nahe war.
   Einmal hatte ich Exzellenz Michaelis gebeten, uns eine Stunde zu halten. Man erzählte von ihm, dass er in seiner Jugend in Kalifornien einst einen Traktat in die Hand gedrückt bekommen habe, der entscheidend für sein Glaubensleben geworden sei. Wir hatten einen gesegneten Vormittag mit ihm. Es mag nicht ohne Nutzen sein, wenn ich berichte, wie uns dieser Mann, der doch nicht »vom Fach« war, diente. Der Alt-Reichskanzler schlug seine Bibel auf und las uns das letzte Wort des Alten Testaments: »Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage« (Maleachi 3, 23. 24). Dann sagte er in seiner schlichten, herzgewinnenden Weise: »Bekehrung ist, wenn unser Herz einfältig wird, das meint: nur eine Falte hat die wir Gott öffnen, damit er sein Werk darin tun kann, nämlich das Böse wegzunehmen und uns um Jesu willen das Gute zu geben.« Wie fest hat sich mir dies Wort eingeprägt! Und wie viel hat es uns heute noch zu sagen!
   Etwas Seltsames geschah mir einmal dort in Saarow. Man hatte mich, als den Vielbeschäftigsten der Schar, im schönen Hospizgebäude einquartiert, das zum Zeltgrund gehörte. Im ersten Stockwerk bewohnte ich ein schönes Zimmer und hatte so die nötige Ruhe. Eines Nachts war mir’s, als ob ein Schatten am offenen Fenster vorüberhusche. Doch mein Schlaf war zu fest, als dass ich ernstlich gestört worden wäre. Aber als ich am andern Morgen in meine Hosen steigen wollte, waren sie nicht mehr da! Ein ortskundiger Dieb hatte eine Leiter draußen angestellt und mir mein doch so notwendiges Bekleidungsstück geschickt entwendet. Ich war allerdings nicht der einzige gewesen, der in dieser Nacht solch unerwünschten Besuch gehabt hatte. Der Hausdiener wurde verständigt, und ich konnte in geliehener Montur meine Aufgabe weiter erfüllen. Zudem war die Leitung des schönen Studentenheims versichert gegen allen Schaden, der für die Gäste entstehen konnte. Alles bekam ich ersetzt. Es beschämte mich, als mir die Verwalterin des Hauses sagte, sie sei so froh, dass ich die Sache so gar nicht schlimm nähme, sie habe mit einem Gast solche Not, der in seinem Zorn über den Verlust seiner Sachen dem Haus gegenüber keine Grenze kenne.
   Die Geschichte erinnert an eine Anekdote aus dem Leben Moodys. Als dieser einst eine Evangelisationsversammlung eröffnete, rief ein Mann aus der großen Menge, die sich eingefunden hatte: »Mister Moody, eben hat mir jemand in der Garderobe meinen Mantel gestohlen!« In aller Ruhe antwortete Moody: »Dann haben wir in dieser Versammlung gerade das rechte Publikum beieinander!«
   Ja, eben darum treiben wir das Evangelium, dass der Sünder sich bekehre!

»Alt-Heidelberg, du feine...« so singt Viktor von Scheffel, und wir fanden auch, dass diese schöne Stadt für unser erstes europäisches Jugendtreffen, das im Jahre 1929 stattfinden sollte, der rechte Platz sei. Hierher hatte uns der so früh von uns genommene Ludwig Maier, damals Jugendsekretär unserer Süddeutschen Konferenz, eingeladen. In der Schweiz, in Nord- und in Süddeutschland waren damals hauptamtliche Jugendsekretäre eingesetzt, denen eine große Gefolgschaft eifriger Mitarbeiter zur Seite stand. Wir hatten ein gesegnetes Beisammensein in den Maitagen jenes Jahres in Heidelberg. Die Woche hindurch saßen wir im gastlichen Gemeindeheim in der Lutherstraße über wichtigen Themen unseres Jugendwerkes zu Rate. Den Abschluss bildete der Festsonntag, den die Jugend aus nah und fern gestaltete. Ludwig Maier hatte die Stadthalle dazu gemietet, ein palastartiges Gebäude, an dem dicht vorbei der Neckar seine Wellen dem Rhein zutreibt. Unter anderen diente uns unser weitgereister Bischof Dr. S. J. Umbreit, der zwanzig Jahre in Japan Missionsarbeit getan hat. Das Evangelium von Jesu Christi als Gotteskraft nach Römer 1, 16 suchte ich in der großen Hauptversammlung der Jugend wichtig und lieb zu machen. Unsere Chöre spielten und sangen jubelnd Gottes Lob.
   Ein Erlebnis aus jenen Tagen in Heidelberg ist mir noch haften geblieben. Es war nicht leicht, die große Schar der Gäste zu beköstigen. Aber Ludwig Maier hatte mit einem guten Stab treuer Mitarbeiter gesorgt, dass niemand hungern musste. Am Neckarufer, nahe der Brücke, waren einfache Tische und Bänke aufgeschlagen, wo die Mittagsmahlzeiten eingenommen wurden in froher Gemeinsamkeit.
   Da geschah es, dass ein übereifriger Helfer beim Austeilen des schön gekochten grünen Kohls einen Teil seiner vollen Schüssel unserem lieben Ludwig Maier an seinem neuen Sommerrock heruntergoss, statt ihn auf die Teller auszuteilen! Was dieses Missgeschick an Heiterkeit, Entrüstung, Bedauern und Ratlosigkeit auslöste, mag sich der geneigte Leser selbst ausmalen. Mir persönlich ist eins ganz wichtig geworden bei diesem Vorfall: Was ist doch die Gelassenheit eine herrliche Tugend vornehmer Persönlichkeiten! Der treffliche Jugendführer unserer süddeutschen Freunde zeigte sie. In aller Ruhe marschierte er ab, erschien aber bald wieder im neuen Dress und waltete sicher und zielbewusst weiter seines Amtes, ohne viel Worte zu verlieren. Oft habe ich ihn bewundert, mit wie wenigen Worten er auskam bei Gelegenheiten, die andere zu einem Wortschwall veranlasst hätten.
   Wir sind damals frohen Herzens wieder in unsere Wirkungskreise in Europa zurückgekehrt, um weiter die Großtaten Gottes überall zu verkündigen. Freilich kommen immer wieder auch Stunden voll Enttäuschungen, in denen es zur Wahrheit wird: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben wird. Dann möchte man es am liebsten mit Viktor Scheffel halten:

   Und stechen mich die Dornen,
   wird mir die Welt zu Qual,
   geb ich dem Ross die Spornen
   und reit ins Neckartal!

Wir kreuzten den Ozean, um zur Generalkonferenz unserer Evangelischen Gemeinschaft in Milwaukee, Wisconsin, zu reisen. Es war eine wundervolle Fahrt über das wogende Meer, sieben Tage lang bei strahlendem Sonnenschein auf der unendlichen Weite des Wassers, durch das unser Dampfer seine tiefe Furche zog. Wohl an die zweitausend Menschen beherbergte das Schiff, dem die Technik eine allen Ansprüchen gerecht werdende Ausstattung gegeben hatte.
   Ein Sonntag fiel in unsere Fahrzeit, und ich wurde gebeten, den Schiffsgottesdienst am Vormittag zu halten. Wir versammelten uns im Salon der ersten Klasse und sangen Choräle unter Begleitung der Schiffskapelle. Dann predigte ich über den Heiland als das Licht der Welt und lud zu seiner Nachfolge ein.
   Nach dem Gottesdienst sprach mich eine Dame an und bat mich, doch auch den Mitreisenden im Zwischendeck in der Woche eine Bibelstunde zu halten. Im Zwischendeck reisten die »Quotenleute«, wie man zu jener Zeit die Auswanderer nannte, denen es gelungen war, sich in die Zahl der für die Einreise nach Amerika Zugelassenen einzureihen.
   Gern sagte ich zu und stieg dann an dem festgesetzten Tage mit hinab in das dicht besetzte Zwischendeck. Hier stand ich vor einer Versammlung, die einen erschütternden Eindruck auf mich machte. In den Angesichtern meiner Zuhörer spiegelte sich die Not wohl aller Auswanderer. Hinter sich hatten sie alle Brücken abgebrochen, die Zukunft, der es entgegenging, war ganz in Dunkel gehüllt und ungewiss – Heimatlosigkeit sprach aus den Augen.
   In jener Stunde habe ich über 1. Mose 28, 10—27 gepredigt und versuchte zu zeigen, wie Jakob durch die Sünde heimatlos geworden ist. Doch über dem Heimatlosen wacht ein ewiges Erbarmen. Im Traum sieht Jakob den Himmel offen und eine wunderbare Leiter, an der Engel hinauf- und herabsteigen. Und oben ist der Herr aller Herren, der Vater des Alls. Und nur Trostvolles und Ermunterndes redet der Ewige zu dem Wanderer mit dem heimwehkranken Herzen! Ein Evangelium ist’s für den ganz Verarmten, herrliche Verheißungen werden ihm gegeben und zuletzt die Zusicherung: »Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in das Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich geredet habe.« Wo sich Gott uns so gnädig offenbart, da findet das Herz wieder heim, wo es immer sein mag – selbst im Zwischendeck eines Ozeandampfers. »Du hast uns zu dir geschaffen, o Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir!« sagt Augustinus, der alte Kirchenvater, in seinen Bekenntnissen.
   Wir kamen nach Amerika, und ich reiste drei Monate lang in dem großen Land der unbegrenzten Möglichkeiten umher. Ich grüßte viele Deutsche – und alle hatten Heimweh!
   Ich kam auch nach Chicago, wo ich bei einem lieben Freund aus meiner Soldatenzeit im Elsass, Andreas Hofert, einkehrte. Ich hätte mir gern die große Schlachterei mit dem »laufenden Band« angesehen. Aber es gab noch Interessanteres. Meines Freundes Frau war sehr rührig im Sonntagsschulwerk unserer Kirche in Chicago, wo wir eine ganze Anzahl von Gotteshäusern haben, und machte mich aufmerksam auf Moodys Werk dort. Ich besuchte mit ihr das ›Moody Bible Institute‹ in Chicago, eine Bibelschule, in der etwa achtzehnhundert junge Menschen ein Jahr lang die Bibel studieren, um sich dann wieder ihrem Beruf zu widmen. Ich war auch in Moodys Evangelisationssaal, der etwa dreitausendfünfhundert Menschen fasst, und stand im Moody-Museum an dem kleinen Harmonium, das Ira D. Sankey, der Evangeliumssänger, mit sich führte, wenn er Moody auf seinen Reisen begleitete.
   Meinen letzten Gottesdienst hielt ich in New York abends acht Uhr, und um Mitternacht sollte unser Schiff die Anker lichten zur Heimreise. Zum Hafen begleitete mich ein junges deutsches Paar. Der Mann war über zehn Jahre in Amerika, ein Predigersohn, und hatte vor sechs Jahren ein deutsches Mädchen geheiratet. Die beiden gingen mit mir auf den großen Dampfer, kamen mit mir in meine Kabine und konnten sich nicht trennen. Endlich musste es doch sein. Da fiel mir der Mann um den Hals – und weinte, weinte wie ein Kind. Ich habe die beiden neben mir auf die Knie niedergezogen und mit ihnen zu Gott gefleht, als müsste ich ihre Ehe noch einmal einsegnen – bei den Eheschließungen geht es drüben manchmal für unser deutsches Gemüt so geschäftsmäßig zu!
   In einer Statistik wurde einmal die Angabe gemacht, dass sich von hundert Deutschen, die nach Amerika auswanderten und dort Millionäre wurden, sechzig das Leben genommen haben. Wie wahr sagt Dr. Martin Luther: »Der Glaube an Jesus Christus ist Heimat in Gott!« – »Bringe uns, Herr, wieder zu dir, dass wir wieder heimkommen!« betet Jeremias in seinen Klageliedern.
   Aber uns allen gilt der Vers, der über dem Eingang des Friedhofs der unbekannten Gestrandeten auf Sylt steht:

   Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit
   gespült ans Erdeneiland,
   voll Unruh und voll Herzeleid,
   bis heim uns holt der Heiland.
   Das Vaterhaus ist immer nah,
   wie wechselnd auch die Lose:
   Es ist das Kreuz von Golgatha,
   Heimat für Heimatlose!

[Den Gedenkstein mit Tafel soll 1888 die rumänische Königin Elisabeth gestiftet haben. – fj]

Ebenfalls ein eindrückliches Erlebnis war eine Reise in den Osten. Bevor ich davon berichte, muss ich meinen Lesern erst noch meinen Freund Wilhelm Wecke vorstellen, der die Veranlassung dazu war.
   Im »sunnigen, wunnigen Elsassland« schon lernten wir uns kennen. Mein Heim war die Kaserne des zehnten hannoverschen Jägerbataillons, und der fast zwei Jahre jüngere Wilhelm Wecke aus dem Land der besinnlichen Schlesier baute dort Kupferkessel in der Werkstatt eines Gemeindegliedes. Später saßen wir im Predigerseminar in Reutlingen gemeinsam zu Füßen Vater Schempps.
   Wilhelm Wecke verstand sich auch auf Naturheilkunde und hat mir und vielen andern gute Ratschläge gegeben. Doch vor allem war er einer, den die Liebe Christi drang, das Evangelium unter gottferne Menschen zu tragen. In Mülheim an der Ruhr durfte er zur Zeit der Erweckungsbewegung mit den Pastoren Girkon und Modersohn zusammen gesegneten Dienst tun.
   Dann kam für ihn die Lebensaufgabe. Zwanzig Jahre lang hat er im Osten das Wort vom Kreuz verkündigt und den Menschen nach Leib und Seele geholfen. Aus dieser Zeit möchte ich eine Erinnerung an ihn auffrischen. Er lud mich ein, ihn zu besuchen, und durch Vermittlung eines Legationsrates vom Auswärtigen Amt, dessen Frau Helferin unserer Sonntagsschule in Berlin war, erhielt ich das polnische Visum – was damals gar nicht selbstverständlich war. Dann reiste ich mit diesem unermüdlichen Zeugen Jesu Christi einige Wochen durch das weite Land jenseits der Oder. Wir kamen durch Dörfer, wo es mir auffiel, dass die Stalltüren auf den kleinen Bauernhöfen drei Kreidestriche trugen. Mein Freund belehrte mich: »Wenn ein Stück Vieh krank wird und der Tierarzt müsste geholt werden, kostete das so viel, wie das Tier wert ist. Da schicken die Leute lieber zu den unheimlichen ›Besprechern‹, die durch ihren Hokuspokus das Vieh gesund machen.« Und bekümmert setzte er hinzu: »Mit kranken Menschen ist es kaum anders. Es kostet ein Stück Vieh aus dem Stall, um den weit entfernten Arzt herzubekommen. Drum suche ich selbst zu helfen, wo ich kann:«
   Wenn ich dann mit»Pan Wecke«, so nannte man den Pastor und Doktor zugleich, dessen Dienst selbst vom Starosten, dem polnischen Landrat, begehrt wurde, an den Platz unserer Bestellung kam, bot sich mir oft ein seltsames Bild! Von allen Seiten näherten sich Fuhrwerke, die in hochgetürmten Betten Kranke herzubrachten. Mein lieber Freund half mit Medikamenten und Ratschlägen, so gut es ging. Seine gütige und gar nicht anmaßende oder geltungssuchende Art, mit den Kranken umzugehen, flößte den Patienten Vertrauen ein und schaffte auch der Botschaft vom Heil in Christus Bahn.
   Viele gesegnete Evangelisationsversammlungen haben wir zusammen gehalten, und Gott schenkte manche gute Frucht seines Wortes. Wir reisten im Panjewagen unserer Brüder, im kalten Winter mit einem heißen Ziegelstein unten im Stroh, um die Füße warm zu halten. Weit ist das Land und spärlich sind die Ortschaften, in denen die Menschen wohnen, die den mageren Boden bewirtschaften. Einer unserer Prediger dort hatte vierzehn Kilometer Weg zum nächsten Briefkasten!
   Als wir dann nach wochenlanger Zusammenarbeit vom letzten Predigtplatz nach Posen aufbrachen, machten uns unsere Quartierleute Reisebrote für den Weg. Bruder Wecke lehnte die Mitnahme des Proviants zu meinem Erstaunen für sich dankend ab. Als ich ihm später Vorwürfe machte, so unhöflich zu unseren Gastgebern gewesen zu sein, sah er mich mit einem stillen, fast wehen Lächeln an und sagte: »Du musst wissen, die Leute hier in diesem armen Lande essen nur sonntags einmal Brot. Die Woche über leben sie von Kartoffeln.« Da hat mir mein Reisebrot auch nicht mehr geschmeckt.
   Als ich später diese Begebenheit bei einer Sonntagsschul-Weihnachtsfeier in Berlin erzählte, kam nachher der Legationsrat, der mir den Pass besorgt hatte, erregt zu mir und sagte: »Ist es wirklich wahr?« Ich musste es ihm noch einmal bestätigen. Aber wie dankbar bin ich immer gewesen, wenn ich gerade dorthin mit dem Evangelium durfte, wo allerlei Not ist!

Wieder im Gemeindedienst

Im Jahre 1931 wurde in beiden deutschen Konferenzen der Evangelischen Gemeinschaft die Stelle des hauptamtlichen Konferenzjugendwartes wieder aufgehoben. Die notvolle Lage zwang zu drakonischen Sparmaßnahmen. So übernahm ich wieder eine Gemeindeamtsstelle, und zwar die Gemeinde Berlin III. Nachdem ich meinen Lesern so manches aus meinen ersten Berliner Jahren erzählt habe, sollen hier nur noch zwei Erlebnisse aus jenen drei Jahren folgen, in denen ich abermals in dem »großen Dorf an der Spree« wirkte.
   Am Alexanderplatz in Berlin befanden sich damals unter den Stadtbahnbögen große Räume, die in jener Zeit der Arbeitslosigkeit den Obdachlosen tagsüber zur Verfügung standen. Ein Stadtrat hatte die Aufsicht über die Sache und gestattete einem warmherzigen Zeugen Christi, sich der Menschen anzunehmen, die weder Arbeit noch Wohnung mehr hatten in der Millionenstadt. Morgens um sieben Uhr durften sie in die Wärmehalle kommen. Dort saßen sie Rücken an Rücken auf Bänken, die in der Mitte eine gemeinsame Lehne hatten. Von ihren erbettelten Pfennigen konnten sie sich dann einen Becher Kaffee und etwas zu essen erstehen und schliefen sich aus; denn um vier Uhr nachmittags im Winter wurden die Wärmehallen geschlossen, und dann war wieder die Straße ihre Heimat. Meinem Schwiegervater vor allem brannte das Herz für diese »Brüder von der Landstraße«, und er versuchte, einzelnen Arbeit zu verschaffen. Er sammelte Gaben, um ihnen auch sonst zu helfen.
   Als ich unseren Gemeindechor bat, dieser seltsamen »Versammlung« eine Feierstunde am Christabend zu bereiten, fand ich alle einmütig bereit. Der Stadtrat stiftete eine »Tüte« und wir für jeden ein Büchlein. Als wir in die Wärmehallen eingelassen wurden, bot sich uns ein erschütterndes Bild. Weit über tausend Männer, vom blutjungen Burschen bis zum müden Greis, saßen in den Bänken und schauten uns verwundert an. Ober uns donnerten die S-Bahn-Züge in kleinen Abständen dahin, und unserem Herzen war so bange in dieser Luft. Nacheinander stellte sich unser Chor in den vier Ecken des kahlen, weiten Raumes auf und sang die herrlichen Weihnachtslieder von Gottes Liebesgabe an die Welt in diese Männerversammlung hinein. Ich rief in kurzen Sätzen das Evangelium aus Lukas 2 den Vereinsamten zu und sprach von der großen Freude, die allem Volk widerfahren ist in der Weihnacht, vom Heiland, uns allen geboren. Es war eine wunderbare Stunde, die wir hier zubrachten.
   Dann wanderten diese Armen wieder ins Dunkel der Stadt, am Stadtrat und Vater Schaarschmidt vorbei, wo jeder sein Geschenklein erhielt. Der Stadtrat erzählte uns nachher: »Es waren manche alte Stammgäste dabei, die ich schon lange kenne. Einer sah mich an und sagte: ›Hat man doch wieder mal etwas gehört. In die Kirche kann man nicht mehr gehen:‹ Dabei glitt sein Blick am verschmierten, zerrissenen Anzug herab. Ich sagte zu ihm: ›Nun tun Sie auch darnach!‹ Da schüttelte er müde den Kopf und gab zur Antwort: ›Es ist zu spät!‹ Und dieser Mann besaß einst drei Apotheken hier in Berlin«, schloss der Stadtrat seinen Bericht, und es schien auch in seinem Herzen stark zu arbeiten.
   Zu spät? Ach nein, für keinen ist es zu spät, zum Heiland zu kommen! Er ist ein Meister zu helfen! Aber freilich, gut ist’s, sich in der Frühe des Lebens in seine Hand zu geben. Ein ganz junger Polstergeselle aus Schlesien ließ sich aus dieser Männerschar zum Heiland führen. Er wurde später Missionar auf den Südseeinseln und ein treuer Evangeliumsbote.
   Unser Chor aber zog still davon. Wir nahmen alle einen unvergesslichen Eindruck mit an diesem Heiligabend, hinein in die Familienfeiern. Der Chor veranstaltete dann einige Tage später in unserem Gemeindesaal noch einen Abend für fünfzig aus dieser Obdachlosenschar. Sie saßen vor hochgetürmten Tellern von gut belegten Broten und ließen sich’s trefflich schmecken, während die Sänger ihre schönen Lieder erklingen ließen.

Die »neue Zeit«

Mühlenbeck 1941So nannten viele damals 1933 den Anbruch des traurigsten Kapitels der deutschen Geschichte. Ich habe sie nicht mehr im aktiven Predigerstand miterlebt; denn ich ließ mich 1934 in den Ruhestand versetzen und übernahm die Leitung eines Erholungsheims in der Pommerschen Buchheide zwischen Stettin und Stargard (»Haus Mühlenbeck«. Bild 1941. Heute Śmierdnica. fj). Ich möchte über die Ereignisse jener notvollen Zeit nicht weiter berichten; andere haben das vor mir mit aller Gründlichkeit getan. Nur eine kleine, beinahe heitere Episode aus jenen Tagen sei meinen Lesern nicht vorenthalten.
   Neben der Leitung des christlichen Erholungsheims konnte ich immer wieder Einladungen Folge leisten, die mich zum Evangelisationsdienst in alle Teile Deutschlands riefen. Einmal wurde ich auch nach Pforzheim gerufen, der weltberühmten Goldstadt, um dort in der stattlichen Gemeinde in der Simmlerstraße eine Reihe Vorträge zu halten. Eine große Anzeige in der Tageszeitung machte darauf aufmerksam, und die rührigen Brüder hatten außerdem noch Handzettel zum Einladen drucken lassen.
   In den ersten Tagen meines Aufenthalts dort wanderte ich einmal zum Bahnhof, um eine Erkundigung einzuziehen. Unterwegs verteilte ich einige Einladungen. Vor einem Schaufenster stand ich gerade eine Weile still, als sich plötzlich eine harte Hand auf meine Schulter legte und eine raue Stimme erregt sagte: »Sie haben zu einer religiösen Versammlung eingeladen – des ischt verbotte im Badische!«
   Ich wandte mich erschreckt um und sah mich einem Beamten der Gestapo gegenüber. Was ich erwiderte, weiß ich nicht mehr. Aber der pflichteifrige Hüter des Gesetzes sagte nur kurz: »Kommen Sie mit!« So wanderte ich mit ihm den Weg zur Polizei. Unterwegs dachte ich: »Es würde nicht schaden, wenn einmal ein wenig Zeit der Stille für dich käme. Müde jagst du seit Jahren durch die Welt. Weniger wäre vielleicht mehr!« Unter diesen Gedanken führte mich mein Begleiter in die Hochburg der Obrigkeit. Hier saß ich zunächst, nachdem mir alle Einladungszettel abgenommen waren, auf einem Stuhl, und um mich herum klapperten viele Schreibmaschinen, und allerlei Leute schossen wichtigtuerisch durcheinander. Manche warfen einen flüchtigen Blick auf mich, während ich als Arrestant von meinem Häscher beim Chef gemeldet wurde. Ich hatte Muße, allerhand Beobachtungen zu machen, und dachte: Mögen sie meine Zettel lesen! Meine Themen waren alle erwecklicher Art aus Lukas 15. Die Zettel trugen am Kopf ein Wort aus einer Rede des Reichspräsidenten von Hindenburg an die Volksvertreter im Reichstag: »Sorgen Sie dafür, dass unserem Volk Christus verkündigt wird.« Nach einer kleinen Weile kam ein Mann auf mich zu und fragte kurz: »Kennen Sie einen Herrn Mistele?« – »Freilich«, war meine Antwort. »Er ist Prediger der Evangelischen Gemeinschaft und mir sehr gut bekannt!«
   »Hm, ich kenne ihn auch«, meinte er und verschwand. Die Zeit verging, die Schreibmaschinen klapperten weiter.
   Allmählich aber schien mir, als ob die Feindschaft um mich her in Wohlwollen umschlüge. Und jetzt kam ein Mann mit offensichtlich feinen Manieren auf mich zu, klappte die Hacken zum rechten Winkel zusammen, machte eine höfliche Verbeugung und redete mich betont freundlich an: »Verzeihen Sie bitte, es ist offenbar ein Irrtum passiert mit Ihnen. Der Beamte, der Sie festgenommen hat, ist noch nicht lange im Dienst. Ihre Evangelisations-Predigten sind ja groß in der Tageszeitung abgedruckt!«
   Ich sagte nur: »Ja, sie stehen in der Zeitung.«
   »Also – entschuldigen Sie das Missverständnis«, wurde ich noch einmal gebeten und dann wieder hinauskomplimentiert aus dem Gewahrsam der Ordnungshüter. Mit einer Ausspannung und Erholung ist’s wieder nichts geworden, dachte ich, als ich zur Simmlerstraße zurückpilgerte ...

Was habe ich in jenen Jahren alles erlebt in unserer lieben »Kiefernhöhe« bei Stettin! So hatten wir das Erholungsheim genannt, mit dem besonders minderbemittelten Freunden gedient werden sollte. Mein Schwiegervater, Prediger C. H. Schaarschmidt, hatte es gegründet. Er starb 1936. Meine Schwester Helene Jörn ist als tüchtige Wirtschafterin Jahrzehnte dort tätig gewesen. Als meine liebe Frau 1939 heimging, übernahm unsere älteste Tochter Erika die Führung des Hauses. Wie vielen Menschen ist unsere »Kiefernhöhe« zum Segen geworden!
   Einmal hielt Prof. Dr. Rendtorff mit Dr. von Thadden-Trieglaff in unserem Haus eine Freizeit pommerscher Pastoren in der Krisenzeit der Kirche. Landesbischof D. Hanns Lilje wohnte bei uns, als er in Stettin Volksmissions-Vorträge hielt. Jungscharen erlebten bei uns frohe Freizeiten. Es gehörten zuletzt fünfundvierzig Morgen Land zum Erholungsheim, davon sechs Morgen hochstämmiger Kiefern (1 Morgen = ¼ ha, 45 Morgen also über 11 ha oder 112.500 m². fj) . Das Haus war von hundertjährigen Akazien und Birken, Eichen und Buchen umstanden. Weit über hundert Obstbäume hatten wir neben Maulbeerbäumen, Beerensträuchern, Spargel- und Erdbeeranlagen gepflanzt. Mitten im Obstgarten stand das Bienenhaus.

Zuletzt hatten wir durch immerwährende Vergrößerungen etwa vierzig gut eingerichtete Zimmer zur Verfügung. Im Eingang grüßte ein großgedruckter Spruch die Gäste:

   Das ist der Anfang aller Ruhe,
   das ist das Ende aller Pein,
   dass man den Willen Gottes tue,
   denn Ruhe ist in Gott allein!

Als dann die Völkerwanderung unter Hitlers Herrschaft einsetzte, nahmen wir eine Anzahl Flüchtlinge aus dem Sudetengau auf. Die Leutlein waren katholisch, aber ließen sich doch unsere täglichen Andachten gefallen, weil sie merkten, der Herr Jesus als die ewige Wahrheit regiert im Hause. Als sie nach Monaten wieder in die Heimat abreisen konnten, brachte sie meine Frau auf den Stettiner Bahnhof. Beim Abfahren schauten unsere lieben Gäste aus den Fenstern des Eisenbahnzuges heraus und riefen der lieben Hausmutter zu: »Liebe Frau Prediger, beten Sie doch weiter für uns!« Das war beobachtet und notiert worden. Es harmonierte doch nicht mit der damals herrschenden Weltanschauung!
   Einige Zeit darauf meldete sich ein junges Mädchen bei mir mit der Eröffnung, sie sei in mein Haus gesandt, um die dargebotene Weltanschauung zu überwachen. Die junge Dame stammte aus einer guten Familie in Bremen und suchte die ihr gestellte Aufgabe pünktlich zu erfüllen. Ich habe ihr zu helfen versucht und stellte einen hohen Mast auf die Spielwiese, an dem sie morgens und abends die Flagge hissen und niederholen konnte, wozu sie ihr Sprüchlein sagte, und legte ihr auch sonst nichts in den Weg. Ich hielt meine Morgenandachten mit den Gästen nach wie vor und wartete, was sich weiter begeben würde.
   Es dauerte nicht lange, da kam wieder ein Trupp Heimatvertriebener in mein Erholungsheim, diesmal aus Westpreußen. Spätabends kamen sie an mit wenig oder gar keinem Gepäck. Fluchtartig hatten sie Haus und Hof verlassen müssen. Wir bereiteten den etwa dreißig Menschen das Abendbrot, und ich sammelte sie im Speisesaal. Manchen stand das Wasser in den Augen. Als alle saßen, betete ich mit ihnen, wie mir’s ums Herz war. Nachdem die Armen ihr Lager aufgesucht hatten, kam die Hüterin der Weltanschauung erregt zu mir. »Ich bin in Ihr Haus gesandt, um hier – ich kann es nicht dulden, dass Sie mit den Leuten beten«, stieß sie hervor, und Zornestränen füllten ihre Augen. Es tut mir leid, Ihnen als altern Herrn entgegentreten zu müssen«, suchte sie ihre Position zu verteidigen.
   Mir war natürlich auch nicht ganz wohl in dieser Situation. Aber ich sagte ganz ruhig und bestimmt: »Fräulein, ich lasse mich eher an die Wand stellen, als dass ich mit meinen täglichen Andachten hier aufhöre!«
   Erschreckt sah das junge Mädchen mich an. Wir kamen weiter ins Gespräch und endlich zu folgender Abmachung: Ich sollte niemand von den Flüchtlingen einladen zu meinen Andachten, und sie wollte niemand hindern, der freiwillig käme.
   Als ich an jenem Abend mit nicht ganz leichtem Herzen vor dem Schlafengehen noch ein wenig draußen umherwanderte, kam ein Mann aus der Flüchtlingsschar auf mich zu. Ein schlichter Bauersmann aus der Tucheler Heide, wie ich nachher erfuhr, der in seinem Heimatkirchlein zuweilen den Pfarrer mit einem Lesegottesdienst vertreten hatte. Er fragte mich schüchtern: »Sind Sie wohl ein Gotteskind?«
   Ja, ich vergesse es nie, so führte er sich bei mir ein! Ich habe geantwortet: »Ja, das möchte ich wohl so ganz sein!«
   »Werden denn hier in diesem Hause tägliche Andachten gehalten?« hat er dann weiter gefragt. Als ich eine bejahende Antwort gab, wollte er wissen: »Wann?«
   Jetzt galt’s bei aller Taubeneinfalt klug wie eine Schlange zu sein. Ich überlegte schnell: Morgens und abends vor dem Essen war Flaggenhissen meiner Weltanschauungsdame. »Abends nach dem Essen halte ich eine Andacht«, entschied ich.
   Am andern Tag hatte ich alle Flüchtlinge in der Andacht, einen ausgenommen, der in der Partei etwas werden wollte! Und das ist so geblieben, bis auch diese Flüchtlinge wieder weiter mussten – ja, zuletzt ist meine Bremerin auch noch in die Andacht gekommen! »Wissen Sie, lieber Herr Prediger«, berichtete sie mir etwas gedrückt, »wir jungen Mädchen in Bremen aus den wohlhabenden Kreisen hatten Konfirmandenunterricht bei einem Pfarrer, dem es besonders auf die Hundertmarkscheine ankam, die wir ihm brachten ...« Das erklärte mir manches. Und es ist mir, als sollte ich es auch hier berichten. Allen soll das herrliche Evangelium von Jesus Christus verkündigt werden, auch den Allervornehmsten; aber ich habe es doch besonders gern den Armen, ja den Allerärmsten verkündigt!
   Dann kam mit all seiner unaussprechlichen Not der schreckliche Krieg, der auch mir vier Söhne kostete. Wir mussten alle Gäste fortschicken. Das war gar nicht so leicht, besonders nicht bei den älteren Dauergästen, die sich in unserem Haus so behaglich und sicher fühlten. Doch sie wurden zuletzt einfach hinausgedrängt. Als erste Besatzung im Krieg hatten wir schwere Artillerie, deren lange Rohre siebzehn Zentimeter starke Geschosse gen Osten sandten. Sie waren motorisiert und konnten zuletzt wegen Benzinmangel nicht mehr eingesetzt werden. Dann wurde unser Heim Aufnahme-Lazarett, weil sich die feindliche Front verschob. Die erste Sanitätskompanie kam aus den skandinavischen Ländern und war noch gut ausgerüstet. Sie wurde abgelöst von abgekämpften Sanitätern, die von der nahen Kampflinie zurückkamen. Unser großer Speisesaal wurde mit Stroh und Heu bedeckt und diente als Aufnahmeraum. Da lagen sie, dicht bei dicht, unsere lieben Soldaten, jung und alt, manche mit Blut bedeckt. Keiner sprach mehr, allen stand das Grauen des entsetzlichen Kampfes, in dem zuletzt kein Pardon mehr gegeben wurde, in den Augen. Im kleinen Speisesaal daneben wurde Tag und Nacht operiert. Zuweilen habe ich neben den Amputierten gesessen, wenn sie aus dein Operationssaal kamen und im kleineren Zimmer aus der Narkose erwachten und entdeckten, dass ihnen ein Arm oder ein Bein fehlte! Wie schwer war es da, zu trösten! Ich habe es versucht.
   Zuletzt war der Feind auf sechs Kilometer herangekommen. Der Strom der Flüchtlinge flutete an unserem Haus vorüber, oft von Tieffliegern beschossen. Am 4. März 1945 hielt ich den letzten Gottesdienst in meinem Heim. Die Sanitätskompanie hatte schon alles zum Abzug verpackt, und der Chefarzt hatte seinen Leuten die Teilnahme an der Andacht warm empfohlen. Es war der erste Sonntag in der Passionszeit dieses Jahres. Wie schwer war mir das Herz! Nachher legten die Soldaten noch über hundert Mark Kollekte unter ein kleines Marmorkreuz, neben dem ich geredet hatte. Wir haben diese Kollekte nach Bethel gesandt. Ein Sanitäter bat mich um eine Bibel und erhielt sie.
   Am Mittag dieses Sonntags eröffneten mir die Offiziere, dass es höchste Zeit sei, zu fliehen. Ich raffte in meinem Studierzimmer zusammen, was ich tragen konnte, und fuhr mit dem letzten Verwundetentransport nach dem zwanzig Kilometer entfernten Stettin. Welche Flüchtlingsnot habe ich unterwegs gesehen! Meine Tochter Erika blieb mit unserer Köchin Lisbeth Weber noch eine Nacht dort. Beide kamen dann mit einem Handwagen voll Gepäck nach und schlugen sich drei Wochen zu Fuß durch bis ins Braunschweigische. Ich fand einen Flüchtlingszug, der mich in zwei Tagen in meinen Geburtsort Rhüden bei Seesen am Harz brachte. Aber selbst im Flüchtlingszug habe ich mit den Mitreisenden, oft im Dunkel der Nacht, Andacht gehalten! Wie andächtig sangen da alle mit: »Befiehl du deine Wege!« Und mit mir haben’s Tausende und aber Tausende erfahren, was Paul Gerhardt im Glaubenslied bezeugt:

   Weg hat er allerwegen,
   an Mitteln fehlt’s ihm nicht ...

Die Schriftstellerei

Es muss wohl auch darüber etwas gesagt werden in diesem Büchlein, obgleich mir nicht ganz wohl dabei ist. Denn manchmal meine ich im Rückblick, weniger wäre mehr gewesen. Aber nachdem ich ins Schriftstellern hineingeraten war, hielt es schwer, wieder herauszukommen!
   Was trieb mich zum Schreiben? Als ich vor etwa sechzig Jahren auf der großen Ausstellung »Pressa« in Köln am Rhein den Erzbischof Nathan Söderblom in einem Vortrag sagen hörte: »Wenn der Apostel Paulus heute lebte, würde er eine Zeitung gründen!« leuchtete mir das ein – obgleich ich über die Zeitungen von heute meine Gedanken habe.
   Friedrich Bücker veranlasste mich, für das Verteilblatt »Gute Botschaft« zu schreiben, und ich versuchte, in kleinen Aufsätzen und Geschichten die Botschaft vom Heiland der Welt an meine Mitmenschen heranzubringen. Eine Anzahl dieser Beiträge in unserem Blatt erschienen nachher gesammelt in kleinen Bändchen. In Berlin fing ich an, kleine Erzählungen zu schreiben, und füllte die letzte Seite mit einer Einladung, in die Gottesdienste und in die Jugendstunden zu kommen. Wir hatten ja allein im Jungfrauenverein über hundert Mitglieder, und diesen war es eine Freude, gerade mit solch kleinen Heftchen zu werben. Dann fing ich an, Vortragsstoff für unsere Feste in der Gemeinde und im Jugendwerk, besonders für die Sonntagsschule, zu schreiben. Zuletzt baten mich meine jungen Freunde zu jedem Fest um ein »neues« Stück – und so sind allerlei dergleichen Sachen entstanden. Der erste Weltkrieg kam, und ich schrieb als Wachthabender in Königsberg auf der Wachtstube, wenn ich die ausgestellten Posten »revidiert« hatte, meine Erlebnisse vor Tapiau nieder, die dann ein junger Buchhändler herausgab. Es war uns, als müssten wir jedem Feldgrauen, der an die Front ging, ein kleines Büchlein, das vom Heiland zeugte, in die Hand geben. Ich schrieb immer wieder kleine Hefte und erinnere mich noch, wie ich in Bartenstein auf dem Bahnhof den langen Soldatenzug entlang ging und meinen Kameraden von diesen Heften ins Abteilfenster reichte. Wie gern wurden sie angenommen!
   Wie viel Not war in manchen Häusern durch den Alkohol angerichtet! Unser Kind Irmgard starb, und wir hatten ihr die weißen Lederschuhe mit in den Sarg gegeben. Ich ging uns gegenüber an der Ecke Steile Gasse am Branntweinladen vorbei und sah durch die offene Tür eine Anzahl Kinder Schnaps für die Familie holen – und alle Kinder waren barfuss! Da schrieb ich die kleine Erzählung »Barfuß!« gegen das Alkohol-Elend, die oft gedruckt ist und sogar ins Litauische übersetzt wurde.
   Dann durfte ich als Jugendsekretär mich sonderlich um die Jugend mühen und schrieb ihr kleine Erzählungen, die unser Verlagshaus in Stuttgart herausgab, dazu auch Lebensbilder, an denen sie sich bilden könnte. Recht beglückt hat mich einmal ein Erlebnis, das ich hierher setzen möchte. Ein junger Pastor fragte mich: »Haben Sie das Buch über Samuel Hebich geschrieben?« Als ich bejahte, sagte er: »Das geht mit mir in meinen Urlaub und wird meine Lektüre!« Dieses Lebensbild erlebte manche Auflagen und ist auch jetzt noch zu haben.
   Es war nicht immer ganz einfach mit dem Schreiben. Manches habe ich unterwegs, in der Eisenbahn – vierter Klasse ohne Bänke! – im Stehen gekritzelt. Oder wenn ich im heißen Juli unter den Kiefern Mühlenbecks im Sand saß und Weihnachtsgedichte und Aufführungen schrieb, habe ich zuweilen über mich selbst gelacht! Aber es war für den Heiland – ja, es war für ihn, und darum war ich froh dabei.
   Dann hatten wir eine Sitzung in der Verwaltungsbehörde des Christlichen Verlagshauses in Stuttgart, und es sollte ein neuer Kalendermann für unseren Volkskalender »Christlicher Hausfreund« bestellt werden. Als unser Vater Heinrich Goebel meinen Namen nannte, wehrte ich entsetzt ab: »Da muss man vom Wetter was wissen und vom Vieh und von der Landwirtschaft und vom Weltgeschehen – lasst mich davon!«
   Heinrich Goebel aber sagte ruhig: »Wir merken schon, er wird’s schaffen.« Und ich schrieb dann neunzehn Jahre lang unsern lieben Hausfreund-Kalender, der mir darüber ans Herz wuchs. Die Erzählungen darin wurden späten als kleine Büchlein noch einmal herausgegeben. Freilich, das Manuskript musste immer schon ein Jahr zuvor fertig sein, und darum waren die Advents- und Weihnachtszeiten für mich immer voll Arbeit für meinen Kalender. Ob nicht meine Familienangehörigen manches mal darüber zu kurz gekommen sind?
   Das Weiße Kreuz, in dem ich mitarbeitete, forderte mich auf, in kleinen Schriften die heilige Sache der sittlichen Reinheit im Leben junger Männer zu fördern, und ich schrieb gern Artikel und Erzählungen für den Verlag, den man dafür eingerichtet hatte.
   Bei Heiligenbeil lag Preußisch Bahnau, wo Pastor C. Lange Lange das gesegnete »Brüderhaus« gegründet hatte. In Heiligenbeil-Rosenberg befand sich der rührige Verlag und die Buchhandlung des Brüderhauses. Dort sind manche Erzählungen und Lebensbilder, die man von mir erbat, einst erschienen. – in Woltersdorf bei Berlin hatte der »Jugendbund für Entschiedenes Christentum« sein Verlagshaus. Auch dort wurden einige meiner Jugendbücher verlegt, desgleichen in der Sankt-Johannis-Druckerei in Lahr-Dinglingen. Und »Annegret«, die sich zuerst im »Christlichen Hausfreund« der Leserschaft vorgestellt hatte, kleidete der Bundesverlag in Witten noch einmal neu ein und schickte sie auf Wegfahrt.
   In jenem Winter nach der Flucht aus dem Osten, als ich wieder in meinem Geburtsort gelandet war, setzte ich mich an eine kleine, geschenkte Schreibmaschine und flüchtete mich in die Arbeit. So entstand »Martin Boos, ein Evangelist im Priesterkleid«. Und jetzt ist es mir eine freundliche Offenbarung der ewigen Güte Gottes, dass der Herausgeber eines Wochenblattes für die Alten und Kranken mit großem Druck mich immer wieder um eine Andacht oder eine kleine Erzählung bittet. Drum, wenn’s Gott will, schreibe ich, bis er mir die Feder aus der Hand nimmt.
   Wenn mir oft bange werden will um das viele, das ich zum Druck gab, So bin ich doch getrost – ich suchte immer vom Heiland zu zeugen dadurch.
   Nun bin ich ins neunzigste Lebensjahr gekommen, und gerade am ersten Tag in diesem neuen Lebensabschnitt hörte ich in einer Allianzversammlung den weitgereisten Bischof der Methodistenkirche Dr. Wunderlich, mit dem ich früher Jugendsekretärdienst getan habe. Als wir uns froh grüßten, fragte er gleich: »Schreibst du auch jetzt noch?« Verlegen musste ich bekennen, dass ich noch nicht aufgehört hätte; unser liebes Verlagshaus hatte mich doch gebeten: »Schreib uns deine Erinnerungen!«
   Aber so lange ich schreibe, bete ich auch täglich darüber zu Gott, dem es ein Kleines ist, sich durch viel oder wenig zu offenbaren. Und er hat verheißen, uns zu erhören!

Im goldenen Abendschein

Es ist, als ob die Sonne schon lange untergegangen sei, wenn wir im hohen Alter noch auf dieser Welt zu wallfahrten haben. Darf man da sagen: »Im goldenen Abendschein«? Ja, das darf man sagen! Uns ist doch nur die Sonne eines armen Erdendaseins untergegangen. Je länger die Wegstrecke ist, die wir durchpilgert haben, je überzeugender wird die Erfahrung: Wie ist doch alles, alles in dieser vergänglichen Welt so schmerzvoll unvollkommen! Aber da leuchtet, immer näher rückend, ein Wundersames auf: die ewige Heimat, überstrahlt von der sinkenden Sonne einer Liebe, die sich in Jesu offenbart und des ewigen Gottes ureigenstes Wesen ist. Wir nehmen es ernst, was Paulus in seinem »Freudenbrief« an die Christen in Philippi schrieb: »Unser Bürgertum aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilandes Jesu Christi, des Herrn, welcher unsern nichtigen Leib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, mit der er kann auch alle Dinge sich untertänig machen,« (Philipper 3, 20.21). Drum wandern wir, die wir alt geworden sind, in dem Bewusstsein, dass unser himmlischer Vater uns trägt, auch auf der letzten Strecke unseres Erdenweges im goldenen Abendschein.
   Er hat mich mein ganzes Leben getragen, unser treuer Gott. Wenn unsere Altvorderen früher in zarter Weise ausdrücken wollten, dass eine Frau guter Hoffnung sei, dann sagten sie. »Sie barmt ein Kindlein!« Sie wollten damit sagen, sie trägt’s unterm Herzen und will’s unter Lebensgefahr der Welt schenken. Aus diesem altdeutschen »Barmen = tragen« ist das Wort Barmherzigkeit geworden. Je älter ich werde, um so größer wird bei mir die größer wird bei mir die Erkenntnis, dass mich Barmherzigkeit getragen hat und Barmherzigkeit mich tragen wird – in Ewigkeit! »Weil uns Barmherzigkeit widerfahren ist!« das ist für Paulus Triebkraft seines Lebens.
   Wenn meine Kindheit, meine Jugend, mein Soldatsein, ja alle meine Lehr- und Wanderjahre an mir vorüberziehen, dann beugt mich die Langmut und Geduld Gottes, mit der er mich getragen hat. Wie dankbar bin ich ihm für die treue Gehilfin, die er mir fünfunddreißig Jahre lang zur Seite gab! Die von der Heilandsliebe getrieben, vielen Menschen zum Segen geworden ist, die mir Söhne und Töchter geboren hat, durch die Gott etwas tun konnte in dieser Welt – und wenn es auch die vier Söhne sind, die allzu früh vom mörderischen Krieg weggerafft wurden. Wie hat meine liebe Frau tapfer die Einsamkeit getragen, wenn ich oft und lange von zu Haus weg sein musste! Wie treu hat sie unsere Kinder zum Heiland zu führen versucht und sich liebend und verständnisvoll gemüht, auch anderen Menschen ein rechter Führer zu sein! Welch ein stärkender Trost war mir immer das Wissen: Zu Hause falten sich treue Hände für dich!
   Mit welcher Barmherzigkeit hat mich Gott umgeben auf meinen vielen Reisen, und wie beugt es mich, dass er mich so wunderbar aus aller Todesgefahr des ersten Weltkrieges hindurchrettete und mich im hohen Alter noch körperlich rüstig sein lässt!
   Und für eine besondere Gnade habe ich noch zu danken. Als ich nach langer Witwerschaft bei einer großen Jugendkonferenz eine frühere Schülerin meiner vollendeten ersten Gattin traf – da schenkte mir Gott diese rüstige und vielseitig begabte Jüngerin Jesu zur Weggenossin für den steilen Aufstieg »im goldenen Abendschein«. Gott hat es ihr gegeben, dass sie den alten, müden Pilger froh machen durfte, nicht zuletzt auch dadurch, dass ihr freudiges Mithelfen mir wieder Auftrieb gab, noch weiter zu »schreiben«, um den Heiland zu bezeugen. Mit ihren Angehörigen zusammen sind wir eine große Familie geworden und dürfen Kindern, Kindeskindern und Urenkeln das Wort des Heils im Evangelium von Jesus Christus weitergeben.
   Mein Pilgerweg führte mich in der Nachkriegszeit aus der Harzheimat an die schönen Ufer des Neckars, wo wir unser Wanderzelt im gelehrten Tübingen, im warmen Schoß der lieben Gemeinde, hatten. Am 17. Juni 1959 erschienen bei mir einige Väter der Stadtvertretung und überraschten mich durch die Nachricht, dass der Bundespräsident mir das Verdienstkreuz am Bande für besondere Verdienste um Staat und Volk verliehen habe, und überreichten mir das schöne Ehrenzeichen mit der Urkunde, vom Bundespräsidenten unterzeichnet. Tief beschämt, aber von Herzen dankbar, habe ich diese Auszeichnung entgegengenommen.
   Eine große Freude war es mir, dass ich in so hohem Alter noch der Einladung folgen konnte, bei drei Singe-Freizeiten in den herrlichen Bergen der Schweiz und in Oberösterreich die Bibelarbeit zu halten. »Dein Alter sei wie deine Jugend« – dieser Segen eines Sohnes Jakobs ist auch mir geworden.
   In Lübeck, der alten Hansestadt, hatten sich in den Jahren nach dem Krieg viele Glieder der Evangelischen Gemeinschaft aus dem Osten angesiedelt und dort eine rührige Gemeinde gebildet. Als man nun zum Bau der schönen Pauluskirche schritt, kam ein Brieflein von Superintendent Handt: »Willst du nicht in eine Wohnung ziehen, die wir hier mitbauen, und uns helfen?« Meine Gertrud und ich sind erschrocken und durften doch zuletzt einen Ruf unseres Meister in dieser Bitte sehen.
   Und nun sind wir hier in Lübeck schon über ein Jahr! Wie bin ich dankbar, dass ich in jedem Gottesdienst der Gemeinde sein kann, weil ich ja nur die Treppe hinunterzugehen brauche, und ich bin im Kirchlein! Höre ich auch nicht mehr alles, so erquickt mich stets die Gemeinschaft des Volkes Gottes, mit dem ich Gottes Lob singen darf. Ich schreibe an meinen Erinnerungen, und meine Gertrud macht sie druckfertig. Sie sitzt auch als Organistin am Harmonium in der Kirche und sucht unter Frauen und Kindern ein Segen zu sein. Ist nicht das auch etwas vom goldenen Abendschein meines Wanderlebens? Für alles, alles, Gott allein die Ehre!

ENDE

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Als Taschenbuch erschienen 1962 im »Christlichen Verlagshaus« Stuttgart, handschriftlich »Meinem lieben Fritz Heinrich zum 30. November 1962 zugeeignet vom Verfasser, Großvater W. Jörn und Frau Gertrud, Lübeck, 27. November 1962.«
   Von Freunden elektronisch gescannt und optisch gelesen, von mir in neuer Rechtschreibung korrigiert im Jahr des Heils 2001. Fritz Jörn, Fritz@Joern.De.

Anmerkungen

Ein Stammbaum der Familie Jörn findet sich auf http://www.Joern.De/stammb/surnames.htm.

(Friedrich) Wilhelm Jörn, geboren am 14. Januar 1873, gestorben neunzigjährig am 27. April 1963 in Lübeck, begraben in Lübeck, Waldhusener Friedhof Grab 16-2-E-2 53° 55' 4,4" 10° 49' 5" (Bild vom 1.4.2006). Einen kurzen Lebenslauf und eine ausführliche Bücherliste im biographisch-bibliographischen Kirchenlexikon.

Grab in Lübeck

Familie (Friedrich) Wilhelm Jörn

›Mutter‹ Martha Jörn, am 3. August 1885 in Oberuster bei Zürich geborene Schaarschmidt, starb am 22. Dezember 1939 in Mühlenbeck in Pommern.
   Sie hatten neun Kinder:
Erika (* 1. 10. 1905, † 12. 12. 1972),
Irmgard (* 27. 11. 1907, † 23. 8. 1910),
Carl Heinrich (* 21. 7. 1909, Dr. med. Dr. phil., wegen eines Klumpfußes nicht eingezogen, † ca. 1981 in Princeton),
Friedrich Wilhelm (* 18. 6. 1911 in Königsberg, gefallen 16. 12. 1944 in Hollerath bei Monschau in der Eifel – der Vater des Schreibers),
(Frau) Märti (* 3. 12. 1912, † 8. 12. 1965),
Hannes (* 11. 7. 1914, gefallen 18. 10. 1941 auf der Krim),
Annemarie (* 13. 1. 1917, Dr. med., verheiratete Jörn, † in Scharbeutz oder Lübeck+),
Rudolf (* 26. 1. 1919, gefallen 11. 10. 1944 in Laleu, Département Orne, Route du Mesle-s.-Sarthe, Frankreich) und
Winfried (* 31. 5. 1922, gefallen 17. 10. 1943 am Dnepr).

Gertrud Jörn, am 9. Oktober 1898 geborene Schernitzki, verwitwete Schroeder, verwitwete Jörn, starb am 17. Dezember 1989, ebenfalls in Lübeck, siehe Grab oben.
Grab Annemarie? +) Annemarie Jörn ist nicht wie ihr Vater am Waldhusener Friedhof begraben; sie wurde in der Ostsee bestattet. Ihr allzu früh verstorbener Sohn Viktor (16. 6. 1944—12. 2. 1975) liegt aber in Waldhusen, Grab W-19-4-F-25/26, 53° 55' 12" 10° 48' 6".

Seine Schwester Helene, geboren am 31. Januar 1885, gestorben am 30. Juli 1973 in Lübeck.

anklicken!Bundespräsident Theodor Heuss verlieh am 17. Juni 1959 Wilhelm Jörn das Verdienstkreuz.

Zu Mühlenbeck finde ich im Buch über Samuel Hebich aus 1914 die Kleinanzeige:
Ruhet ein wenig! (Mark. 6,31)
Christliches Erholungsheim Mühlenbeck in Pommern, nahe , 5 Minuten vom Kleinbahnhof Mühlenbeck. Unser Heim, unmittelbar an der großen pommerschen Buchheide (ausgedehnte Laub- und Nadelwaldungen) gelegen, behaglich eingerichtet, mit christlicher Hausordnung, bietet Erholungsbedürftigen ein stilles Plätzchen, wo sie leibliche und geistige Erquickung und Stärkung finden können. Tagespreis für volle Pension Mk. 3.—, einzelne Zimmer Mk. 3,50. Weniger Bemittelte erhalten Ermäßigung. Auskunft erteilt gerne der Leiter des Heims, Prediger C. H. Schaarschmidt.

Weitere Bücher von Wilhelm Jörn, siehe auch im Kirchenlexikon:
Das erbauliche Buch »Alle die Schönheit« ist noch erhältlich. (v)
Die Botschaft der sieben Sendschreiben, ein Laienspiel der Jugend, 16 Seiten, CVS, 1954 (v)
Heimkommen, eine evangelische Jugendstunde nach Luk. 15, 11–32, 19 Seiten, broschiert, 40 Pf., CVS (v)
Zum Totensonntag, Vortrag mit Chorgesang, 12 Seiten, broschiert, 30 Pf.
Der frohe Glaube, Erzählungen zum Glaubensbekenntnis, St.-Johannis-Druckerei C. Schweickhardt, Lahr-Dinglingen (Baden), 103 Seiten(v)
Die Sturmwacht zu Osten, Königsberger Landsturm vor Tapiau und an der Deime, Verlag von Gerhard Perl, Königsberg i. Pr., 1915, 48 Seiten (»Meinem lieben Mütterlein. Königsberg Pr., Weihnachten 1914, Dein Wilhelm«)
Vom rechten Held im Streite, für junge Männer, Deklamatorien und Gedichte für Kriegs- und andere Zeiten, CVS, 84 Seiten, Fraktur (v)
Aus ernsten Tagen, für junge Mädchen, Deklamatorien und Gedichte aus dem Kriegsjahr 1914/15, schön broschiert, 50 Pf., CVS
Stern, auf den ich schaue! Vom Abgrund gerettet. Deklamatorium und Gesang für 9 junge Mädchen, 30 Pf. bezw. 1 Mk., Noten dazu dasselbe, CVS
Festmaien, für junge Männer, Deklamatorien und Gedichte für Jugendvereine, 112 Seiten, 70 Pf., CVS
Maien zum Schmuck I (Heft II vergriffen, 1914!), Gespräche und Deklamationen, broschiert 25 Pf.
Treue um Treue. Direktor Kluge. Tonis große Stunde. Drei Erzählungen aus der Kriegszeit. Jede Erzählung 10 Pf., CVS
»Barfuß!« Eine Geschichte aus dem Trinkerelend. Mit Bildern. 10 Pf. CVS
Rechte Marschrichtung! Freundesworte an junge Männer. Heft 1 und 2. Jedes Heft fein kartoniert 60 Pf. CVS
Neue Moral und Ehe, 1 Mk., vielleicht dasselbe wie:
Die neue Moral und das Heiligtum der Ehe, Verlag G. Koezle, Chemnitz, 50 Pf.
Die heilige Gewalt der Liebe, 40 Pf.
Licht auf deinen Weg! 4 Hefte (1. Für Menschen ohne Frieden, 2. Dicht vor der engen Pforte, 3. Eine, die Frieden findet, 4. Ein freundliches Wort für Anfänger auf dem schmalen Wege, je 20 Pf.
Der Sieg der guten Sache Christi, 1 Mk., bezw.: Der guten Sache Christi endlicher Sieg, ein Wort, den Feinden zur Kenntnis, den Freunden zur Stärkung, dem Meister zur Ehre, 48 Seiten, 30 Pf.
Jugendsehnsucht, 1. Mk.
Ungewisser Reichtum, Ernte-Dankfest-Deklamatorium mit Gesang nach Luk. 12, 16–21
Die Wacht im Osten. Selbsterlebnisse aus meiner Landsturmzeit. Mit 3 Bildern und 1 Karte. 1 Mk. CVS
Samuel Hebich (1803–1868), der große Seelengewinner. Mit 20 Bildern. Halbsteif broschiert 1,40 Mk. CVS, ursprünglich 1914 Christliches Erholungsheim Mühlenbeck in Pommern, 160 Seiten (v)
Sir George Williams, der Gründer der Christichen Vereine junger Männer (CVJM), 3,50 Mk.
Wie der Tod getötet ward, Erzählung, Buch- und Verlagsdruckerei Richard Lankeit, Königsberg i. Pr., 55 Seiten
Der Mann mit der Schleuder, Titelfoto Greifenberg in Pommern, CVS, 1960, 52 Seiten (v)
Die Frieda vom Marschbauernhof, eine Dorfgeschichte. Jungen Menschen vom Lande wird hier gezeigt, was die Sünde will und die Gnade kann. (s. u. als »Frida«)
Erntedankfeier, Singspiel für sieben junge Mädchen und einen Sänger- oder Kinderchor, CVS, 12 Seiten, kurz nach dem 2. Weltkrieg erschienen (v)
Das Amt der fröhlichen Barmherzigkeit, ein Werberuf für unsere wunde Zeit, mit einem Geleitwort von Pastor D. Wilhelm Thiele, CVS 1926, 48 Seiten (v)
Ein Evangelist im Priesterkleid, Bilder aus dem Leben und Wirken des katholischen Priesters Martin Boos, CVS, 176 Seiten (»Meinem lieben Fritz Heinrich zugeeignet, zum 30. 11. 1957, vom Großvater, Tübingen a. N.. Neckarhalde 37«)
Selig sind die Friedensstifter, vier Erzählungen: Elfriedes leuchtendes Vorbild, die gesprungene Glocke, Christa lernt Brücke sein, Er ist unser Friede! – 115 Seiten, CVS (v)
Der Fürst unseres Friedens, Gedichte, CVS 1932, 223 Seiten (v)
Die Bibel des Müllerburschen, für 6 junge Männer
Der ew’gen Liebe Wunderwege, für 4 junge Männer und eine Mutter
Der Herr ist Gott! Für Erntedankfest, 7 Erwachsene und 4 Kinder
Bis zur Ernte!Für erntedankfest. Erwachsene und Kinderchor
Heimgebracht! Ein Festspiel für Elternabende und Jugendfreiern. 8 Erwachsene und Jugendchor
Des laßt uns alle fröhlich sein, ein Weihnachtsbuch, CVS, 93 Seiten (v)
Die stärkere Hand, eine Bauerngeschichte, 80 Seiten
Frohe Fahrt! Ein Wegweiser für christliche Mannesjugend, 96 Seiten
Annegret stellt das Haus auf den Kopf, Erzählung, Bundes-Verlag Witten, 112 Seiten (v)
Sprechchöre:
   Seid stark in dem Herrn!
   Die Gottesgabe für Weihnachten
   Geisterfüllte Jugend
   Heiliger Zeugendienst
   Das gesegnete Jahr für Erntedankfest
   Jungschar heraus! für Jungscharen
   Wir werben für das Reich des Herrn
Sammelrufe für die Jugend:
   1. Braucht die moderne Jugend einen Heiland?
   2. Brückenwache!
   3. Wo die Sonne hinscheint
   4. Felsengrund für Sinkende
   5. Mehr treue Kleinarbeit in den Vereinen!
   Fünf kleine Schriften, deren erwecklicher Inhalt unserer heutigen Jugend treue Wegbegleitung bietet, 15 Pf.
Schriften für junge Mädchen:
   Reinheit und Schönheit, 40 Pf.
   Friedensbotschaft, 50 Pf.
   Jungmächenfragen, Geschichten und Ratschläge, 75 Pf.
   Im Frührot des Lebens, Erzählungen, 75 Pf.
   Um des Hauses Glück, Erzählung, 75 Pf. (s.o)
   Wie der Tod getötet ward, Erzählung, 75 Pf. (s.o.)
   Die Frida vom Matschbauernhof, Erzählung, 30 Pf. (s.o)
   Am Quell des Lebens, Erzählung, 30 Pf.
   Es fiel ein Reif, Erzählung, 20 Pf.
   Barfuß, Erzählung, 10 Pf.
   Die da reich werden wollen, Erzählung, 10 Pf.
   Jugendsehnsucht, 30 Pf.
   Frohe Jugendzeit, 40 Pf.
   Bibel und Charakter, 30 Pf.
   Die Macht der Liebe im Dienst an der Jugend, 30 Pf.
   Samuel Hebich, Lebensbild, 1,50 Mk.
   Johann Friedrich Flattich, Lebensbild, 1,50 Mk. (s.o.)
   Jung Stilling, Lebensbild, 75 Pf., 112 Seiten (v)
   E. G. Woltersdorf, der Jugendfreund, Lebensbild, 75 Pf.
Deklamatorien:
   Festklänge, 1,20 Mk.
   Das weiße Kleid, für 9 junge Mädchen, 50 Pf.
   Stern, auf den ich schaue, 50 Pf., Noten dazu, 50 Pf.
   Die Frauen von Philippi, für 11 junge Mädchen, 30 Pf.
   Maria von Magdala, 50 Pf.
Hans Hillers weiße Rose, Erzählung, 1920, Verlag von Paul Klucke, Königsberg i. Pr., 128 Seiten (v)
Hanne Bodenstein und ihr Bekenntnis mit Wie Lissi Guntermann ihrem Onkel Theodor das Sterben leicht machte, Christliches Verlaugshaus Stuttgart 1927
Die silberne Uhr, Erzählung, CVS, 1949, 31 Seiten (v)
   CVS: Christliches Verlagshaus Stuttgart, (v) bei mir vorhanden

© Fritz Jörn MMI
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